INSEKTEN, GIGANTEN UND GÄNSEHAUTALARM

 

Das AREA 4-FESTIVAL auf dem Flugplatz Borkenberge // 24.-26. August 2007

 

Warten auf den Stau – beim Area4 war das vergeblich. Statt der sonst gewöhnten Schlange vor dem Eingang, konnten die Leute direkt auf den Parkplatz durchfahren. Der Hauptgrund: Es waren einfach zu wenige Besucher. Die Zahl 3.500 machte erst die Runde, am letzten Tag verkündete der Veranstalter, dass es insgesamt 10.000 sind.

 

Von denen nahmen auch schon einige den Opener Leo Can Dive, ein paar mehr The Datsuns unter die Lupe. Schön für die Fans: Auch zu späterer Stunde musste man nie länger als zwei Minuten anstehen, um aufs verkleinerte Festivalgelände zu gelangen. Über das Wochenende ließen sich jedoch einige Besucher längere Zeit auf dem Centre Court zum Hodenball-Contest nieder, den die Kollegen von skipmag.de drei Tage lang veranstalteten.

Zunächst hieß es hämisch, alle Leute auf dem Gelände müssten arbeitslos oder schwänzende Schüler sein, stellten die Donots klar: „Ihr seid die kulturelle Elite“. Dazu gab es ein paar Songs vom demnächst erscheinenden neuen Album

Vor dem Festival mehrten sich ja die Gerüchte, dass die Cavalera-Brüder sich wieder vertragen hätten und sogar Sepultura-Liveauftritte in der Urbesetzung wieder denkbar schienen. Einen Vorgeschmack (oder eine Gedächtnisauffrischung, wenn man es so sehen möchte) gaben Soulfly schon mal: Denn die Hälfte des Sets bestand aus alten brasilianischen Thrash-Metal-Perlen wie „Refuse/Resist“ oder „Roots bloody Roots“, was vom Publikum entsprechend gefeiert wurde.

Danach beehrten The (International) Noise Conspiracy die Zuhörer mit ihrer mehr als tanzbaren Revolutionsaufforderung. Gewohnt in ihren klassischen rot-schwarzen Stramplern wurde bei strahlendem Sonnenschein abgefeiert und Fäuste wurden in den Himmel gestreckt. Die Fans nahmen dankend einen kleinen Vorgeschmack auf neues Material an. Fäuste in die Luft, denn es heißt weiterhin „Capitalism stole my Virginity“!

Gewohnt obercool mit Zuhälterbart und Fliegersonnenbrille führte dann Josh Hommes Kumpel Jesse Hughes seine Eagles Of Death Metal auf die Bühne. So eine schön posige Stonerrock-Show ist auf jeden Fall immer was für´s Auge, auch wenn die Band nicht unbedingt einen Superohrwurm nach dem anderen raushaut. Mittlerweile war der Tag ja auch schon etwas fortgeschritten und der ein oder andere konnte sich vom breiten Soundteppich dahintreiben lassen...

Silverchair waren nicht da. Klar, es kann sein, dass es den Jungs echt schlecht ging (hörte ich irgendwas von Lebensmittelvergiftung?), aber einen Auftritt so kurzfristig zu canceln (die erste Ansage über die Absage kam vor den Eagles) muss für die Fans eine echte Enttäuschung gewesen sein – zumal man zu dem Zeitpunkt ja schlecht seine Karte zurückgeben oder weiterverkaufen konnte.

Viele wurden dann auch vom vorgezogenen Auftritt von NOFX überrascht, weil sie die Absage Daniel Johns & co nicht mitbekamen; aber da der Weg selbst vom hintersten Zeltplatz zum Festivalgelände selbst im stockbesoffenen Zustand auf diesem kleinen (aber feinen!) Festival nicht länger als zehn Minuten dauerte, verpassten auch die Nachzügler nicht viel. Denn die kalifornischen Altpunker nutzten die hinzugewonnene Zeit zumindest teilweise und legten mit über 90 Minuten Spielzeit einen für eine Punkband fast epischen Gig ab. Ein echter Auftritt für Genießer, Top-Mischung aus Klassikern und neueren Sachen, der üblichen „8 Songs in 4 Minuten“-Einlage und natürlich jede Menge prima Ansagen, bei denen Politiker, alle Weltreligionen, Bandmitglieder und – immer wieder sehr gerne genommen – auf dem Festival mitvertretene Bands durch den Kakao gezogen wurden.

