KOMMT ZEIT, KOMMT ZAHMHEIT

 

Interview mit Ghost Of Tom Joad, Dortmund // 3. August 2007

 

Henrik, Jens und Christoph empfangen uns nach ihrem Auftritt im Backstage-Raum des FZW, in dem auch Sounds Like Violence noch rumturnen. Christoph will die Schweden unbedingt sehen, also legen wir direkt los. Die Jungs antworten souverän und erfrischend sympathisch teilen wir musikalische Erinnerungen

 

GETADDICTED: Ihr schmeißt ja quasi schon im Vorfeld nur so mit Assoziationen um euch. Wie viel ist davon Absicht bzw. Kalkül, wie viel eher Zufall? Nehmen wir zu allererst euren Bandnamen, den Bezug zum Song von Bruce Springsteen, die Coverversion von Rage Against The Machine.
Christoph: Die verschiedenen Assoziationen passen in so fern zusammen, dass wir alle drei einfach tagtäglich unheimlich viel unterschiedlich Musik hören und so ist das einfach gekommen.
Henrik: Obwohl der Bezug zu Rage Against The Machine bestimmt keine Absicht war. Dass ist ganz witzig, ich wusste vorher gar nicht, dass Rage mal den Song gecovert haben. Wir haben damals die Band nach einem Konzert von Logh aus Schweden gegründet. Als Intro lief dort der Song von Bruce Springsteen und wir kannten den gar nicht, wir waren noch nicht mal Bruce Springsteen-Fans. Und dann sind wir halt nach dem Konzert zum Sänger gegangen und haben gefragt, wie denn der Song heißen würde.
Und es war eben „Ghost Of Tom Joad“, allerdings in irgendeiner Coverversion von wie auch immer, spielt ja auch keine Rolle. Wir waren auf jeden Fall so geflasht von diesem Introsong, dass wir danach nach Hause gegangen sind und das gegoogelt haben, aha, so heißt der Song und auf der EP ist der usw. Und das war auf jeden Fall für uns drei so ein toller Moment. Am nächsten Tag hat dann meine Freundin mit mir Schluss gemacht und es hat alles so einen Sinn gemacht. Wir waren zu dritt auf diesem Konzert, haben diesen Song gehört, haben uns angeguckt und gesagt, wie geil ist der denn …

(Im Hintergrund singen sich Sounds Like Violence warm.)

Jens: … und wir hatten uns die ganzen Zeit gedacht, komm, wir gründen eine Band. Nach dem Konzert stand das nicht nur fest, sondern eben auch der Name der Band. Und dann haben wir uns die CDs von Bruce Springsteen und eben die mit der Coverversion bestellt und los ging’s …
Christoph: Wisst ihr denn, woher Tom Joad kommt?
GETADDICTED: Ja, das ist doch …
Christoph: … aus dem John Steinbeck-Buch und das habe ich dann auch direkt gelesen. Das ist halt auch ein geiles Buch und ein geiler Typ - das passte dann auch. Wäre ja auch doof, sich einfach so einen Namen zu geben und dann ist die Figur voll scheiße (lacht)

(Im Hintergrund singen sich immer noch Sounds Like Violence warm.)

Henrik: Ich denke aber, in erster Linie war und ist dieser eine Abend die Assoziation, die wir mit dem Namen verbinden. Der war halt für uns wichtig, dann war da dieses Lied und es passte eben alles zusammen.
Christoph: Obwohl der Sänger von Logh ein bisschen sauer war, weil wir ihn nur nach dem Titel des Introsongs gefragt haben (lacht)
GETADDICTED: Das heißt also zusammengefasst gesagt, schwingt für euch bei THE GHOST OF TOM JOAD der Geist dieses Abends mit …

Henrik: Ja, genau so, hast du gut gesagt, das ist tatsächlich so. Es hätte theoretisch auch ein anderer Song sein können, der da jetzt läuft, aber es war eben einfach dieser Moment, dieser Song und dann die Sache danach, meine Freundin macht mit mir Schluss. Eigentlich ist das schon fast wie aus so einem schlechten Kitschroman, das passiert doch nicht, denkt man, aber dann kommt das eben doch alles zusammen.

