VOM "TREFFEN" AUF DER BÜHNE DIREKT INS KRANKENHAUS

 

Interview mit Ole von FIRE IN THE ATTIC am 2. Juni 2006 im Soundgarden, Dortmund

 

Soundgarden, Dortmund, irgendwann nach Mitternacht. Mit einem Schal um den Hals und einem Pott Tee in der Hand empfängt mich Ole zum Interview. Fire In The Attic haben gerade die zweite Show des Tages hinter sich gebracht, Dennis macht sich über die Reste der Pizza her. Und auch wenn Ole der Stress anzusehen ist, plaudert er doch bereitwillig vor sich hin.

getaddicted: Ihr habt heute schon beim Rock im Park gespielt. Wie war’s?
Ole: Wir haben um viertel nach drei gespielt und es war cool! Dieses Zelt fasst ungefähr 9000 Mann, aber die waren nicht da. Aber es wurden immer mehr, immer voller. Die, die da waren, hatten Spaß.
getaddicted: Wie nimmt man das wahr, vor dieser Menge zu stehen?
Ole: Eigentlich war es vor allem der Name im Vorfeld. Rock am Ring, Rock im Park, man macht sich da sehr bekloppt vorher. Aber wenn man dann auf der Bühne steht, ist es auch gar nicht so anders, vor allem wenn man diese Festivalbühne schon kennt. Wir haben ja beim Berlinova letztes Jahr gespielt, und es war die gleiche Bühne, das gleiche Zelt. Wenn man dann einmal draufsteht, ist das gar nicht mehr so dramatisch. Man stellt sich das vorher viel größer und wichtiger vor, aber das ist es dann gar nicht.

getaddicted: Eure Bühnenperformance ist ja immer sehr energisch. Nehmt ihr euch vor, richtig abzugehen, um den Fans auch optisch was zu bieten?
Ole: Es sind zwei Dinge: Es macht ja auf jeden Fall Spaß, auf der Bühne abzugehen und nicht stocksteif herumzustehen. Das hat sich irgendwann so ergeben. Es war ja nicht, dass wir im Proberaum irgendwann standen und gesagt haben, jetzt müssen wir alle mal abgehen, damit es gut aussieht. Und das andere: Ich finde aber auch zwei Sachen für eine Show wichtig: Ich möchte was cooles hören und auch was cooles sehen. Es gibt Bands, die stehen auf der Bühne und spielen blitzsauber, Ton für Ton. Aber das finde ich langweilig. Es gibt Bands, bei denen funktioniert das. Aber bei so energiegeladener Musik finde ich so was immer ziemlich öde.
getaddicted: In Bezug auf euch habe ich auch schon öfter mal gehört, das ist doch nur Rumgepose.
Ole: Ja, mein Gott. Wären wir eine bessere Band, wenn wir nur rumstehen würden? Dann würden andere Leute sagen: „Langweilig, die stehen ja nur rum.“ Man kann es nie allen recht machen, und gerade bei Festivals können sich die Leute ja in der Zeit andere Bands angucken. Mir macht das Spaß, ich finde das auch wichtig für eine Show. Wenn ich eine andere Band nur rumstehen sehe, dann finde ich das meistens eher enttäuschend.