SAMSTAG

 

Nach dem nächtlichem Discobesuch, Night-Flunky-Ball-Turnieren oder was auch immer einem den Schlaf raubte, hieß es dann: Ahoi und Anlauf Leute, Anlauf! Turbostaat warfen kurz vorm Area4 ihr drittes Album auf den Fischmarkt und präsentierten sich schon um 12 Uhr morgens gutgelaunt. Der frühe Vogel fängt halt den Wurm, die Menschen folgten dem Ruf der Möwen und erschienen recht zahlreich. Turbostaat spielten – mutig – nur Lieder vom neuen Album. Viele kannten allerdings die neuen Songs und grölten so etwas weniger mit.. Wichtig war jedoch, dass die Turbostaatfreunde und die Band selber deutlich machten, dass die tonnenschweren Schiffwracks unserer Gesellschaft - nämlich Alltag und Tristesse, Stagnation und Resignation - dringend abzuschleppen sind.

Itchy Poopzkid wurden von der insgesamt schon etwas älteren Redakteurschaft dieses Online-Magazins ignoriert; allerdings konnte man am Zelt hören, dass die Band tatsächlich eine Wall of Death startete, was ich dann wegen der erhöhten Gefahr von Zahnspangenverkeilungen doch ganz gerne gesehen hätte... Man kann natürlich immer argumentieren, dass es auch Bands geben muss, die jüngere Kids der „alternativen“ Musikszene zuführen, aber ob diese Band so wirklich auf dieses Festival passte, muss im Endeffekt jeder für sich selbst entscheiden. Bzw. der Veranstalter. Oder so ähnlich.

Muff Potter bzw. Nagel startete das Set schon mit dem Soundcheck, bei dem er zum Einsingen das Echt-„Meisterwerk“ „Du trägst keine Liebe in dir“ a capella fast komplett durchsang. Ebenso durchwachsen, wie diese Art des Humors im Publikum aufgenommen wurde, fing das richtige Set dann auch an. Es war wohl für die höheren Töne noch etwas früh. Spätestens nachdem Gitarrist Dennis seine neonfarbene Trainingsjacke ausgezogen hatte wurde die Stimmung besser und Überhits wie „Wir sitzen so vorm Molotow“ ließen auch bei 25ºC und Sonnenschein so manche Gänsehaut entstehen.

Anschließend wurde es dann zum ersten Mal (seit Soulfly) so richtig laut auf der Bühne, als From Autumn to Ashes den Zuschauern die Ohren freibrüllten. Das ließ sogar die beiden recht entspannt aussehenden, bierbäuchigen, kipperauchenden Polizisten, die einen kleinen Rundgang übers Areal machten, ungläubig die Köpfe schüttlen. Schön, dass Musik auch 2007 noch Leute schockieren kann.

Blackmail traten dann als erster Gegner zu NOFX im Ansagencontest an. Die recht verpeilt wirkenden Jungs („Äääh wir kommen direkt von der Autobahn... jetzt sind wir hier... nächstes Lied“) wussten auch, wie man über Kollegen herzieht („Ich war grad mit dem Sänger von Billy Talent auf Klo... boah, der stinkt vielleicht“) und bedankten sich zum Abschluss dann auch artig - bei sich selbst.

In Sachen Ansagen standen Art Brut in Nichts nach. Highlight dabei der ultimative Beziehungstipp von Sänger Eddie Argos: „If your boyfriend or girlfriend left you, they´re simply not meant for you. 1,2,3 - stop thinking about your ex- boyfriend or girlfriend right NOW!” Zum Schlus erhoben sie dann noch alle am Samstag spielenden Bands zu “Top of the Pops” und damit mit sich selbst auf ein Level, denn, so teilten die Engänder selbstironisch mit, immerhin seien sie schonmal in Ex-Jugoslawien ganz oben in der Hitparade gewesen.
Ähnlich deplaziert wie die Poopzkids vorher waren leider auch die Finnen von The 69 Eyes auf diesem Festival – nichts gegen die Qualität dieser Band, aber bei diesem Lineup an einem lauen Sommerabend wirkt Gothik irgendwie nicht so...

Als nächstes dann hier, du weißt schon, die aus From Dusk Till Dawn, die Tochter – Juliette & The Licks. Ehrlich gesagt hatte ich es nie für nötig gehalten, mir eine Band mit ner Schauspielerin am Mikrofon anzuhören, aber der Auftritt war durchaus unterhaltsam. Und das lag nicht nur an Juliette, die knallenge Lacklederhose trug, sich auf dem Boden wälzte, stetig obenrum weiter entblätterte und sich an den anderen Bandmitgliedern rieb, nein, auch musikalisch war das nicht langweilig.

Über die schrillen The Hives kann man ja so einiges sagen, entweder sie seien völlig abgehoben oder hätten zumindest eine Überdosis Arroganz gepachtet, aber es sei ihnen bei einer solch guten Show verziehen. Brillant gespielte Timings und eine hervorragende Bühnenpräsenz machten die Skandinavier auf jeden Fall zu einem der Highlights des gesamten Festivals…allein die Jungs in ihren Retrokutten zu sehen war wahrlich ein Augenschmaus.

