"FOLKMUSIK IST DIE ALLERERSTE PUNKMUSIK - VOM VOLK FÜRS VOLK"

 

Interview mit den Dropkick Murphys in der Fabrik, Coesfeld 2005

 

Es fing damit an, dass ich den Jens fragte, ob er mit zu den Dropkicks nach Coesfeld kommt. Wochen vergingen, ohne dass ich eine Antwort erhielt (Es vergingen auch Wochen, bis ich dann das abgetippte Interview bekam..., Anm. vom Jens). Auf einmal meldet er sich per ICQ und fragt, ob ich nicht ein Interview für ihn übernehmen könne – der Termin würd ihm nich passen. Na gut. In Coesfeld angekommen merkte ich auch schon, weshalb der Jens keine Lust hatte. Irgendwie muss der Fuchs im Urin gehabt haben, dass es auf einmal hieß, dass für Coesfeld keine Interviews gebucht worden seien. Na toll. Irgendwann kam aber doch noch Marc Orrell und meinte:Wenn hier Leute Interviews wollen, dann machen wir das auch! Also ab in den Tourbus, wo auch noch Al Barr saß. Es wurde deutsches Bier gereicht, nur zu meinem Entsetzen nicht zur Freude aller. Auf meine Bemerkung, dass man die Jungs gut füttere, beschwerte sich Marc Orrell, dass er lieber Budweiser hätte. Die Ami-Plörre! Minuspunkt für Marc, Pluspunkt für Al, der meiner Meinung war…

 

GETADDICTED: Also, starten wir direkt mit etwas Ernstem: Im Song „Last Letter Home“ benutzt Ihr Auszüge aus den Briefen eines Fans, der während seines Dienstes im Irak gefallen ist. Das sagen zumindest die Fußnoten im Booklet…
Al Barr: Du konntest das Booklet lesen? Also ich nicht – ist mir viel zu klein geschrieben!
GETADDICTED: Na ja, es ging. … Also was mich interessiert ist eure Meinung zu diesem Krieg. Davor, während und danach. Hat sich da was geändert?
Al Barr: Zuerst mal, Sgt. Andrew Farrar war kein Freund von uns, wir kannten ihn nicht persönlich, aber seine Mutter wusste, dass er ein DKM-Fan war. Er hatte ihr geschrieben, dass er wollte, dass wir „Fields of Athenry“ bei seiner Beerdigung spielen. Ja, und der letzte Brief, den sie uns dann auch per eMail geschickt hat, war dann leider Gottes auch sein letzter, da er im Einsatz gefallen ist. Wir waren dann auch auf seiner Beerdigung und haben dort gespielt. Was den Krieg angeht, kann ich nur sagen, dass wir gegen diese Regierung, gegen George Bush sind und als Band, die den Gewerkschaften nahe steht, sind wir eh für die Demokraten. Die Republikaner haben die Gewerkschaften immer mies behandelt, da versteht sich von selbst, dass wir gegen sie sind. In einer Gewerkschaft zu sein und gleichzeitig für die Republikaner – das ist als wenn Du sagen würdest „Hey, ich bin Katholik aber auch Nazi…“ Was ich sagen will ist: wir waren immer gegen den Krieg und sind es auch jetzt noch. Wir hassten diesen Krieg als er geplant wurde, wir hassten ihn als er begann und wir hassen ihn immer noch. Der einzige Unterschied ist, dass wir die Truppen unterstützen; sie sind die
Arbeiterklasse des Landes. Ich hab ne Menge Freunde dort, die in die Army gegangen sind, um sich ihre Studiengebühren zu verdienen und die jetzt im Irak feststecken. Jeder, den ich kenne, der dort war und zurückgekommen ist, alle, die uns nach unseren Shows gesprochen haben, haben uns dafür gedankt, dass die Band sie durch die harten Zeiten dort gebracht hat. „Fuck the war!“ und „Fuck George Bush!“ aber danke für eure Band, danke für eure Musik. Die hat uns geholfen da zu überleben.
Ich mein’ Musik ist einfach stärker; stärker als alles an Politik, stärker als jeder Krieg.
Um zusammen zu fassen: wir sind gegen den Krieg, aber wir unterstützen unsere Truppen. Ich glaub’ das ist etwas, dass Ihr Europäer – also vielleicht nicht Du speziell – dass Ihr Europäer nicht wirklich versteht. Dass man die Truppen unterstützt ohne für die Regierung zu sein. Diese Regierung ist es ja, die sie dahin schickt. Die Jungs da unten machen nur ihren Job; sie sind in der Army und werden einfach da runter geschickt…
GETADDICTED: Ja, und ihre eigenen Kinder schicken sie nicht runter!
Al Barr: Ja genau! Ihre eigenen Kinder schicken sie nie weg! Die, die es sich nicht leisten können, sind dort unten. Das ist in Amerika immer so gewesen. Vietnam? Dasselbe. Die Arbeiterklasse zieht in den Krieg. Lass die Leute wissen: wir hassen diesen Krieg und wir hassen George Bush. Und ich hab keine Ahnung, wie der es geschafft hat, wieder gewählt zu werden. Ich kenn wirklich niemanden, der diesen Typ gewählt hat, alle meine Freunde haben für Kerry gestimmt. Ich glaub so langsam wirklich, dass da irgend ne krumme Sache läuft, aber egal…