GETADDICTED: Du hast gerade gesagt, dass du dich von den Assoziationen mit Rage Against The Machine abgrenzt. Wie sieht es mit Bruce Springsteen aus?
Henrik: Super! Wir müssen zu unserer Schande zugeben, dass wir das mit Bruce Springsteen gar nicht wussten. Danach haben wir dann alles von ihm aufgesogen. Wir waren danach auch zusammen im Urlaub und haben das rauf und runter gehört. Wir könnten uns auch jetzt in den Arsch beißen, dass wir unsere Pubertät ohne Bruce Springsteen verlebt haben.
Christoph: Man kennt ja eigentlich nur „Born In The USA“, und dann tut man dem Typen unrecht.

GETADDICTED: Was war denn eure musikalische Konditionierung vorher? Man gründet ja nicht von jetzt auf gleich eine Band und macht genau die Musik, die ihr jetzt macht.
Jens: Christoph und ich sind mit dem klassischen California-Punkrock aus Amerika konditioniert worden.
Christoph: Halt diese ganze Fatwreck- und Epitaph-Geschichte. Da sind alle schlechten Sachen dabei gewesen.
Jens: Das geht dann so lang, bis man am Höhepunkt seiner Pubertät irgendwann auf Bands wie Samiam oder gerade Hot Water Music stößt.
Henrik: Der springende Punkt ist, dass wir zu dritt quasi schon vorher in Bands zusammen gespielt haben – jahrelang. Und wir haben uns dann aber trotzdem nie aus den Augen verloren. Und dann kam besagtes Konzert, nach dem wir uns dann gegründet haben.

GETADDICTED: Euer kommendes Album heißt „No Sleep until Ostkreuz“. Erinnert ja direkt an Beastie Boys.
Jens: Until Ostkreuz, und nicht nur „til Brooklyn“ wie die Beastie Boys (lacht).
Henrik: Dieses „No Sleep Until ...“ hat sich so eingebrannt. Ich hätte jetzt noch nicht einmal mehr gesagt, dass es von den Beastie Boys kam. Bei mir ist das eher diese Blues-Assoziation „No Sleep until irgendwas“, dieses ständige Unterwegssein, Augenränder – das schwingt bei uns immer mit. Ostkreuz ist auch wieder so eine Sache: Viele unserer Freunde kommen aus Berlin oder sind da hingezogen. Wenn man die besucht hat, dann passt das ganz schön, weil man immer im Zug sitzt und darauf wartet.
Jens: Wenn alle in Hamburg wohnen würden, dann wäre es vielleicht „No Sleep Until Landungsbrücken“ geworden.
Henrik: Das hört sich vielleicht immer so „arty“ an, aber so ist das gar nicht gemeint. In der Band steckt vielleicht dann doch noch viel mehr Humor, als dass wir das so meinen würden.
GETADDICTED: Bei der Kombination aus deutschen und englischen Wörtern im Songtitel liegt ja Muff Potter („Steady Fremdkörper“) nah, zumal ihr ja auch von Dennis produziert worden seid.
Jens: Das ist relativ kurz gesagt. Dennis hat sein Label in Münster und hat immer seine Fühler nach Bands ausgestreckt. Wir haben ein paar Konzerte in Münster gespielt, haben unser Demo mal im Sparta-Büro vorbei gebracht, und so ist es dann bei Dennis gelandet.

(Sounds Like Violence ziehen sich mittlerweile um, Sänger Andreas Soderlund springt ihn seine knallenge weiße Hose – keine Details über Unterwäsche hier...)

Henrik: Ich kenne Dennis auch schon länger und hab auch mal in Rheine mit ihm kurz in einer Band gespielt. Da hatte ich eine Zeitungsanzeige gelesen: „Musiker gesucht für Band in Richtung Samiam, Jawbreaker, Jimmy Eat World“. Da war ich 17 und war total baff, weil er ja einer von Muff Potter war. Nach einem halben Jahr bin ich aber auch ausgestiegen. Bei einem Konzert hat er uns dann zufällig gesehen und dann ist das halt passiert.
Jens: Wichtiger ist aber auch, dass aus dieser relativ kurzfristigen Geschichte mit Dennis eine Freundschaft entstanden ist. Und über Dennis haben wir dann auch die anderen Jungs von Muff Potter kennen gelernt. Die haben uns für unseren Studioaufenthalt mit allem geholfen, was sie machen konnten.

