EIN LETZTES MAL VON ANGESICHT ZU ANGESICHT

 

Das Abschiedskonzert von Face To Face im House Of Blues, Sunset Strip, Hollywood

 

"We've said what we had to say" lautete Ende 2003 das knappe Statement von Face to Face, das nach sechs Alben und 13 Jahren das Ende der Band besiegelte. Eine Nachricht, die viele Fans schockierte und tieftraurig stimmte, denn das Trio um Frontman und Gitarrist Trever Keith war mehr als nur eine gute Punk Rock Band. Face to Face verdienten sich seit ihrem Debüt mit „ Don´t turn away“ anno 1991 (Dr. Strange Rec., Re-Release auf FAT) das Attribut „herausragend“ und eine besondere Stellung in der Szene: kontinuierlich melodisch-wuchtige Hymnen, getragen von der markanten Stimme von Trever Keith und den catchy Bassläufen von Scott Shiflett, dazu ein einzigartiges Songwriting, welches philosophisch das Seelenleben des Sängers freilegte und Aushängeschild für die emotionale Tiefe der Band war.

Der letzte Gig der Band ever im Rahmen ihrer „The only Goodbye Tour“ fand am vergangenen Sonntag (19.9) dann auch in adäquater Lokalität statt: im legendären „House of Blues“, gegründet von den Blues Brothers Dan Akroyd und James Belushi, mitten auf dem Sunset Strip in Hollywood, Los Angeles. Verzweifelt versuchten viele Fans noch ein Ticket zu ergattern, denn das Konzert war schon seit längerem ausverkauft. Im House of Blues spürte man die aufgeregte Stimmung der Fangemeinde und die beiden Vorbands (namentlich „Say anything“ und „Seconds to go“) wurden kaum wahrgenommen, sondern blieben Nebensache. Fans aller Altersklassen, vom old school DIY Punk bis zur zeitgenössischen Emo-Schickeria versammelten sich alle erwartungsvoll vor der Bühne. Auffällig war der hohe Frauenanteil, und es schien, als wollten manche gut gekämmten Punker den Sonntag lediglich nutzen, um ihre Freundin öffentlich Gassi zu führen. Mini-Röcke, Silikonbusen und High Heels waren daher keine Seltenheit. Womöglich hat sich auch so manches Weiblein auf dem Weg zur Emmy-Verleihung verlaufen, die direkt nebenan stattfand.

21.13 Uhr war es dann soweit. Die Leinwand, auf der zwischen den Auftritten Werbespots liefen, wurde hochgefahren. Der Vorhang öffnete sich: „One, two - one, two, three, four - you don´t know what you want to be, you don´t what you want to do“ schoss es aus der erstklassigen Soundanlage und der Opener „You´ve done nothing“ versetzte den Konzertsaal in ein Tollhaus, auch wenn das amerikanische Publikum zivilisierter rockt als das europäische. Vor der Bühne machten die aufmerksamen Schluchtenwächter zudem jegliche Stagedive-Ambitionen zunichte, so dass circle pit und Pogo regierten. Ganze 1,5 Stunden dauerte das letzte Konzert von Face to Face, die dem Publikum keine Atempause gönnten. Man merkte der Band an, dass sie sich ihres letzten Auftritts bewusst waren und zwischendurch resümierte Keith mit melancholischem Unterton über die vergangenen 13 Jahre. Insgesamt boten sie eine schweißtreibende Show voller Power, die vor allem Drummer Pete Parada das konditionelle Limit seiner Kräfte abverlangte, aber das steckte der beschäftigte Schlagzeuger (er trommelt auch für Saves the Day und Jackson United) scheinbar locker weg. Face to Face boten musikalisch eine perfekte Darbietung, denn live war kaum ein Unterschied zu den im Studio aufgenommenen Songs hörbar. Die Band spielte nahezu alle Hits, darunter viele Stücke aus alten Tagen „I want“, „Blind“, „I won´t lie down“, „Disappointed“, „In Harms Way“, “Disconnected”, “I´m trying”, „Ordinary“ und “Complicated” waren dabei die Highlights und wurden lautstark von der kundigen breiten Masse mitgeschmettert. Zwei Zugaben durften dabei nicht fehlen. Als Überraschung des Abends stieg dann noch Matt Skiba, Frontman von Alkaline Trio, auf die Bühne. Seine Einlage bestätigte aber lediglich die herausragende Stimme von Keith, gegen die er nicht ankam.

Die zweite Zugabe und der letzte Song des Abends war dann „It´s not over“, bei dem der Pogo wie eine mächtige Welle bis in die letzte Reihe des Clubs schlug. Danach umarmten sich Keith, Shiflett und Parada herzlich, aber ohne typisch amerikanisch übertriebenen Pathos und abschließend schallte ein „we are Face to Face, thanks for coming, good bye“ durch den Konzertsaal. Sollte die Wahl des Abschiedssongs und der Präsenz des „we are“ etwa eine Andeutung auf den Fortbestand von Face to Face sein? Nein. Face to Face ist Geschichte und an Zukunftsaussichten mangelt es dem Trio nicht. Trever Keith und Scott Shiflett haben letztlich mit Viva Death ihre erste Release auf Vagrant Records veröffentlicht (sie spielen mit 3 Gitarren und ohne Bass!). Zudem hat Keith sein eigenes Label Antagonist Rec. gegründet, auf dem im Januar 2005 mit „Shoot the Moon“ ein Face to Face - Best of samt Bonus-DVD erscheinen wird. Drummer Pete Parada hat mit Scott Shiflett und seinem Bruder Chris (Ex-No Use, Foo Fighters & Me First and the Gimme Gimmes) Jackson United gegründet und im Mai das erste Album auf dem australischen Indie-Label Shiny Rec. veröffentlicht.

 

 

Text und Fotos: Sven Kaesling