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DAS BÖSE BUSINESS UND DAS GUTE BIER
Interview mit Adam und Howard von Killswitch Engage im Hilton, Köln // 28. September 2006
Hilton Hotel, Köln: Howard fläzt sich genüsslich in einen braunen Ledersessel, trägt eine nagelneu aussehende Jeans, ein dezentes, schwarzes Hatebreed-Shirt und Sakko. Adam – ebenfalls in geschniegeltem Aufzug – steckt seinen exakt gestylten H&M-Iro gerade in die Minibar und steht vor der schwierigen Frage: Kölsch, Pils oder Gold? Die Antwort ist eindeutig: „Das ist deutsches Bier, also wird es gut sein. Hast du schon mal amerikanisches probiert? Das ist Wasser mit ein bisschen Chemie und fast ohne Alkohol!“ Schnell ist eins klar: KILLSWITCH ENGAGE wollen weder unauffällig bleiben zwischen den akkuraten Businessmen, die in der Lounge des Hotels herumschlendern, noch erscheinen sie wie die bösen Jungs, die böse Musik machen.
GETADDICTED: Wie habt ihr euer allererstes Interview überhaupt in Erinnerung?
(beide lachen)
Adam: Holy Shit!!!
Howard: Oh, mein Gott! Das hat mich noch nie jemand gefragt. Weißt du wie alt ich bin? (lacht)
Adam: Wahrscheinlich war das eine Befragung in dem Supermarkt, in dem ich gejobbt hab! (beide lachen laut)
GETADDICTED: Und als Musiker?
Adam: Holy Shit! Das ist verdammt lange her! Das war mit meiner alten Band Aftershock. Es war in einem runtergekommenen Laden, das Englisch der Interviewer war sehr brüchig, und der Interviewer war ein total verwirrter Typ. Und es war in Tokio.
Howard: Ich hab so verdammt viele Interviews gegeben, aber das erste? Ich weiß nicht mehr genau, mit welcher Band das war. Es war für ein Underground-Hardcore-Zine, aber mehr weiß ich echt nicht mehr. Hey, Mann! Ich bin soo alt! (lacht) Moment! Das war ein E-Mail-Interview und ich hatte damals noch nichtmal einen eigenen Computer!
GETADDICTED: Wenn ihr das mit dem heutigen Interviewtag vergleicht, im Hilton in Köln.
Adam: Holy Shit!
Howard: Holy Shit! Mehr kann ich dazu eigentlich auch nicht sagen. Es hat sich sehr viel verändert!
GETADDICTED: Was ist die größte Veränderung?
Adam: Meinst du die Veränderungen zum Guten oder zum Schlechten?
GETADDICTED: Zum Schlechten?
Adam: Es hat sich auch einiges zum Schlechten verändert!
Howard: Was sich zum Schlechten verändert hat, ist Folgendes: Du gibst viel mehr Interviews und wirst immer und immer wieder die gleichen Sachen gefragt. Und was die Sache schlimmer macht, ist dass es nicht einmal gute Fragen sind. Klar, jetzt müssen wir einfach Fragen zum Album beantworten, das ist nun mal so. Aber es gibt welche, die wir seit Jahren immer wieder gestellt bekommen. Das ist doch verrückt!
Adam: Und wir sind dann nicht die aufmerksamsten Zuhörer. Auch wenn es in diesem Hotel natürlich angenehmer ist, vor allem mit diesem herrlichen, alkoholischen Elixier! (hebt seine Flasche Kölsch hoch wie der Papst eine Hostie)
Howard: Elixier!?! Du bist doch bescheuert! (lacht)
"PARIS HILTON IST ABER NICHT METAL, ODER?"
GETADDICTED: Ihr habt auf eurer Website eine Umfrage gestartet, wie die neue Platte klingen sollte. Das Ergebnis heute morgen war: 25 Prozent sagen, die Platte sollte brutaler sein, 23 Prozent wollen mehr Melodien und 18 Prozent mehr Metal.
Howard: Hört sich doch an, als sollten die Leute genau das kriegen!
Adam: Das haben wir alles gemacht. Der Gesang ist melodischer und es wird viel geschrieen. Und ich würde auch sagen, dass die Gitarren viel metallischer sind! Also so richtig „Metal“.
Howard: Und heavy ist es doch eigentlich auch!
Adam: Nein! (lacht)
Howard (mit dröhnend vibrierender Stimme): Your wishes have come true!
GETADDICTED: Ein Freund meinte, mit dem Ergebnis müsste das Album entweder nach 100 Prozent Killswitch Engage klingen oder nach Death Metal mit Female Vocals.
(beide lachen)
Howard: Live haben wir natürlich auch eine heiße Sängerin! (lacht)
Adam: Um Himmels willen nein!!! Wie sollte ich denn dann spielen? Ich müsste der die ganze Zeit auf den Arsch gucken und könnte mich nicht konzentrieren!!! Und so ein Singsang möchte ich dann doch lieber nicht.
