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20 JAHRE VOR UND WIEDER ZURÜCK
Interview mit Monkeeman in Wilhelmshaven 2008
„Life In The Backseat“ heißt das neue Album von Monkeeman, das unverbraucht und kraftvoller denn je daherkommt, obwohl es auch die omnipräsente Furcht thematisiert, unglücklich im Alltagstrott zu enden. Pete Lübke selbst hat die Mid-Life-Crisis unversehrt überstanden und Einiges an Gelassenheit und Selbstvertrauen dazugewonnen.
Cruiso, Rheinstraße 98, Wilhelmshaven. „Ein cooler Treffpunkt mit Café und Scootern gleich bei mir um die Ecke, da können wir uns gerne zusammensetzen“, schlägt Ralf Lübke (41) vor, der eigentlich nur noch unter dem Namen Pete bekannt ist und trotz seines „biblischen Alters“, wie er sagt, vor Energie und jugendlichem Charme nur so sprüht. Der Monkeeman ist wieder in der Stadt, um sich für die anstehende Tournee und die Veröffentlichung seines mittlerweile dritten Studioalbums vorzubereiten. Im dunkelblauen Mini (das Auto nicht der Rock) kommt er angedüst. Der stilvolle Cooper, seine Vorliebe für historische Vespa-Motorroller à la Quadrophenia und seine blaue Retrojacke mit rot-weißen Streifen an Handgelenk und Kragen lassen schnell den Verdacht aufkommen, dass es sich hier um ein in Deutschland äußerst seltenes Exemplar der Mod-Spezies handelt. Aber wie kann das sein? Wir sind hier schließlich am Südstrand und nicht am Brighton-Beach. Dennoch, seine Musik - eine Synthese aus nostalgischem 60er, 70er Jahre Sound mit einem Schuss Britpop-Attitude und modernem Indierocktimbre – hat schon eindeutig etwas Britisches. „Auf jeden Fall“, stimmt Monkeeman zu und bedauert, dass die Mod-Kultur in Deutschland nie richtig großgewesen ist. Pete hatte schon lange vor der Pubertät einen ausgeprägten Musikgeschmack, weil sein damaliger Fußballtrainer fanatischer Jam-Fan war und ihm ständig irgendwelche Tapes aufgenommen hat. The Kinks, The Who und The Small Faces ließen da nicht lange auf sich warten. Mit 14 nahm er The Clash mit ins Repertoire und avancierte zum Vollpunk. Heute greift er eher zu Graham Coxon oder Bands wie The Rifles, The Doves und The Enemy. Kein Wunder also, dass er an deutscher Musik nachwievor keinen ernsthaften Gefallen findet.
GETADDICTED: Wie verlief sich das damals mit Colour Red?
Pete: Das verlief sich dadurch, weil die zweite Platte relativ abgefloppt
ist. Die Besetzung musste zwischenzeitlich wechseln, wir konnten mit
unserer Musik nicht mehr genug Geld machen und hätten nochmal bei
Null anfangen müssen.
GETADDICTED: Das will man dann auch nicht.
Pete: Wenn die Band frischer gewesen wäre, dann hätten wir
weiter gemacht - ich hätte weiter gemacht. Aber nach zehn Jahren
Colour Red hatte niemand mehr die nötige Motivation dafür,
zwei haben der Musik komplett Ade gesagt. Das war damals eine ziemlich
schwierige Zeit. Nach der Trennung hatte ich rein gar nichts mehr -
keinen Plattenvertrag, keine Band, weder wusste ich, was ich jetzt machen
sollte.
GETADDICTED: Kam für dich nie etwas Anderes in Frage, außer
Musik zu machen?
Pete: Ich habe mal alibimäßig Sport und Geschichte studiert, was
so alle machen, die nicht wissen, was sie werden wollen. Aber das war
nichts für mich.
GETADDICTED: Wie entstand dann letztendlich der Kontakt zu Produzent
Patrick Majer (Wir sind Helden)?
Pete: Den habe ich in Berlin kennengelernt. Nach der Geschichte mit
Colour Red habe ich erst mal nur für mich Songs aufgenommen und
nach einer gewissen Zeit doch wieder mit meinen alten Kollegen rumgedaddelt.
Die wohnten mittlerweile in Berlin und machten mich mit Andi Jung, dem
Produzenten von The Bates, bekannt. Dessen bester Freund war wiederum
Patrick Majer. Mit dem habe ich dann zusammengearbeitet. Zunächst
nahm ich für die Lemmonbabies die Gitarre in die Hand, dann kamen
meine eigenen Sachen an die Reihe.
GETADDICTED: Du bist jetzt aber kein richtiger Berliner geworden?
Pete: Das nicht, aber Arbeitsberliner schon. Von 1998 an habe ich ja
sechs Jahre lang bei Rosenstolz mitgespielt und da musste man natürlich
immer vor Ort sein. Bis zum letzten Jahr hatte ich auch noch eine Ein-Zimmer-Wohnung
in Berlin. Jetzt wohne ich immer bei Patrick, wenn ich dort bin.
