"BONO SOLL NACH HAUSE GEHEN"

 

Interview mit Danko Jones in der Zeche Bochum, 28. März 2006

 

Sleep is the enemy – den Albumtitel sieht man Danko Jones irgendwie an. Zusammen gekauert hockt er hinter seinem Laptop, erhebt sich scheinbar mühsam und trottet zu einem anderen Tisch für das Interview. Gute Laune sieht anders aus – aber die spart er sich offensichtlich für die schweißtreibende Show, die er drei Stunden später abliefern wird.

 

getaddicted: Du hast in einem Interview gesagt, viele Männer sehen heutzutage aus, als wären sie gerade erst aus dem Bett gerollt. Ihr dagegen legt sehr viel Wert auf ein ordentliches Outfit auf der Bühne.
Danko: Das schlimme daran ist ja, dass ich viele solcher Bands mag. Deshalb meinte ich das mit Sicherheit nicht im negativen Sinne. Was ich mit der Äußerung meinte: Wir behandeln eine Show als ein formales Event und dementsprechend kleiden wir uns. Das ist aber nur für uns, nicht für die Leute, die zu den Konzerten kommen. Die können sich natürlich kleiden, wie sie wollen. Das ist der äußere Eindruck einer inneren Einstellung: Wir nehmen das ernst, also kleiden wir uns so.
getaddicted: Inwiefern ist das eine Rolle, in die ihr reinschlüpft?
Danko: Es ist keine Rolle, es ist kein Job. Es ist ein formales Event für uns wie eine Hochzeit, eine Examensfeier, ein Geburtstag, eine Erstkommunion. Ich bin auf der Bühne der gleiche wie neben der Bühne oder sonst im Leben. Auf der Bühne spiele ich vor 300, 5000, 8000 Leuten. Und trotzdem bin ich einfach ich selbst.
getaddicted: Bis zu welchem Grad stimmt dann das lyrische Ich deiner Texte mit dir selbst überein?
Danko: 100 Prozent. Jeder einzelne Song entstammt direkt der Wahrheit. Ich schreibe über Sachen, die ich kenn und kann auch nichts schreiben, was ich noch nicht erlebt hab.
getaddicted: Wie passen dann Liedzeilen zusammen wie „Everybody wants to fall in love – but not me“ und dazu der Text von „Invisible“, wo du einer Frau quasi alles versprichst? Ist das nicht gegensätzlich?
Danko: Nicht wirklich. Wenn dir gerade eine Frau das Herz gebrochen hat, dann ist es immer das allererste, was man sagt: Ich will mich nie wieder verlieben. Die ganze Welt ist schlecht – und vor allem Frauen! Aber – und das weiß auch jeder – dann kommt wieder die Zeit, in der man eine sehr intensive Erfahrung macht mit einer Frau, und da kommen dann solche Zeilen bei heraus wie in „Invisible“. Das ist ja kein Widerspruch, ich habe die Lieder ja nicht beide an einem Tag geschrieben.

getaddicted: Auf eurem neuen Album ist ein Song mit der Zeile „Do you kiss on the first date?“ Wie hast du dein allererstes Date in Erinnerung?
Danko: Ich war sehr nervös, das weiß ich noch. Aber ich hab da keine Details mehr im Kopf. Das ist zu lange her. Sie wurde dann auch damals meine Freundin, und wir hatten noch viele Dates. Das ist in meinen Erinnerungen ein bisschen verschmolzen alles.
getaddicted: Was schätzt du besonders an einem Date? Was macht eine Frau interessant?
Danko: Ein nettes Gespräch, einen guten Humor, wenn alles locker ist. Das ist schwer zu sagen. Vielleicht ist es einfaches anders herum: Wenn sie nicht über meine Witze lacht, und ich ihre Geschichten langweilig finde, das macht Frauen uninteressant für mich.
getaddicted: Was machst du dann?
Danko: Abwarten. Vielleicht ändert es sich, ansonsten irgendwie elegant verschwinden.

