"LONDONBEAT HABEN MEHR EIER ALS AC/DC"

 

Alpha Boy School im Café Konkret in Bochum

 

So kennt man ihn, zumindest Leute, die in Bochum wohnen: Nachmittags sitzt Karsten Riedel, Sänger von Alpha Boy School, gerne bei literweise Kaffee im Café Konkret und beschäftigt sich in vielfältiger Weise mit Musik. Diesmal sind es Notationen zur Vertonung von Stücken für's Bochumer Schauspielhaus. Kurz darauf stoßen Drummer Sven und Saxophonist Rolf dazu.

getaddicted: Schreibst du da jetzt gerade da neue Songs? Also die Noten?
Karsten: Nein, das sind jetzt Noten für Streicher, das hat aber nichts mit Alpha Boy School zu tun. Dafür entstehen die Songs einfach im Kopf oder wenn wir zusammen im Proberaum rumdudeln, einspielen, ausprobieren. Das ist keine groß virtuose Kunst! Wenn ich gerade Ideen für die Bläser hab, dann mach ich das schon. Ich will ja nicht im Studio stehen und sagen, mach mal so: Nääänännännnääänänä („singt“). Ich schreib das dann auf und die spielen es dann. Die können ja auch Noten!
getaddicted: Naja, gut. Bläser können das ja meistens schon. Bei Gitarristen, Bassisten und Schlagzeugern ist das ja oft nicht so.
Sven: Willst du gerade was gegen Schlagzeuger sagen? (lacht)

getaddicted: Kommen wir lieber zum neuen Album. Bei Songs wie „Believe in yourself“ bin ich sicher, dass ich den schon kannte von Konzerten. Waren die Songs jetzt schon älter?
Rolf: Wir haben die Songs live natürlich schon angetestet. Wir machen das nicht so, dass wir eine neue Platte aufnehmen und dann spielen wir ein komplett neues Programm zu der Platte. Wenn wir Lust haben, dann spielen wir die Songs auch schon vorher.
Sven: „Found my freedom“ ist zum Beispiel ein uralter Song. Den haben wir 2000 schon gespielt, aber uns jetzt irgendwie erst entschieden, den auch mit auf die Platte zu nehmen.
Rolf: „Believe in yourself“ haben wir live öfter gespielt und dabei auch gemerkt, wo der Song noch verändert werden muss. Aber „Found my freedom“ ist echt schon ein alter Kracher.
Karsten: Aber den haben wir ja auch schon lange nicht mehr gespielt.


"KINDERCHOR? KEIN PROBLEM!"


getaddicted: Wie kam die Idee, bei „One more chance“ einen Kinderchor einzubauen?
Karsten: Peter ist Musiklehrer und der hat sofort gesagt: „Kinderchor? Kein Problem!“. Dann hat er seine Schulklasse gebeten, das zu singen.
Sven: Wir haben das ja erst selber gesungen im Studio. Aber das hörte sich blöd an und es ist ja auch so eine Kindermelodie. Peter hat dann am nächsten Tag sofort ein Metronom mit in die Schule genommen und hat das getestet. Wir haben dann noch so einen Schrieb fertig gemacht für die Eltern, dass es okay ist, wenn wir das aufnehmen. Und die Kinder haben sich tierisch gefreut.

getaddicted: Auf wessen Mist sind die Kaffeeflecken auf dem Cover gewachsen? Ich habe wirklich gedacht, ich hätte die darauf gemacht.
Karsten: Du würdest es dir also zutrauen! Siehste! Und für solche Leute haben wir vorgebeugt, die kann man dann weiter ergänzen.
Sven: Wir hatten das Ding erst ohne Kaffeeflecken, das war dann sehr clean. Wir trinken alle viel Kaffee, aber das hat sonst keine besondere Bedeutung.

getaddicted: Ihr seid ja in Polen getourt. Wie kam das zustande?
Sven: Das kam über Kontakte über die Webseite. Es kam halt eine Anfrage, und wir haben dann lange überlegt, ob wir das wirklich machen sollen.
Rolf Wir haben ein paar Mal gemailt und telefoniert, und dieser Typ war sehr nett. Wir haben uns natürlich Gedanken gemacht, weil das ein großer Aufwand ist und weil das nicht risikolos wirkte. Aber es lief super, die haben sich sehr gut um uns gekümmert, die Organisation war super.
Sven: Die Konzerte waren auch super. Wir haben sogar Gästebucheinträge von drei Frauen, die da studieren oder Lehrerinnen sind und die haben geschrieben „Total super, dass Ihr da wart“. Das freut einen dann natürlich.
Karsten: Die Konzerte da waren auch insgesamt anders. Das ist nicht wie hier, dass die Leute bei der Support-Gruppe da nur stehen und die Band erst mal abchecken wollen, die gehen sofort ab. Da kannst du ein Festival mit sechs Bands machen, die erste spielt um fünf Uhr und die Leute stehen vor der Bühne und tanzen.