GETADDICTED: Ihr seid in der Zusammensetzung ja jetzt eine junge Band. Wie ist es dann, mit einem wie Dennis, der jahrelange Erfahrung hat als Musiker, ins Studio zu gehen?
Jens: Das Tolle an Dennis ist, dass er uns machen lässt, gerade weil er soviel Geduld hat. Bevor er sagt: „Jungs, das ist scheiße, da habt ihr euch verrannt“, kommt man auch immer selber drauf.
Henrik: Wir haben vorher auch nie eine Platte aufgenommen. Das war unser erster, wirklicher Studioaufenthalt. Und mit Dennis dann ins Studio zu gehen, war einfach unbezahlbar! Wir mögen ihn, wir sind auf einer Wellenlänge.
GETADDICTED: Klingt nach einer professionell abgespulten Antwort von irgend einer Band.
Jens: Wir hätten auch sonst niemanden gewusst, der da so perfekt zu passen würde.
Henrik: Das ist einfach, weil dieser Typ so super ist.

(An dieser Stelle brechen wir das Hinternpuderzuckern lachend ab)

GETADDICTED: Wir haben jetzt viel über Assoziationen gesprochen. Wie würdet ihr denn eure Musik nun selber beschreiben?
Jens: Wir haben gerade auf der Autofahrt darüber diskutiert, weil wir endlich mal einen Strich unter diese Sache ziehen wollten. Dann würde ich sagen: Robocop Kraus und Jimmy Eat World.
Henrik: Eigentlich ist das ja euer Job, zu sagen, wie wir klingen.
GETADDICTED: Wenn jetzt einer sagen würde: Eigentlich klingt ihr britisch, aber euch fehlt der Akzent.
Henrik: Unsere Biografie ist eher eine amerikanische – Samiam, The Jealous Sound, Jimmy Eat World. Bei dieser ganzen britischen Welle weiß ich gar nicht, was das soll. So eine Musik gab es schon ewig lange. Und wenn jetzt jeder meint, dass jeder einen Slang wie Eddie Argos von Art Brut haben soll, dann geht mir das echt am Arsch vorbei.
GETADDICTED: Trotzdem würde ich sagen, dass ihr britisch klingt und tanzbar seid. Was euch fehlt sind die zwei Jahre Airplay, die Arroganz und schon würden die Mädels vor der Bühne knien und euch anbeten.
Jens: Das kommt dann nächstes Jahr (lacht)!
GETADDICTED: Aber wie ist das passiert vor dem Hintergrund eurer musikalischen Sozialisation?
Henrik: Man kann da jetzt mit ganz viel Esoterik-Kram kommen. Wir haben Gitarre, Schlagzeug, Bass auf das komprimiert, was es eigentlich ist. Wir würden lügen, wenn wir unsere Ohren vor dem versperren würden, was im Moment überall läuft. Dieses Trio ist so passiert. Ich hatte auch bis vor kurzem nur einen Miniverstärker, und da kam eben dieser Bratsound raus, den man im Moment viel im Radio hört. Dann kommt natürlich der Klischee-Mucker-Spruch: „Aus der Not ne Tugend machen“. Irgendwann habe ich angefangen, den Sound zu lieben. Und es ist so, wenn Christoph am Schlagzeug sitzt, dann spielt der einfach so. Es macht keinen Sinn zu sagen, dass Maximo Park irgendwas bestimmtes machen und wir deshalb auch so.
Jens: Et kütt wie et kütt!
Henrik: Wir funktionieren nur so, wie wir drei sind. Und genau so ist der Sound entstanden, weil jeder das macht, was man kann. Das klingt zwar wieder wie eine professionell abgespulte Antwort, ist aber einfach so.
Jens: Und die Sache, auch wenn wir trotz unserer musikalischen Vergangenheit jetzt so klingen, ist auch: Kommt Zeit, kommt Zahmheit (Der Rest des Satzes geht in Gelächter und Protesten unter)
Christoph (nimmt das Diktiergerät): Wie kann man das hier zurückspulen?
Jens: Ey, lasst mich ausreden! Wir beschäftigen uns auch in letzter Zeit oft mit elektronischer Musik aus den Achtzigern, und die ist ja auch relativ ruhig.
Henrik: Ein wichtiger Punkt für unseren Minimalismus war auch eine DAF-Platte. Das war der Moment, an dem wir gedacht haben: „Wir brauchen keinen Mesa-Boogie, den wir auf 12 drehen“.
GETADDICTED: Ihr habt mit mehreren Bands wie unter anderem Maximo Park gespielt. Wieviel Einfluss hat das?
Henrik: Im Prinzip eigentlich keinen.
Christoph: Darf ich sagen, dass ich die live überhaupt nicht so gut fand wie auf Platte?
Henrik: Was uns beeinflusst hat, war die Tour mit Charlotte Heatherly von Ash, weil viel von dem Sound der Band, wie die gemeinsam funktioniert hat – mal davon abgesehen, wie die persönlich war – das war schon sehr geil. Die Tour mit Samiam war auch super, nicht weil die musikalisch super sind.
Jens: Sondern gerade menschlich! Das sind Leute, die man mit 15 angehimmelt hat. Man trifft die, kommt langsam ins Gespräch und stellt fest, dass das richtig nette Leute sind. Und der Bassist hat uns auch noch einiges mit auf den Weg für unsere Karriere gegeben hat ...
Henrik: ... haha, für unsere Karriere ...