GETADDICTED: Deine Zeit bei Rosenstolz war aber nicht 100prozentig
dein Ding?
Pete: Allerdings, dass ist überhaupt nicht meine Musikrichtung,
aber ich war eben gut mit denen befreundet und fühlte mich als
Gitarrenspieler einigermaßen wohl in meiner Rolle. Irgendwann
empfand ich das Ganze dann aber doch als Montagejob. Du hast überdimensional
viel Organisationsarbeit zu bewältigen, bist den ganzen Tag in
irgendwelchen Hotels, in denen du gar nicht sein willst und kannst dich
höchstens oberflächlich mit anderen Dingen auseinandersetzen.
Rosenstolz sind halt so groß, dass sie dir deine ganze Zeit wegfressen,
das wollte ich dann doch nicht.
Der Ausstieg bei Rosenstolz war somit absehbar. Dass Monkeeman kein zweites Mal vor dem großen Nichts stand, hat er einer glücklichen Fügung des Schicksaals zu verdanken. Kaum zum veritablen Independent-Künstler mutiert, erwählte Ebay 2005 seinen Track „Life is wonderful“ für den neusten TV-Spot. Wie ein Virus schlich sich der Song in unsere Gehörschnecken, durchquerte unaufhaltsam das Ohrenlabyrinth in Richtung Gehirn und löste die für Werbemusik typische Frage aus: „Von wem ist dieser gottverdammte Song?“ Nicht jeder mag dieser Frage auf den Grund gegangen sein, für Pete regnete es trotzdem soviel Geld, dass er problemlos zwei, drei Jahre davon leben und machen konnte, was er wollte. Der richtige Zeitpunkt, um sich von den allerletzten Nebenjobs freizumachen und endgültig durchzustarten. Monkeeman entwickelte sich zum professionellen Studiomusiker, arbeitete mit vielen Künstlern wie Jimmy Summerville von Bronski Beat zusammen und schrieb einen Song für die No Angels. Letzteres darf gern belächelt werden.
GETADDICTED: Du stehst mit Casting-Bands doch auf Kriegsfuß, wie
kam es also zu der Zusammenarbeit mit den No Angels?
Pete: Das war purer Zufall. Die haben einfach nach Songs gesucht und
wollten dann unseren haben. Mein Verlag hat denen dann die Originalversion
von „you could be the first“ verkauft. Das war letztendlich
total klasse, denn das hat echt Geld gegeben, ohne dass man dafür
in Erscheinung treten musste. Solange es sich nicht um die Bösen
Onkels handelt, darf jeder meine Songs verwenden, das finde ich sogar
spannend und es ist allemal besser, als sich physisch zu verausgaben
und jeden Abend mit einer Band zu spielen, hinter der du nicht stehst.
GETADDICTED: Arbeitest du deshalb auch lieber als Solokünstler? Monkeeman ist
ja mehr oder weniger ein Ein-Mann-Projekt.
Pete: Es ist schon so, dass hauptsächlich ich hinter Monkeeman stecke.
Ich schreibe die ganzen Songs, fertige Demos davon an und spiele zunächst
alle Instrumente selbst ein – so, wie ich mir das von den Arrangements
her vorstelle. Wen man als zweiten Mann bezeichnen kann, ist Zoran Grujovski
- der ist schon seit meinem ersten Singledeal (1999) dabei und gehört
auch zur Rosenstolz-Besetzung. Bei dem Rest handelt es sich um Freunde
von mir, die kommen dann nur zu den Gigs, wenn sie etwas zu spielen
haben. Insofern hat das Ganze schon Projektcharakter, nach außen
wird Monkeeman aber als Band präsentiert.
Das neue Album „Life In The Backseat“ wurde im heimischen Wilhelmshavener Pumpwerk aufgenommen. Zoran, der bei Monkeeman eigentlich Keyboard und Gitarre spielt, setze sich kurzerhand hinters Schlagzeug. Der ehemalige Colour Red Gitarrist Steffen Häfelinger wurde ebenfalls mit ins Boot geholt. Pete erledigte das Übrige.
GETADDICTED: Wie fühlte sich die neue Rollenverteilung an?
Pete: Sehr frisch. Das war quasi wie ein Rückschritt um 20 Jahre.
Du hast ein Instrument gelernt und musstest gleich loslegen - eine wirklich
spannende Sache, ein bisschen wie damals als wir angefangen haben. Das
passte zudem ganz gut zu meiner Intention, wieder einen aggressiveren,
gitarrenlastigeren Sound zu kreieren. Neu war außerdem, dass wir
vom Mikroaufbau bis zur Aufnahme alles selber gemacht und dadurch viel
dazu gelernt haben. Zwei Versionen sind komplett in der Tonne gelandet
- die waren schlichtweg nicht gut genug. Gemixt hat‘s am Ende
wieder Patty (Patrick Majer) in seinem Studio, das hätten wir dann
doch nicht hingekriegt.