getaddicted: Stichwort „nicht allen recht machen“. Eurem alten Album wurde oft vorgeworfen, eure Musik möchte klingen wie die von den „großen US-Bands“.
Ole: „Möchte klingen“ haben die Kritiker ja oft netterweise nichtmal gesagt, sondern „klingt wie“. Mag sein. Wir haben uns da auch schon sehr dran orientiert. Wir haben damals de EP rausgeschossen, ein Schnellschuss, und mit einmal ging’s ab: Konzerte, Plattenvertrag, zack. Und dann sollten wir plötzlich ein Album machen. Vorher haben wir immer Musik für uns gemacht und sollten jetzt Musik für andere machen. Da war es schon so, dass wir an vielen Stellen eine Nummer sicherer gegangen sind. Man guckt einfach, was bei anderen funktioniert. Abgekupfert haben wir nicht, aber wir haben ein bisschen zu wenig eigene Identität mit reingebracht.
getaddicted: Das zweite Album klingt ja doch deutlich anders. Welches Feedback habt ihr bisher bekommen?
Ole: Also von der Presse haben wir bisher ein sehr gutes bekommen, auch von denen, die beim ersten Album fehlende Eigenständigkeit bemängelt haben. Wir haben noch kein böses Wort zu hören gekriegt. Auch im Gästebuch oder bei Myspace haben wir überwiegend gute Kommentare bekommen. Manchmal natürlich auch Sachen wie „Da ist ja gar nicht mehr so viel Geschrei drin“, aber auch hier kann man es eben nicht allen recht machen. Sicherlich wollten einige, dass wir das gleiche Album noch mal machen. Da verprellen wir bestimmt einige Leute. Auf der anderen Seite wird das neue Album auch andere Leute vielleicht ansprechen.
getaddicted: Wie klingt das neue Album anders? Wie würdest du das beschreiben?
Ole: Wir haben die Songstrukturen aufgebrochen. Letztes Mal haben wir sehr stark die gleiche Schiene gefahren. Es war immer gesungene Strophe, gebrüllter Zwischenpart, choraler Refrain. Das hat sich fast durch alle Songs durchgezogen. Und wir haben diese Metal-Nummer gefahren, immer mehr Gitarren übereinander zu schichten. Darauf haben wir dieses Mal verzichtet. Wir haben uns auch vorgestellt, wie die Sachen live dann klingen und funktionieren. Und wir haben auch vorher andere Platten gehört.
getaddicted: Zum Beispiel?
Ole: Also ich habe viel poppigere Sachen vorher gehört. Ich kann dir jetzt kein konkretes Beispiel sagen, weil wir auch jeder unterschiedliche Musik hören. Ich persönlich habe die Fall Out Boy oft gehört, die Panic! At The Disco finde ich sehr gut, obwohl die mir schon auf den Keks geht, weil man die schnell tot hört. Vorher haben wir auch mehr eben diese Emo/Screamo-Schiene gehört.

getaddicted: Eure Bühnenshow betrifft ja auch manchmal den Tastsinn, wenn sich Körper und Instrumente unschön treffen.
Ole: Man trifft sich da gelegentlich (lacht). Deswegen haben wir auch billiges Equipment. Scherz. Mittlerweile haben wir auch Mittel und Wege, an gescheites Equipment heranzukommen. Gefährlich wird es immer, wenn andere Leute uns in die Quere kommen. Es gibt so ein paar Bühnengrößen, die uns überhaupt nicht stehen. Kleine Clubbühnen machen unheimlich Spaß, sind aber auch gefährlich, weil du da schnell was im Ohr kleben hast. Ich hatte ja schon zwei Krankenhausaufenthalte. Einmal mussten wir die Tour abbrechen, weil ich eine Gehirnerschütterung hatte. Da hatte Richard mich erwischt. Dann hat Dennis mir einmal den Bass um die Ohren gehauen, da war plötzlich vorbei mit Stereo. Da hatte ich eine Innenohrprellung und lag eine Nacht mit Infusionen in der Klinik. Dafür hat Dennis mal ziemlich doof ausgesehen, als ich ihm aus Versehen das Mikrofon über die Rübe geknallt hab. Passiert.
getaddicted: Zuschauer haben aber Glück gehabt?
Ole: Leider nicht. Ich hab mal in Koblenz einen erlegt. Dem haben wir dafür ein T-Shirt geschenkt. Ich hab das Mikro geschleudert, hatte eine verschwitzte Hand. Plötzlich wurde das Kabel länger, ich hab zugezogen, der Bogen wurde natürlich noch enger und ich hab ihn voll ander Nase erwischt. Und so ein Mikrofon macht so richtig „Patsch“. Ich hab noch nie so schnelles Nasenbluten gesehen, das kam sofort aus beiden Löchern rausgeschossen. Aber der Gute stand zwei Minuten später mit Klopapier in der Nase wieder in der ersten Reihe. Aber auf’s Publikum passen wir schon mehr auf als auf uns.

getaddicted: Letztes Mal hast du im Interview von deiner Burger-Testserie erzählt. Jetzt habe ich gelesen, ihr kennt die Bockwurstpreise auf deutschen Autobahnen auswendig.
Ole: Ja, Bockwurst ist eine hervorragende und günstige Sache, sich auf Raststätten am Leben zu halten. Du kannst zwei drei Bi-Fis kaufen, die kosten dann genau so viel. Bockwurst ist zwischen 2,50 und 4,50 in verschiedenen Größen zu haben und ist meistens nicht schlecht. Wenn man ein Schild sieht, da gibt es Bockwurst zu essen, dann heißt es zuschlagen!
getaddicted: Gibt es für dich da gewisse Auswahlkriterien?
Ole: Die größte Bockwurst gibt es auf der ersten Raststätte auf der A2, wenn wir von uns kommen. Da steht auch draußen ein Schild „Größte Bockwurst Deutschlands“. Vermessen haben wir sie noch nicht, aber sie reicht fast, bis man in Berlin angekommen ist. Das ist quasi ein Kringel Fleischwurst in Wasser getaucht. Kann man machen. Aber man frisst auch unheimlich viel Scheiße, wenn man unterwegs ist. Und dafür lässt man auch noch so viel Geld an Autobahnraststätten. Das ist eigentlich so ärgerlich.