GETADDICTED: Ihr habt in den Fünf Fragezeichen geschrieben: „Große Worte für eine kleine Band“. Warum benutzt ihr sie trotzdem?
Henrik: Gute Frage! Aber man muss diese Worte benutzen, weil’s einfach so ist. Ich weiß, dass es kitschig klingt, aber eine Band lebt doch davon, dass man solche Sachen macht. „Freundin verlässt einen, Freunde sind weit weg, vermissen, rauswollen“, aber wenn’s so ist, dann möchte ich lieber ein Typ sein, der sagt: „Dir geht’s scheiße, mir genau so“. Wenn Leute sagen, dass das uncool ist, kann ich damit sehr gut leben. Da stecken viele persönliche Sachen in dem Album. Was mir zum Beispiel an den Hives nicht gefällt: Das trifft mich nicht. Was Songs machen sollen: Nachher soll es mir noch viel, viel dreckiger oder viel, viel besser gehen. So bin ich, so sind wir uns so soll dann auch die Platte sein.
GETADDICTED: Habt ihr da nicht mal überlegt, deutsche Texte zu machen?
Christoph: Keinen Moment.
Jens: Wir sind so sozialisiert. Wir hatten auch mit Deutschpunk nie was am Hut. Das ist bei uns irgendwie aus den Eiern gekommen.
Henrik: Man hat ja auch immer englische Songs mitgesungen, und auch die gehen unter die Haut.
GETADDICTED: Und wie kommen die kryptischen Songtitel?
Henrik: Die kommen einfach daher, wie man den Inhalt am besten in einem Wort auf den Punkt bringt. Irgendwer hat mal gesagt, ein Song wäre 20 Prozent Slogan und 70 Prozent Inhalt.
Christoph: Und was ist mit den anderen zehn Prozent (lacht)?
Henrik: Die anderen zehn Prozent sind enge Hosen (lacht). „Unterwegs“ ist aber so ein Beispiel, bei dem alles zusammen kommt. Man ist unterwegs, man findet dieses Buch „Unterwegs“ von Jack Kerouac gut. Ich will mir gar nicht anmaßen, dass Leute über die Texte nachdenken. Aber ich finde es gut, wenn man bei einer Band merkt, dass da was hinter steckt, wenn man sich mit ihr beschäftigt. Und eben nicht, wenn die Songtitel die Refrainzeile ist.
Christoph: Oder der Anfang. „Im Wagen vor mir fährt ein junges Mädchen.“ (alle lachen, singen aber sofort los...)

GETADDICTED: Ihr habt – auch in den Fünf Fragezeichen – eure Musik unter anderem als „angepisst“ bezeichnet. Wo ist genau der Piss?
Christoph: Haste nicht gehört? Gerade eben?
Henrik: Eine Band macht für mich nur Sinn, wenn man angepisst ist. Diese Band gibt es nur, weil meine Freundin mit nem anderen Typen geschlafen hat.
Christoph: Und so ist jeder Song entstanden. Es ist kein Song entstanden, wo nicht irgendeiner von uns in irgendeiner Weise angepisst war.
Jens: Wir müssen angepisst sein, um so Musik machen zu können.

GETADDICTED: Wenn jemand einen Song von euch covern sollte, wer wäre das?
Christoph: Klar: Bruce Springsteen!
Henrik: So darfst du das nicht sagen! Ich würde mir wünschen, das Feist einen covert und zwar „Hell is other people“. Wenn die den spielen würde und dann auch noch sagen würde: „Henrik, I like that Song. Wow...“

 

 

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