GETADDICTED: Ihr könntet ja auch Candace von Walls Of Jericho nehmen. Da wär nix mit Singsang!
Howard: Die hat das Brüllen echt gut drauf!
Adam: Besser als du! (lacht) Ich hab mir das neue Album mal angehört. Sehr gut! Es ist brutaler, hat mehr Gesang ...
Howard: ... und ist mehr Metal? (lacht)
GETADDICTED: Da wir gerade im Hilton sind ... Wie wäre es mit Paris Hilton? Die hat ja auch gerade ihr erstes Album veröffentlicht.
Howard: Die ist aber nicht Metal oder?
Adam: Als wir eingecheckt sind, hab ich direkt nach ihr gefragt: „Kommt Paris auch?“
GETADDICTED: Eure Texte sind immer recht düster, haben aber irgendwo doch einen positiven Aspekt.
Howard (tönt grinsend): Ping!
DIE FREUNDIN AUF DER RÜCKBANK GESCHWÄNGERT ... UND DANN?
GETADDICTED: Ihr sitzt hier im Hilton Hotel, werdet fürstlich bewirtet und lacht die ganze Zeit. Wo kommen die dunklen Aspekte her?
Adam: Die haben wir, weil wir Justin als Drummer haben! Aber mal im Ernst. Ich antworte mal für dich, liebster Howard. Jeder hat seine eine Seite, die er nach außen zeigt, aber auch eine innere, düstere, auf der man auch über die schlechten Sachen nachdenkt.
Howard (philosophisch gehaucht): Es gibt einen Zeitpunkt im Leben, an dem das Lachen stirbt! (prustet los) Es gibt immer wieder Momente im Leben, an denen du abgekämpft bist, vielleicht mit gebrochenem Herzen, wütend auf etwas oder jemanden – einfach sehr negative Momente. Und es hilft manchmal, diese negativen Energien und Emotionen in Musik und Texten umzusetzen. Die meisten Metal-Bands beschäftigen sich mit negativen Dingen. Trotzdem bin ich eine überwiegend positive Person, ich versuch es zumindest. Aber wir leben definitiv in dunklen Zeiten, aber trotzdem sollte man das Licht am Ende des Tunnels sehen, und das ist die Perspektive, aus der ich meine Songs schreibe.
GETADDICTED: In „Break The Silence“ singst du: „I will raise my voice to start the revolution, it starts today and it starts with me”. Nach einer Show kommt jemand zu dir und fragt dich: “Wie? Womit fange ich an?“ Was antwortest du?
Howard: Halte deine Augen und Ohren offen, fang mit Veränderungen im Kleinen an. Du kannst nicht rausgehen und die ganze Welt verändern. Fang irgendwo an, engagiere dich. Anstatt egoistisch zu sein, tue etwas für einen Wandel, für eine Veränderung.
GETADDICTED: Wie hast du bei dir diese Veränderung vom naiven Kind zu einem „denkenden“ Menschen in Erinnerung, die eben nicht rosarot ist?
Howard: Oh Gott! Da muss ich ja noch weiter zurück denken, als an das erste Interview. Du forderst mich aber auch zu Sachen! (lacht) Spätestens, wenn du die Schule verlässt, ändert sich alles. Du fängst an zu arbeiten. Du gehst nicht mehr einfach zur Schule und sitzt an deinem Tisch. Du kommst nicht mehr nach Hause und Mami hat dir Essen gekocht. Du musst dir alles selber erarbeiten. Du bemerkst, dass dein Boss ein Arschloch ist. Deine Arbeitskollegen mögen dich nicht, weil sie merken, dass du zwar später angefangen hast, in dieser Firma zu arbeiten, aber trotzdem mehr Geld verdienst. Das kann heutzutage gut sein. Und dann öffnest du die Augen und denkst: „Die Welt stinkt!“ Bei anderen kann das natürlich anders aussehen: Du hast deine Freundin auf der Rückbank deines Autos geschwängert. Und als sie dir das sagt, willst du einfach nur schlafen. Ist aber eine vergebliche Taktik! (beide brüllen los, das Aufnahmegerät übersteuert völlig)
DAS BÖSE MUSIKBUSINESS
GETADDICTED: Du hast gerade neidische Arbeitskollegen erwähnt. Erlebt ihr ähnliche Sachen auch mit anderen Bands, die euch den Erfolg vielleicht nicht gönnen?
Howard: Bisher eigentlich nicht. Bisher waren eigentlich alle immer ziemlich nett zu uns. Zumindest solange wir dabei waren.
Adam: Natürlich lästern alle hinter unserem Rücken. Und deshalb brauch ich auch ein neues Bier!
