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"ICH FINDE MICH NICHT SOO INTERESSANT"
Interview mit Joey Cape von Lagwagon in Köln (8. Januar 2006)
Auf einen anderen Sachverhalt bezogen sagte Joey Cape im Interview, jeder in der Band habe zwei Gesichter. Ihn kennt man als den kleinen, lustigen Frontmann von Lagwagon, der zwischen den Songs Blödsinn quatscht. In den Backstage-Räumen der Kölner Live Music Hall lernt man die andere Seite kennen: Ruhig, nachdenklich, zurückgezogen und dennoch sehr offen, aufrichtig und entgegen kommend.
getaddicted: Warum sollte jemand ein Lagwagon-Interview lesen?
Joey: Gute Frage! Keine Ahnung! Ich selber lese gerne, aber
ich finde irgendwie die meisten zeitgenössischen Leute
nicht so interessant – besonders mich selbst nicht!
Ich schätze, dass die Leute mehr über dich herausfinden
wollen, wenn sie deine Musik gehört und deine Texte gelesen
haben. Aber ich finde es trotzdem an sich seltsam. Was haben
die Leute davon, wenn sie bestimmte Dinge über mich persönlich
wissen? Dazu kommt, dass die meisten Leute wirklich nichts
so wahnsinnig interessantes über sich artikulieren. Wenn
jemand, der einen wirklich großen Einfluss auf mein
Leben hat, oder wenn jemand wirklich interessant ist und etwas
über sich zu erzählen hat, dann ist das was anderes.
Aber die meisten Leute, die angefangen haben, in Bands Musik
zu machen, sind einfach ... na ja, faul! Und damit nicht unbedingt
allzu interessant. Das beste, was die meisten Leute zu sagen
haben, steht in ihren Song-Texten.
getaddicted: Also können wir an dieser Stelle aufhören?
Joey: (lacht) Okay, war nett dich zu treffen! Es ist ein schmaler
Grat zwischen Arroganz und Ehrlichkeit. Ich hoffe, du verstehst,
dass ich mich auf der zweiten Seite sehe. Ich finde mich nicht
soo interessant.
getaddicted: Gibt es denn jemanden, den du gerne mal
interviewen würdest?
Joey: Es gibt Leute, mit denen ich sehr gerne mal über
Musik sprechen würde. Ich hätte liebend gerne Elliot
Smith besser gekannt und mit ihm gesprochen. Es wäre
auch sehr interessant, mal mit den Leuten von Radiohead zu
sprechen. Und es würde mir auch gar nichts ausmachen,
mit John Lennon abzuhocken und ein bisschen zu jammen. Das
sind halt die Leute, die einen Riesen-Einfluss auf mich und
mein Leben hatten. Aber das typische Sozialverhalten verhindert
so etwas ja auch. Wenn man jemanden trifft, jemanden kennen
lernt, ist es doch so, dass man gerade nicht irgendwelche
tiefgründigen Gespräche führt, das geht einfach
nicht. Deshalb könnte ich auch nicht mit den genannten
Leuten die Gespräche führen, die ich führen
möchte. Das ist nun mal leider so.
getaddicted: Nach gefühlten 150 Jahren Lagwagon, hättest
du da nicht Lust, eine komplett andere Richtung einzuschlagen?
Joey: Ich habe ja das Glück, dass ich noch etwas
anderes mache, um von Lagwagon mal durchatmen zu können. Da sind
vor allem die Gimme Gimmes, die für mich so eine Art Urlaubsband
sind. Das ist reiner Spaß und kein Funken Ernst. Aber es ist ja
nicht mein kompletter Lebensinhalt. Ich schätze, jeder in der Band,
wahrscheinlich sogar in jeder Band, hat zwei Gesichter. Das ist so,
wenn man so lange zusammen spielt, dass man diese Band hat und sich
auf der anderen Seite irgendetwas anderes sucht. Ich habe das Glück,
dass ich in meinem Leben wirklich auch schon einige andere Sachen gemacht
habe. Aber es ist natürlich auch oft dieses Punkrock-Ding.
getaddicted: Und irgendwie immer schon recht ähnlich.
Wie würdest du als Beschreibung des Lagwagon-Sounds den
Ausdruck „das gleiche in anders“ auffassen?
Joey: Dem würde ich zustimmen. Man ist ja durch bestimmte
Dingen einfach limitiert: Du hast die Instrumente, die immer
die gleichen sind. Du hast immer die gleichen fünf Leute,
die den Sound formen, an den Songs arbeiten (wühlt plötzlich
in seiner Hosentasche, holt sein Handy raus und drückt
ein Gespräch weg). Jetzt hätte mein bekloppter Klingelton
fast losgelegt.
getaddicted: Crazy Frog? Oder irgend so ein anderer aus einer
Klingeltonwerbung?
