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REUNIONS ZWISCHEN GERICHTEN, MILLIONEN UND DESINTERESSE
Interview mit House & Parish in Köln // 27.11.2007
House & Parish stammen zwar aus den Staaten, dennoch lässt sich Schlagzeuger Brian in englischer Gentleman-Manier nicht davon abbringen, sich erst mal eigenhändig um unsere trockenen Kehlen zu kümmern, während wir auf den Rest der Band warten. Zusammen mit Gitarrist Jason und Basser Scott wird dann in geselliger Runde über erste Proben in Kellerräumen, einmalige Reunion-Shows und den perfekten House & Parish-Song für eine Beerdigung geplaudert.
Jason: Ihr seid beide Straight Edge und eure Seite heißt GETADDICTED!? Das ist aber ein Gegensatz oder etwa Ironie?
GETADDICTED: Ähem, GETADDICTED bezieht sich natürlich nur auf Musik ... Erinnert ihr euch an die erste Probe mit eurer ersten Band?
Jason: Das ist nicht so einfach. Da muss ich nachdenken. Ich habe höchstens vage Erinnerungen an eine Probe in einem Kellerraum
Scott: Auf jeden Fall in meinem Keller. Zusammen mit ein paar Metaltypen. Ich weiß nicht, ob man das schon als Band bezeichnen konnte.
GETADDICTED: Weißt du das Jahr noch?
Scott: Wahrscheinlich 1987. Da war ich zwölf.
Brian: Ich war frisch auf der High School.
Jason: Ich sage 1989.
GETADDICTED: Erzählt uns etwas über die Geburtsstunde von House & Parish
Jason: Es gab einen Vorgänger zu dieser Band. Manche von uns waren schon dabei. Aber nach einer Weile hörten wir wieder auf.
Scott: Für uns war es nicht zwingend eine Band, sondern wir hatten einfach etwas zu tun.
Jason: John hatte ein paar Songs und außerdem hatte sich seine Band gerade getrennt. Er rief mich an, um an neuer Musik zu arbeiten. Scott spielte damals mit Brian in einer Band und wir dachten uns: „Hey, lasst uns zusammen spielen“. Wir hatten ein paar Jam-Sessions und so fing alles an.
"ES FÜHLTE SICH NACH NICHTS AN"
GETADDICTED: Was ist mit Chris Daly passiert?
Jason: Wir haben zuerst mit Brian gespielt und dann stoppten wir die Band komplett. Anschließend spielten wir eine Weile mit Chris Daly und schufen ein paar Songs. Er wollte allerdings nicht mehr in der Band sein.
Brian: Ich denke, ich bin nach einem Jahr wieder eingestiegen
Jason: Wir hatten einmal mit dir gespielt.
Brian: Zweimal!
Jason: Das war zu Beginn ein chaotisches Desaster…
Brian: …und nicht sehr inspirierend.
Jason: Wir spielten sechs Monate mit Daly und riefen Brian ein Jahr nach seinem „Verschwinden“ wieder an. Als wir mit Daly spielten und Songs aufnahmen, machte es keinen großen Unterschied. Anfangs fühlte es sich generell nach nichts an. Also beschlossen wir, die ersten drei Songs aufzunehmen und sie als Aufgabe zu sehen, um zu schauen, ob die Band eine Zukunft hat. Wir waren glücklich mit dem Ergebnis, Daly stieg aus, also riefen wir Brian an.
Brian: Selbst zu diesem Zeitpunkt fühlte es sich noch nicht als Band an, bis wir beschlossen die erste Show zu planen.
Scott: Ich denke, wir hatten nicht den einen Punkt, an dem die Band nun eine Band war. Es war mehr etwas, das wir neben unserem normalen Leben in New York machten. Aber wir mögen es und machten weitere Songs und unsere Freunde pushten uns eine Show zu spielen. Und nun sind wir hier.
GETADDICTED: Ihr seid vor ein paar Monaten zum ersten Mal auf Tour gewesen hier. Was hat sich in der Zwischenzeit verändert?
Scott: Ich musste meinen Job kündigen.
Jason: Wir haben noch mehr Songs geschrieben und haben eine Platte herausgebracht. Gibt es sie hier schon?
