"SONST FÜHLT ES SICH NICHT AN WIE EINE BAND"

 

Interview mit Enemy Alliance im MTC, Köln // 6. September 2007

 

Die Allianz aus Satanic Surfers und Venerea-Mitgliedern entpuppte sich als echter Geheimtipp. Das passierte allerdings eher unfreiwillig, denn auf Grund mangelnder Promo (wie auch die Band selber zugab) verirrten sich grade Mal knapp 60 Leute ins kleine Kölner MTC. Doch die hatten sowohl an der Vorband The Indecision Alarm als auch am Hauptact ihren Spaß. Vor dem Konzert sprachen wir mit Drummer Rodrigo und Sänger Flygare.

 

GETADDICTED: Der Zenit des schnellen, melodischen Punkrocks war ja so Mitte/Ende der Neunziger. Was hat euch denn 2007 motiviert, nochmal eine Band in der Stilrichtung zu gründen?
Rodrigo: Ganz einfach, weil wir diese Musik lieben.
Flygare: Ja, wir mögen das einfach, es macht uns immer noch Spaß.

GETADDICTED: Was haltet ihr denn von Bands, die heute in den Medien und den Köpfen der Kids für Punkrock stehen, wie z.B. Billy Talent oder My Chemical Romance?
Rodrigo: Ich hör mir solche Bands nicht an, also kann ich da auch nicht viel zu sagen...
Flygare: Ich denke mal, die haben ihren Spaß...

GETADDICTED: Habt ihr schon mal mit einer von diesen Bands gespielt?
Rodrigo: In letzter Zeit nicht, aber früher mit den Surfers haben wir schon einige größere Festivals mit kommerziell erfolgreichen Bands gespielt.

GETADDICTED: In Deutschland ist die Punk/HC-Szene seit Ende der Neunziger deutlich geschrumpft. Wie sieht das denn in Schweden aus? Von den Bands her war Schweden für uns in Europa immer ziemlich tonangebend...
Rodrigo: Die Situation im Moment ist meiner Ansicht nach besser geworden, als sie in den letzten Jahren war. Es gibt einige neue, junge Punkbands und wieder bessere Möglichkeiten aufzutreten, auch wenn das eher kleine Shows sind. Mit den Satanic Surfers sind wir lange Zeit durch die Gegend getourt und haben dabei Schweden ausgelassen, weil die Szene fast tot war.

GETADDICTED: Bands wie No Use For A Name oder Millencolin sind mit den Jahren eher langsamer geworden. Ihr schreibt mit Enemy Alliance dagegen immer noch sehr schnelle Songs. Versucht ihr bewusst, das Tempo hochzuhalten oder ist das einfach eure Weise, Songs zu schreiben?
Flygare: Im Prinzip geht es darum, die Songs so gut wie möglich zu machen. Sicherlich haben wir einige eher HC-mäßige, schnelle Songs, aber auch einige langsamere Sachen. Das wird nicht bewusst gemacht, sondern die Songideen, die wir haben, einfach umgesetzt. Wir wollen uns da auch nicht selbst begrenzen.

GETADDICTED: Die Surfers haben sich ja aufgelöst –Venrea existieren aber noch, oder?
Flygare: Ja, aber wir machen grade eine Pause. Mike (Venerea-Bassist, Anm. d. Red.) wohnt im Moment in England und kommt nur selten für längere Zeit nach Schweden, da macht es keinen Sinn, irgendwas Größeres zu planen. Ich hoffe aber, dass wir irgendwann wieder ein Album rausbringen mit Venerea. Im Moment liegt aber unser Hauptengagement bei Enemy Alliance.
GETADDICTED: Die Surfers-Fans unter euren Zuhörern werden ein bisschen den Gesang von Rodrigo vermissen – wirst du weiterhin nur bei den Backup-Vocals tätig werden oder in Zukunft auch mal einen ganzen Song singen?
Rodrigo: Nein. Ich wollte der Band eigentlich klarmachen, dass ich überhaupt nicht singen will, aber...
Flygare (grinst): ... du wurdest überstimmt. Ist halt nicht deine Entscheidung!

