"I NEVER QUIT ANYTHING, YOU KNOW!"

 

Interview mit Chuck Ragan in Köln // 19. September 2007

 

Muff Potter waren 2000 als Support von Hot Water Music in Deutschland unterwegs. Mittlerweile stehen Muff Potter ganz oben auf den Tourplakaten. Im Gepäck haben sie einen alten Bekannten – Chuck Ragan, Sänger und Gitarrist von (Ex-) Hot Water Music. Zwischen Kabeltrommeln und Instrumentenkoffern, plaudert er in Köln über seine Frau, seinen Job und über Männerfreundschaften…

 

GETADDICTED: Wie ist es nach mehrjähriger Bühnenabstinenz wieder in Deutschland auf Tour zu sein? Dazu noch mit deinen langjährigen Freunden von Muff Potter?
Chuck Ragan: Absolut großartig. Meine Frau Jill und ich suchten nach dem Release von „Feast and Famine“ nach einer Möglichkeit, auch in Europa auf Tour zu gehen. Da passte es natürlich, dass Muff Potter einen Support suchten.

GETADDICTED: Auf der Tour 2000 waren Muff Potter Support für Hot Water Music. Nun eröffnest du alleine für Muff Potter. Wie ist es, ohne die Jungs von HWM auf Tour zu sein?
Chuck: Pretty cool, you know. Beides hat seine Vor- und Nachteile. Auf der einen Seite ist es viel intensiver und intimer alleine, nur mit der Akustikgitarre auf der Bühne zu stehen. Auf der anderen Seite ist es auch etwas gruselig, wenn niemand hinter dir ist. Allerdings stehe ich auch ein wenig auf dieses gruselige Gefühl.

GETADDICTED: Wie funktioniert so eine transatlantische Freundschaft wie von dir und Muff Potter?
Chuck: Simply Technology (lacht). Wir haben uns lange nicht gesehen, was nichts an unserer Freundschaft geändert hat.
GETADDICTED: Verstehst du den überhaupt ihre Songs oder Nagels Buch („Wo die wilden Maden graben“, Anm.d.Red.)?
Chuck: Das Buch leider gar nicht. Nagel hat aber auch schon Alben für andere Länder übersetzt. Vorher hatte er mir aber schon alle anderen übersetzt.

GETADDICTED: Ich habe von einer Split-Ep mit Muff Potter gehört. Singst du da etwa auf deutsch?
Chuck: Nein, nicht wirklich. Ich singe einen Song von Muff Potter (Anm. d. R. „Bring dich doch selbst nach Haus“) auf Englisch und die Jungs haben versucht, „The Boat“ ins Deutsche zu übersetzen, aber das hat nicht so ganz geklappt. Es ist trotzdem toll geworden.

GETADDICTED: Was motivierte dich zu der 7-Inch-Collection „The Blueprint Sessions?
Chuck: Meine Frau Jill motivierte mich dazu, meine akustischen Sachen endlich aufzunehmen. In meiner Heimat ist es üblich, dass man ganz einfach anfängt – mit einer 7Inch eben. Nur hatte ich halt 14 Songs im Gepäck. Leider sind die aber alle restlos ausverkauft.

GETADDICTED: Wer hatte die Idee mit den drei In-Store-Shows?
Chuck: Heutzutage werden solche Musikläden immer wichtiger. Die sind fast vom aussterben bedroht. Ich finde es immer noch wichtig, dass man seine eigene CD in Händen hält. Deshalb: „Support your local record dealer!“

GETADDICTED: Der Titel “Feast or Famine” hat was mit deiner Arbeit als Tischler zu tun.
Chuck: Ja. Ich wollte kein großes poetisches Statement als Titel. Ich bin eigentlich freier Tischler. In unserer Branche sagen wir immer: „Feast or Famine“. Manchmal du hast eine Menge Arbeit, manchmal nicht. In der Musikbranche ist es ja nicht anders. Manchmal verkaufst du viele Platten, manchmal nicht.
GETADDICTED: Spielst du wirklich alle Instrumente selbst?
Chuck: Lass dich von den Aufnahmen nicht täuschen (lacht). Ich bin kein guter Pianist. Ich spiele sie zwar alle, aber so wie ich es will und sehr simpel. Ich bin kein Meister – in Nichts.