Howard: Wir versuchen natürlich, immer zu allen Leuten nett zu sein, und wir treffen auch eine Menge Leute. Es ist auch cool, wenn man Bands auf Tour trifft, die man gut findet, ihnen einfach zu sagen, dass man ihr Album gut findet. Wir haben nun mal die Möglichkeit, solche Bands auch mal mit auf Tour zu nehmen. Natürlich kann es sein, dass die Band, die du heute auf Tour mitnimmst, diejenige ist, die ich dich morgen mitnimmt.
Adam: Es kann ja eben sein, dass dein nächstes Album ein Reinfall wird und du nur fünf Stück davon verkaufst. Dann bist du auch vielleicht mal auf die Hilfe anderer angewiesen. Deshalb behandelt man andere Bands auch immer mit Respekt. Die Musikindustrie ist beschissen genug. Und sie wird jeden Tag beschissener.
GETADDICTED: Habt ihr Larissa von Roadrunner das schon mal gesagt?
Adam: Sie weiß das! Ganz sicher. Du solltest das auch wissen. Du hängst da auch mit drin! Das Bier hier schmeckt wirklich besser. Du hattest Recht. Auch wenn du mit der bösen Musikindustrie zusammen arbeitest. Auf der anderen Seite: Anderes Tier, aber immer noch Fleisch. Gibt es irgendwas, was dich glücklicher macht als Bier und Fleisch? Zwei großartige Sachen. Denk mal drüber nach!
GETADDICTED: Eine Sache, die auch wahrscheinlich mehr mit Fleisch und Bier als mit der Musikindustrie zu tun hat, sind eure Konzerte. Die sind ja mehr Entertainment, die dunkle Seite der Texte kommt da gar nicht so durch.
Howard: Die Bühne ist anders. Wenn du dir eine Karte kaufst, um eine Band zu sehen, willst du unterhalten werden. Und das wollen wir machen! Wir wollen nicht nur performen, wir wollen unterhalten. Und uns selber natürlich auch! Wenn du nur deinen Stiefel runterspielst, brennst du als Band aus. Jeden Abend immer nur das Gleiche, das wird richtig langweilig. Ich weiß nie genau, was passieren wird, wenn wir auf die Bühne gehen. Ich weiß nie, was Adam sagen wird, ich weiß nie, was ich antworten werde! Ich weiß nie vorher, was ich sage, wenn ich eine Person sehe, die komisch aussieht. Wenn wir einfach loslegen, bleibt es für uns ein Abenteuer.
Adam: Wenn wir zuhause sind, um Songs zu schreiben, ist das eine harte Sache. Das ist eben auch kein schöner Ort.
GETADDICTED: Dan von Death By Stereo sagte, Songs zu schreiben ist die harte Arbeit. Auf Tour gehen ist dann der verdiente Urlaub.
Adam: Also ich schreibe gerne Songs.
Howard: Ich auch! Ich liebe die Herausforderung, etwas zu erschaffen. Touren kann eine schön Zeit bedeuten.
Adam: Aber auch das Gegenteil ... Mittelamerika? (lacht vielsagend)
Howard: Ok, das stimmt. Deswegen würzen wir das ja auch immer. Es ist aber auch so: Wir mögen einfach die Gesellschaft untereinander. Das hilft.
Adam: Das schlimmste ist, irgendwo festzuhängen, du kannst nichts machen, außer in einem leeren Club rumzuhängen. Im Tourbus geht der Fernseher nicht, weil du keinen Satellitenempfang hast. Alles, was du tun kannst, ist mit den Leuten rumzuhängen, mit denen du jeden verdammten Tag zusammen bist.
GETADDICTED: Ich dachte, ihr mögt die Gesellschaft untereinander?
Adam: Klar, schon. Aber worüber sollst du den ganzen Tag reden, wenn du eh alles mit diesen Leuten zusammen erlebst ... wenn überhaupt etwas passiert.
GETADDICTED: Es gibt ja hier jemanden in der Band namens Adam, der manchmal mit etwas schrägen Outfits auf die Bühne kommt. (Adam baut sich drohend auf) Was war das peinlichste?
Howard: Als er als Schwein verkleidet auf die Bühne kam? Obwohl eigentlich war das lustig. Er hat alle Background-Vocals als „Oink, oink“ gemacht.
Unnachgiebig beendet die „böse Musikindustrie“ das Interview nach einer kurzen Verlängerung. Die ausstehende Liste an weiteren Interviewpartnern ist lang, die Businessmühle will weitermahlen. Es blieb aber noch Zeit für ein „böses“ Foto.
- Mike schreibt ins Charakterbuch 2007
- Killswitch Engage im Interview 2006
- Killswitch Engage . As daylight dies
- Killswitch Engage . World ablaze
- Galerie: Killswitch Engage bei Taste Of Chaos in Köln // 20. November 2006






