KEIN PUNK ZU HAUSE, KEIN ROOTS-REGGAE AUF PLATTE

 

Interview mit den Mad Caddies in Münster // 25. April 2007

 

Das Münsteraner Skater-Mekka macht seinem Namen alle Ehre: Auch im Backstagebereich Rampen, Rampen, nichts als Rampen. So klettern wir mir Mad Caddies-Gitarrist Sascha über Equipment hinweg in eine ruhige Ecke und geben uns Mühe, die Gitarristen von Waterdown, die im Chaos ihre Gitarren stimmen, nicht von der vier Meter hohen Halfpipe zu stoßen.

 

GETADDICTED: Das Auffälligste an euerm neuen Album ist für mich, dass der Anteil an Ska- und sogar Reggae-Elementen sehr viel größer ist als beim Vorgänger. War das Absicht oder ist das beim Schreiben eher zufällig passiert?
Sascha: Wir haben in letzter Zeit selbst sehr viel Musik gehört, die in Richtung Reggae geht und das hat uns auch sehr beeinflusst. Es war schon eine recht bewusste Entscheidung, unsere Songs etwas zu verlangsamen. Auf den letzten Alben waren eine Menge sehr schnelle Songs, dieses Mal wollten wir es etwas „grooviger“, so, wie auf unserem ersten Album.
GETADDICTED: Aber für mich sieht das schon nach einiger stetigen Tendenz zu langsameren Sachen seit „Rock The Plank“ aus. Hat das was mit dem Älterwerden zu tun? Werdet ihr parallel zu eurer Musik auch entspannter?
Sascha: Definitiv. Auch live tendieren wir dazu, unsere Songs etwas langsamer zu spielen als auf Platte früher. Wenn du jung bist, willst du es immer schön schnell haben, aber jetzt ist das nicht mehr so.
GETADDICTED: Eure Band gibt es ja jetzt immerhin schon seit zwölf Jahren; traurigerweise lösen sich in letzter Zeit verstärkt Bands ähnlichen Alters wie z.B. Good Riddance oder Belvedere auf. Die Begründung geht dann häufig so in Richtung: Wir werden langsam zu alt, haben jetzt Kinder, da funktioniert das mit dem ständigen Touren und Aufnehmen nicht mehr.
Wie sieht das bei euch aus? Glaubst du, die Caddies sind für die Ewigkeit gemacht oder zeichnet sich schon ab, dass irgendwann Schluss sein könnte?
Sascha: Also, ich kann definitiv sagen, dass diese Band noch lange existieren wird. Zunächst mal sind wir alle sehr gut miteinander befreundet und können auch als Musiker unseren Lebensunterhalt finanzieren. Außerdem waren wir alle sehr jung, als wir die Band gegründet haben, die meisten Bandmitglieder sind heute noch nicht mal 30. Ich kann mir zwar schon vorstellen, in drei bis vier Jahren mal Kinder zu haben, aber ich würde dann trotzdem immer noch Musik machen. Dann würden wir vielleicht nur noch zweimonatige Touren machen, damit man mehr zu Hause sein kann, und nur noch alle zwei Jahre oder so nach Europa kommen. Aber das wäre trotzdem kein Grund, die Band dann komplett aufzulösen, sondern eher, sich mehr auf die Studioarbeit zu konzentrieren.
GETADDICTED: Du sprichst grade an, dass ihr alle gut befreundet seid – was würde denn passieren, wenn einer von euch komplett aussteigen will? Wäre der dann ersetzbar? Immerhin habt ihr ja schon zwei Mal Mitglieder gewechselt.
Sascha: Jeder von uns hat seine Position innerhalb der Band. Das aktuelle Line-Up ist schon sehr gefestigt und wir wollen auch alle so in der Konstellation weitermachen.
GETADDICTED: Seit 1995, als ihr euch geründet habt, hat sich Punkrock ziemlich verändert. Heute stehen Bands wie Billy Talent oder My Chemical Romance im Vordegrund und verkörpern oft das, was die Medien unter Punk verstehen. Was hältst du von dieser „neuen Generation“ von Bands?
Sascha: Ich kümmere mich nicht wirklich um diese Art von Musik. Es ist schon okay, dass diese Bands bei den jüngeren Kids gut ankommen, aber vieles davon ist auch einfach Mist.
