DER NICHTALLTÄGLICHE ORGASMUS

 

Envy beglücken Köln im Gebäude 9 // 22. November 2007

 

Im Vorfeld waren die Erwartungen groß, Envy vermögen sie zu übertreffen. Nach einer gefühlten Ewigkeit, die in ungefähr einer Zeitspanne zwischen heute und dem letzten Tsunami an der Nordseeküste entspricht, sind die Japaner zurück in Deutschland.

 

Um die Jahrtausendwende noch fest im Screamo-Korsett verankert, haben sie sich mittlerweile weit über jegliche Genrebegrenzungen hinweggesetzt und schweben über allem Irdischen. Das Tempo ist gedrosselt, die Intensität in jeder Sekunde präsenter denn je. Immer wieder zieht sich der Sound vom Bühnenrand des ausverkauften Kölner Gebäude 9 zurück, um sich dann wie eine Monsterwelle zu erheben und bis ans Mischpult am anderen Ende des Saals zu ergießen.

Dabei beginnt der Abend zunächst philosophisch. „Pinkeln ist der Orgasmus des Alltags“, spricht Zarathustra in den heiligen Hallen des Sanitärbereichs. Musikalisch eröffnen in der Folge Long Distance Calling wortlos und nur bedingt das Publikum fesselnd die Bühnenperformanz. Eine Lo-Fi-Ausgabe von 65daysofstatic. Gut, aber nicht gut genug. Nach drei von vier Beiträgen lockt der Gang in den Vorraum zur Erlangung frischer Luft.

Ans atmen, geschweige denn früher zu gehen, ist bei Envy hingegen nicht zu denken. „Sehen, staunen und genießen“ steht stattdessen unter Tagesordnungspunkt zwei. Erwähnte Monsterwellen, Vulkanausbrüche, Erdbeben. Envy sind die personifizierten und in Klang umgewandelten Naturkatastrophen. Doch verbreiten sie nicht Angst und Schrecken, sondern als Antipode Freude und Genuss. Frenetischer Beifall ejakuliert nach jedem Song.
„Große Bands spielen keine Zugaben“, sag ich noch zu meinem Nebenmann, da kommt das Quintett für einen sechsminütigen Abschlussquickie zurück an die Instrumente. Ein schweifender Blick durch das Zuschauerrund, im strahlenden Gesicht von Sänger Tetsuya endend, revidiert meine Meinung. Envy dürfen das. „Stay Punkrock!“, verabschiedet sich Tetsuya. „Stay Envy“, denk ich mir im Geiste und warte noch fünf Wochen, ehe hinter „Konzert des Jahres:..“ vier Buchstaben gesetzt werden.

 

 

Text: Michael Blatt
Foto: Jens Becker