SKINHEADS UND GLÜHWEIN - GEGENPARTY IN DER KIRCHE

 

Alpha Boy School, Paddlecell, Joe Scholes in Dortmund // 17.11.07

 

Die Bierstadt am fussballfreien Wochenende fest im Griff der Ärzte – die Berliner spielten an drei Tagen hintereinander in der Westfalenhalle. Abseits dieser Massenabfertigung von Punkfans gab es noch ein kleines, aber nicht weniger außergewöhnliches Konzertereignis nur wenige hundert Meter von der Westfalenhalle entfernt. Ska in der Reinoldikirche! Akustisch!

 

Da staunten nicht nur die paar Omas, die den Samstagabendbesuch ihrer Kirche ausfallen lassen mussten. Auch das Personal der Tankstelle auf der anderen Straßenseite machte wegen der stetig ein- und ausgehenden, Bier kaufenden Skinheadmassen einen irritierten Eindruck. Auf dem Vorplatz der Kirche gab´s dann noch mal einen konzerteigenen Bierstand, bei dem aber vor allem der Glühwein reißenden Absatz fand – schließlich musste man zum Rauchen vor die Tür, und auch Speisen und Getränke musste man draußen verzehren. Dafür konnte man sich auch an alten Ska-Klassikern vom Band erfreuen.

Der erste Act des Abends – Joe Scholes – gab sich noch recht bescheiden: 3 Leute, 2 Gitarren, 1 Kontrabass. Sie ließen den Abend ruhig und entspannt angehen, was in der besinnlichen Atmosphäre auf jeden Fall gut rüberkam, auch wenn der Sänger ein paar Töne nicht ganz traf.

Ihre Nachfolger, Paddlecell, gaben dann schon mächtig Gas: Die Sechs-Mann-Band ging auch mit Bläsersektion an den Start. Mittlerweile war die Kirche auch schon sehr viel voller, als sie bei einem normalen Gottesdienst sein dürfte (soll heißen: ca. 2/3 der Bänke waren belegt), die Musiker freuten sich und bedankten sich entsprechend bei der „lieben Gemeinde“. Leider hatten die Ska-Rockabillys etwas Probleme mit dem zu leisen Gesang, was den atmosphärischen Genuss etwas schmälerte.

Zum Abschluss betraten dann die Altmeister von Alpha Boy School die heilige Stätte. Auch wenn die Jungs um Ausnahmemusiker Karsten Riedel regelmäßig im Raum Bochum/Dortmund auftreten, lohnt sich das Hingehen jedes Mal wieder, und dieser Kirchenauftritt war auf jeden Fall den mehrfach kritisierten Eintrittspreis von 13€ wert. Wann hat man schon mal in seinem Leben die Möglichkeit, mit einem Haufen Skinheads auf den Altarstufen einer Kirche zu tanzen? Und das Kirchengemäuer machte auch einige eindrucksvolle Rockkonzert-Wechselgesänge möglich. Nach der Zugabe mit den Klassikern „No excuse“ und „Boys don´t cry“ wurden dann alle in die kalte Nacht entlassen – zwar ohne Absolution (war ja auch eine evangelische Kirche), aber in dem Gewissen, etwas Besonderes erlebt zu haben.

 

Text und Fotos: Fred Flenner