SKINHEADS, NAZIS, JAMAIKANER


getaddicted: Gibt’s da einfach nicht so viele Konzerte oder ist das nur ein Vorurteil?
Sven: Das stimmt schon, da gibt’s nicht so viele. Dieses Festival war auch einer der Höhepunkte des Jahres für die Ska-Szene da. Die haben schon Schwierigkeiten, ausländische Gruppen zu bekommen.
Karsten: Hier ist es auf jeden Fall viel einfacher, die Ska-Szene ist viel größer. Früher haben ein paar Skinheads Ska gehört. Heute sind es einfach mehr Leute, die man damit erreicht – Punks, Skater, was weiß ich. Früher war es auch viel schwerer, Konzerte zu veranstalten, hat ja keiner gemacht. Wenn du früher ein Ska-Konzert gemacht hast, musst du nachher den Laden neu einrichten, weil die Leute den auseinander genommen haben, weil immer Randale war. Das hat sich geändert.
getaddicted: Du sprichst gerade Skinheads an. Bei Konzerten sagst Du immer wieder, dass die Skinhead-Szene eigentlich aus Jamaika stammt und dass Skinheads eben nicht Nazis sind.
Karsten: Es gibt immer noch sehr viele Leute, die das alles in einen Topf werfen. Ich finde, das kann man nicht oft genug erwähnen, dass die Wurzeln eben in Jamaika sind und nicht in der rechten Szene. Und dass die ersten Skinheads einfach Farbige waren. Es sind immer wieder viele Leute wie vor den Kopf geschlagen, wenn sie das hören.
Sven: Wir hatten ja auch schon mal Probleme damit, dass wir als Rechtsradikale beschrieben wurden. Wir haben ein Konzert gespielt und irgendwer hat „Oi“ gebrüllt. DA gab es dann echt einen Aufruhr bei uns im Gästebuch zum Beispiel, wo dann Fragen standen wie: „Was habt ihr denn da mit den Skinheads zu tun?“ Das waren nun mal Skinheads, die Ska mögen. Da hatten wir dann echt Mühe, gegen diesen Eindruck gegenzuarbeiten. Unser Publikum ist halt weit gefächert und da gibt es einige Leute, die nicht so in der Szene drin sind und das eben nicht wissen.
Rolf: Da kann man dann lieber einmal mehr was zu sagen als zu wenig. Wir sind damals dann auch gerade auf Tour gegangen und haben zwischendurch erfahren von anderen Leute, was da gerade so auf der Webseite passiert. Das war schon heftig.

getaddicted: Euer Name stammt ja aus Jamaika. Hatte es für Euch eine besondere Bedeutung, dass Laurel Aitken gestorben ist?
Karsten: Wenn ich ehrlich sein soll, nein! Ich war zwar mal mit ihm auf Tour und es ist dann traurig, dass wieder einer weg ist. Hey, und irgendwann geht jeder. Das ist jetzt nicht negativ gemeint. Ich mein, der war uralt! Und der hat alles erreicht, was er erreichen wollte, Ska zu machen bis er 90 oder 150 ist. Das hat er gemacht, dann ist er irgendwann gestorben und dann ist gut! Ich hab’s gelesen und dachte: „Oh! Jetz isser weg!“ Ein alter Sack tritt ab! Wenn irgendwann Richard Claydermann stirbt, dann heul ich! Dann wein ich wirklich. Das war mein erstes Konzert: Richard Claydermann in der Ruhrlandhalle.
Sven: Was? In echt?
Karsten: Ja klar! Ich bin da auch ganz nach vorne gegangen und wollte auf die Bühne.
Sven: Das gibt eine Schlagzeile: „Alpha Boy School-Sänger outet sich als Richard Claydermann-Fan“.
Karsten: Nein quatsch, wenn dann von Londonbeat! Londonbeat haben mehr Eier als AC/DC!

getaddicted: Du hast ja jetzt auch beim Theater Musik gemacht. Ist das als Ausgleich gedacht?
Karsten: Es ist einfach das, was ich mache: Musik! Es ist halt ein weiterer Bereich, den ich machen konnte, halt beim Theater Musik zu machen, da so reinzurutschen. Das ist sehr vielfältig, weil ich da sämtliche Sparten von Musik machen kann. Manchmal ist es auch ein bisschen stressig, aber auch unheimlich interessant. Wenn man von der Musik leben will, muss man schon einiges ... na ja ... man muss nicht alles nehmen, was kommt. Aber es ist dann auch eben ein Job, der gemacht werden muss.

 

Interview und Fotos: Jens Becker