![]() |
|
"JEDE PLATTE IST DAS SELBE IN ANDERS"
Jay Bentley von Bad Religion im Interview in der Live Music Hall in Köln (18. August 2005)
Brian Baker ist dein Interviewpartner – das war die erste Ansage. Also dementsprechend Fragen überlegt. Vor Ort dann: Greg Hetson ist dein Interviewpartner. Okay...Greg Hetson...Circle Jerks...Da fällt mir noch schnell was ein...Plötzlich kommt Jay Bentley aus dem Raum. Jay ist dein Interviewpartner...Los geht’s!

GETADDICTED: Ist ja ein netter Zufall, dass der Papst und eine Band
mit dem Namen Bad Religion am gleichen Tag in Köln ankommen.
Jay: Klar, wir sind heute morgen extra früh angereist, damit wir
ihn verhauen können (lacht). Ich kann mich nicht dran erinnern,
dass das schon jemals passiert ist! (lacht) Das ist natürlich eine
ironische Sache. Wir kommen viel mehr herum als der Papst. Wir sind
ja immer irgendwo unterwegs. Aber mal am gleichen Tag in der selben
Stadt zu sein wie der Papst ist schon cool!
GETADDICTED: Aber ihr hattet keine Probleme in die Stadt zu kommen oder?
Könnte ja sein, dass man Bad Religion als Bedrohung für den
Papst ansieht.
Jay: Deshalb sind wir ja so früh gekommen! Alle, die mit dem Zug
gekommen sind – also Graffin (Greg, Sänger, Anm.), Hetson
(auch Greg, Gitarrist, Anm.) und Brooks (Wackerman, Drummer, Anm.) –
die hatten echt Probleme. Alle Straßen waren blockiert, die kamen
nicht zu und erst auch nicht in ihr Hotel. Aber als Terroristen würden
wir glaub ich nicht gesehen (lacht)
GETADDICTED: Wenn du jetzt die Chance hättest, den Papst zu treffen,
was würdest du ihm sagen?
Jay: Ich weiß nicht genau! Ich würde gerne ein bisschen mit
ihm abhängen und quatschen. Ein Mensch, der in einer Kongregation
von acht oder zwölf Leuten zum Papst bestimmt wird (die Veranstaltung
heißt zwar Konklave und es waren 115 Kardinäle, aber ist
ja nicht so schlimm, Anm.), der hat einen ganz besonderen Sinn für
Spiritualität, der hat eine außergewöhnliche Position
und ein sehr breit gefächertes Wissen über Religion. Ich würde
ihn mal fragen, wie das alles funktioniert – für ihn jetzt!
Das wäre sehr interessant, zu hören, wie das alles für
ihn einen Sinn ergibt.
GETADDICTED: Für dich würde es wahrscheinlich nicht so einen
Sinn machen.
Jay: Irgendwie schon. Religion ist ein unglaublicher Glaubensbeweis.
Du musst daran glauben! Ob Jesus nun über Wasser gelaufen ist oder
ob Moses das Rote Meer geteilt hat – in jeder Religion kommt irgendwann
der Punkt, wo Fakten zu Glauben werden. Du musst einfach glauben, dass
bestimmte Wunder passiert sind. Einige Dinge davon sind akzeptabel.
Es ist natürlich einem Menschen nicht möglich, ein Meer zu
teilen und ich glaube auch nicht, dass es einen seltsamen Weihnachtsmann
oder irgendwas im Himmel gibt, der einem Menschen dabei hilft, das Meer
zu teilen, also würde ich es wissenschaftlich am ehesten mit einem
ziemlich niedrigen Wasserstand erklären und die Menschen sind vielleicht
über eine Sandbank gelaufen, meinetwegen. Wenn es aber dann zu
Adam und Eva kommt, was eine ziemlich einfache Sache ist, dann muss
ich sagen, wissenschaftlich gesehen ist Evolution Fakt! Realität!
(fängt plötzlich laut an zu lachen und brüllt laut „Sorry“).
Im Nebenraum klingelt gerade mein Handy und da ist jemand ziemlich sauer
(lacht weiter). Aber in den USA gibt es Menschen, die einfach trotzdem
an Adam und Eva glauben. Ich würde einfach gerne mit jemandem reden,
der das Oberhaupt von vielen Menschen ist, die alle daran glauben. Und
außerdem soll er mich durch den ganzen verdammten Vatikan führen!
