MEIN HERZ IST SCHWARZ WIE COCA COLA

 

Mediengruppe Telekommander im Interview in Essen

 

Essen, das Unperfekthaus. Zwischen schön dekoriertem Essen und kühlem Becks, einer Menge bekannter Gesichter und einem Treppenanstieg bis in die Backstagekammer, sitzen die beiden Tekekommander Gerald Mandl und Florian Zwietnig und bereiten sich mental aufs Konzert vor, während Jake, der Rapper, unten schon mal das Warm-Up begeht. Wir fragen, MTK antwortet.

 

GETADDICTED: Ein berühmter Werbetexter hat mal gesagt, man muss zwei Dinge im Leben tun, um die Welt zu verstehen: Bildzeitung lesen, um zu wissen, was die Leute glauben sollen und Bahn fahren, um zu wissen was das Volk wirklich denkt. Ein Song von eurem neuen Album "Näher am Menschen" heißt "Bild Dir Deine Meinung", und darin rechnet ihr mit den ganzen Leuten bzw. Geschichten ab, die man so über euch erzählt. Ist es wirklich so schlimm - und: Wie ist euer Verhältnis zur Bildzeitung?
Mediengruppe Telekommander: Wir lesen sie eigentlich regelmäßig, vor allem auf Tour. Weil es eben sehr interessant ist, was da so massenmedial rausgetragen wird an die Leute. Was das für Themen sind, die die Leute bewegen, die eigentlich gar keine Zeitung lesen, aber im Vorbeigehen die großen Buchstaben und Schlagzeilen aufschnappen. Es ist schon witzig zu verfolgen, was da alles als Headlines passiert …

GETADDICTED: Und ist dieser Track der erste echte MTK-Disstrack bzw. haben sich die Sachen, die ihr in dem Song ansprecht, wirklich so zugetragen?
Mediengruppe Telekommander: Also in dem Moment, wo wir bekannter wurden, ist schon eine Menge passiert. Zum Beispiel, dass Leute auf uns zukamen mit solchen Sätzen wie: „Wie ist denn jetzt das Leben als Rockstar?“. Es ist wirklich erstaunlich, was in dem Moment passiert, wo du ein bisschen mehr mediale Präsenz hast. Aber wir waren da weder besonders reich noch irgendwo in den Charts platziert. Aber solche Sachen wie im Song angesprochen, wurden wirklich an uns herangetragen, gerade auch aus dem näheren Umfeld. Da wird geglaubt, dass man mit einem Majordeal quasi bis ans Ende der Tage ausgesorgt hat. Wir spielen also in dem Song auf viele Beobachtungen an, die wir gemacht haben, die teilweise so witzig waren …

GETADDICTED: Jetzt, mit eurem zweiten Album, bekommt ihr auf jeden Fall (noch) mehr Aufmerksamkeit, als mit dem Ersten. Beispielweise gibt es auf der MTV-Website so ein Videotourtagebuch, allerdings sind das ja wirklich nur kleine Häppchen, die man ohne den Kontext kaum versteht …
Mediengruppe Telekommander: Ja, das sind eben so Eindrücke und absurde Situationen von der Tour. Beispielsweise ist da ein Video, in dem wir in einem Reisebus unterwegs sind, von Amsterdam nach Utrecht. Und wir sitzen da also in dem Bus, zusammen mit unserem ganzen Equipment, also Gitarren, Computer, usw., umgeben von 60-jährigen Leuten …
GETADDICTED: Achso, ich hab bei Anschauen des Videos gedacht, „Oh Mann, was habt ihr ne dicke Crew …“
MTIK: (lachen)
GETADDICTED: Ist Coca-Cola nicht eigentlich braun? (vgl. Song „Mein Herz“)
Mediengruppe Telekommander: Ich hab keine Ahnung! Aber schwarz ist einfach eine bessere Farbe.
Außerdem passt das besser in die Metapher.
GETADDICTED: Hat der Text bzw. die Textstelle eigentlich mit dem Song von McLusky(vgl. McLusky – Whoyouknow: „ … your heart's gone the colour of coca-cola”) zu tun?
Mediengruppe Telekommander: Nein, eigentlich nicht, “Mein Herz ist schwarz wie Coca-Cola” ist einfach das Bild. Auch wenn wir die Band mögen …
GETADDICTED: Themenwechsel: Gibt es den Remix von Untergrund mit dem House Of Pain-Sample, den ihr öfter mal live gespielt habt auch auf Platte?
Mediengruppe Telekommander: Nein, es gibt einen anderen Remix, aber die Version performen wir nur live bzw. haben wir gemacht.
GETADDICTED: Zum Hintergrund von Mediengruppe Telekommander: Wie und wo war euer erster Proberaum?
Mediengruppe Telekommander: Der erste Proberaum war von Freunden, halt so ein richtiger Indieproberaum, ohne Toiletten und so, in Lichtenberg. Und jetzt haben wir quasi ein Büro, wo die Computer drinstehen, das wir als „Studio“ nutzen.
GETADDICTED: Und wie seid ihr zu Musik gekommen?
Mediengruppe Telekommander: Die Internetagentur ist in Arsch gegangen, das Studium hat keinen Spaß mehr gemacht bzw. Studiengang gewechselt und dann kam die Musik …

