EINGESCHWEISST ZWISCHEN GRAUBROT UND ZUCKERHUT

 

Interview mit D-Sailors-Sänger Uli // Januar 2008

 

Gerade erschien auf Sli-Fi.com eine sechsteilige Video-Rockumentary von der Tour der D-Sailors quer durch Brasilien, der zweiten ihrer Karriere. Da die Band ihr gerade erschienenes Album auch wieder fleißig betouren will, haben wir ein Interview ganz dem Thema Reise gewidmet.

 

ZEITREISE

Welche Gedanken/Erinnerungen kommen euch als erstes in den Kopf, wenn ihr an einen Song wie „Reincarnation As A Beer“ erinnert werdet?
Uli: Uiuiuiuiuiuiuiui! Das ist der erste Song von unserer zweiten EP „How to drive“ von 1997. Mannmannmann, ist das lange her. Schulzeit, lange Haare, Melodycore und schlechte Texte. Obwohl ich zugeben muss, dass wir heute deutlich mehr Bier trinken als damals.

DEUTSCHLANDREISE

Ihr seid einige Male getourt. Ohne euch zu nahe treten zu wollen und wie ihr in der Hobnox-Rockumentary ja auch selber zugebt, finden eure Headliner-Shows in Deutschland nicht unbedingt vor allzu großen Menschenmassen statt. Was ist die Motivation, trotzdem immer wieder loszufahren?
Uli: Touren ist was ganz besonderes für mich. Irgendwie gehört zu so einer Tour ja viel mehr, als einfach nur abends eine Dreiviertelstunde auf der Bühne zu stehen. Man ist eine große Familie, zusammen mit unserer Crew (Busfahrer, Mischer, Mercher) ist das wie ne echt geile Klassenfahrt. Das Bier geht nie alle und man darf immer zu den Mädchen rüber. Man erlebt so viele coole Sachen gemeinsam, lernt verrückte Leute kennen und man kann seine eigenen Songs vor Publikum präsentieren. Da ist erstmal egal wie viele Leute das sind. Es macht immer Spaß zusammen unterwegs zu sein und auf der Bühne zu stehen.

WELTREISE

Warum sind gerade Südamerikaner für deutsche/europäische Punkrockbands so gute Gastgeber? Das fängt bei den Toten Hosen an, geht über euch bis hin zu Combos wie Senseless aus Wanne-Eickel (die ihre besten Shows in Mexiko gespielt haben)
Uli:
Wir haben einfach das große Glück gehabt, mit Andre von Nitrominds jemanden kennengelernt zu haben, der nicht nur ein renommiertes Punkrocklabel betreibt, sondern auch äußerst erfolgreich Tourneen in Brasilien bucht. Auf unserer ersten Tour 2002 haben wir ein paar wichtige Konzerte gespielt, bei denen wir die Leute überzeugt haben. Bei unserer letzten Tour 2007 haben wir ständig Leute getroffen, die uns schon 2002 gesehen haben und seitdem Fan sind. Wir haben einfach das Glück gehabt, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein und die richtige Musik gemacht zu haben. So einfach kann das manchmal sein, obwohl ich auch zugeben muss, dass es ein langer, steiniger Weg und viel Arbeit war. Aber gute Gastgeber, das sind sie auf jeden Fall. Ich kann jedem nur empfehlen, mal einen Brasilientrip zu planen, wenn er die Zeit und die Mittel dazu hat.

MITFAHRZENTRALE

Gab es im Laufe eurer Tourneen Begleiter/andere Bands, mit denen ihr besonders außergewöhnliche Dinge erlebt habt? Skurriles, negatives, positives?
Uli: Ständig und immer. Tour ist Ausnahmezustand, ein Paralleluniversum, in dem Sachen passieren, die es im normalen Leben nicht gibt. Jeden Abend eine andere Stadt, jeden Abend andere Menschen und ein neues Konzert. Und das erlebst du halt immer mit der gleichen Reisegruppe. Das schweißt unglaublich zusammen, man lernt sich total intensiv kennen. Ich bin sehr dankbar, dass ich das erleben darf und habe soviele Freunde durchs Touren gefunden, dass das in der Liste der positiven Dinge in meinem Leben ganz oben auf der Liste steht.

REISEVERPFLEGUNG

Wo gab es die beste und wo die schlimmste Reiseverpflegung?
Uli: Das Schlimmste ist natürlich, wenn das Bier alle ist, aber echt schlecht war das Frühstück mal in Trier, wo wir für 14 Personen Travelparty ein altes, drittelgefülltes Glas Nutoka und drei Scheiben vertrocknetes Graubrot zum Frühstück bekommen haben. Und in Rostock gabs mal Kartoffeln, Möhrensalat und Eier in einer wirklich ganz, ganz schlechten Senfsoße. Wahrscheinlich meinten sie es ja nur im veganen Sinne gut mit uns, aber das ging gar nicht. Bestes Catering? Schwer zu sagen, in Deutschland ist man da ja verwöhnt, da gibt’s meistens ne akzeptable warme Mahlzeit, in Brasilien wars da manchmal schon etwas härter. Viel Tankstellenfraß, Burger und so, da muss man schomma drauf achten, dass man nich krank wird, weil man nicht genug Vitamine zu sich nimmt...