Viele von diesen Pop-Punk-, Emo- und Screamo-Bands sind einfach richtig schlecht. Aber da ich halt kein Fan davon bin, kann ich da auch nicht viel mehr zu sagen...
GETADDICTED: Immerhin haben diese Bands derzeit großen Erfolg und verkaufen viel. Ich denke, eure Musik hat mit ihrer Bandbreite und der Eingängigkeit der Songs auch das Potenzial, kommerziell erfolgreicher zu sein – habt ihr schon mal darüber nachgedacht, von Fat Wreck zu einem Majorlabel zu wechseln? Oder wäre das für euch Sellout?
Sascha: Ich denke nicht, dass das Sellout wäre und wir denken da eigentlich ständig drüber nach. Wir wüssten auch, dass Fat Wreck uns keine Steine in den Weg legen würde, wenn wir gingen. Es ist ja auch so, dass wir zwar in der Punk-Szene verwurzelt sind und mit Punk-Bands zusammen spielen, aber wir können mit unserer Musik sicherlich mehr Leute erreichen, zum Beispiel Leute, die sonst eher Reggae oder Manu Chao hören. Wir versuchen auch, unterschiedliche Arten von Shows und Festivals zu spielen. Wir wollen auch nicht in eine Schublade gesteckt werden – viele Leute bezeichnen uns als Ska-Band. Ich denke, viele Sachen sind aber einfach schneller als Ska, aber trotzdem sind wir auch keine Dixieland-Band. Oder eine Reggae- oder Punk-Band, obwohl wir Songs in all diesen Stilrichtungen schreiben. Wir wollen einfach alles mögliche machen, so wie Fishbone oder ähnliche Bands.
GETADDICTED: Passend dazu hab ich auf eurer Website gelesen, dass keiner von euch ein großer Ska-Hörer ist.
Sascha: Wir mögen schon Bands wie Madness, The Specials oder die Skatalites, aber die sind gegenüber den Einflüssen aus Reggae, Punk, Country und allen anderen Sachen die wir hören nicht höhergestellt.
GETADDICTED: Hört denn jeder von euch auch diese große Bandbreite an Musik, die ihr auf euren eigenen Platten auch repräsentiert?
Sascha: Wir haben schon unterschiedliche Musikgeschmäcker und nicht jeder mag alles, was der andere hört. Ich bin wahrscheinlich der größte Reggae-Fan bei uns, Brian, unser Drummer hört eher Rock und Metal, Keith (Trompete) steht auf Miles Davis und Jazz. Also jeder hat quasi sein Spezialgebiet, aber generell hören wir alle viele verschiedene Stile. Ich glaube, als Musiker musst du das auch. Wenn du älter wirst, wird dein Musikgeschmack auch „breiter“ – bei uns schon deswegen, weil wir die ganze Zeit mit Punk-Bands auf Tour sind. Ich liebe zwar die Musik, aber wenn du jeden Tag die ganze Zeit nur Punkrock hörst, schmeißt du wenn du nach Hause oder in den Tourbus kommst keine Punkplatte in den CD-Player.
GETADDICTED: Hat denn jeder von euch auch gleich starken Einfluss auf den Sound der Caddies oder gibt irgend jemand die Richtung vor?
Sascha: Chuck und ich schreiben die meisten Sachen, ab und zu macht auch unser Trompeter was. Ich bin dabei mehr für die Dixieland-Sachen und Bläser-Arrangements verantwortlich, Chuck macht eher die Reggae-Sachen.
GETADDICTED: Du hast ja gesagt, dass ich mit meiner Theorie, dass ihr und eure Musik mit dem Alter ruhiger und entspannter geworden seid, Recht hatte - was können wir denn dann in Zukunft von euch erwarten?
Sascha: Also noch langsamer werden wir nicht werden.
GETADDICTED: Also das nächste Album wird nicht Roots-Reggae.
Sascha: Nein. Die Reggae-Elemente werden schon weiterhin großen Anteil haben, aber wahrscheinlich wieder stärker gemischt mit den härteren Sachen. Wir haben sogar schon ein paar neue Stücke geschrieben, ich würde die mal als Dixieland-Dub-Reggae bezeichen (grinst).
GETADDICTED: Hört sich spannend an. Danke!

 

 

Interview: Fred Flenner, Daniel Fehling
Fotos: Mathias Schumacher