GETADDICTED: Seit zwei Wochen.
Jason: Ich muss mit Hoffi sprechen. In seinem Plattenladen (Underdog Records, Anm. d. Red.) wird es sie definitiv geben. Wir arbeiten daran, ein Album zusammen zu stellen, um es Anfang 2008 zu veröffentlichen.
GETADDICTED: Spielt ihr auf dieser Tour nur Songs von der EP?
Jason: Nein, auch neue Stücke. Sechseinhalb bis sieben Songs am Abend.
GETADDICTED: Ein halber Song?
Jason: Es ist nur ein Snippet.
GETADDICTED: Ihr seid keine Neulinge mehr. Was ist der Unterschied zwischen Touren im Jahr 1997 and 2007?
Scott: Es ist kein großer Unterschied.
Jason: Es ist schon anders. Wenn ich heutzutage nicht genug Geld mit der Tour mache, ist der Gedanke, wieder bei meine Eltern einziehen zu müssen, wenig erfreulich. Das würde nicht gut gehen. Ich würde schon sagen, dass es anders ist, aber auf Tour sein ist auf Tour sein, wenn du es mal gemacht hast und dich wieder einfindest, ist es das Gleiche.
Scott: Aber es gibt mehr Computer und man schleppt nicht mehr Unmengen von CDs mit sich herum. Die Erfindung des iPod hilft ungemein auf Tour.
Jason: Mobil-Telefone ebenso.
GETADDICTED: Macht es eure musikalische Vorgeschichte leichter, in Bezug auf Booking, Label usw. ?
Jason: Es ist schon viel einfacher. Einerseits, weil wir Verbindungen zu Leuten haben, mit denen wir schon ewig zusammen arbeiten. Zum Beispiel unser Booker hier, Philipp, ist seit zehn Jahren ein guter Freund. Mit Hoffi verhält es sich ebenso. All das macht es einfacher, wenn es beispielsweise um die Veröffentlichung der Platte geht.
Aber für uns ist es eine Herausforderung, dass Leute sich die Platte anhören auf eine subjektive Weise und nicht im Zusammenhang mit dem, was wir vorher gemacht haben, sondern in Hinblick auf das, was sie ist. Eben nicht die alten Bands im Hinterkopf zu haben und die Verbindung zu dieser oder jenen Band zu ziehen. Es sollte eher ein „Wow, ich habe diese Platte und ich habe noch nie von diesen Typen gehört“. Das ist die Herausforderung für uns.
GETADDICTED: Was glaubt ihr, wie viele Besucher dieser Tour haben noch nie von euren alten Bands gehört?
Jason: Ich denke viele. Mehr als du denkst, aber es ist schwer zu sagen.
Scott: Vor allem die Jüngeren, welche die Weakerthans mögen, haben mit großer Wahrscheinlichkeit nicht von unseren alten Bands gehört. Ich meine, es ist zehn Jahre her, dass wir (Texas Is The Reason, Anm. d. Red.) eine Band waren. Jüngere Leute machen sich nicht die Mühe, nach alten Bands zu suchen
GETADDICTED: Nicht mehr…
Scott: Ja, stimmt. Die heutigen 21-jährigen waren zehn als die Platte rauskam.
GETADDICTED: Wie ist die Verbindung zum deutschen Label Arctic Rodeo Rec. entstanden?
Jason: Durch unseren Freund Ian Love, der die Platte aufgenommen hat. Frederic hat ihn angerufen und gefragt „Hast du irgendwelche lohnenswerten Platten zum aufnehmen gehört?“. So ist Frederik aufmerksam geworden und wir haben im Juli hier getourt.
GETADDICTED: Brian, du hast die EP auch auf deinem Label Belle City Pop rausgebracht. Wie wichtig ist der D.I.Y.-Aspekt für dich?
Brian: Ich bin mir nicht sicher, ob ich eine angemessene Antwort habe. Ich denke schon, dass er wichtig ist. Aber fairerweise muss ich sagen, dass die EP in den Staaten auf Arena Rock erschienen ist. Meine Bandzugehörigkeit half zwar in den USA ein wenig. Ich selber habe gar nicht so viel getan. Ein bisschen Marketing und Überzeugungsarbeit.