GETADDICTED: Ich finde eure musikalische Schublade total schwierig. Das ist eigentlich ja eine positive Sache für eine Band bzw. die Identität einer Band. Auf der anderen Seite macht das die Vermarktung schwieriger. Intellektueller Punkrock auf E? Elektronischer Singersongwriterpop? Keine Ahnung, wo ihr euch seht. Weil ihr ja schon ein wenig schubladenlos seid, wie sähe die Traumbesetzung auf einem Festival aus, auf dem ihr Headliner seid?
Mediengruppe Telekommander: Sowas wäre schon geil! Also auf jeden Fall würde auf der Aftershowparty Carl Craig auflegen. Sonic Youth würden spielen, McLusky, TransAm, usw. Uns hat immer interessiert, eine spannende Stilmischung zu machen. Und das hat uns auch an anderen Bands fasziniert. Zum Beispiel TransAm, die so Detroit Electro mit Alternative Rock gemischt haben. Weil wir auch soviel am Computer gemacht haben, so technoid geworden sind, aber unbedingt wieder auf die Bühne wollten und auch von so vielen verschieden Sounds begeistert waren, musste die Mediengruppe für uns eine gute Mischung sein. Aber eben auch nicht als reiner Electro Act nur hinter den Maschinen.

GETADDICTED: Eure Konzerte sind ja schon was wilder. Ich war vorgestern auf einem Deichkind-Konzert und die haben das Sofasurfen "erfunden", d.h ein Sofa wurde durch die Leute weitergereicht, bis zum Mischpult. Die Beatsteaks machen Stagediven mit einem Surfbrett, was wurde bei euch schon so durchgereicht bzw. was war das Wildeste, was euch je auf einem Konzert passiert ist?
Mediengruppe Telekommander: Na ja, das Stagediven gehört bei uns auch dazu, außerdem legen wir uns manchmal mit Instrument in die Menge und lassen uns tragen. Erfunden haben wir allerdings noch nichts, aber hoffentlich bald … (lachen) Da kann man ja echt witzige Sachen machen! Uns gefällt das auf jeden Fall, auch wenn das manche als Teenagerscheiß abtun oder so. Die Power, die dabei entsteht, also im Publikum und auf der Bühne, die ist schon toll. Wir wollten das halt immer schon, auch so eine Musik machen, wozu man so abgehen kann, das ist fantastisch! Und wenn der Funke überspringt, wenn das Publikum so krass abgeht, das sind die besten Parties!

GETADDICTED: Auch wenn die Konzerte von euch eine Wucht waren und viel Spaß gemacht haben, das Kommanda-Video, dass so auf subversive Studentenszene macht, die Texte, ich wusste nie so ganz, was ich von euch halten soll …
Mediengruppe Telekommander: Bei uns zählt vor allem der Spaß, der dahinter steckt, weniger das Verkopfte. Also die Lyrics hören auf der Bühne spätestens dann auf, wenn diese Wirkung da ist, also wirklich was vor der Bühne passiert. Wir bilden diese Wortkombinationen, die dann diesen intellektuellen Eindruck erwecken, nur deshalb, weil es uns Spaß macht! Wenn wir das lesen, was wir da geschrieben haben, dann lachen wir uns teilweise tot.

GETADDICTED: Eure T-Shirts „Ich bin auch in den Medien!“ schlagen auch in diese ironische Richtung, die diese ganze Medienscheiße hochnimmt. Eine Freundin von mir hat mal für ihre Abschlussarbeit von so einer Werbeakademie eine Umfrage in einer hippen Disko in Düsseldorf gemacht. Wo 100 Prozent der Leute wie die perfekten Werber aussahen, also Tretroller, Umhängetasche, Rollkragenpullover, eben alle Klischees bedient haben. Und in der Untersuchung kam dann raus, dass 70 Prozent der Leute überhaupt nichts mit Werbung zu tun hatten, vor allem aus den umliegenden Dörfern kamen, aber dazugehören wollten …

Mediengruppe Telekommander: (lautes Lachen) Das ist in Berlin nicht viel anders, da will auch jeder ein Filmregisseur sein oder irgendwas anderes, schickes.

GETADDICTED: Finale Frage, was kommt aufs Tape für die Herzdame?
Mediengruppe Telekommander: Auf jeden Fall Deborah von Beck. Und außerdem Mysteries von Beth Gibbens.
GETADDICTED: Klingt gut, war nett, danke fürs Gespräch!

 

Was folgte, mutete dann ein wenig absurd an. Der Konzertraum vom Unperfekthaus hat eher den Charme eines Tagungssaals, die Leute waren ziemlich zäh, in der ersten Reihe eine Gruppe schwarzer Gothrocker und auf der Bühne derwischende Telekommander. Trotzdem haben die Jungs gerockt und gezeigt, was diese Mischung ausmacht. Mein Herz ist schwarz wie Coca-Cola!

 

Interview:Ingo Karkhof
Foto: Lars Borges (www.larsborges.de)