Eine geile Party mit fetter Lichtshow brachten die Kanadier von Billy Talent mit und begeisterten fast alle Festivalbesucher, denn es war – leider zum ersten Mal - richtig voll! Der Bekanntheitsgrad der Band zog anscheinend viele, auch gerne jüngere, Zuschauer zu den Tageskassen nach Lüdinghausen statt zur Loveparade. Die Jungs verstehen halt ihr Handwerk. Der halbnackte Mr. Kowalewicz sprang auf der Bühne wie ein angestochenes Schwein hin und her und brüllte Hit für Hit in den Nachthimmel, und damit war er garantiert nicht allein!

SONNTAG

 

Nachdem die Gainesville-Giganten von nun nicht mehr als Heißwassermusik durch die Wirren der Welt touren, haben The Draft deutlich gezeigt, dass Wehmut und Selbstmitleid keinesfalls Not tun. Für viele war die Band wohl der Geheimtipp des Festivals. Jeder, der so dachte, wurde zu keiner Zeit enttäuscht. Auch ohne Chuck Ragan lieferten die whiskeygesäugten und Zigaretten inhalierenden Jungs ein unglaublich feuriges und druckvolles Set ab. Diese Geschichte sollte man weiter verfolgen, denn die Herren sind noch lange nicht zu alt für Musik und Feuerwasser.

The Films hatten schon als The Kooks-Support von sich reden gemacht und lockten auch wieder einige jüngere Fans – sowohl zu ihrem Gig als auch zur Autogrammstunde. Die reformierten Jingo De Lunch waren dann eher für die ältere Garde, bevor Madsen dann wieder als „Die Perfektion“ pubertierender Überflüssigkeit rumlärmten.

Die neuen Sachen von Sparta haben wohl mehr oder minder endgültig den Bezug zu den
“At the Drive-In” -Zeiten verloren, aber auch neue Bücher werden gelesen. Vor allem durch den so typischen Sound ihres Sängers und ganz besonders durch ihren in der Tat hervorragenden Schlagzeuger machten sich Sparta auf dem Area4 eine Menge Freunde.
Ein paar ältere Sachen haben jedoch definitiv zur heiligen Vierfaltigkeit gefehlt.

Bei ... and you will know us by the Trail of Dead hoffte man auf ein Demolition-Derby am Ende des Gigs, jedoch blieb dies leider fast vollkommen aus. Lediglich das Keyboard fiel versehentlich. Okay, grundsätzlich trotzdem ein interessantes Konzert, und die Band, die eigentlich ein Extrem und auch etwas Experimentelles für sich beansprucht, hat gut Gas gegeben. Gutes Konzert? Ja! Aber grundsätzlich, Jungs, da geht doch noch mehr! (An dieser Stelle erlaube ich mir einen Einschub: Der Auftritt von Trail Of Dead war dermaßen packend und unterhaltsam, dass ich aus ehrfürchtigem Starren nur geweckt wurde, wenn einer der beiden Roadies in gelber Leuchtweste wie Jubel-Animateure über die Bühne sprangen. Anm. von Jens – Musik ist eben subjektiv...)

Wie schon am Abend zuvor für die Hives und Billy Talent harrten zahlreiche Mädels auch am Sonntag für den Gig von Mando Diao stundenlang in der ersten Reihe aus. Als die Schweden die Bühne betraten, stieg auch der Kreischpegel enorm an. Doch nach einer halben Ewigkeit auf Tour wirkten Gustaf, Björn und Co. Etwas lustlos und unmotiviert. Nach einem reinen Programm-Abspulen verschwanden sie auch recht plötzlich.

Wie ein Insekt bewegte sich Tool-Frontmann Maynard James Keenan vor vier riesigen Plasmaleinwänden im Halbdunkel und zelebrierte mit seinen drei Mitstreitern die wohl mystischste Musik unserer Zeit. Wabernde Farben hüllten die Künstler in ein Gewand, dass vielen der Atem stockte. Als dann nach etwa der Hälfte des Sets plötzlich Laser über den Köpfen der Zuschauer die Nacht zerschnitten war der Wechsel in eine andere Dimension fern von unserer Realität perfekt. Ein kolossales Multimediaspektakel in dem trotz allem die Musik der vier Begnadeten im Mittelpunkt stand. Viele ihrer Kultsongs wurden in diese magische Nacht getragen. Ohne Zweifel war das Publikum, welches größtenteils nur wegen Tool gekommen war, in Trance und hätte auch noch zwei weitere Stunden ihren Göttern lauschen können. Diese Band ist und bleibt jedenfalls eines der größten musikalischen Phänomene unseres Planeten und das aus sehr gutem Grund…

 

 

Text: Mirko Hoffmann, Fred Flenner
Fotos: Mathias Schumacher, Jens Becker