VON BÜHNENSÄUEN UND FAMILIENMENSCHEN

 

Die Hell On Earth-Tour in der Funbox Amalie, Essen // 06.10.2007

 

Man könnte meinen, dass eine Fabrikhalle ein düsteres Etablisment sei. Doch der helllichte Tag außerhalb führte gleißendes Sonnenlicht in die Gruft. Somit hatten die stimmungsvollen Bühnenlichter ihre Schwierigkeit, darüber Herr zu werden. A New Hope hatten als Opener standesgemäß das Problem, dass sich die Leute erst mal im dunklen Schatten verstecken konnten. Trotzdem hatten die Recklinghäuser gute Laune, was am druckvollen und klaren Sound, an den wohlwollenden Blicken und gut gemeinten Kopfnickern sowie wohl auch an ihrem Plattenvertrag lag, den sie kürzlich bei Big Deal Records unterschrieben.

Der Veranstalter Positive Records hatte alles straff und gut organisiert, so dass die Umbaupausen nie länger als 15 Minuten dauerten. From A Second Story Window kommen aus Ohiovania (Ohio und Pennsylvania), sind ein gemischter Haufen verschiedener Irrer. Frontman Will Jackson hatte was von einem naturverbundenen Cowboy ohne Hut und ohne Schuhe. Bassist Joe Sudrovic kam mit einer Hawaii-Hose auf die Bühne und kombinierte sein Outfit später mit einer schrägen Maske. Das Publikum schien auf sie gewartet zu haben und traute sich teilweise aus den dunklen Ecken der Halle näher an die Bühne. From A Second Story Window mischen Metal, ein bisschen Noise und vielleicht noch Death. Hinzu kommen Screams, Growls, sogar Frognoise ohne Harmonizer und ab und zu melodiöser und beachtlich tontreffender Gesang seitens des „Cowboys“. Die Melodien sind keinesfalls eintönig und wechseln stetig mit den Geschwindigkeiten. Die fehlende Kopfbedeckung holte sich der Sänger im Laufe der Show gewissermaßen vom Publikum. Schelmisch machte er sich an den Caps der an der Bühne stehenden Menschen zu schaffen, stahl sie ihnen und setze sie sich selber auf. Denn in diesem Jahr war die Bühne vor der Funpipe aufgebaut, der trennende Graben fehlte auch, so dass die Leute direkt an der Bühne standen. Der Höhepunkt war erreicht, als ein Bühnengast die Hosen fallen ließ, die Maske des Bassisten über den Kopf zog und beim letzten Lied über die Stage hastete. Er gehörte zu den Jünglingen, die am Bühnenrand kein Lied mit ihrem begleitenden Gesang ausließen.

Viele Leute in der Funbox warteten hoffnungsvoll auf Freya mit Ex-Bandmitglieder von Earth Crisis und bekamen allem Anschein nach genau das, was sie erwarteten. Mosh, Trash und Gangshouts reichten ihnen, endlich mal aus den Startlöchern zu kommen und ordentlich rumzuprollen. Sänger Karl Büchner ist zwar in die Jahre gekommen. Er trug aber Sportshorts und Stirnband und war sonst auch ziemlich fidel. Seine hohen Sprünge und sein Metalmoshhead begleiteten die Show ohne Pause. Draußen wurde es nun auch langsam dunkel. Auf dem Spielplatz für Mutige tummelten sich mehr und mehr Windmühlen und Leute mit waghalsigen Violentmännermoves. Sänger Karl bekräftigte dies noch mit den Worten: „Wir sind nicht hier um für euch zu spielen, sondern um mit euch zu spielen. Seid also nicht schüchtern und kommt alle nach vorn“, und lud somit noch den letzten Rest in den Sandkasten ein.

All Shall Perish ließen kaum Zeit, sich zu sammeln und die verloren gegangenen Gehörknöchelchen und Trommelfelle wieder aufzufinden. Jedes Lied wurde von Sänger Eddie Hermeda mit Growls angesagt. Wer nicht glauben konnte, dass Sänger Eddie ohne weiteres zwischen Growls und Screams switchen kann, bekam auf dem Konzert den Beweis für diese beeindruckenden Künste. Zwischendurch spielte Walls Of Jericho-Gitarrist ein Solo, das sich jedoch als Lunte erwies, weil es ein Playback war. Auf alle diejenigen, die All Shall Perish vorher nicht kannten, hinterließen die Jungs einen bleibenden Eindruck und sogar offene Kinnladen. Frontman Eddie holte sich die Menschen auf die Bühne und die ersten waghalsigen Stagedives ließen nicht lange auf sich warten. Wenn sich dabei mal jemand übernahm und statt aufgefangen zu werden auf den Boden prallte, schrieen die Bandmitglieder: „Pic him up!“ Noch eine andere kleine Entdeckung waren die eintätowierten Seiten des Instruments des Bassisten auf seinen Fingern. Die Show von All Shall Perish war eine echte Herausforderung für die Nackenmuskulatur.

