JEDE SEKUNDE ENTSCHEIDET

 

Interview mit The Loved Ones in Essen 2008

 

Dave Hause sitzt noch am Rechner als wir reinkommen, im Hinterzimmer des Café Nova. Was er dort macht: Natürlich Musik hören. Ein bisschen zerknittert sieht der Frontmann der Loved Ones schon aus, als wir uns zum Interview hinsetzen. Die Band hat aber auch ein gutes Tourpensum hinter sich: In England, Belgien, Frankreich und Spanien haben die Loved Ones bereits gespielt, bisher jeden Abend eine Show und vorbei ist es noch lange nicht.

 

GETADDICTED: Mir ist bei der Recherche aufgefallen, dass Ihr eigentlich gar keine eigene Website habt, sondern nur eine Myspace-Seite. Wie kommt das?
Dave: Stimmt,wenn man unsere Website eingibt, wird man auf die Myspace-Seite umgeleitet. Für uns ist das einfach praktischer: Wenn man eine eigene Webseite hat, braucht man in der Regel auch ein Konzept und einen Webmaster, der die Site dann verwaltet, Inhalte einfügt und all dieser Kram. Uns ist das zu kompliziert. Myspace hat den Vorteil, dass wir alles selber machen können. So ist es möglich, dass wir unsere Fans auch kurzfristig noch updaten können. Außerdem haben wir so eine bessere Kontrolle über die Inhalte.

GETADDICTED: Kommen wir zum neuen Album „Build & Burn“. Um es in euren Worten zu sagen: Warum war es ein „pretty good year“ für die Loved Ones?
Dave: Diese Lyrics sind eine Art Zusammenfassung von all den positiven Dingen, die uns widerfahren sind. All die Ereignisse, die am Ende dazu geführt haben, dass wir jetzt an diesem Punkt unserer Karriere sind: Die ganzen Shows, die wir mit dem letzten Album „Keep Your Heart“ gespielt haben, all die Orte und die tollen Menschen, die wir kennen lernen durften. Aber auch all die Anstrengungen und Herzschmerzen, die wir in das letzte Album gesteckt und generell all die Hochs und Tiefs, die wir erlebt haben, fließen hier mit ein. Deshalb fanden wir, es ist eine gute Idee „Pretty Good Year“ als Opener auf dem Album zu haben. Denn wenn man alles zusammen nimmt, überwiegen die guten Dinge auf jeden Fall.

GETADDICTED: War es hart für euch, nach der Tour mit „Keep your Heart“ heimzukommen und ein neues Album aufzunehmen, oder ist das für euch etwas ganz natürliches?
Das war kein Problem. Wir hatten viele neue tolle Ideen und außerdem: Dave und Chris waren gerade neu in der Band, und so waren wir absolut bereit, uns voll darauf einzulassen. Trotz allem mussten wir gucken, wo die Band mit zwei neuen Mitgliedern musikalisch jetzt hin will. Aber es hat super geklappt, wir haben auch jetzt schon wieder neues Material, an dem wir arbeiten werden, wenn wir wieder daheim sind. Es kann also durchaus sein, dass wir bereits nächsten Monat damit beginnen, an unserem dritten Album zu arbeiten und zwar genau so hart wie an „Build & Burn“.
GETADDICTED: Und die Familien? Kaum zu Hause, schon wieder im Aufnahmestudio?
Dave: Ich spiele schon in Rockbands, seit dem ich acht Jahre alt bib, deshalb habe ich wenig Verständnis für Musiker, die sich über das harte Tourleben beklagen. Es ist natürlich schwierig, alles unter einen Hut zu bringen, aber genau das macht uns glücklich. Zu Hause haben wir natürlich auch Jobs, aber unser Fokus liegt eindeutig auf der Band, weil Musik machen das ist, was wir am liebsten tun. Wir gehen also Kompromisse ein, um das machen zu können, was wir wirklich wollen. Wie man sieht, scheint es zu funktionieren und unsere Bekanntheit steigt langsam aber stetig mit jedem Mal, wenn wir eine Show spielen.

GETADDICTED: Euer alter Bassist Michael Cotterman hat die Band 2006 verlassen, dafür ist Chris Gonzalez von The Explosion dazugekommen. Außerdem hat Chris noch David Walsh mitgebracht, so dass ihr jetzt eine zweite Gitarre habt. Inwieweit hat euch der Besetzungswechsel musikalisch beeinflusst?
Dave: Es wurde kreativer, wir sind ein wirkliches Team und funktionieren gut zusammen. Dave und Chris haben wirklich Talent und es macht Spaß, sie dabei zu haben. Ich denke außerdem, dass wir jetzt eine bessere Liveband sind. Für Michael war es außerdem in Ordnung, ich glaube er war am Ende nicht mehr so glücklich in der Band. Es ist also eine gute Sache für alle gewesen.
GETADDICTED: Was für Jobs habt ihr im „wirklichen“ Leben?
Dave: Dave z.B. kellnert und Mike macht Catering für allerhand Veranstaltungen, Anwaltspartys und so was.
GETADDICTED: Und Nachts spielt ihr also in einer Rockband.
Dave: Du lachst, aber letztens erst war Mike unterwegs mit einem Einkaufswagen voller Lebensmittel und wurde von einem Fan angesprochen, der ihn tatsächlich fragte, was er denn da macht. Mike meinte also nur: „Arbeiten. Was denn sonst?“, und der Fan „Wie? Du hast einen richtigen Job? Das glaub ich dir nicht.“

