ALLE SCHREIEN, KEINER BRENNT

 

Muff Potter und Chuck Ragan in Dortmund // 21. September 2007

 

Flashback: Im Jahr 2000 gehen Muff Potter auf Tour mit Hot Water Music. Bekanntschaften entstehen, Männerfreundschaften möchte man fast sagen. Sieben Jahre und das von vielen Seiten bedauerte Ende von Hot Water Music später sind Muff Potter wieder unterwegs – diesmal mit dem früheren Heißwassermusiker Chuck Ragan als Support.


Am frühen Nachmittag sitzen Dennis und Nagel vor unserer Kamera und performen „Gefühlsbonzentreffen“. Dabei schlurft Chuck Ragan in den Keller mit Gitarre und Mundharmonika unterm Arm. Der 15-Quadratmeter-Kellerraum im FZW erzittert – wie auch alle Anwesenden – vor der Stimmgewalt sowohl bei „The Boat“, bei dem Dennis mitklampft, als auch bei „See yourself to the door“, der englischen Variante von „Bring dich doch selbst nach Haus“. Chuck erweckt danach den Eindruck, als wolle er am liebsten noch stundenlang weiterspielen. Für ihn geht es aber erst in die Dortmunder City, wo er im Trashmark-Store zwischen T-Shirts und Kapuzenpullis rund 50 Leute mit einem Akustikset beglückt.


Abends verwandelt Chuck Ragan das FZW in eine finnische Dampfsauna – einen so starken, druckvollen Support erlebt man nur selten. Ein Mann, eine Gitarre, und das im rappelvollen Wohnzimmer FZW. Die Dankbarkeiten, mit denen das Publikum die Songs aufnimmt und jene, die Chuck auf die Reaktionen der Fans zeigt, schaukelt sich immer weiter hoch. Wie in alten Hot Water Music-Zeiten steht er kaum eine Sekunde auch nur annähernd ruhig hinter seinem Mikro. Die Leute schwitzen, singen, klatschen. An der Tür zwischen Biergarten und Bühneneingang steht Nagel, schaut rein und wirkt irgendwie nervös. Dann raus auf die Bühne – und gemeinsam spielen die beiden „See yourself to the door“.


Mehr als 30 Songs (statt der sonst üblichen 20) haben Muff Potter vor dieser Tour geprobt, um immer mal wieder die Setlist zu ändern. Dass trotzdem Wünsche offen bleiben, war klar. Neben vielen „Steady Fremdkörper“-Stücken dürfen sich viele alte Fans auch über entsprechend altes Material freuen: „Auf der Bordsteinkante“ oder „Meduzin“. Die „Schrei, wenn du brennst“-Chöre am Ende fallen relativ leise aus. Denn nachdem Muff Potter gerade die ganz alten Songs lange nicht gespielt haben, bleiben doch viele Fans der frühen Platten auf der Bordsteinkante sitzen. Und brennen kann im schwitzigen FZW eh niemand. Zum Ende des Konzerts hin holen Muff Potter klatschnass „The Boat“ aus dem Schuppen – und natürlich nimmt Chuck Ragan sofort Shredders Mikro in Beschlag – unkaputtbar der Mann. Mit „Steady Fremdkörper“ geht der Abend nach kurzweiligen 85 Minuten zu Ende – ohne „100 Kilo“ allerdings.

 

 

Text: Jens Becker
Fotos: Mathias Schumacher