GETADDICTED: Speziell in Songs wie dem „Worker’s Song“ legt Ihr eine nicht zu übersehende/überhörende Blue Collar-Attitude an den Tag, die Hand in Hand geht mit euren Songs über die Gewerkschaften. Einer von euch hatte nen Opa in der Gewerkschaft…
Al Barr: Ja, der Opa von Ken, unserem Bassisten, hat die erste Cold-Storage-Union gegründet…
GETADDICTED: Hm ja, das ist bekannt. Aber was ich wissen will ist, wie das bei euch anderen aussieht. Kommt Ihr alle aus Arbeiterfamilien oder gibt’s in der Band auch ein schwarzes Schaf?
Al Barr: Wir kommen alle aus derselben sozialen Ecke, unsere Eltern haben alle für ihr Geld arbeiten müssen und tun es auch jetzt noch. Darum ist unsere Musik ja auch so auf dieses Thema fokussiert.
GETADDICTED: Schön zu hören. Aber wie ist das mit euch persönlich? Ihr seid Musiker, ihr spielt in ’ner Band. Wenn ich da an meinen Opa denke, der hätte sich wahrscheinlich kaputtgelacht und gesagt: „Guck dir die an. Musiker, die mir einen vom Arbeiten erzählen wollen. Die sollen erstmal selber arbeiten!“
Marc Orrell: (lacht irgendwie sehr feminin)
Al Barr: Also da muss ich ihm leider widersprechen. Wir müssen hier tatsächlich arbeiten, und zwar mehr als genug. Wir bringen ein Album raus und sind danach erstmal neun Monate weg von zuhause und gehen auf Tour. Und wir müssen hier leben (zeigt im Bus rum, der wirklich nicht so gemütlich aussieht). Ich mein, wir haben nur ein Klo, das am Ende des Tages einfach mal stinkt wie Sau…
Marc Orrell: (guckt als käm’ er grad daher)
Al Barr: Und wir müssen uns gegenseitig aushalten. Wir kommen zwar echt gut miteinander aus, wie eine Familie, aber family is fight.
Marc Orrell: Und dann ist da noch die Sache mit der Privatsphäre…
Al Barr: Es ist echt der härteste Job, den ich bisher hatte. Und ich hab schon alles Mögliche gemacht, vom Kochen bis zum Kloschrubben. Was auch immer…
GETADDICTED: Ihr habt aber schon noch Spaß dabei, oder?
Marc Orrell + Al Barr: Ja, Mann!
Al Barr: Es ist echt der Hammer. Wir haben hier wirklich den besten Job der Welt, aber es ist auch nicht wirklich der einfachste Job der Welt. Aber es ist wirklich der beste, ganz ehrlich!
GETADDICTED: Ich glaub’s dir wohl.
Al Barr: (grinsend zu Marc Orrell) Du sagst mir schon, wenn Du auch mal was sagen willst, oder?
Marc Orrell: (fast schon resignierend) Nö is klar… Du machst das schon ganz gut.