GETADDICTED: Gibt es weitere Pläne für Remixe?
Jason: Yeah!
GETADDICTED: Wer wird sie produzieren?
Jason: Einige sind noch geplant beziehungsweise schon in der Mache und bald fertig. Wie viele haben wir?
Scott: Drei.
Jason: Einer ist von einem guten Freund in New York. Ein paar andere Leute haben auch aber noch Songs. Wir versuchen noch mehr zu finden, aber ich weiß noch nicht, ob wir ein Remix-Album machen oder ein normales Album als Doppel-CD mit den Remixen als Bonus. Vielleicht verschenken wir sie auch einfach. Wir haben ein paar coole Remixe.
Scott: Ja, es macht Spaß deine eigenen Songs so zu hören, wie andere Leute sie mögen.
GETADDICTED: Sorry Scott, aber die nächste Frage lautet: Habt ihr noch andere Jobs oder könnt ihr von der Musik leben?
Scott: Ich bin definitiv unfähig von der Musik zu leben und habe keinen anderen Job. Dementsprechend gearscht! Aber die Chancen stehen gut, dass ich möglicherweise einen neuen Job habe. Man sagte mir, da wartet ein Job auf mich. Keine Ahnung, was das bedeutet, wie viel die zahlen, wie viele Schichten ich machen muss. Ich weiß nicht, ob ich das machen kann. Aber wir arbeiten alle…zuviel.
"TERMINATOR WAR MEIN ERSTER GEDANKE"
GETADDICTED: Jason, arbeitest du noch als Grafikdesigner?
Jason: Ja.
GETADDICTED: Erzähl uns etwas über das Kunst- & Design-Kollektiv, dem du angehörst.
Jason: Es heißt Athletic. Viele von uns haben zusammen als Freelancer gearbeitet. Füreinander und miteinander an verschiedenen Projekten. Dann suchten wir einen Ort, von dem aus wir arbeiten konnten. Jeder arbeitete bis dahin an verschiedenen Orten oder von zuhause aus. Also fanden wir diesen Ort und gaben ihm einen Namen. Es ist eine siebenköpfige Gruppe von Webdesignern, Video-Regisseuren, Motion Graphic-Leuten und Print-Designern und benutzen den Namen Athletic als Label. Es ist nicht wirklich Business, nur ein Name, aber wir verwenden ihn für größere Projekte. Es hört sich größer an als es ist.
GETADDICTED: Welcher House & Parish-Song wäre perfekt für ein Begräbnis?
Jason: Existente Songs, die wir bereits geschrieben haben?
GETADDICTED: Ja.
Brian: Dann das Instrumentalstück „One, One-Thousand”.
GETADDICTED: Stellt euch vor, ihr könntet eine Zeitreise machen, um auf einem Filmsoundtrack zu erscheinen. Zur Wahl stehen “Casablanca”, “Once Upon A Time In The West” und Terminator.
Brian: Terminator war mein erster Gedanke.
Jason: Ja, und ich denke, es wäre „Pristine Fields“... und „One, One-Thousand“ ebenso. Ein bisschen…
Brian: …futuristisch.
GETADDICTED: Was haltet ihr von all den Reunions in letzter Zeit wie Texas Is The Reason, Weston, Gorilla Biscuits?
Scott: Ich denke, da gibt es Unterschiede. Texas war eine einmalige Angelegenheit, GB machen weiter.
Es war schön, diese Songs mit meinen Freunden, die nun wieder meine Freunde sind, zu spielen und vor Leuten zu spielen, die nie die Gelegenheit hatten uns zu sehen, die es verpasst hatten oder nicht in der Nähe waren. Aber es war auch ein wenig komisch.
Da gibt es diese Band, über die wir letztlich sprachen, deren Mitglieder sich offensichtlich nicht mochten und in Interviews viel darüber sprache,n wie wenig sie mochten. Dann beendeten sie die Band und wurden sehr berühmt.
GETADDICTED: Wen meinst du?
Jason: Hey, er kann doch keine Namen nennen.
Scott: Ich kann Namen nennen, denn Frank Black wird das niemals sehen. Ich meine die Pixies.