(lacht) Ich war zwar mal da, aber nicht wirklich überall drin!
Ich will in die verdammten Katakomben, in die letzte hintere Ecke, ich
will diese ganzen, über Jahrhunderte gesammelten Dokumente sehen!
GETADDICTED: Über genau das Spannungsfeld zwischen Evolution und
Adam und Eva hat ja Greg Graffin auch seine Dissertation geschrieben.
Hast du sie gelesen?
Jay: Nein!
GETADDICTED: So sehr interessiert dich das Thema dann doch nicht?
Jay: Mich interessiert seine Meinung zu dem Thema nicht so sehr! Ich
meine, das ist eine These! Er hat eine Vorstellung zu diesem Thema!
Er hat ja auch ein Punkrock-Manifest geschrieben. Aber es interessiert
mich nicht, was seine Vorstellung von Punkrock ist! Das habe ich auch
nicht gelesen. Seine Vorstellung von Punkrock ist nicht meine! Und seine
interessiert mich nicht! Mich interessiert auch nicht, was jemand vom
„Maximum Rock’n’Roll“ schreibt. Eine These ist
eben nur die Vorstellung über etwas. Eine Doktorarbeit ist dann
nur die Lizenz, von irgend etwas eine Vorstellung haben zu dürfen
und eine Meinung, weil er halt einen Doktortitel hat. Brett und ich
haben die High School abgebrochen. Trotzdem glaube ich, dass meine Meinung
auch gültig ist (lacht). Natürlich glauben in der großen,
echten Welt die Leute ihm eher als mir, aber das ist auch okay, weil
er viel härter dafür gearbeitet hat, diese Lizenz zu erwerben.
GETADDICTED: Im Moment sitzen ja auch die ganzen Pilger am Dom oder
in der Stadt und spielen Gitarre. Würdest du dich dann nicht auch
gerne mal mit denen unterhalten und ein paar Songs spielen?
Jay: Nein, nicht spielen. Ich schaue mir lieber andere Leute beim Spielen
an, als dass ich selber spiele. Das mache ich ja die ganze Zeit. Ich
amüsiere mich mehr dabei, anderen zuzuschauen, als es selber zu
machen. Wir sind noch bis um 6 Uhr in der Stadt. Vielleicht schaue ich
da später noch mal vorbei.
GETADDICTED: Bad Religion gibt es seit einer halben Ewigkeit. Wie würdest
du aus heutiger Sicht den 15, 16 Jahre alten Jay Bentley, der damals
Bad Religion mitgegründet hat, beschreiben?
Jay: Ok, ich bin älter. Viel älter! Wir waren eben 15 als
wir die Band gründeten, und wir waren unwahrscheinlich wütend!
Wir waren nicht arm, wir wurden nicht missbraucht. Okay, Greg und ich
kamen aus Scheidungsfamilien, aber das ist ja auch nicht so außergewöhnlich.
Wir mochten die Welt, aus der wir kamen, einfach nicht. Und mit 15 waren
für mich Skateboarden, Surfen, Saufen und einfach verrückt
und sauer auf die Welt sein viel wichtiger als diese Sterilität
der Welt. Heute sind für mich Skateboarden, Surfen, Saufen und
einfach verrückt sein einfach immer noch wichtiger als diese Sterilität
der Welt, aber ich bin nicht mehr sauer auf die Welt an sich, sondern
sauer auf bestimmte Dinge. Der Unterschied ist, dass ich heute genau
weiß, auf welche Dinge. Es ist nicht mehr diese blinde Wut, weil
ich jetzt auch weiß, wer an gewissen Dingen Schuld ist.
GETADDICTED: Etwa zur gleichen Zeit sind ja auch Minor Threat entstanden
(mit Brian Baker, der heute bei Bad Religion spielt, Anm.). Wie bist
du zum ersten Mal mit denen in Berührung gekommen?
Jay: Nie direkt, als es die Band noch gab! Aber es hat natürlich
jeder Minor Threat genau so gehört wie Black Flag, Bad Brains.