getaddicted: Du hast da gerade dein T-Shirt versucht zu trocknen.
Ole: Rechne dir das mal aus: Wir haben 13 Shows in 14 Tagen. Wenn ich jeden Tag ein T-Shirt durchjagen würde, wäre das ein enormes Stinkpotenzial in meinem Koffer. Das heißt, ich ziehe jeden Abend das gleiche T-Shirt an, deswegen muss ich das trocken kriegen.
getaddicted: Ist das im Bus nicht etwas, na ja, belästigend?
Ole: (überlegt) Es geht. Wir haben ja im Moment die angenehmere Variante. Wir übernachten in Hotels und das heißt: Dusche! Nightliner-Kollegen, die mal Pech haben und den fünften oder sechsten Club hintereinander ohne Dusche erwischen, da stinkt es mehr. Es gibt da Bands – ich werde jetzt keine Namen nennen – da steigen die Leute zehn Meter neben dir aus dem Bus und du denkst: „Was stinkt hier so?“. (lacht).
getaddicted: Namen!!!
Ole: (überlegt) Nein, das wäre fies. Da können die ja oft wenig für. Aber generell: Diese Nightliner-Geschichte stinkt kolossal! Da bin ich froh, dass wir jeden Tag duschen können und da ja dann auch unsere Wäsche wenigstens mal durchs Wasser ziehen. Man packt dann sein T-Shirt im Van ja auch hinten über die Backline, dann ist es vorne in der Kabine auch nicht so schlimm. Außerdem mindert sich dadurch ja auch das Verletzungsrisiko auf der Bühne wieder, vor allem am Ende der Tour. Du riechst einfach: Oh, Richard von rechts im Anflug. Dennis von hinten links.
getaddicted: Ich hab vorhin schon bemerkt, dass du Tee trinkst. Nicht gerade der angehende Rockstar!
Ole: Ach, das mach nur ich. Die anderen trinken die ganze Zeit Bier. Es ist das Los des Sängers, weil ich ja meine Stimme ein bisschen schonen muss. Dafür feier ich die letzten drei Shows dann richtig. Da hol ich auf. Aber wenn ich jeden Abend – oder heute sogar zwei Mal – auf der Bühne stehe und dann noch massiv saufen würde, das würde ich nicht durchstehen. Da müsste man schon richtig trainiert sein. So noch eine richtige Show – das krieg ich nicht hin.

Anschließend erzählt Ole ein bisschen zu Konzerten mit den "großen" Bands, die sie schon supportet haben ...

Hot Water Music: Die fand ich sehr beeindruckend. Die haben schon die dritte Flasche Whisky geordert vor dem Auftritt. Und dann gehen die raus und spielen locker flockig eine Zwei-Stunden-Show.


Taking Back Sunday: Das war die erste große Show in Köln, dass wir vor einem so krass großem Publikum gespielt haben. Dazu kam, dass die Live Music Hall früher unser Laden gewesen ist. Da sind wir immer hingegangen. Da haben wir alle großen Bands gesehen. Und da war die Aufregung groß.

Billy Talent: Da kannten wir die Clubs nicht, das ging auch ganz schnell rum. Das haben wir gar nicht richtig realisiert. Wir kamen hin, kamen rein, gingen auf die Bühne und waren auch schon wieder runter.


Millencolin: Da war die Halle ja noch mal riesengrößer. Mit Millencolin selber hatten wir gar keinen Kontakt. Millencolin sind eine halbe Stunde vor ihrer Show angekommen, rein in die Kabine, von da aus auf die Bühne, von da aus wieder weg. An dem Tag haben wir mit den anderen Bands gefeiert. Die Donots waren auch da und haben ihren Bandgeburtstag gefeiert.


Finch: Da war unsere Show cool, weil wir auch mittlerweile sicherer. Dafür fand ich Finch total enttäuschend. Die Show, und man konnte auch merken, dass die Mitglieder sich nicht wirklich viel zu sagen hatten. Deshalb machen sie ja jetzt auch die „Blink-Pause“.


Ole is ADDICTED to: Aufmerksamkeit

Mixtape for a girl:
1. Depeche Mode – Enjoy the silence
2. Hot Water Music – Radio (Alkaline Trio Cover)
3. Olli Schulz – Nimm mein Mixtape, Baby
4. The Weakerthans – Our retired explorer
5. Doop - Doop

 

Interview: Jens Becker