SOUNDTRACK

Was läuft im Tourbus, wenn ihr unterwegs seid?
Uli: Viel Metal, aktuelle Platten, nach dem Konzert abends bzw. nachts viel Kassierer, alte Savas, Japanische Kampfhörspiele, K.I.Z..

GEPÄCKLIMIT

Was fehlt euch am meisten, wenn ihr auf Tour seid?
Uli: Wir freuen uns immer so, dass wir wieder auf Tour sind, dass uns eigentlich nicht wirklich was fehlt. Obwohl ... wenn uns eins fehlt auf Tour, dann ist das Schlaf. Der kommt immer zu kurz.

LIEBLINGSREISEZIEL

Welcher Ort/welche Gegend hat euch bisher am besten gefallen und warum?
Uli: Südbrasilien war der Hammer. Landschaft und Leute waren einfach umwerfend. In der Schweiz mag ich es auch sehr gerne, vor allem in Basel haben wir ein paar super Konzerte gespielt. Schönes Wetter, klein, beschaulich und sympathisch. In Deutschland spiele ich immer wieder gerne in Berlin und Ostfriesland. Leider fahren wir viel zu selten in den Süden, ich hoffe, dass das dieses Jahr mal anders wird.

REISEPLANUNG

Wo möchtet ihr auf jeden Fall noch mal hin?
Uli: Japan. 2003 haben wir dort ein Album veröffentlicht und habens nie geschafft mal eine Tour dort zu spielen. Mit der neuen Platte werd ich noch mal einen neuen Anlauf planen. Das wäre echt der Burner, wenn das mal klappen würde.

REISERATGEBER

Als Musiker mit jahrelanger Erfahrung – welchen Tipp sollte eine junge Band auf jeden Fall beherzigen?
Uli: Junge Bands sollten unbedingt von Anfang an versuchen, soviel wie möglich alleine zu machen. Das fängt beim Booking an und hört beim Management auf. Wartet nicht darauf, dass jemand kommt und irgendwas für euch machen will (Stichwort: „Ich bring euch groß raus.“) Schreibt Songs, macht ein paar ordentliche Fotos, geht in ein kleines Studio, oder nehmts selber auf, macht ne Demo-CD, verschickt die an die Clubs in eurer Region und spielt Konzerte, so viele wie ihr nur könnt. Beschäftigt euch frühzeitig mit dem Business, tauscht euch mit anderen Bands aus über ihre Erfahrungen mit Aufnahmen, Labelsuche, Booking, da gibt es viele Gleichgesinnte mit den gleichen Problemen. Und die kann man ganz hervorragend zusammen lösen. Je mehr ihr selber macht, desto besser findet ihr auch heraus, was ihr wirklich wollt. Das schlimme im Musikbusiness ist, dass man sich meistens nur auf sich selber verlassen kann. Es gibt echt viel heiße Luft von selbsternannten Managern und Labeltypen, wo am Ende dann doch nur das funktioniert, was man selber gemacht hat. Das ist die traurige Wahrheit. Wir haben sehr lange gebraucht, bis wir einen Stamm von Leuten um uns versammeln konnten, denen wir vertrauen konnten. Das kann allerdings ein paar Jahre dauern, also übt euch in Geduld. Und am besten sucht man sich seine Crew im direkten Umfeld. Kumpels sind die besten Busfahrer, Merchandiser und Manager. Nicht von Spacken voll labern lassen, langen Atem haben und immer weiter machen, dann funktionierts. Vielleicht.

krock mit allen seinen Vor- und Nachteilen: Neu erfundenes gibt's hier nicht. Nein, die D-Sailors machen eben melodischen Punkrock, wie es ihn schon einige Male gab. Wer da nicht dran interessiert ist, kann weiterklicken. Für alle anderen: Die Jülicher liefern ein absolut solides Album ab. Hymnische Melodien, eher Moll als "uns scheint die Sonne aus dem Arsch", mal ein Bläsereinsatz ("Second Nummer") und für Punkrockverhältnisse eine recht variable Rhythmik. An manchen Stellen kommt der Gesang etwas schwachbrüstig herüber, insgesamt eine 3plus. Für eine bessere Benotung fehlen auf "Between The Devil And The Deep Blue Sea" mehr Songs vom Schlage "Catcher In The Rye".

 

GEWINNSPIEL

Gewinnt "Between The Devil And The Deep Blue Sea" plus zwei weitere CDs, indem ihr folgende Frage beantwortet:

Welche deutschsprachige Punkband läuft bei den D-Sailors gerne im Tourbus?
Antwort per Mail an gewinnspiel@getaddicted.org

 

 

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Interview: Jens Becker