Aber wir waren an der Westküste, sie an der Ostküste. Trotzdem
gab es Bands, die andere Bands dann herüber gebracht haben. Allerdings
habe ich Minor Threat nie live spielen sehen. Ian (MacKaye, Sänger
von Minor Threat und Fugazi, Anm.) habe ich zum ersten Mal persönlich
getroffen, als Brian schon bei uns gespielt hat und Ian zu unserem Konzert
gekommen ist.
GETADDICTED: Brian sagt selber, er war bei Minor Threat am Anfang Straight
Edge, weil er 15 war. Du sagst, in dem Alter habt ihr lustig Alkohol
getrunken. Unterhaltet ihr euch manchmal über solche Einstellungen?
Ich denke ja mal, er ist heute nicht mehr Straight Edge.
Jay (kriegt einen Lachanfall): Brian und Straight
Edge! Haha! Der war gut! (lacht immer noch) Also wenn man ihn
heute fragt, würde er sagen, dass das eine gute Sache war, bis
die Straight Edge-Bewegung militant geworden ist. Als Leute anfingen,
andere zu vermöbeln, weil die geraucht und getrunken haben. Da
würde er sagen, das ist dumm und ich stimme mit ihm da völlig
überein. Selbst Ian selber stört es nicht, was Brian macht
oder was ich mache! Er macht es nicht und damit gut! Wenn jemand aus
Überzeugung für sich selber entscheidet, sein Leben so zu
führen, dann ist das okay! Aber lass mich damit bitte in Ruhe.
Wie gesagt: Skateboarding, Surfen, Trinken.
GETADDICTED: Wie war es früher mit den Circle Jerks? Da hat ja
schließlich Greg Hetson auch gespielt.
Jay: Die kamen ja auch aus L.A., Greg und ich, wir waren Kids. Wir sind
zusammen auf Parties, Konzerte gegangen. Und alle waren damals in irgendeiner
Band, jeder in L.A. So viele Kids gab es da ja nicht, vielleicht 300
Leute. Und bei jeder Show waren die gleichen 300 Leute. Nur standen
mal die, mal andere auf der Bühne und alle davor waren die gleichen
Leute wie immer. Jeder hat da auch jedem geholfen. Das war echt cool!
Das waren damals die Circle Jerks, Adolescents, TSOL, und wir waren
alle irgendwie befreundet.
GETADDICTED: Bad Religion ist die einzige Band, die von denen immer
noch eine Rolle spielt. Wo war der Unterschied?
Jay: Der Unterschied war, dass wir direkt Epitaph gegründet haben.
Niemand wollte uns einen Plattenvertrag geben, also haben wir selber
das Label gemacht. Und wir haben uns dann unter Vertrag genommen! Aber
das Wichtigste war: Wir haben das alles nicht zu ernst genommen. In
einer Band zu sein, definiert dich noch nicht. Es ist das gleiche, als
wenn du Hockey spielst oder ein Auto fährst. Es macht Spaß.
Den Mut zu haben, Epitaph zu gründen anstatt zu warten, bis es
einer für dich macht, war wichtig. Wir mussten uns auf niemanden
verlassen, sondern nur auf uns. Wir mussten also hart dafür arbeiten.
Was wir aber niemals wollten, war eine Band, die im gleichen Haus wohnt,
ein gemeinsames Auto hat und bei der alle die gleichen T-Shirts tragen.
Da haben wir sofort gesagt: Nein, wir sind nicht wie jeder andere. Wenn
wir zusammen spielen, haben wir da Spaß dran. Was wir aber alle
wussten und wissen: Die Stärke der Band sind ihre Individuen! Wir
wollten weiter Individuen bleiben und nicht eine Gang werden.
GETADDICTED: Worin besteht dann heute die Verbindung zwischen
den einzelnen Bandmitgliedern? Ihr wohnt ja mittlerweile über die
USA verteilt.
Jay: Nichts! Das ist es ja eben! Was uns verbindet, ist, dass wir in
einer Band spielen. Das ist alles. Wir telefonieren mal. Wenn wir eine
neue Platte machen wollen, fliegen um Beispiel Brian und ich runter,
treffen Brooks und arbeiten an Songs, manchmal kommt Brett vorbei. Als
würde einer sagen: „Hey, lass uns Hockey spielen. Bring deine
Skates mit. Dann spielen wir Hockey“. Mehr nicht. Wenn ich mir
andere Bands manchmal anschaue, muss ich nur noch lachen. Die tun ja,
als wäre die Band das wichtigste auf der Welt. Und weißte
was? Das ist kein Mittel gegen Krebs. It’s just a fucking band!