Joey: Nein, um Himmels willen. Der war hier drauf,
aber der ist trotzdem bekloppt. Wo war ich? Achja. Man hat einfach gewisse
Ähnlichkeiten, die immer einen Einfluss auf die Musik haben. Bei
uns ist es so, dass wir beim Songschreiben nicht berechnend vorgehen.
Wir schreiben einfach. In 99 Prozent der Fälle kommt auch am Ende
etwas anderes bei raus, als ich am Anfang ursprünglich geschrieben
hab. Ich hab eine Vorstellung davon, wie der Song werden soll, dann
kommen allerhand zusätzliche Sachen beim Arbeiten mit der Band
an dem Song dazu. Das ist großartig. Auf der anderen Seite ist
man immer in einer anderen Lebenssituation, wenn man Songs schreibt,
so dass sich das mit Sicherheit auch immer ein bisschen ändert.
Aber unsere Streuung ist natürlich sehr eng, keine Frage. Wir sind
nun mal Lagwagon und was wir machen, ist recht ähnlich. Es gibt
Bands, die sich noch weniger ändern. Andere ändern sich stärker.
Bei denen ist das dann aber kalkuliert, berechnend, dass sie oft die
Instrumentierung der Band oder aber ihren Stil sehr stark abändern.
Ich finde das auch sehr cool.
getaddicted: Das war eine Formulierung, die Jay Bentley benutzt
hat, um den Sound von Bad Religion zu beschreiben. Er empfindet
diese Beschreibung sehr positiv. Andere Leute sehen das ganz
anders.
Joey: Bad Religion sind natürlich dafür das beste
Beispiel neben den Ramones. Was sie machen, das machen sie
gut. Außerdem gibt es immer die Möglichkeit, andere
Dinge auszudrücken und trotzdem deinem Sound treu zu
bleiben. Warum sollte man das ändern?
getaddicted: Ihr habt euch ja auch über die Jahre
hinweg eine große Fanbasis erspielt mit eurem Sound. Wenn ihr
gerade ein Album veröffentlicht habt, achtest du dann darauf, wie
Leute reagieren? Heute läuft ja jeder zweite mit einem mp3-Player
herum. Achtet man schon mal darauf, ob da jemand vielleicht gerade das
neue Album von euch hört? Im Bus? In der Bahn?
Joey: Nein. Eigentlich bin ich gar nicht scharf auf die direkten
Reaktionen von Leuten. Über die Jahre hinweg bin ich
eigentlich sehr selbstbezogen geworden, wenn ich meine Musik
betrachte. Unser Ziel ist es immer, dass wir mit dem zufrieden
sind, was wir machen.
getaddicted: Aber ihr seid doch davon abhängig, was die
Leute sagen.
Joey: Klar! Ich meine eher, dass es die beste Möglichkeit
für uns ist, die Musik zu machen, mit der wir am besten
klarkommen, die uns am meisten Spaß macht. Über
die Jahre habe ich festgestellt, dass das auch bei den Fans
am ehesten ankommt. Wir haben auch das Glück, ein Label
zu haben, dass uns nicht drängt. Wir können uns
fünf Jahre Zeit für ein neues Album lassen. Deshalb
haben wir auch noch nie eine Platte heraus gebracht, auf die
wir nicht auch stolz sein konnten. Ich bin – und das
meine ich ehrlich – immer wieder überrascht, dass
so viele Leute zu unseren Shows kommen (lacht). Wenn du uns
magst und unseren Sound, dann sind wir eine Band, auf die
du zählen kannst, der du vertrauen kannst. Wir bauen
keine große Scheiße dann mit einer neuen Platte
(lacht).
getaddicted: Bands, die schon so lange dabei sind im Musikbusiness,
werden oft als „Veteranen“ bezeichnet. Lagwagon
gehören auch dazu.
Joey: Ich befürchte es auch langsam.
getaddicted: Ich möchte einfach diesen Begriff nehmen,
der ja aus dem militärischen kommt, und mal die Assoziationen
damit auf Lagwagon anwenden. Nehmen wir mal den Start deiner
Karriere. Wie erinnerst du dich aus heutiger Sicht an diese
Tage zurück?
Joey: Das ist nicht einfach. Es haben sich in den Jahren so
viele Dinge so stark geändert, dass es schwierig ist,
überhaupt vom Anfang bis heute einen roten Faden zu ziehen.
