DIE ZEIT DER AJZ IST VORBEI

 

Click Click Decker im Interview

 

Norddeutsche Gelassenheit sei Dank, folgt an dieser Stelle ein Interview mit Kevin a.k.a. Kopf von Click Click Decker. Was zunächst auf einer Bierzeltgarnitur von Angesicht zu Angesicht seinen Anfang nimmt, findet erst an Kevins PC sein unfreiwilliges Ende. Denn während sich auf Bühne des Oberhausener Olgas-Rock-Festivals „The Robocop Kraus“ präsentieren, muss ich parallel eingestehen: „Entschuldigung, ich habe eine bittere Neuigkeit. Beim Interview gab es gerade technische Probleme.“ – „Ich würde sagen das ist bitter für dich“, grinst Kevin schelmisch, erklärt sich aber direkt bereit, das Frage/Antwort-Spiel per Emailverkehr zu wiederholen. Danke dafür. Der Rest liest sich so:

GETADDICTED: 59 Times The Pain titelten „From HC-School into Punkrock-College“. Hast du bei dir eine ähnliche Entwicklung festgestellt?
Kevin: Musikalisch schon,…der Rest findet im Kopf statt, die Wurzeln liegen dort,…das merke ich immer wieder, wenn wir z.B. mit anderen Bands zusammenspielen, die anders geprägt worden sind. Ist aber eigentlich auch egal, finde ich. Das kann man niemandem zum Vorwurf machen.

GETADDICTED: Hat der Veganer mit dem großem Herzen eigentlich jemals eine WG gefunden?
Kevin: Weiß ich nicht, hab schon lange keinen Kontakt mehr zu ihm.

GETADDICTED: Auf deinen Konzerten gab/gibt es Aufkleber und Postkarten von „The Human Empire“. Was verbirgt sich dahinter und ist anti-speziesistische Kritik an manchen Motiven gerechtfertigt?
Kevin: Human Empire sind Freunde, der Jan war mal mein Nachbar und so kam es zu der Zusammenarbeit. Ich finde die Sachen, die er macht, toll, die Kritik kann ich nicht nachvollziehen und finde ich unpassend. Wenn man etwas auf Zwang kritisieren will, dann findet man immer einen Grund.

GETADDICTED: Einige Freunde der älteren Click Click Decker-Stücke mögen die neueren Sachen nicht mehr so gerne. Eine nachvollziehbare Reaktion?
Kevin: Ist mir egal, ich freue mich über jeden neuen Hörer, aber auch darüber, dass Leute die alten Sachen mögen oder lieber mögen, umgekehrt ist es ja auch so. Bei elf veröffentlichten Tonträgern und mehr als 100 Liedern ist das nichts abnormales, dass nicht alles für gut empfunden wird, wäre ja auch schrecklich oder?

GETADDICTED: In deinem Gästebuch wies jemand darauf hin, dass Türsteher bei deinem Konzert Ende März im Dortmunder Bakuda-Club Kleidung der Nazi-Marke „Thor Steiner“ trugen. Er bat dich um eine Stellungnahme? Hat es eine öffentlich bzw. nicht-öffentliche Reaktion deinerseits gegeben?
Kevin: Nein, es hat keine öffentliche gegeben. Ich habe nach den Einträgen von ihm mit dem Veranstalter gesprochen und ihn darauf hingewiesen. Dieser hat dann den Besitzer darauf angesprochen und das - soweit ich weiß - mit ihm geklärt. Alles andere kann ich nicht kontrollieren, das liegt nicht in meiner Hand, es ist nicht mein Laden. Und ich stelle die Leute nicht ein. Ich kann nicht alles kontrollieren, und fand den Gedanken von dem Gästebuchschreiber, dass er auf die Bühne kommen wollte und das Konzert abbrechen wollte, eher etwas übertrieben. Warum ist er nicht zu mir oder irgendjemandem von uns gekommen, dann hätten wir darauf reagieren können. Ich glaube, dass es mehr Einfluss auf den Ladenbesitzer gehabt hätte.
Es ist für mich schon anstrengend genug, den Apparat auf Tour am laufen zu halten, da kann ich leider nicht alles kontrollieren. Ich frage ja auch nicht jeden Besucher an der Kasse, ob er schon mal Böhse Onkelz gehört hat. Für uns ist es nicht immer einfach, einen Laden/Veranstalter zu finden, der mit uns Konzerte macht. Jeder, der schon mal eine Tour gebucht hat, wird das nachvollziehen können. Im Vorfelde eine genaue Kontrolle des Ladens vorzunehmen, ist schwierig, und wenn es über einen externen Veranstalter läuft, der sich in seiner Stadt auskennt, wird darauf vertraut, dass er weiß, welcher Laden passend sei. Die Zeiten der vielen AJZ und JUZZIS ist vorbei, da gab es keine Türsteher.

GETADDICTED: Welche Meinung hast du zu semi-professionellen Click Click Decker-Liveaufnahmen bei youtube.com?
Kevin: Find ich geil!

GETADDICTED: Ist der Click Click Decker-Blog tendenziell eher ein Ventil für den eigenen Gedankenfluss oder ein Bonbon für CCD-Fans vor ihren PCs?
Kevin: Ein Bonbon, bzw. ein Mittel der schnellen Mitteilung, ich kann meine HP nicht selber verwalten, deshalb der Blog. Ich selber finde den langweilig. Die Versuchung ist zu groß, etwas zu schreiben, auch wenn man nichts zu sagen hat.

GETADDICTED: Haben die Leute nördlich des Münsterlandes ein genetisch bedingtes Vorgriffsrecht auf Melancholie?
Kevin: Quatsch!

GETADDICTED: Hemmt Demokratie innerhalb einer Band den kreativen Schaffensprozess?
Kevin: Ich bin Solokünstler! Die Band ist meine Liveband!

GETADDICTED: Aus welchem Trieb heraus ist dein Soloprojekt „My First Trumpet“ entstanden?
Kevin: Meine Festplatte ist voll mit Sachen, die nicht ihren Weg auf Click-Platten gefunden haben. Ich fand sie aber teilweise trotzdem zu schade zum einstauben, deshalb die Trompete.

GETADDICTED: Gibt es Pläne damit vor Livepublikum aufzutreten?
Kevin: Nein, zur Zeit nicht. Ich weiß gar nicht, was ich da gespielt habe.

GETADDICTED: Was war deine erste selbstgekaufte Schallplatte?
Kevin: Public Enemy – Fear Of A Black Planet.

 

 

Interview: Michael Blatt
Foto: Tobias Knopp