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ZWISCHEN SUBVERSIVER NOTWENDIGKEIT UND
TESTOSTERONGELADENEM SCHEISSDRECK
DENY EVERYTHING stecken mittendrin und sind dabei "verdammt tight" // per Mail
GETADDICTED: Zum Opener: Irgendwann im Laufe der Jugend kommt der Punkt, an dem man anfängt, Dinge zu hinterfragen, zu kritisieren. Oft sind das Bücher oder Songs. Gab es da bei euch einen oder mehrere ausschlaggebende Momente/Situationen/Songs/Texte? Welche/r war/en das?
Deny Everything: Einen bestimmten Punkt kann ich da bei mir schwer ausmachen, ich denke, dass es viele Stationen gibt, an denen man bestimmte Dinge oder Vorstellungen, die man lange für richtig gehalten hat, hinterfragt oder über Bord wirft.
Wichtig war für mich klassischerweise damals auf jeden Fall Propagandhi, speziell „Less Talk, More Rock“. Die Texte und Linernotes haben damals bei mir einfach einige neue Themen ins Bewusstsein rücken lassen, mit denen ich mich dann in der Folge begonnen habe, intensiver zu beschäftigen, wie Tierrechte, Sexismus, Homophobie.
Wichtig waren auch Refused und später auch The (International) Noise Conspiracy, durch die bin ich z.B. zum ersten Mal auf Texte der Situationistischen Internationale oder auch auf Autoren wie Michel Foucault oder Judith Butler aufmerksam geworden, die auch heute noch immens wichtig für mich sind.
GETADDICTED: Welche Bücher haben euch in eurer Denkweise auch nachher maßgeblich beeinflusst und wie?
Deny Everything: Da gibt es natürlich viele, aber wenn ich da jetzt einen Autor nennen müsste, wäre das wohl Michel Foucault. Ich habe damals als erstes „Überwachen und Strafen“ gelesen, eben weil ich das irgendwo bei T(I)NC aufgeschnappt hatte. Das war schon eine ziemliche Offenbarung, auch wenn ich vieles einfach überhaupt nicht verstanden habe. Ich war damals relativ stark marxistisch beeinflusst, aber Foucault schien mir einfach eine Ecke komplexer, schlauer, er hat alles noch mal eine Ecke weiter hinterfragt und war dabei auf eine bestimmte Art wesentlich radikaler als alles, was ich vorher gelesen und gedacht hatte, um das jetzt mal extrem allgemein zu formulieren.
ALS SICH DAS FATWRECK-DING TOTGELAUFEN HATTE
GETADDICTED: Welche Bands haben euch in eurer Denkweise auch nachher maßgeblich beeinflusst und wie?
Deny Everything: Bands, von denen ich das behaupten könnte, gibt es - fürchte ich - kaum. Es gab auf jeden Fall auch später oder heute noch Bands, die ich politisch wichtig oder herausfordernd fand/finde, da sie bestimmte Normen innerhalb der Punkszene sichtbar gemacht oder dekonstruiert haben, bspw. feministische Bands, allen voran natürlich Bikini Kill, oder in letzter Zeit queere Punkbands wie Limp Wrist oder auch The Gossip.
Bands, die tatsächlich meine Denkweise beeinflusst haben, gibt es aber glaube ich in dem Sinne nicht.
GETADDICTED: Bei welchen Bands würdet ihr sagen, dass sie musikalisch auf euch einen großen Einfluss hatten? Gab es vielleicht Schlüsselerlebnisse wie bestimmte Konzerte?
Deny Everything: Was für meine musikalische Sozialisation wohl entscheidend war, war die Entdeckung der ganzen Früh-80er-US-Hardcore-Bands, die bei mir sehr spät kam. Das war wohl so Ende der 90er, als dieses FatWreck-Ding sich so langsam totgelaufen hatte. Da haben sich dann alle irgendwie umorientiert, ich hab dann auch mal so ein bisschen Schwedenrock und so was gehört. Dann kamen so Emo-Sachen, die ersten Platten von Get Up Kids, Jimmy Eat World, New Found Glory und so, aber das war irgendwie einfach alles nix.