Ich würde sagen, dass man die Geschichte in drei Äras
aufteilen kann. Auf der anderen Seite ist es jedes Mal wie
ein Neustart, wenn wir ein Album gemacht haben. Es ist - so
gesprochen jede Schlacht – etwas neues, frisches. Wir
sind auch jedes Mal dann an einem neuen mentalen Punkt angekommen
– und natürlich an einem physischen, wir werden
ja auch älter (lacht). Jedes Mal, wenn wir uns ans Layout
setzen für eine neue CD und Fotos raussuchen, ist es
völlig verrückt, wenn ich mir Fotos von vor 15 oder
17 Jahren anschaue. Wir sehen aus wie kleine Kids, na ja,
wir waren Kids. Aber ich habe heute keine Vorstellung mehr
davon, was damals abging. Wir sind heute andere Leute. Lange
her, das alles.
getaddicted: Was war für dich die härteste Schlacht?
Joey: Das war mit Sicherheit das Jahr 1995. Unser erster
Drummer Derrick verließ die Band. Wir arbeiteten an unserem neuen
Album, aber unser Gitarrist (Shawn, Anm.) kam nicht zu den
Proben. Dave kam zum Glück zur Band, bevor wir mit den Aufnahmen
begannen. (Dave lag zu diesem Zeitpunkt gerade ziemlich gerädert
auf dem Sofa, das noch im Raum stand, als Joey Handy erneut klingelte:
„Frank? Wo bist du? ... Ok. ... Was? ... Geh doch einfach zum
Monitorboard. Gib mir noch ein bisschen Zeit, ich bin gerade mitten
im Interview und will das jetzt nicht unterbrechen. Ich sehe dich gleich.“)
Joey (zu Dave): Das kann doch nicht so schwer sein! Wir setzen
bei jeder Show nur drei oder vier Leute auf die Gästeliste
und es funktioniert trotzdem nicht.
(Dave gähnt als Reaktion sehr heftig)
Joey: Frank kommt seit über zehn Jahren immer zu unseren
Shows. Cooler Typ! Aber das interessiert dich gerade bestimmt
gar nicht. Wo waren wir? Entschuldigung für die Störung!
getaddicted: Dave stieß zur Band ...
Joey: ... zum Glück sogar noch während der
„Hoss“-Tour. So konnte zwischen die Chemie zwischen uns
entstehen. Dann gab es aber wieder Stunk zwischen unserem Gitarristen
und der Band, und der verließ uns dann am Tag bevor wir ins Studio
gingen, um „Double Plaidinium“ aufzunehmen. Das war hart!
Ich weiß auch gar nicht, wie die Band das eigentlich überlebt
hat. Einige Jahre später ist jetzt wieder alles okay. Wir haben
letztens eine Show in L.A. gespielt und er kam auf die Bühne und
hat mit uns gesungen. Mit Derrick habe ich ja dann noch einige Zeit
bei den Bad Astronauts gespielt und das war auch eine schöne Zeit.
Verdammt schöne Zeit. (Derrick Plourde war erster Drummer von
Lagwagon, langjähriger Freund von Joey und nahm sich letztes Jahr
das Leben. Das gesamte neue Lagwagon-Album „Resolve“ beschäftigt
sich mit dessen Selbstmord. Dementsprechend nachdenklich und traurig
wirkte Joey, Anm.)
getaddicted: Ich hatte damit gerechnet, dass ich mit einem
anderen Bandmitglied das Interview mache, das ich dann als
Veteran auf seine „Commander“ ansprechen wollte,
auf General Mike (Fat Mike von NOFX und als „Fat Wreck
Chords“-Boss gleichzeitig Labelchef von Lagwagon) und
Major Joey (Sänger und Songwriter Joey Cape himself).
Joey: Haha, die Vorstellung von Mike als meinem General
(lacht). Wir sind seit Jahren befreundet. Viele Leute denken
natürlich so, weil Lagwagon immer schon auf seinem Label sind und
er da der Chef ist. Aber hey, ich bin ein bisschen älter als er,
wir kommen aus der „gleichen Welt“. Wir sind beide in der
gleichen Zeit und unter gleichen Umständen aufgewachsen. Natürlich
sind wir seit Jahren auf seinem Label und seine Band ist die beste Punkband
der Welt. Aber auf der anderen Seite kennen wir uns zu lange, und Mike
ist außerdem ein verdammt netter Typ. Mittlerweile haben wir beide
eine Tochter, wir wohnen zwei Blocks voneinander entfernt und unsere
Töchter spielen immer zusammen. Unsere Frauen sind befreundet.
getaddicted: Wann gründen eure Töchter dann eine
gemeinsame Band?
