OHNE MÖTLEY CRÜE ZUR WELTHERRSCHAFT

 

Interview mit Andy von Matchbook Romance im Prime Club, Köln // 17. September 2006

 

Es war laut im Prime Club. The Ordinary Me machten gerade ihren Soundcheck, also verzogen Matchbook Romance-Sänger Andy und ich uns auf ein Außendach. Nicht gerade die angenehmste Interview-Situation, wenngleich Andy sowohl an den etwas zerfallenden Außenfassaden als auch am Ausblick Gefallen fand. Wenigstens regnete es nicht.

getaddicted: Ich habe ein Interview gelesen, in dem ihr als euer Ziel „Weltherrschaft“ angegeben habt. Ich wollte mal nachhören, wie es denn damit steht.
Andy: Ich sage sofort dazu, dass ich das bestimmt nicht gesagt habe. Vielleicht ein anderer aus der Band (lacht).
getaddicted: Macht ja nichts. Als erstes: Wie würdest du als Musiker Weltherrschaft definieren?
Andy: Verdammt, ich hab das definitiv nicht gesagt. Aber jetzt muss ich das ausbaden (lacht). Wer immer das gesagt hat, meinte wahrscheinlich, dass wir die Welt im Sturm erobern wollen, dass wir weltweit unsere Musik verstreuen wollten. Als wir „Stories and Alibis“ gemacht haben, kamen wir gerade von der Schule, wir waren heiß! Dann stolpert man etwas übermütig da rein. Mit „Voices“ wollten wir uns dann beweisen, als Musiker, als Künstler. Es ging nicht um Geld, oder darum, andere nachzuahmen. Wir wollten einfach das machen, wozu wir Lust hatten. Und das sollte die Welt halt hören!
getaddicted: Wie weit seid ihr damit gekommen? Wie viele Leute hören euch? Wo hören Leute gerne Matchbook Romance?
Andy: Eine genaue Zahl kann ich dir da nicht sagen (lacht). Also wir sind definitiv nicht berühmt! Aber wir waren in Japan, Australien, ein paar Mal in Europa, sind ziemlich weit rumgekommen.
getaddicted: Aber das hier ist jetzt die einzige Show in Deutschland. Wolltet ihr Deutschland mit einem Schlag erobern?
Andy: Unglücklicherweise ist das die einzige Show hier. Wir decken diesmal ein weites Gebiet ab, und es gehen auch nicht so viele Leute zu den Konzerten. Wir waren in vielen Gegenden, aber es ist uns auch einfach nicht möglich, alles abzugrasen. Deshalb konzentrieren wir uns auf ein paar Hauptgegenden, Amsterdam, Paris, hier. Hier waren wir schon und es war okay. Deshalb wollten wir jetzt hierhin kommen. Demnächst touren wir dann irgendwann noch einmal ausgiebiger. Das ist hier nur ein kleiner Teil eines Wachstumsprozesses.

getaddicted: Bands wachsen ja mit ihren Platten, und „Voices“ klingt auch ganz anders als der Vorgänger. Was ist für dich die wichtigste Änderung?
Andy: Wir haben auf „Stories and Alibis“ einiges falsch gemacht.
getaddicted: Zum Beispiel?
Andy: Etwa die Texte. Auf dem alten Album sind die Texte doch sehr klar, sehr vereinfacht und mittlerweile finde ich sie auch sehr platt. Auf „Voices“ wollte ich dann mehr mit Metaphern, Bildern arbeiten, ein bisschen abstrakter. Die Musik war auch sehr simpel und teilweise hirnlos. Das wollten wir auch nicht mehr. Wir waren eben Anfänger. Aber nach jahrelangem Touren hatten wir ein wesentlich höheres musikalisches Level, und das wollten wir auch zeigen. Wir wollten nicht wieder zwei Schritte zurück gehen. Das würde heißen, dass wir alles, was wir gelernt haben, wieder zunichte machen. Hör dir „Stories and Alibis“ an: Die Songs sind entweder ruhig oder aggressiv. Das wollten wir nicht. Wir wollten viel mehr Aspekte in die Songs packen. Viel konzentrierter, besser orchestriert, besser arrangiert. Nicht mehr so langweilig die simplen Sachen runterspielen.
getaddicted: Macht’s dann überhaupt noch Spaß, die alten Songs live zu spielen?
Andy: Wir spielen sie zwar immer noch gerne, aber irgendwie langweilen sie auch ein bisschen. Sie fordern einen halt nicht mehr so. Du spielt ja auch nicht immer dasselbe Computerspiel auf dem gleichen Level. Das wird auch langweilig.

