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WENN DIE TRÄNEN PEINLICH WAREN
Flugshow beim Abschluss der Never Say Die-Tour in Münster // 24.11.2007
Von allen Konzerten haben Hardcore-Events wohl am ehesten die amerikanische Bezeichnung „Show“ im deutschen Sinne verdient. Und das ganz ohne spektakuläres Bühnenprogramm. Denn das altbekannte Paradoxon, dass die mit nonkonformistischem Ansatz gegründete HC-Szene sich intern in großen Teilen immer schön trend- und modebewusst zeigt, macht so einen Festivalabend äußerst unterhaltsam. Und so gab es neben den Bands für die ganzen „Normalos“ einiges zu bestaunen: Menschen in viel zu großen und viel zu kleinen Klamotten, billige Jogginghosen in Kombination mit teuren New Era – Caps, Machobollos, Hardcorebettys, Jungs, die aussehen wie Mädchen und Mädels, die sich benehmen wie Jungs.
Außerdem konnte schon mal – auf freundliche Bitte der Bands hin - für das im kommenden Jahr in Kraft tretende Anti-Raucher-Gesetz geübt werden, aber je später der Abend, desto mehr wurde gequalmt.
Ach ja, Musik! Den Anfang machten die einzigen Deutschen unter den Bands, The Blackout Argument. Allerdings schien die Zeit mit all den Bands auf Tour nicht spurlos an den Musikern vorbeigegangen zu sein, der Sänger hielt seine Dankesansprache – es war der letzte Tourtag – auf englisch mit breitem Ami-Akzent. Obwohl die Flyswatter-Nachkömmlinge quasi direkt nach der Türoffnung ihr Set starten mussten, ernteten sie schon wohlwollenden Applaus von den ersten Gästen für ihren recht kurzen Auftritt. Deren Anzahl war für die frühe Uhrzeit (19h) schon beträchtlich, quasi ein Ausblick auf das, was kommen sollte: Ein knackig voller Skater´s Palace.
Auf dem innerhalb der Tour variierenden Schedule standen als nächste die Warriors. Die machten ordentlich Druck mit ihrem basslastigen Sound und animierten so die ersten Gäste zu Einlagen in rhythmischer Sportgymnastik – ein weiteres unterhaltsames Showelement des Abends. Eigentlich wollte ich die Einlage nicht weiter werten – jeder halt so wie er will/kann/soll/muss – möchte aber demejenigen an dieser Stelle meinen Respekt aussprechen, der es schaffte, mit ein paar Schritten Anlauf und einem lockeren Abdruck von fremden Schultern über die Köpfe der Umstehenden aus dem Pit zu springen. Musikalisch fiel vor allem der Warriors-Bassist auf, der nicht nur mit seinem RX Bandits-Shirt auf Virtuosität verwies, sondern auch astrein drummen konnte. Mit dem Instrumentenwechsel gaben die Kalifornier auch den Startschuss zu einer Masse von Gastauftritten auf der Bühne – so viele, dass ich irgendwann den Überblick verlor, wer alles bei wem mitgesungen hat, sorry.
Nach einem ebenfalls kurzen Set und noch viel kürzerer Umbaupause kamen dann This Is Hell auf die Bühne und lösten auch das Rätsel, warum alle nur so wenig Spielzeit hatten: Man versuchte, noch etwas Zeit für einen Auftritt von Still Remains frei zu schaufeln – mehr dazu später. TIH jedenfalls räumten mit ihrem energiegeladenen Auftritt mächtig ab, der kleine Rick an der Gitarre brachte Sprünge wie ein Gummiball zustande, die die meisten wohl ohne Klampfe in der Hand niemals hinkriegen würden. Die Energie sprang auch auf das Publikum über, ein schicker Circle Pit und eine Flugshow der Stage Diving-Fraktion beim letzten Song waren am Ende der Dank. Die New Yorker waren auf jeden Fall die ersten Gewinner des Abends.
Zu den folgenden Cancer Bats aus Toronto fiel mir live vor allem ein Begriff ein: Moshen. Und zwar richtig schön Metalmatten-Style. Die ersten Reihen sahen dementsprechend aus wie auf einem Kreator-Konzert, in den hinteren Reihen allerdings gab es zu Anfang vor allem Kopfschütteln von rechts nach links. Mit zunehmender Spielzeit allerdings bewegten die Kanadier immer mehr Leute zum Applaudieren. Ob es daran lag, dass der Gitarrist mit der Matte und dem Vollbart die Gitarre so schön quietschen lassen konnte wie einst Dimebag Darrell? Egal, auf jeden Fall gewann er den Best-T-Shirt-Kontest mit seinem Entombed-Fetzen mit der Aufschrift „God is great, Satan is super“ auf dem Rücken.
Dann die Überraschungsgäste von Still Remains. Ebenso wie die zwischendurch ausgerufenen Falschparker wirkten sie irgendwie fehl am Platz. Das war ihnen durchaus selbst bewusst, dementsprechend bedankten sie sich auch, dass sie überhaupt spielen durften. Das kam zwar durchaus sympathisch rüber, aber trotzdem: Keyboards und Gitarrensoli waren heute nicht gefragt. Für Erheiterung sorgte aber auch beim Sänger der 2m-Koloss, der mitten im kleinen Pit stand, aber von der moshenden Meute nicht einen Zentimeter bewegt werden konnte.
Die Co-Headliner von Parkway Drive wurden dagegen schon bei ihrem Erscheinen auf der Bühne stürmisch begrüßt, und mit dem ersten Akkord wurde dann mächtig abgerissen. Zwar würde ich den Sound der Australier mittlerweile auch mehr als Metal bezeichnen, aber das störte die Fans nicht: Vor der Bühne herrschte so dichtes Gedränge, dass die Stagediver teilweise keine andere Wahl hatten, als wieder auf die Bühne zu klettern und sich einen neuen Stunt auszudenken, da sich einfach kein Loch in der Menge auftat, in das sie hätten fallen können. Trotz des Chaos auf der Bühne legten die Aussies eine supertighte, schweißtreibende Performance hin. Ist schon ein krasser Kontrast, wie Sänger Winston in der einen Sekunde die ganze Halle zusammenbrüllt und -schreit, nur um sich dann direkt nach dem Ausklingen des letzten Akkords mit klarer, freundlicher Stimme nett beim Publikum zu bedanken.
Die Quittung für den tollen Auftritt von Parkway Drive bekamen dann Comeback Kid serviert. Das Publikum freute sich zwar, die Jungs zu sehen und zu hören, aber einige schienen einfach ausgepumpt, und so konnte sich nicht mehr so ein Begeisterungssturm entfachen wie bei der Vorband. Beim letzten Song des gut 50minütigen Sets („Wake the Dead“ – wer hätte das gedacht?) brachen dann aber dann doch alle Dämme – mit dem Ende der Tour endete auch das Engagement des Bassisten Kevin Call bei Comeback Kid. Um den Abschied gebührend zu feiern, kamen alle anwesenden Bands und ein Teil des Publikums auf die Bühne, um den Smash-Hit der Kanadier gemeinsam heraus zu schreien, Kevin durfte den Song auf den Schultern der Anwesenden zocken. Zum Glück hat er sich nichts getan, als er von den Schultern und der Bühne fiel – aber so hatte er wenigstens eine Ausrede, falls ihm die Tränen, die ihm nach Ende des Auftritts übers Gesicht liefen, peinlich gewesen sein sollten.
- Never Say Die 2007: Flugshow in Münster // 24.11.2007
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