Mir macht es Spaß mit dieser Band, ich glaube an das, was wir
sagen, aber hey: Es ist eine Band! Das war’s! Wir brauchen nicht
24 Stunden am Tag zusammen, wir brauchen keine Konferenztelefonate und
wir denken auch nicht, dass das alles so sonderlich wichtig wäre.
Ist es nämlich nicht! Überhaupt nicht!
GETADDICTED: Wie muss man sich dann das Songwriting vorstellen?
Jay: Brett und Greg schreiben ihre Songs ja schon zu Hause. Die schreiben
ja beide so viele Songs, das ist schon beängstigend. Ich krieg
dann immer mal wieder ein Tape mit der Post, hör mir das an, schreib
ein bisschen drum herum. Irgendwann treffen sich dann Brian, Brooks
und ich, um weiter daran zu arbeiten. Dann sagen wir, der Song ist gut,
der nicht so gut, der kommt weg und so weiter. Irgendwann gehen wir
dann ins Studio. Beim letzten Mal haben Brett und ich uns einen knallharten
Zeitplan gesetzt. Wir hatten vor, jeden Tag wirklich von Mittags zwölf
Uhr bis neun Uhr abends zu arbeiten, keine Minute weniger. Am ersten
Tag hat das geklappt. (lacht) Nach vier Tagen sind wir um zehn Uhr morgens
gekommen und haben bis zehn Uhr abends gearbeitet. Dann sind wir um
neun Uhr morgen gekommen und haben bis Mitternacht gemacht. Am Ende
sind wir um neun Uhr morgens gekommen und nicht vor drei Uhr nachts
nach Hause gegangen. (lacht) Das hat so verdammt Spaß gemacht.
Das ist eine Band!
GETADDICTED: Habt ihr jetzt schon neue Songs, die sicher aufs neue Album
kommen? Das soll ja Anfang 2006 erscheinen.
Jay: Wie ich gerade gesagt habe, wir schreiben erst mal verdammt viele
Songs. Die Auswahl treffen wir erst ganz am Ende.
GETADDICTED: Große Experimente werden wir aber wohl nicht erwarten
dürfen.
Jay: Jede Platte ist das selbe in anders! Wir machen eben ein Bad Religion-Album.
Wenn manche Leute sagen, alle unsere Platten klingen gleich –
danke! Wirklich! Das ist unser Job! Wir sind nicht heute Bad Religion,
morgen Korn und übermorgen Pearl Jam. Wir sind Bad Religion und
wir machen Bad Religion-Alben! Danke! Also wenn ich du wäre, ich
würde nichts wirklich anderes erwarten! (lacht) Die Unterschiede
kommen in spezifischen Songs.
(in diesem Moment kommt jemand rein, fragt wo er seinen Backstage-Pass
her bekommen würde und verschwindet wieder). Was wollte der
denn hier? Seinen Backstage-Pass? Hey man! Du bist hier backstage! Wofür
willst du jetzt noch nen Pass? (lacht) Jetzt habe ich den Faden
verloren. Nächste Frage...
GETADDICTED: Dein Einfluss aufs Songwriting ist ja sehr begrenzt.
Jay: (guckt ziemlich sauer und fängt dann doch
an zu lachen) Du hast natürlich Recht. Ich schreibe meinen
Bass-Kram und das reicht mir auch. Ich finde, dass Brett Gurewitz einer
der besten Songwriter überhaupt ist! Er ist phänomenal! Ich
wollte auch nie daran so beteiligt sein. Ich glaube auch, ich kann auch
gar nicht so richtig Bad Religion-Songs schreiben.
In dem Moment ist die Zeit auch schon rum und der nächste Interviewer schnappt sich den Bad Religion-Basser...
- Bad Religion . New Maps Of Hell
- Galerie: Bad Religion live in Köln // 18. August 2005
- Bad Religion live in Köln // 18. August 2005
- Interview mit Bad Religion in Köln // 18. August 2005
- Bad Religion - The Empire Strikes First
- Bad Religion live im Capitol, Hannover // 3. Juni 2004