Das nach All Shall Perish Fear My Thoughts spielen durften, war eine Art Support für deutsche Bands. Das Publikum schien jedoch schon bei dem ersten Lied irritiert zu sein. Die Synthies passten nicht ganz zu der Stimmung, die All Shall Perish vorgelegt hatte. Somit zogen sich die rockenden Gäste wieder zurück in ihre dunklen Ecken. Alte Fans waren aber von den doomigen und metallischen Einflüsse der Band enttäuscht. Grundsätzlich hatten Fear My Thoughts dennoch einen soundstarken Mix aus Moshparts im Petto.

Auf Born From Pain warteten schon eine Menge Kids, die sich richtig auslassen wollten. Die Halle verdunkelte sich und ihre Helden marschierten zum Intro ein. Terror-Frontmann Scott Vogel, der bei den Holländern zurzeit aushilft, hielt sich bis dahin noch ruhig im Hintergrund auf. Beim ersten Scream von ihm fraßen sie ihm schon aus der Hand und die Halle begann zu toben. Durch ihn bekam die Band aus den Niederlanden eine ganz andere Note. Doch die Hoffnung auf ein oder zwei Terror-Lieder blieb unerfüllt. Alle Born From Pain-Fans konnten sich vollends auf die Lieder ihrer Favoriten freuen und ließen sich keinesfalls aus ihrem Konzept bringen. Genauso wenig wie Scott Vogel, dem es sichtlich gefiel, wie viel Feedback diese Band bekam. Mit den Worten: „Macht euer eigenes Ding und lasst nicht nur Bands euren Charackter beeinflussen, sondern holt euch eure Einflüsse aus eurer Umwelt“, bekräftigte er die Meinung vieler, auch derer die sich nicht unbedingt mit dem Bollogebolze identifizieren konnten. Bei Born From Pain trafen die Sanitäter auch auf ihre ersten qualitativ hochwertigen Opfer. Blutige Nasen und schlaffe, bewusstlose Körper wurden medizinisch erstversorgt.

Schon zu Born From Pain versammelte sich das Publikum sehr nah vorn. Doch das war Sängerin Candace Kucsulain von Walls Of Jericho nicht genug. Sie zerrte förmlich die Menschenmassen auf die Bühne. Die Frau begeisterte mit ihrer publikumsnahen Art auf Anhieb. Sie schien es richtig zu genießen, dass der Graben wie bei der Persistence Tour fehlte und tat ihre Freude darüber sofort kund. Gitarrist Mike Hasty und Frontfrau Candace sind die absoluten Bühnensäue der Band. Der erste Circlepit wurde von Candace so prägnant angesagt, dass es kein Wenn und Aber gab: „Oldschoolkids, Metalkids, Punkrockkids, it doesn´t matter right now, give me a hardcore circlepit!“, und der Kreis schloss sich. Auch sonst war die Bühnenshow der Band aus den Staaten der absolute Hammer, denn sie überzeugten weniger mit einer eingespielten Show als mit ihrer starken Dynamik. Mit ihrem Sprung in die Menge brach Candace jegliches Eis. Sie wurde immer wieder zurück auf die Bühne getragen. Zwischendurch pölte sie Organisator Back von Positiv Records bei Seite, weil er ihr scheinbar im Weg stand. Überrascht über die Härte der kleinen Frau mit dem süßen Grübchen, breitete sich ein langes Grinsen auf seinem Gesicht aus. Zucker! Immer wieder bestärkte sie mit den Worten „We are not here to entertain you, we are here to be a part of you“, das unterschwellige Motto “Wir sind eine Familie” der Hell On Earth Tour. Die Zugabe war nicht nur als Lied das Highlight des Abends. Bei „Revival Never Goes Out Of Style“ reißt sie die Leute auf die Bühne und winkt dem Rest der Halle zu, sie sollen es ihnen gleich machen. Die Halle steht also auf der Bühne und gröhlt den letzten Song der Hell On Earth Tour ins Mikro, der kleinen Bühnensau Candace. Schöner familiärer Anblick.

 

 

Text: Georgia Polichronidou
Fotos: Mathias Schumacher