GETADDICTED: Bringt man nicht erst ein Studioalbum und dann erst das Live-Album raus?
Chuck: Wir hatten die Live-Sachen schon aufgenommen. Ich mag das rohe, nicht Abgemischte der Aufnahmen. Es war auch ein Weg, sich zurück zu melden. Nachdem ich mich von HWM weg bewegte, dachten die Leute, ich würde keine Musik mehr machen. Das stimmte aber nicht. Ich habe nie aufgehört Musik zu machen. Ich habe nur mit dem ewigen Touren aufgehört.
GETADDICTED: Du warst jetzt tatsächlich zwei Jahre nicht auf Tour.
Chuck: Ich kann nur für mich sprechen. Mir wurde das ständige Touren auf die Dauer zu viel. Ich musste eine Auszeit haben, mich auf andere Sachen konzentrieren. Ich bin nicht abhängig von der Band. Mit der Zeit wurde es sehr anstrengend, dass alles unter einen Hut zu bekommen. Für mich stellte sich zu diesem Zeitpunkt aber auch gar nicht die Frage. Wenn ich so weiter machen würde, wie bisher, dann würde ich gegen alle meine Prinzipien verstoßen. Ich würde gegen alles handeln, für was ich singe und stehe. Mir lagen meine eigenen Songtexte im Ohr: Folge deinem Herzen; lasse dich niemals beeinflussen; mache was du im Leben für dich selbst willst. Es war schon eine Kehrtwende.
GETADDICTED: Aber du vermisst die anderen schon ein wenig …
Chuck: We’re still brothers, you know. I still love them. Vielleicht spielen wir auch eines Tages wieder zusammen. Momentan sind sie aber mit The Draft unterwegs und ich mache das hier. Es ist immerhin auch schön mit seiner Frau unterwegs zu sein (schmunzelt).
GETADDICTED: Du hast HWM auch primär wegen deiner Familie auf Eis gelegt.
Chuck: Zu einem großen Teil habe ich die Entscheidung auch für meine Familie getroffen.
I NEVER QUIT ANYTHING, YOU KNOW! Ein Jahr bevor ich das Touren mit den Jungs aufgegeben hab, hab ich bereits gesagt, dass ich das so nicht mehr machen kann. Direkt nach der einen Tour wieder für ein weiteres Jahr auf Achse sein. Sorry! I just need a break.
GETADDICTED: Allerdings bist du jetzt schon wieder auf Tour.
Chuck: Das ist aber was anderes. Ein kleinerer Zeitraum und eben mit meiner Frau Jill.

GETADDICTED: Du hast gerade von deinem Zuhause gesprochen. Ihr seid vor einiger Zeit umgezogen.
Chuck: Ja, ich denke ca. fünf Jahren muss das gewesen sein. Wir sind nur an einen anderen Ort im Norden Kaliforniens gezogen. Das ist das erste Mal seit meiner Jugend, dass ich einen Platz „Mein Zuhause“ nennen kann.

GETADDICTED: Zum Abschluss noch ein paar Entscheidungen.
Leatherface or Johnny Cash?
Chuck: Es kommt auf die Tageszeit an und von welcher Musik ich gerade die Schnauze voll habe (lacht).

GETADDICTED: Elektrische oder Akustische Gitarre?
Chuck: Today? The acoustic guitar (grinst).

GETADDICTED: Und: Wie ist die Ressonanz der Hot Water Music-Fans auf deine Soloauftritte?
Chuck: Großartig. Man trifft so viele alte Gesichter wieder und alle freuen sich. Egal, ob ich jetzt die akustische oder elektrische Gitarre spiele (grinst erneut).

 

 

 

Interview: Mathias Schumacher
Foto: Jürgen Worbs