GETADDICTED: Ihr habt die Aufnahmen fürs Album in New Jersey und in New York gemacht. Warum?
Dave: Wir wollten einfach das Beste raus holen. Erstens war es viel billiger für uns und zweitens war es natürlich viel netter, den Strand direkt in der Nähe zu haben im Sommer. Außerdem war Bruce Springsteen mit seiner „Magic Tour“ quasi um die Ecke. So hatten wir die Möglichkeit, uns die eine oder andere Show anzugucken.
In New York waren wir hauptsächlich,weil wir wollten, dass das Schlagzeug wirklich WIRKLICH gut klingt. Außerdem haben wir dort auch das Keyboard aufgenommen und vielleicht ein bisschen Bass, so ganz sicher bin ich mir da nicht mehr. Wir haben den Schlagzeugsound in New Jersey einfach nicht richtig gut hinbekommen, also haben wir es in New York gemacht.
GETADDICTED: Ich habe gelesen, dass es dir sehr wichtig ist, ehrliche Texte zu haben, womit die Menschen sich gut identifizieren können. Hast du das Gefühl, das es daran in der Punkrock- oder allgemein in der Musikszene mangelt?
Dave: Ich denke, dass es schon wichtig ist, das man glaubwürdig rüberkommt. Ich weiß nicht wirklich, ob ich sagen möchte, dass es an ehrlichen Lyrics mangelt, es ist nur so, dass ich selbst darauf abfahre: Wenn ich einen Künstler finde, der sehr ehrliche, aus dem Leben gegriffene Songtexte hat, dann werde ich meistens schnell sein Fan. Nein, eigentlich finde ich nicht, dass es an diesen Lyrics mangelt. Es gibt viele gute Künstler, die frei aus dem Herzen schreiben, z.B. die Bright Eyes.

GETADDICTED: Ärgert es euch manchmal, dass ihr als typische Fat Wreck Band bezeichnet werdet?
Dave: Ich denke nicht, dass wir das sind. Es ist wohl nur ein Stempel, den man uns aufdrücken will, vielleicht um Platten zu verkaufen. Ich finde, dass wir viel eher eine Rock'n’Roll-Band sind. Aber Mike behandelt uns wirklich gut und wir sind froh, unsere Platten bei ihm veröffentlichen zu können. Außerdem arbeiten dort viele nette Menschen, mit denen wir teilweise sehr gut befreundet sind. Wir sind ja auch schon mit vielen von Mikes Bands auf Tour gewesen und das sogar schon mehr als einmal. Es ist wichtig, dass man seinem Stil treu bleibt und sich nicht verbiegt für andere Dinge sein es , Labels, Fans oder wer auch immer. Wir haben keine Eile. Die Leute werden uns schon finden (grinst)

GETADDICTED: Warum habt ihr das Album ausgerechnet „Build & Burn“ genannt?
Dave: Wir wollten ein Album aufnehmen, das klar macht, dass Menschen in jeder Sekunde ihres Lebens Entscheidungen treffen und wie jeder dieser Entscheidungen ihr Leben und das Leben der Menschen um sie herum beeinflusst. Jeder hat die Wahl. Nur mit der Kraft seiner Entscheidung kann man Dinge erschaffen oder zerstören. Die Menschen sollten also endlich mal realisieren, dass sie auch mitverantwortlich sind für die ganzen Dinge, die um sie herum geschehen.

GETADDICTED: Ihr seid ja nicht die einzigen Loved Ones, es gab bereits in den 50ern eine Rockabilly Band mit diesem Namen. Habt ihr euch die Musik von ihnen jemals angehört?
Dave: Ja, tatsächlich! Irgendwer hat mir das Album gegeben. Das ist eine wirklich coole Rock'n’Roll-Band. Außerdem haben wir wirklich ein paar verärgerte Emails von deren Fans erhalten, wegen dem Namen. Ich halte es aber für sehr unwahrscheinlich, dass jemand uns verwechseln könnte, weder hier in Europa, noch in den Staaten. Wir fanden auch erst, nachdem wir uns den Namen bereits gesichert hatten, heraus, dass es diese andere Band gab. Eins der Bandmitglieder hat uns sogar über Myspace angeschrieben, aber er war wirklich nett.
GETADDICTED: Habt ihr via Myspace eine starke Verbindung zu den Fans?
Dave: Oh ja. Es ist seltsam. Wir nutzen Myspace eigentlich nur, um dort zu veröffentlichen, was wir gerade tun, wo die nächsten Shows sind und solche Sachen. Es ist wirklich eine sehr nützliche Sache, aber uns geht es hauptsächlich um die Musik. Die spricht ja immer für sich selbst.

GETADDICTED: Was sind eure weiteren Pläne?
Dave: Wir spielen jetzt erstmal noch ein paar Shows und danach haben wir einen Monat frei. Nach dieser Freizeit werden wir auf einigen Festivals spielen und eine kleine Headliner-Tour anhängen. Im Sommer kommen wir wieder nach Europa und spielen z.B in Leeds. Was wir danach machen, weiß ich jetzt nicht, aber wir werden auf jeden Fall nach Deutschland zurückkommen, wahrscheinlich im August, September oder im Frühjahr.

GETADDICTED: Und warum genau sollte man euch dringend live gesehen haben?
Dave: Für mich sind das einfach zwei verschiedene Paar Schuhe: Ein Album aufnehmen ist das Eine, aber um eine Tour zu spielen braucht man eine ganz andere Motivation, eine eigene Energie. Es macht einfach Spaß, Bands auf Tour zu sehen und wir sind einfach eine Fun-Band. Wir lieben es, wenn die Band und Publikum zusammen funktionieren.

 

 

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Interview: Julia Denise Hortig
Fotos: Mathias Schumacher