"DEN HAT MARLEY FÜR DIE GESCHRIEBEN"

 

Interview mit Matt und Tony von No Use For A Name

 

Ziemlich entspannt hocken Toni Sly und Matt Riddle im Backstage-Bereich und genießen das erste oder zweite Bierchen des Tages. Die alten Hasen der kalifornischen Skatepunk-Legende No Use For A Name plaudern munter über den Alltag auf Tour inklusive Chick-Fights, ihr letztes Album „Feel Good Record Of The Year“ und das Altern im Rockbusiness.

 

GETADDICTED: Ihr habt in diesem Jahr Euer 9. Studioalbum veröffentlicht. Erinnert Ihr Euch ohne langes Nachdenken an alle?
Tony (wie aus der Pistole geschossen): Incognito, Don’t Miss The Train, The Daily Grind, Leche con Carne, Making Friends, More Betterness, Hard Rock Bottom, Keep Them Confused und The Feel Good Record Of The Year.
Matt: So was vergisst man doch nicht. Die Namen der eigenen Kinder vergisst man ja auch nicht!

GETADDICTED: Wie seid Ihr auf den Titel „The Feel Good Record Of The Year“ gekommen?
Tony: Zuerst gab es den „Feel Good Song“ und wir hatten eine Liste mit möglichen Albumtiteln. Aber 99 Prozent davon waren nur Schrott und so ist schließlich „The Feel Good Record Of The Year“ bei allen Leuten, die mit uns im Studio gearbeitet haben, hängen geblieben.

GETADDICTED: Geht es NUFAN 2008 besser als vor zwei, fünf oder zehn Jahren?
Matt: Bei uns ist alles gut, aber eigentlich ist der Titel purer Sarkasmus. Wenn man sich mit Tonys Texten befasst, merkt man schnell, dass sie alles andere als fröhlich sind. NUFAN haben noch nie so melancholisch geklungen wie auf diesem Album, deshalb der Scherz mit dem Albumtitel.

GETADDICTED: Wie alt seid Ihr eigentlich?
Tony: 37.
Matt (hüstelnd): Ähm, 41. Wir hatten schon Vorbands, da waren die Jungs Jahrgang 1987! 87, das ist zwei Jahre nach meinem Highschool-Abschluss!!!
GETADDICTED: Auch wenn Ihr schon so lange im Geschäft seid, sieht man bei Euren Konzerten auch immer wieder jüngere Fans im Publikum...
Tony: Mitte der 90er gab es auf einmal diese Punkrock-Welle mit NOFX, Lagwagon, uns und wie sie sonst noch alle hießen. Da reichte es, als Fat Wreck-Band angekündigt zu werden und die Leute kamen zu unseren Shows. Natürlich ehrt uns das, dass wir nicht nur als alternde Punks gesehen werden, sondern manche uns jetzt erst kennenlernen und sich danach mit unserer Vergangenheit beschäftigen.
Matt: Wenn ich überlege, zu was für Bands ich in dem Alter gegangen bin... Ah, lieber nicht!!!

GETADDICTED: Sucht Ihr Euch Eure Supportbands selbst aus?
Tony: Zu 99 Prozent ja. Auf einem Deutschlandgig im Frühjahr hat uns zum Beispiel die Band des Typen supportet, der unsere deutsche Fanpage betreut. Er hatte angefragt und für uns war es Ehrensache... Wir stehen eh immer über Myspace mit ihm in Kontakt.
GETADDICTED: Wie geht Ihr mit Myspace um?
Tony: Wir betreuen unsere Seite selbst und stehen mit unseren Fans in Kontakt. Das ist heutzutage natürlich ganz einfach, man schreibt sich einfach Nachrichten und nicht wie früher Briefe, die man dann auch noch abschicken musste.
Matt: Für eine Band ist es auf jeden Fall mittlerweile wichtiger, eine Myspace-Seite als eine Website zu haben. Es ist der direkteste Weg um mit Leuten zu kommunizieren. Und indem man Videos ruckzuck über youtube auf die Seite stellen kann, braucht man eine Homepage allerhöchstens noch für Pressematerialien.
Tony: Oder um anzugeben, wie toll man Flash kann. Myspace lässt die Musikwelt so viel näher zusammen rücken.