GETADDICTED: Die Split-E.P. mit Indecision Alarm ist mittlerweile released?
Rodrigo: Ja, leider weiß nur kaum jemand davon... Aber wir wollten diese Tour auf jeden Fall machen. Die Leute von Indecision Alarm sind alte Freunde von uns und haben auch schon in anderen Bands gespielt. Damals haben wir es nie hingekriegt, gemeinsam auf Tour zu gehen. Jetzt wird einer von den Jungs bald Vater, deswegen haben wir die Tour jetzt relativ kurzfristig angesetzt, damit er dann wieder zu Hause sein kann.
GETADDICTED: Kommt denn nach dieser E.P. noch mehr?
Flygare: Ja, wir arbeiten eigentlich permanent an neuen Songs und haben es zum Ziel gesetzt, Anfang nächsten Jahres ein Full-Length-Album herauszubringen.

GETADDICTED: Ihr seid ja jetzt quasi schon alte Hasen im Musikzirkus. Gibt es irgendwas, das ihr in all den Jahren gemacht habt, von dem Ihr sagen würdet: Das war ein Fehler, das würde ich so nie mehr machen oder es sogar am Liebsten revidieren?
Flygare: Also das Touren kann schon sehr, sehr anstrengend sein. In den ersten Jahren haben wir uns nie Gedanken darüber gemacht, wo wir an welchem Abend schlafen können, wie wir uns verpflegen und wie wir zum nächsten Gig kommen. Diese Organisation haben wir über die Jahre immer besser gelernt, und ich möchte auch nicht wieder so chaotisch touren. Aber die meiste Zeit hat es vor allem viel Spaß gemacht.

GETADDICTED: Es gibt ein deutsches Sprichwort: „Wenn du nicht rebelliert hast, bis du 25 bist, hast du kein Herz. Wenn du immer noch rebellierst, wenn du 40 bist, hast du kein Hirn.“
Also, wie lange geht´s mit euch noch weiter auf eurem Weg?
Rodrigo (lacht): Weiß ich nicht, so lange wir Spaß daran haben, denke ich.
Flygare: In Schweden sagen wir: Du bist nur so alt, wie du dich fühlst. Und solange wir uns immer noch fühlen, als wären wir 19...(grinst)

GETADDICTED: Euer Name...
Flygare: …ist ne ganz lustige Geschichte. Am Anfang waren Venerea und die Surfers nicht gerade befreundet, wir machten uns gegenseitig recht starke Konkurrenz. Dann kamen wir beide zu Bad Taste Records und spielten zusammen Konzerte, dann ganze Touren und mussten ja miteinander auskommen. Mit den Jahren entstand dann die Idee, zusammen Musik zu machen.
GETADDICTED: Kann man das Ganze denn auch politisch deuten? Gibt es jemanden, gegen den ihr euch verbündet?
Rodrigo: Eigentlich gegen jeden! (lacht) Nein, der Name bezieht sich nur auf unsere Bandgeschichte.
Flygare: Ich würde auch nicht sagen, dass wir eine politische Band sind in dem Sinne, dass wir über keine anderen Themen schreiben. Vielleicht schreiben wir auch mal nen Lovesong, man weiß ja nie...
Rodrigo: Hoffentlich nicht. (Beide lachen)

GETADDICTED: Zum Schluss muss ich einfach nochmal nachfragen: Vor nicht mal einem Jahr hatten wir hier in Köln ein Interview mit den Satanic Surfers. Ihr hattet grade ein neues Album, ihr schient sehr zufrieden zu sein, Fredrik (Gitarrist bei den Surfers und jetzt auch bei Enemy Alliance, Anm. der Autoren) hat sogar gesagt, es habe sich nie so gut angefühlt, bei den Surfers zu spielen. Jetzt gibt es die Band nicht mehr. Was ist passiert?
Rodrigo: Ich hatte einfach genug. Es stimmt schon, wir hatten ein super Line-Up, am Ende hat Daniel von Venerea noch bei uns Gitarre gespielt. Wir hatten viel Spaß auf der Tour und ein gutes, neues Album in der Tasche. Aber jeder hatte noch eine andere Band nebenbei oder musste arbeiten. In Zukunft hätten wir vielleicht hier und da mal einen Auftritt gehabt und irgendwann vielleicht auch mal ein neues Album. Ich möchte aber lieber in einer Band spielen, die auf Tour geht und bei der jeder richtig engagiert ist, sonst fühlt es sich nicht an wie eine richtige Band, sondern nur wie ein Side-Project. Ich habe die Band aber nicht im Alleingang aufgelöst, die anderen waren der gleichen Meinung wie ich und deshalb haben wir dann aufgehört.

 

 

Interview: Fred Flenner, Daniel Fehling
Foto: Jens Nordström