GETADDICTED: Deine neue Single nennt sich „Lonely Guy“,
worum geht es genau in dem Lied? Fühlst du dich mit gewissen Ansichten
alleine gelassen?
Pete: Nö, das ist eigentlich eine fiktive Geschichte über
jemanden, der nach einer langen Beziehung wieder alleine dasteht. Die
Videoidee für die Single (mit dem Songtext versehende Schilder
hoch und in die Kamera halten) ist rigoros von Bob Dylan geklaut. Um
dem Ganzen trotzdem eine eigene Note zu verleihen, haben wir rückwärts
gedreht. Etwa fünf Stunden Drehzeit hat uns das in Anspruch genommen.
Davon saßen wir drei Stunden beim Griechen und haben Bier gesoffen.
So macht das Spaß.
GETADDICTED: Geht es in deinen Songs generell um Alltagsgeschichten
oder greifst du dir bestimmte Themen raus? Das ist unterschiedlich.
Einige Texte schreibe ich aus der Situation beziehungsweise aus meiner
Gefühlslage heraus, weil da etwas passiert ist. Ich greife ebenso
gerne das Leben von anderen auf und gebe mich für ihre Person aus.
Geschichten von Freunden werden musikalisch beinahe zwangsläufig
verewigt.
"Socialism doesn’t exist no more/ Brothers and Sisters are fighting on their own…"
GETADDICTED: Legst du Wert darauf, dass sich deine Songs fürs
Formatradio anbieten, oder spielen solche Überlegungen bei der
Produktion keine Rolle?
Pete (exzessiv): Nee, nee, überhaupt
nicht. So sehe ich das zumindest. Ob Patrick sowas im Kopf hat, weiß
ich nicht, das kann ich mir durchaus vorstellen. (muss laut lachen).
Aber beim Schreibprozess selbst spielt es keine Rolle. Ich kann weder
mir noch anderen Leuten Songs auf den Leib schreiben, die sich super
vermarkten lassen. Immerhin kenne ich mich inzwischen so gut, dass ich
es auch akzeptieren kann, zwei Wochen an einer Textzeile zu arbeiten.
Da breche ich nicht in Panik aus. Womit ich mich lange rumgeärgert
habe, ist die Tatsache, dass ich überhaupt nicht weiter an einen
Song arbeiten kann, wenn ich schon einmal das Gefühl hatte, er
sei fertig. Manchmal war ich so sehr frustriert, dass ich mich am nächsten
Tag trotzdem nochmal hingesetzt habe. Aber auf Teufel komm raus funktioniert
das natürlich nicht. Jetzt weiß ich das, bin gelassen und
geh nach Hause Fußball gucken, wenn es nicht klappen will.
GETADDICTED: Was verbirgt sich hinter dem Albumtitel „Life in
the backseat“?
Pete: Naja, du bist halt nicht der Fahrer, sondern guckst hinten vom
Rücksitz aus zu, wie es ja leider den meisten Leuten geht.
"You’re attitude isn’t funny/ You’re in it for the money…"
GETADDICTED: Meinst du damit vielleicht, dass an Manchen das Leben
größtenteils vorbei geht, weil sie nie richtig nach vorne
kommen?
Pete: Genau. Ich behaupte, dass viele Leute total unzufrieden sind,
weil sie ihre Interessen nicht mal ansatzweise ausleben können,
was auch immer im Einzelfall dahinter stecken mag. Es gibt auch Menschen,
für die ist das voll okay, die sehen ihren Job als reine Zwecksache
an, mit der sie ihre Brötchen verdienen. Dafür wird eben Familie
und Freizeit größer geschrieben. Diese strikte Trennung zwischen
Freizeit und Arbeit kenne ich glücklicherweise nicht und ich hoffe,
ihr nie ins Gesicht blicken zu müssen.
GETADDICTED: In deinen Songs spiegeln sich Optimismus und Kritik gleichermaßen
wider. Gilt das auch für deine Persönlichkeit?
Pete: Das hoffe ich doch! (überlegt) Das hat mich
noch nie jemand gefragt, aber ich glaube schon, dass ich ein positiv
denkender Mensch bin – mit durchaus versteckten Frustrationen.
GETADDICTED: Was frustriert dich denn?
Pete: Das die Menschen gezwungen sind, in einem festen Rahmen zu leben.
Ich glaube einfach, dass viele Leute darunter leiden und das ist unnötig.
Politik frustriert mich ohne Ende und Künstler, die regelrecht
damit protzen, von ihrer Musik leben zu können, es gibt schon viele
Hedonisten in der Branche. Die machen bloß Musik, weil es doch
schöner ist, auf der Bühne zu stehen, als hinter der Kasse
beim Aldi-Markt zu sitzen, aber nicht weil sie den inneren Drang dazu
haben und gar nicht anders können, als sich der Musik hinzugeben.
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