GETADDICTED: In „Wicked Sensitive Crew“ macht Ihr keinen Hehl daraus, dass Ihr das, was man so unter Punk-Pop oder Pop-Punk einsortiert, nicht wirklich mögt. Was pisst euch am meisten an? Habt Ihr ein paar Namen für mich? Irgendwelche Schweden oder Veganer?
Marc Orrell: (zeigt einfach nur auf Al Barr)
Al Barr: Ja, also da sind ne ganze Menge Insiderjokes drin. Aber woran ich bei dem Song gedacht hab ist, wenn du früher einen Typen mit Kopf- oder Nacken-Tattoo gesehen hast, war das entweder ein Biker oder der abgedrehteste Punk, den du je gesehen hast. Also in den Achtzigern jetzt … da gab ja noch nicht so viele Leute mit Tattoos. Heutzutage – jetzt haben ja sogar die Backstreet Boys Nacken-Tattoos!!!
GETADDICTED: Was? Die?
Al Barr: Genau die. Hab ich im Video gesehen; einer von den Typen hat eins. Und lass mich eins sagen: Backstreet Boys – not tough!
Marc Orrell: Die sind einfach nur bescheuert…
Al Barr: Genau, genau – eine von diesen ätzenden Homo-Bands! Is’ mir aber auch egal, ich scheiß auf die! Was ich sagen will ist, dass „Wicked Sensitive Crew“ von all diesen Typen handelt, die so aussehen, als wären sie weiß Gott wie hart und krass drauf. Aber in Wirklichkeit sind das doch alles Heulsusen, die alle mal in den Arm genommen werden müssten…
Marc Orrell: (scheint langsam aufzutauen) Es ist einfach ein großer Witz…
Al Barr: Es ist einfach ein Song, um die ganzen Leute anzupissen, die den Toughguy- Look geklaut haben, um ihn sich überzustülpen, ohne ihn sich zu verdient zu haben.
GETADDICTED: Du meinst diese ganzen geklonten Retorten-Bands?
Al Barr: Genau die. Es ist einfach unsere Art, uns über diese ganzen Schwuchteln lustig zu machen.

GETADDICTED: Und nun zu etwas völlig Anderem. Euer Mix aus Punk und Irish Folk ist ja mehr als offensichtlich…
Al Barr: Im Ernst?
GETADDICTED: Ja, es geht so. Aber wie sieht’s in Irland selbst aus? Habt Ihr da viele Fans oder stoßt Ihr da auch auf Ablehnung?
Al Barr: Also zuallererst mal sind wir ja ne amerikanische Band aus Boston, Mass. Jeder von uns hat aber auch irgendwie mit Irland zu tun. Ich zum Beispiel hab einen Sohn, der Ire ist, da meine Frau Irin ist. (grinst) Hm, also irgendwie kannst Du schon sagen, dass wir irische Fans haben.
Marc Orrell: (in einem Anfall völlig ungeahnter Redelust) Ja Moment – vielleicht sollten wir dich feuern und deinen Sohn singen lassen!
Al Barr: Ja, tolle Idee. Vielleicht. Aber im Ernst – zuerst mal sind wir eine amerikanische Punkband, die einfach einen weiteren Einfluss in ihre Musik mit aufgenommen hat. Außerdem haben wir immer gesagt, dass Folkmusik im Prinzip die allererste Punkmusik war – vom Volk fürs Volk.
Marc Orrell: (schon wieder! Mich überrascht nichts mehr!) Sogar mein Opa findet uns gut – den haben wir also quasi zum Punkrock rüber geholt.

GETADDICTED: Aha. Vielleicht mal was in ne andere Richtung. Was ist eigentlich die dümmste, die absolut bekloppteste Frage, die euch in einem Interview gestellt wurde?
Al Barr: Was ist ein Dropkick Murphy?
Marc Orrell: Have you ever dropped something, kicked it and called it a Murphy? Ich hoffe ernsthaft, dass dieser Typ krepiert und in der Hölle verrottet!
GETADDICTED: Und wie sieht’s mit ner Frage aus, die Ihr schon immer gefragt werden
wolltet, die euch aber noch niemand gestellt hat?
Al Barr: (guckt wie’n Autobus)
GETADDICTED: Fällt euch nix ein?
Marc Orrell: Doch! „Wie groß ist dein Penis?“ Das hat mich noch niemand gefragt.
Al Barr: Stimmt.
Marc Orrell: Ich könnte ja jetzt erzählen, wie groß er ist…
Al Barr: Du willst das also gefragt werden?
Marc Orrell: Na ja, ich weiß nicht…
Al Barr: Es wird dich auch niemand fragen!
Marc Orrell: Ja, das hab ich ja befürchtet!
Al Barr: Na gut, er ist riesig!
GETADDICTED: Und das wollte dann tatsächlich niemand wissen!
Al Barr: Ich sag ja immer, dass es keine dummen Fragen gibt, sondern nur dumme Antworten.
GETADDICTED: Den Spruch hast Du doch von deiner Oma!
Marc Orrell: Also, da war mal dieser eine Typ, der mich fragte, ob ich eher meinem Kollegen einen runterholen oder mir meinen Schwanz selbst abschneiden würde.
Al Barr: Na gut, also manchmal kriegt man schon ein paar sehr, sehr seltsame Fragen zu hören. Das sind dann die Leute, die direkt aus dem Bus fliegen!
Marc Orrell: Also, das war in Kanada…
Al Barr: Na klar – der Typ war ein fucking Canadian!
Marc Orrell: Verdammt, wie zum Teufel kommt man auf so eine Frage? Hat der sonst nichts zu tun? Ich schon!
GETADDICTED: Der hat wahrscheinlich nen Monat an der Frage gesessen.
Marc Orrell: Mindestens!

