"LEKTION GELERNT, DU NUTTENPRINZ?"

 

Terrorgruppenführer Archi über seine frühere Band Inferno // August 2007

 

Bevor Archi nach Berlin zog und Terrorgruppe gründete, war er Gitarrist von Inferno, die im Ausland bekannter als in Deutschland waren. S.O.D. haben ihren ersten Song "Ram It Up" gecovert, Inferno tourten kreuz und quer durch Europa. Jetzt erscheint mit "Oldschool/Highschool" das Machwerk der Band, die Slayer und Kreator schon als Einfluss nannten. Das damals selbst ernannte Großmaul Archi bezeichnet sich zwar als ruhiger und gelassener. In den diplomatischen Dienst kommt er mit seinen Aussagen aber nicht. Punk ist tot? Nicht so lange er noch lebt.

 

GETADDICTED: Wie kommt man nach so langer Zeit darauf, das alte Material wieder auszugraben?
Archi: Sowas macht man halt. Das ist ungefähr ähnlich, wie wenn man seine Jugendphotos in ein Photoalbum klebt, oder seiner ersten Freundin mal wieder schreibt, oder auf ein Klassentreffen der Realschulabschlussklasse der Anne-Frank-Realschule Kaiserslautern geht. Oder den ersten auf Super-Acht gefilmten Fick mit seiner Freundin digitalisiert und auf YOUPORN.COM stellt. Der Mensch räumt halt gern seine Vergangenheit auf!

GETADDICTED: Welchen Song würdest du heute als Single auskoppeln?
Archi: Keinen. Das ist nicht die Musik für so eine Art der Auswertung. Auskoppeln ist alberner Industriemarketingscheiß, das haben wir nicht nötig!

GETADDICTED: Kann man „Ronald Reagan“ durch „George W. Bush“ austauschen und den Rest des Texts so lassen?
Archi: Unbedingt! Was soll ich jetzt noch mehr dazu sagen. Die Ignoranz, Arroganz und der latente Faschismus in der US-Politik hat sich die letzten 50 Jahre kein Stück geändert, egal unter welchem Präsidenten!

GETADDICTED: Wenn du dir den kleinen großmäuligen Archi anguckst, als er bei den späteren Inferno einstieg: In welchen Punkten/Eigenschaften ist er dem heutigen Archi ähnlich und wo hat er sich am meisten verändert? Welchen Tipp würdest du ihm geben, wenn du ihm jetzt einen geben könntest?
Archi: Ich überlege heute zumindest ein Mal mehr, bevor ich mein Maul aufreiße, bin etwas diplomatischer und gelassener geworden. Aber nicht unbedingt weniger laut, wenn es darauf ankommt. Dem jungen Archi würde ich nicht einen Tipp geben wollen, der hört sowieso nicht auf einen, bringt gar nichts.

GETADDICTED: Du schreibst von einer „immer bekannter werdenden Band aus Düsseldorf“, die auch im gleichen Laden vor 30 Leuten gespielt hat. Wenn du aus heutiger Sicht deine Laufbahn mit den Toten Hosen vergleichst: Hättest du lieber die Karriere der Hosen gemacht? Welche Vor- und welche Nachteile haben deine Karriere und ihre deiner Meinung nach?
Archi: Ich bin zufrieden mit dem, was ich in meinem Leben als Musiker geschaffen und erreicht habe. Klar hätte ich gern die Kohlen eines kommerziell supererfolgreichen Rockstarfuzzies, aber auf der anderen Seite möchte ich auch nicht so populär werden. Das nervt und macht bekloppt.

GETADDICTED: Was sagst du dem Clubbesitzer, dem ihr damals das Mischpult geklaut habt?
Archi: „Ich hoffe du hast aus der Lektion, die wir dir damals erteilt haben, gelernt und behandelst deine Bands heute Fair und respektvoll, du Nuttenprinz !“

GETADDICTED: Wenn Inferno Old School und High School (So sind die beiden wiederveröffentlichten CDs betitelt, Anm.) waren, auf welcher Schule waren dann Terrorgruppe? Und welchen Abschluss hast du jetzt?
Archi: Terrorgruppe war Sonder- und/oder Baumschool! Ich hab mittlerweile mein staatlich geprüftes Punkerdiplom! So viele brave Kinder, die ich mit Punk versaut habe, da können nur wenige mithalten. Im Gegensatz zu anderen Musikern hab ich nicht die geringsten Anzeichen von Verantwortlichkeit gegenüber meinen Anhängern. Ich bin ein ganz, ganz schlechter Mensch.

GETADDICTED: Welche Bands aus der Zeit würdest du heute gerne zusammen auf ein Festival bringen?
Archi: Crucefix, Headcleaners, The Krauts und als Headliner Husker Du zu Landspeedrecords-Zeiten, das wär fein.

GETADDICTED: Ich habe – seit ich die Doppel-CD gekriegt habe – viele Leute nach Inferno gefragt. Viele Leute, die wie ich schon lange Punkrock/Hardcore hören. Aber keiner kannte Inferno. Wie erklärst du ihnen euren damaligen Bekanntheitsgrad?
Archi: Ich sage: Hör dir den Scheiß an, wenn du das dann begriffen hast, dann weißt du, was es bedeutet, Energie und Intensität in der Musik zu spüren. Wenn du es nicht begreifst, hör weiter Muff Potter und Boxhamsters oder Caliban und spalte Haare!
Wir waren damals bekannt, weil wir was neues, frisches, aufregendes, experimentelles gemacht haben, nicht weil wir unbedingt Platten verkaufen wollten. Im Ausland waren wir populärer, weil Deutschland schon immer Rocktechnisch eine Provinznummer war.
Das hat sich bis heute nicht geändert. Außerdem hat die Band ihr Erbe nie so konsequent angeberisch verwaltet, wie das andere, weit weniger einflussreiche Bands über Jahre getrieben haben! Wer sich da heutzutage alles als Hardcore-Punk-Urväter verkauft, da lach ich mir doch nen Ast.

GETADDICTED: Heutzutage macht doch jeder eine Reunion-Tour. Ab wann können wir damit rechnen?
Archi: Geht schon mal in den Club, macht es euch bequem und bringt viel, viel Zeit mit, ihr werdet unglaublich lange warten. Einen Teufel wird ich tun und mit einer halbgaren Reunion-Aktion das Andenken an so ne geile Band zerstören. Ich bin vielleicht ein Großmaul, aber nicht beknackt. Den Quatsch sollen andere machen.

GETADDICTED: Das diesjährige Wacken wurde als „so friedlich wie Woodstock“ bezeichnet. Was würde da anders ablaufen, wenn Inferno, Hirax und SOD spielen würden?
Archi: AAHHHHHHH, diese Provinzscheiße tut so gewaltig weh. Da macht einer ein Rockfestival und brüstet sich hinterher damit, wie friedlich das abgelaufen ist. Das ist so arm, das kann nur vom Land kommen. Das hat mit Kühe melken aufm Biobauernhof zu tun, aber bestimmt nichts mit Rock’n’Roll!! Das ist sowas von erbärmlich!! Armes, fast nicht existentes Rockdeutschland, geh sterben, du hast keine Lebensberechtigung mehr!


 

Interview: Jens Becker