Irgendwie kam ich dann auf Black Flag, Circle Jerks, Minor Threat und das ganze Zeug, und das hat total bei mir eingeschlagen, das hatte ich die ganze Zeit über gesucht. Und irgendwann dann halt Kid Dynamite, die sich ja stark auf diese Bands bezogen haben, die aber halt diese poppige Komponente hatten, die ich dann wiederum total geil fand. Irgendwie war das ja auch so eine Mischung aus der Art Punk, die ich vorher gehört hatte und härterem 80er HC. Die sind wahrscheinlich schon der direkteste Einfluss auf unser Songwriting.
GETADDICTED: „Patriotism is so 19th century“: Keine Frage, dem Text und den Linernotes kann ich nur zustimmen (Patriot ist die Kombination aus Patriarch und Idiot). Wie würdet ihr dann den Unterschied beschreiben zwischen der Identifikation mit einem Nationalstaat und der Identifikation mit einer so genannten „Szene“? Geschieht da nicht auch eine Identifikation über mehr oder weniger abstrakte Symbole, die auf der anderen Seite eine Exklusion anderer darstellt? Stichwort Kleidung, „Style“, Tattoos, Piercings. Wie seht ihr dann heute die Punk/Hardcore-Szene?
Deny Everything: Das ist tatsächlich eine interessante Frage, und eine schwierige.
Analog dazu habe ich mir auch schon mal die Frage gestellt, was der Unterschied zwischen dem positiven Bezug auf eine Nation und dem Bezug auf bspw. eine Stadt ist, also das, was man so „Lokalpatriotismus“ nennt. Oder aber Identifikation mit einer“ progressiven“ politischen Bewegung, Antifaschismus, Feminismus o.ä., dort findet ja notwendigerweise ein ähnliches Phänomen statt, Konstruktion einer gemeinsamen Identität, Exklusionsmechanismen, Identifikation mit bestimmten Symbolen… und dennoch sind natürlich solche Formen politischer Bewegung und Organisation total notwendig.
Nun, ein erster ganz manifester Unterschied ist denke ich, dass aufgrund der Identifikation mit einem Nationalstaat andere Menschen bedroht, verprügelt, umgebracht werden, was mir bei der „Szene“ wohl eher nicht der Fall zu sein scheint.
Zweitens natürlich: eine Szene wie Punk/HC ist im Gegensatz zur Nation zumindest idealiter offen für jeden, der daran teilnehmen will, unabhängig von Herkunft, Geschlecht, Alter usw., während bei Nationen Menschen ja gerade aufgrund von Faktoren, für die sie gar nichts können ein- oder ausgeschlossen werden.
DUMMHEIT STIRBT NICHT AUS UND IST ÜBERALL
Ein weiterer Faktor ist denke ich einfach die Größe des Gebildes, von dem man spricht. Ein Nationalstaat hat einfach eine so riesige Ausdehnung und umfasst so viele eigentlich gar nicht miteinander vereinbare Bewegungen, Gruppen, Ideen usw., dass die ganze Idee im Grunde vollkommen abstrakt bis zur Absurdität wird, wenn man wirklich mal drüber nachdenkt.
Eine Szene wie Punk/HC ist dagegen ja erstmal relativ überschaubar, sie findet zunächst in einem lokalen Rahmen statt, und irgendwie strickt ja jede/r der/die daran beteiligt ist am Ganzen mit. Denn die Frage, was ist eigentlich Punk oder HC wird sich ja ständig gestellt, jeder beantwortet sie irgendwie anders, und so ist das Ganze ja ständig im Fluss und nicht statisch. Letzteres würden allerdings wahrscheinlich Befürworter von Patriotismus auch in Hinblick auf die Nation behaupten…
Ich fürchte, eine wirklich gute Antwort kann ich auf die Frage nicht geben.
GETADDICTED: Wie steht ihr zu frühen Vorreitern des Hardcore wie Agnostic Front oder aber Biohazard, die „Stars&Stripes“-Sticker auf ihren Instrumenten haben?
Deny Everything: Naja, zunächst mal sind solche Bands denke ich der Beweis, dass es in der Punk/Hardcore-Szene genauso viele dumme Leute gibt, wie anderswo auch, weswegen ich auch nie diesen Vorwurf des „preaching to the converted“ verstanden habe, der ja oft als Rechtfertigungsstrategie benutzt wird von politischen Bands, die sich aus der Subkultur herausbewegen wollen, um mehr Leute zu erreichen. Ich denke, innerhalb unserer Szene gibt es immer noch mehr als genug zu tun, was das angeht.