"SIND DIE LÖCHER IN DER WAND GRANATENEINSCHLÄGE?"


getaddicted: „Voices“ kam in einer Zeit raus, in der Bands wie My Chemical Romance oder Taking Back Sunday Majorlabel-Deals bekamen und damit doch finanziell etwas komfortabler dastehen. Ihr habt aber die Chance ausgelassen, mit einem ähnlichen Album wie „Stories and Alibis“ das gleiche hinzukriegen.
Andy: Ja, aber so ist es doch spannender! Natürlich haben wir gehofft, dass die Leute auch auf unsere neuen Songs wild abgehen. Natürlich hätten wir ein zweites „Stories and Alibis“ machen können, die Nummer sicher sozusagen. Aber dann kann ich mich als Künstler doch nicht mehr ernst nehmen. Wir sind hier wegen der Musik, nicht weil wir großes Geld damit verdienen könnten. Das würde uns den Spaß an der Sache nehmen. Und daran brechen Bands auseinander. Wir stecken alle was in die Musik, und wir bekommen alle was raus. Das ist, was zählt. Wenn dabei dann auch noch Geld herausspringt, umso besser. Muss aber nicht. Wenn ich mir jetzt diesen neuen My Chemical Romance-Song anhöre...Wir haben in etwa zeitgleich mit denen angefangen, ihr Album ist dann explodiert! Da haben sie auch sehr gute Arbeit geleistet. Ihr neuer Song hat jetzt diesen Riesen-Breitwandsound, klingt wie Queen. Ich persönlich möchte nicht, dass meine Musik nach Queen klingt. Ich möchte nicht dieses: „Ich mag Mötley Crüe und möchte, dass meine Band danach klingt“. Wir wollen Musik nicht nach einem Muster entwerfen. Viele sagen, unser neues Album klingt nach Radiohead oder Muse. Aber wo klingen wir wie die? Wo klingen Radiohead wie Muse? Wir machen alle irgendwie Rockmusik, klassisch, mit ein bisschen Prog. Wir mögen es ein bisschen komplexer. Nicht gleich wie Tool. Intensiv, und ein bisschen ausgereifter. Ich hol ganz schön weit aus, oder? (lacht). Was sind das eigentlich da für Löcher in der Wand? Waren diese Gebäude schon im Zweiten Weltkrieg hier und sind das Granateneinschläge oder so was?
getaddicted: Das kann ich dir jetzt beim besten Willen nicht sagen.
Andy: Ich finde diese Löcher, diesen Anblick unheimlich interessant. Das muss aus dem Krieg sein. Entschuldigung...
getaddicted: Habt ihr schon mal – wo du vorhin Wörter wie Prog in den Mund genommen hast – den Eintrag über euch bei Wikipedia gelesen?
Andy: Wikiwhat? Ich weiß nicht einmal, was das ist.
getaddicted: Eine Online-Enzyklopädie, bei der jeder Beiträge schreiben kann.
Andy: Steht da, dass wir scheiße sind?
getaddicted: Nein, da steht, dass Matchbook Romance eine Pop-Punk/Alternative-Band.
Andy: Ach du meine Güte. Auf der anderen Seite wüsste ich auch nicht, was ich da schreiben sollte. Wenn’s nach dem Genre geht, würde ich es einfach Rock’n’Roll nennen. Aber Genres grenzen einen nur ein. Als „Stories and Alibis“ rauskam, hieß es, wir sind Emo. Ich meine, hey, Emo ist eine Kurzform von Emotion. Wenn du keine Emotionen in deine Songs packst, was dann? Dann sind John Lennon, Elton John und Queen auch Emo. Songs sind immer Emotionen, Erfahrungen, und sie sollten auch immer irgendetwas bedeuten. Deswegen würde ich auf jeden Fall sagen, dass wir Rock’n’Roll sind, vielleicht mit einer Spur Prog drin. Aber bitte nicht Pop-Punk! Ansonsten würde ich sagen: Wir sind vier Typen aus New York, die Musik machen. Und, ach ja, Weltherrschaft!

getaddicted: Auf eurer Myspace-Seite habt ihr ein Video, in dem eine Handpuppe, die einen Song von euch performt. Wie seid ihr bitte an die gekommen? Neues Bandmitglied?
Andy: Hahahaha, die ist super oder? Aaron hat einfach in eine Suchmaschine „Matchbook Romance“ eingetragen. Da findest du Leute, die deine Songs performen, die dich nachmachen, verarschen. Und dabei ist er auf das Video gestoßen, und das mussten wir auf unserer Myspace-Seite posten, weil’s so großartig war!

getaddicted: Zurück zur Weltherrschaft. In deutschen Medien hieß es vor ein paar Tagen, Osama bin Laden sei schwer in Whitney Houston. Ist das eine Bedrohung auf dem Weg zur Weltherrschaft für euch?
Andy: Das ist ein Witz oder? Wenn sie ihn auch will, dann ja. Ansonsten schaffen wir das bestimmt trotzdem.

 

 

Interview: Jens Becker