GETADDICTED: Jetzt muss ich erstmal überlegen – will ich euch überhaupt noch was fragen? Ah doch. Mir kam zu Ohren, dass Du, Al, deutsche Vorfahren hättest. Ist da was dran?
Al Barr: Oh ja. Es ist die Wahrheit! (Das Kursivgedruckte sagt er tatsächlich in gar nicht mal so schlechtem Deutsch!)
GETADDICTED: War’s der Milchmann?
Al Barr: Genau der! Quatsch, meine Mutter ist Deutsche.
Marc Orrell: Er kann Deutsch reden, Mann!
Al Barr: Meine Mutter ist deutsch und ich hab viele Verwandte hier in Deutschland.
GETADDICTED: Und wo?
Al Barr: Sie kommt aus der bekanntesten Ecke Deutschlands: aus Bayern!!
GETADDICTED: Ach du Scheiße…
Al Barr: (Fängt an krudes bayrisches Zeug von sich zu geben) … joa freilich!
GETADDICTED: Du sprichst also nicht Deutsch sondern Bayrisch.
Al Barr: (freut sich wie ein kleines Kind) Bayrisch!!
GETADDICTED: Warum zum Teufel stell ich meine Fragen eigentlich auf Englisch??
Al Barr (lacht)
Marc Orrell: Ihr Jungs macht euch doch jetzt grade über mich lustig!
Al Barr + GETADDICTED: Genau! Die ganze Zeit.
GETADDICTED: Du hast den schlimmsten Teil Deutschlands also zuerst kennen gelernt?
Al Barr: Ich hab eine zeitlang in Norddeutschland gelebt, hab den schlimmsten Teil also auch kennen gelernt… (vorhin war er mir irgendwie sympathischer…) Ich hab in Preußen gewohnt. Glücklicherweise wohnen meine Verwandten in Bayern, wo ich sie auch oft besuche.
GETADDICTED: Du bist also oft dort?
Al Barr: Nicht wirklich. Das letzte Mal war ich da, um meiner Oma meinen Sohn zu zeigen, kurz nachdem er geboren wurde. Aber im ernst – mein Onkel Günther lebt in der Nähe von München. Ich hab aber auch den Rest kennen gelernt. In den Siebzigern hab ich zum Beispiel lange in Berlin gelebt – da stand die Mauer noch!
GETADDICTED: Und, warst Du seitdem wieder da? Erkennst Du die Stadt noch wieder?
Al Barr: Es ist echt komplett anders, alles ist neu…
GETADDICTED: Und man kann ne Menge Geld dalassen.
Al Barr: Oh ja, vor allem, wenn man auf Wichskabinen steht…
GETADDICTED: (??)
(In dem Moment kommt Ken Casey in den Bus und fummelt an seinem Golfbag rum…)
Al Barr: … Oh, äh, da! Ken Casey, ein deutscher Golfer!
(Is’ klar!)
GETADDICTED: Nächstes Thema. Am Samstag habt Ihr auf dem Highfield Festival zum „Spicy McHaggis Jig“ eine ganze Meute junge Mädels auf die Bühne geholt – sind das eure Groupies? Hat eine Band wie DKM überhaupt Groupies?
Al Barr: Nein, nein. Wir sind ja eigentlich alles vergebene, brave Typen. Wir sind ein Haufen ziemlich hässlicher Vögel und unsere Mädels mögen uns, was toll genug ist. Wir haben keine kreischenden Groupies und ziehen auch nicht los, um welche flach zu legen … mit Ausnahme von Kenny. (Dieser guckt ziemlich irritiert um die Ecke…) Nein, nein, der ist verheiratet und wir anderen sind verlobt oder kurz davor. Eine Ausnahme: unser Flötenspieler Tim ist ne männliche Hure! Der ist groß und dunkel – da steh’n die Mädels drauf. Der muss nur rausgehen und mit dem Arsch wackeln.
Marc Orrell: Er ist aber auch ziemlich schüchtern…
Al Barr: Ja, aber die Mädels stehen auf so’ne Scheiße!
GETADDICTED: Das ist doch mal ein gutes Schlusswort! Danke euch!

 

 

Interview: Manuel Rodegro del Rello