Joey: Naja, meine Tochter ist fast zwei, seine anderthalb,
aber ihre Zeit wird noch kommen!
getaddicted: Veteranen werden auch immer als weise bezeichnet.
Was ist die wichtigste Weisheit, die du in deiner Karriere
erlangt hast?
Joey: Das kann ich nicht sagen. Dafür habe ich zu oft
die andere Seite erlebt.
getaddicted: Zum Veteranen-Trauma wollte ich auch noch kommen.
Joey: Da hab ich mehr erlebt. Menschen zerstören
sich so oft selber. In unserem Bereich gibt es so viele Leute mit Drogenproblemen,
Problemen in der Art. Das erscheint mir als mein größtes
Trauma. Es sind mindestens ein, zwei Leute pro Jahr, die sich damit
selber zerstören. Ich musste leider sehr viele Erfahrungen sammeln
mit Leuten, die gestorben sind. Das hat wirklich schon fast etwas von
einem Krieg, wenn Menschen aus deinem Umfeld oder weiteren Bekanntenkreis
reihenweise sterben. Das hat glücklicherweise einen positiven Einfluss
auf mich gehabt. Dass ich solchen Leuten entweder nicht zu nahe komme
oder solche Leute nicht zu nah an mich heran lasse. Ich bin da vorsichtig
geworden. Ein guter Freund von Chris und mir ist vor zwei Wochen gestorben.
Es war ein Typ, mit dem wir aufgewachsen sind, einer der frühen,
echten Punk-Drummer. Er war Drummer von RKL. Er war großartig!
Als Mensch und als Drummer. Er war fast ausschließlich dafür
verantwortlich, welchen Drumming-Stil Lagwagon und NOFX haben. Diese
Bands hatten einen Rieseneinfluss auf Lagwagon und NOFX generell. Chris
und ich haben mit ihm Musik gemacht, als wir 14 Jahre alt waren. Das
war ein sehr harter Schlag für Chris. (sehr nachdenklich):
Shit happens, sehr viel in diesen Tagen. Traurig.
getaddicted: Spielst du da nicht mit dem Gedanken, die ganze
Sache hinzuschmeißen und dir einen „richtigen“
Job zu suchen?
Joey: NO!! NEVER!!
getaddicted: Musiker sind faul, hast du eben selber gesagt.
Oder weshalb sonst nicht?
Joey: Ich arbeite härter als die meisten Menschen, die
ich kenne. Wenn ich manchmal scherze, dass ich ja nur ein
fauler Musiker bin, sagen Bekannte meistens, dass ich härter
arbeite, als alle anderen Leute, die sie kennen. Das stimmt
wohl auch. Ich arbeite immer an sehr vielen Projekten. Ich
meinte, es ist oft so, wenn Leute mit der Musik anfangen.
Sie sind faul und sie machen es nur, weil sie an rocken, Bier
trinken und Frauen denken die ganze Zeit.
getaddicted: Ich dachte mir schon, dass du so in etwa antworten
würdest. Ich habe das auch nur gefragt, weil Jesse (Bassist
von Lagwagon, Anm.) mir im Interview mal gesagt hat, dass
ihr das Lagwagon-Ding noch ein bisschen machen wollt und euch
dann „richtige Jobs“ sucht.
Joey: Was? Der soll mir mal unter die Augen kommen (lacht).
Nein, quatsch. Da machen wir natürlich schon unsere Witze
drüber. Aber mal ehrlich: Die meisten in der Band haben
nebenher ja normale Jobs. So viel Geld scheffeln wir da nicht
mit. Ich habe ja noch zusätzlich die Gimme Gimmes. Das
geht dann.
Joey Cape is addicted to: Auf der einen Seite Kaffee und Zigarretten, dann
Songwriting, aber am allermeisten meine Tochter Violet. Jedes
Mal, wenn ich auf Tour gehe, ist der Abschied und die Zeit
der Trennung schwer. Das ändert sich vielleicht, wenn
sie mal 14 und aufmüpfig wird
- Galerie: Lagwagon live in Köln 2007
- Interview mit Joey Cape in Köln 2006
- Galerie: Lagwagon live in Köln 2006
- Interview mit Jesse in Berlin 2003
- Lagwagon - Resolve
- Lagwagon - Live in a dive
- Me First And The Gimme Gimmes - Ruin Johnnys Bar Mitzwa
- Joey Cape/Tony Sly - Acoustic
- Galerie: Me First And The Gimme Gimmes live 2005 // 30. August 2005