getaddicted: Das Album heißt „Sleep is the enemy“. Was würdest du noch als dein Feind bezeichnen?
Danko: Kann ich nicht sagen. „Sleep is the enemy“ beschreibt unsere Arbeitsethik innerhalb der Band sehr passend. Eine andere Art es zu beschreiben war „We sweat blood“. Man hat eben nie genug Zeit und Stunden am Tag, um alles das zu erledigen, was man sich vorgenommen hat.
getaddicted: Ihr seid bei einem Label mit dem Namen Bad Taste Records. Welche Bands müsste ich hören, damit du mir einen schlechten Geschmack unterstellst?
Danko: Ich selber höre verschiedene Musik, also würde ich nicht sagen, dass bestimmte Musik von vorneherein schlecht ist. Ich mag Jazz, Punkrock, Hip Hop, Metal. Wenn ich elektronische Musik im Radio höre, schalte ich da auch nicht sofort weg. Es sind dann eher die Bands, die gut oder schlecht sind. Nur weil wir selber Rock’n’Roll machen, hören wir ja nicht nur Rock’n’Roll. Sonst wäre unsere Musik sehr langweilig. Aber es gibt viele Bands, die denken, sie müssten nur eine ganz bestimme Art von Musik hören. Und wenn sie dann mal andere Musik hören, müssten sie ihre ganze Garderobe wechseln, neue T-Shirts kaufen, ihren Stil ändern, sich neue Freunde suchen. Das gibt es oft, aber ich finde es total kindisch, so eine eingeschränkte Szenezugehörigkeit.
getaddicted: Aber gerade das gibt es doch gerade im Punkrock/Emo/Hardcore-Bereich massenweise. Was denkst du über solche Leute, wenn sie zu euren Shows kommen?
Danko: Ich freue mich. Sie mögen scheinbar die Musik, die wir machen. Ich liebe die Musik, die wir machen. Wäre ich nicht in dieser Band, ich wäre ihr größter Fan. Wir haben dann teilweise einen gleichen Musikgeschmack. Ich freu mich, dass sie da sind. Ich würed auch nicht mit dem Finger auf sie zeigen und ihnen erzählen wollen, was sie für Musik hören sollen, wie sie sich kleiden sollen. Ich denke, das sollen sie selber entscheiden. Ich bin nicht Bono oder Sting, die mit dem Finger auf irgendwelche Leute zeigen. Mein Job ist es, die Leute zu unterhalten und dafür zu sorgen, dass sie lachen und gute Laune haben, wenn sie nach Hause gehen. Das und nichts anderes. Wer andere Leute belehren will, soll sich zum Teufel scheren.
getaddicted: Ihr spielt ja auch öfter mal mit Bands zusammen, bei denen das ähnlich der Fall ist.
Danko: Auch da: Die sollen sich zum Teufel scheren. Bono soll nach Hause gehen und all’ diese politisch korrekten Punkrock-Bands, die sich für die Heiligen vor dem Herren halten, sollten auch nach Hause gehen. Je mehr sie auf politisch korrekt machen, desto mehr Dreck haben sie selber am stecken und desto mehr beschmeißen sie alle anderen mit Dreck. Und damit meine ich nicht nur die Punkrock-Bands. Je politisch korrekter – das ist die Erfahrung, die ich gemacht habe – desto mehr ziehen sie ihre Bandmitglieder ab, verarschen ihre Freundinnen, aber dann auf andere Leute zeigen und denen sagen, dass es falsch ist, was sie machen. Vor solchen Leuten habe ich keinen Respekt und solche Leute verachte ich. Aber es gibt in unzähligen Punkrock-Bands supercoole Leute. Schau dir Leute wie Ian MacKaye von Fugazi an. Oder hier: Martin, unser Tour-Manager (Martin, auch Drummer von Venerea, schleppt gerade einen Riesenkorb mit Obst an den Tisch, Anm.). Ich hab nichts gegen Punkrocker, aber gegen Heuchler.
getaddicted: Habt ihr deswegen auch keine politischen Texte?
Danko: Ja und nein. Ich halte mich einfach nicht für den Menschen, der über politische Themen singen sollte. Ich unterhalte lieber die Leute. Wenn ich jetzt meine politischen Standpunkte auf der Bühne darlege, die Leute damit aber nicht übereinstimmen, fühlen sie sich am Ende unwohl. Wir wollen aber, dass sie Spaß haben. Und wir nehmen uns auch nicht zu wichtig.

 

Interview: Jens Becker