Zu deinem Beispiel würde ich allerdings noch sagen, dass es wohl in den USA tatsächlich ein fundamental anderes Verhältnis zur eigenen Nation gibt, das man nicht gut finden, aber berücksichtigen muss, wenn man über die Einstellung von amerikanischen Bands zu diesen Dingen redet. Und vor allem dient gerade im deutschen Kontext meist die Abgrenzung vom Patriotismus in den USA als Strategie, um im Gegenzug wiederum einem positiven Bezug auf die eigene Nation das Wort zu reden. Ich finde es jedenfalls insofern schwierig als auch einfach in gewissem Sinne kontraproduktiv, aus deutscher Perspektive US-Patriotismus zu kritisieren, mir scheint da eine Auseinandersetzung mit dem, was im eigenen Land passiert, wichtiger und fruchtbarer.
Abgesehen davon sind mir Bands wie AF oder Biohazard auch irgendwie relativ egal.
Obwohl, „Punishment“ ist natürlich ein großartiger Song! Und das Video erst…
SPIEL NICHT MIT DEN BOLLO-KINDERN
GETADDICTED: In „Apparently, it’s still just boys’ fun“ kritisiert ihr Bollo- und ToughGuy-Gehabe. Distanziert ihr euch dann aktiv von Violent Dancing o.ä.?
Deny Everything: Bisher haben wir auch nur ein mal das „Vergnügen“ gehabt, dass irgendwelche aufgepumpten Typen angefangen haben, während unseres Sets die Fäuste fliegen zu lassen, was ironischerweise genau bei dem Song, den du ansprichst, losging. Wir haben den Song dann abgebrochen und gesagt, dass die Jungs doch bitte damit aufhören sollen. Ehrlich gesagt war ich aber in dem Moment auch durch deren Auftreten extrem eingeschüchtert und habe es nicht geschafft, so deutliche Worte dagegen zu finden, wie ich mir das im Nachhinein gewünscht hätte. Auch wenn die Typen sich danach etwas zurückgehalten haben, war die Show allein durch deren Anwesenheit für alle so ziemlich ruiniert, was irgendwie eine krasse Erfahrung war.
GETADDICTED: Ihr kritisiert dort außerdem die Vorherrschaft von weißen Kerlen. Ist die aber nicht vielmehr in den Wurzeln der Subkultur an sich begründet als in der männlichen Vormachtstellung innerhalb der Gesellschaft? Andere Subkulturen (Hip Hop, Reggae bzw. Rasta, Hippies) sind anders dominiert, was in den meisten Fällen auch am sozialen Umfeld liegt.
Deny Everything: Nun ja, ich glaube, in dem Song geht es irgendwie um zwei verschiedene, wenn auch miteinander verwandte Dinge: einerseits um Sexismus innerhalb der HC-Szene im Allgemeinen und auf Konzerten im Besonderen.
Was mit den „white boys“ angesprochen ist, ist noch etwas anderes: die Hardcore-Szene besteht wohl zum größten Teil (ohne das jetzt im einzelnen statistisch belegen zu können, kann man das glaube ich so sagen) aus weißen, heterosexuellen Männern der Mittelklasse, was wohl der privilegiertesten gesellschaftlichen Position entspricht, die es möglich ist, innezuhaben, denn das ist genau die Gruppe, die in unserer patriarchalen ,rassistischen, kapitalistischen Gesellschaftsordnung die ökonomische, politische und kulturelle Hegemonie innehat.