Jason: Es ist echt kompliziert. Die Pixies sind ein gutes Beispiel. Sie machten ihr Ding und können gutes Geld damit verdienen, wenn sie es erneut machen würden. Leute fragen schließlich auch danach. Die meisten Musiker haben keine gute Karriere nach dem Musikerdasein vor sich. Also, sollte man doch einen Vorteil daraus ziehen. Wenn du die Wahl hast, eine Million Dollar zu machen mit etwas, das totalen Spaß bringt oder darauf zu verzichten. Würdest du es nicht auch tun?
GETADDICTED: Vielleicht könntet ihr mit euren alten Bands ebenfalls noch etwas Geld verdienen…
Jason: Wahrscheinlich. In meinen Augen muss man das abschätzen. Es wäre nicht soviel Spaß für mich. Wir spielten eine Promise Ring-Reunion-Show. Es war okay, aber nicht mehr.
Scott: Ihr lebt auch nicht mehr alle im gleichen Bundesstaat.
Jason: Und ja, wir leben nicht mehr in unmittelbarer Nähe zueinander. Es ist nicht das Gleiche für jeden, aber für mich bringt Musik machen mehr Spaß, wenn es sich um neue Musik handelt und man sich quasi nach vorne bewegt. Ich bin nicht wirklich sentimental.
Scott: Ich habe kein Interesse, eine Revival-Show zu sein. Es gibt nur diese alten Songs, die wir haben und das ist alles. Ich bin ebenso uninteressiert daran, neue Songs mit meiner alten Band zu spielen oder den Sound dieser Band zu gebrauchen. Ich habe jetzt drei andere Leute, die aus der gleichen Szene stammen und die gleiche Art von Musik mögen. Wir machen etwas Neues.
GETADDICTED: Wenn ihr eine Band aussuchen dürftet, die sich wieder vereinen sollte. Welche wäre es?
Brian: Wer hat sich denn aufgelöst?
Scott: Kann ich Minor Threat nehmen?
GETADDICTED: Sicher.
Scott: Okay, die würde ich gerne sehen. Minor Threat!.
Brian: Ich weiß nicht, die Beatles!
Scott: Ich wollte das auch sagen, aber die sind zu tot.
Brian: Für mich wären The Smiths super. Ich finde es gut, dass sie nie wieder zusammen gespielt haben seit ihrer Auflösung, aber wenn es dazu käme, wäre ich der Erste dort.
Scott: Die sind ein großartiges Beispiel für das, was ich eben gesagt habe...
Brian: ... wie Bands, die sich gegenseitig vor Gericht bringen und sich verklagen. Also, ich möchte die Reunion lieber nicht.
GETADDICTED: Zum Abschluss eure Top-5-Alben aller Zeiten
Scott: Ich kann das nicht in Druck gehen lassen.
Brian: Unser größter Fan ist aus Schottland, er hat eine Top-5-Liste, die er uns gab. Die ist vielleicht repräsentativ.
Scott: Oder auch nicht. Er hat nie eine Drei.
Brian: Das ist das Geniale. Er hat eine fünfte, vierte, zweite und erste Lieblingsband, aber die Lieblingsband Nummer drei konnte er nicht finden.
Jason: Es ist unglaublich zu sagen: „diese Band ist eine zwei“
Brian: Und diese Band definitiv eine vier.
Brian:
1. The Smiths – The Queen Is Dead oder besser “Meat Is Murder”. Die ist mehr wie ich.
2. U2 – The Joshua Tree
3. R.E.M. – Fables Of The Reconstruction
4. Depeche Mode – Violator
5. The Sundays – Blind
Jason:
1. Pet Shop Boys – Please
2. Blur – S/T
3. bleibt zu Ehren des Edelfan frei, im Zweifel irgendwas von den Beatles
4. Badly Drawn Boy – The Hour Of Bewilderbeast
5. Deerhunter - Cryptograms
Scott:
1. The Beatles – Revolver
2. My Bloody Valentine – Loveless
3. Bad Brains – I against I
4. Stone Roses – S/T
5. Fugazi - Repeater
- Galerie: House And Parish live in Köln // November 2007
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