"UND WIR SIND TEIL DES PROBLEMS"
Für mich bedeutet Punk/Hardcore aber zu einem ganz wichtigen Teil, genau diese Gesellschaftsordnung in Frage zu stellen, mit anderen Worten, im Zentrum von Punk steht für mich Subversivität. Nun, was ist subversiv daran, wenn weiße Jungs sich einander vorschreien, wie scheiße es ihnen geht, obwohl sie eigentlich im Gegensatz zu Mitgliedern von gesellschaftlich randständigen, marginalisierten Gruppen nicht gerade viel zu meckern haben? Anders formuliert: Hardcore/Punk als Szene reproduziert tendenziell in seiner Zusammensetzung die gesellschaftliche Hegemonie weißer, heterosexueller Männer, obwohl es aus meiner Perspektive wohl bei Punk darum gehen sollte, genau diese Hegemonie und den ganzen Scheiß, der mit ihr einhergeht, in Frage zu stellen und aus den Angeln zu heben.Der Tatsache, dass ich als Person oder wir als Band ein Teil dieses Problems sind, sind wir uns durchaus bewusst. Genauso wenig kann ich irgendeine Patentlösung für dieses Dilemma anbieten, außer, dass es zunächst mal denke ich wichtig ist, sich dieser Dinge überhaupt bewusst zu werden und darüber nachzudenken.
GETADDICTED: Und liegt es nicht auch ein bisschen an der Art der Musik, dass Frauen zum Beispiel weniger damit anfangen können?Deny Everything: Inwiefern? Weil Hardcore aggressiv ist und Frauen nicht? Wenn dem so wäre, was ich nicht glaube, müsste man sich wohl fragen, warum Frauen wohl nicht aggressiv sind oder keine aggressive Musik mögen.
Ich denke, die Tatsache, dass es in der Hardcore-Szene (bei Punk, um das jetzt mal künstlich voneinander zu trennen, sieht es glaube ich nicht ganz so düster aus) so wenig Frauen vertreten sind, liegt grundsätzlich an zwei Faktoren: zum einen am Sexismus innerhalb der Szene selbst: Frauen werden als Gesprächspartner nicht ernst genommen, Frauen in Bands werden belächelt oder auf ihre Körperteile reduziert, Frauen werden durch Dinge wie Violent Dancing bei Konzerten an den Rand gedrängt, es gibt tonnenweise Bands mit offen sexistischen Texten, und Hardcore ist zu großen Teilen einfach ein widerlich maskulinistischer, testosterongeladener Scheißdreck.
Zum anderen gibt es denke ich bestimmte gesamtgesellschaftliche Faktoren, die mit hinein spielen. So gehört z.B., das ist denke ich zentral, nach bestimmten Geschlechteridealen Aggressivität oder Wut nicht zum sanktionierten Kanon weiblicher Emotionen. Das heißt aber nicht, dass Frauen solche Emotionen „von Natur aus“ nicht fühlen, sondern dass es normativen Vorstellungen von Weiblichkeit widerspricht, sich aggressiv zu verhalten, mit anderen Worten, aggressive Frauen werden als „unweiblich“ angesehen.
Ich denke aber, dass es einfach zu Punk gehört, genau solche normativen und im Kern eben sexistischen Vorstellungen in Frage zu stellen. Warum sollte ein so großartiges Aggressionsventil, wie es für viele von uns Punkrock darstellt, nur für Männer reserviert sein? Und wäre Punk/HC nicht um einiges spannender und vielfältiger, wenn dem nicht so wäre? Nun, Ich denke, wir können einiges dafür tun, um an diesem Status Quo etwas zu ändern.
Irgendwie finde ich es auch seltsam, dass all diese Diskussionen heute so geführt werden, als hätte es so was wir riot grrl nie gegeben, denn diese ganzen Fragen hat man sich ja schon in den Neunzigern gestellt.
GETADDICTED: Wie kurz ist „Punk=Short“, wenn ihr ihn live spielt? (Wenn man bedenkt, dass Songs live einen Tacken schneller gespielt werden...)
Deny Everything: Selbstverständlich spielen wir alle songs live in dem exakt gleichen Tempo, wie auf Platte, weil wir einfach so unglaublich tight sind. Insofern: ca. 20 Sekunden…
GETADDICTED: Wenn schon „konservativ“ (im Sinne von purem konservieren, sprich bewahren): Welche fünf Songs sollten definitiv für die Nachwelt konserviert werden?
Deny Everything: Puh, fünf Songs… morgen würde ich wahrscheinlich was anderes schreiben, aber im Moment, wenn ich mich auf HardcorePunk beschränke:
Black Flag- Revenge
Lifetime- Irony is For Suckers
Minor Threat- Minor Threat
Descendents- When I Get Old
Bikini Kill- I Like Fucking
- Deny Everything live in Münster 2007
- Interview mit Deny Everything 2007
- Deny Everything . Fire This Time