GETADDICTED: Ihr habt in Eurem Myspace-Blog geschrieben, dass auf der Tour bislang nicht wirklich etwas passiert ist? Wird Touren abseits der Konzerte für Euch mittlerweile langweilig?
Tony: Nein, und ganz so langweilig wars auch gar nicht. Bisheriger Höhepunkt war eindeutig, dass Dave von einem Mädchen geschlagen wurde. Wir waren nach einer Show noch unterwegs und wollten von einem Club in Richtung Bus. Draußen wollten sich gerade zwei besoffene Mädels um einen Kerl prügeln, wir fanden das amüsant, gesellten uns dazu und holten heimlich unsere Kamera raus, das fanden die Streitenden nicht ganz so lustig. Der Typ ist dann mit einem Pflasterstein hinter mir her, und das eine Mädel ist dann auf Dave los und hat ihn so vermöbelt, dass er sogar eine Platzwunde am Kopf abbekam.
Matt: Ich hab mich weggeschmissen vor Lachen. Das Ganze fand direkt vor unserem Bus statt und wir anderen standen alle an der Fensterscheibe und hatten Plätze in der ersten Reihe.

GETADDICTED: Wie sieht bei NUFAN das Aftershow-Verhalten aus, wenn sich mal nicht alles ums Frauenboxen dreht?
(Tony und Matt mit synchroner Zuschüttgeste)
GETADDICTED: Jeden Abend?
Tony: Nun, was sollen wir sonst machen?
Matt: Ich trink doch mit meiner Frau auch zu Hause jeden Abend......Oh, da hab ich noch nie drüber Gedanken gemacht. Sollte ich mir Sorgen machen?

Tony: Das machen andere Leute in ihrem Urlaub doch auch. Sie trinken! Es gibt keinen besseren Weg, ein Land kennen zu lernen, als in einer heimischen Bar sich volllaufen zu lassen. So lang man am nächsten Tag auftreten kann. Ich find verkaterte Shows eigentlich bei mir immer ganz gut, man trinkt vor dem ersten Song schnell was, fühlt sich die ersten zwei, drei Minuten noch komisch, aber dann...wird es immer besser!

GETADDICTED: Wie sieht die Setlist auf der Tour aus?
Tony: Es sind ein paar neue Songs dabei, wir schmeißen ein paar von „Making Friends“ und „More Betterness“ rein, die wir sonst nicht so oft spielen, und dann halt die Standards, bei denen die Leute sich beschweren würden, wenn sie nicht kämen.
Matt: Wir haben schon mal vergessen, „Outside“ zu spielen. Das gab Ärger!!!!! Irgendwann hatten wir bis zur Zugabe nicht „Answers“ gespielt und dann schob so ein Mädel doch tatsächlich einen Zettel auf die Bühne, auf dem uns unsere Nachlässigkeit vorgeworfen wurde. Unsere Fans sind halt die aufmerksamsten!

GETADDICTED: Also spielt ihr nicht jeden Abend das gleiche Set?
Tony: Wir probieren auf dieser Tour wirklich, die Setlist täglich abzuändern. Wir spielen unterschiedliche Versionen der Lieder, ein Reggaekracher pro Abend ist Pflicht! Keiner von uns weiß vorher, welcher Song es sein wird, das ergibt sich dann immer so.
Matt: Manchmal hört sich das nicht gerade toll an, aber bei einigen Songs denkt man schon: „Den hat Marley für die geschrieben!“

GETADDICTED: Ihr habt jeden NUFAN-Song parat?
Matt: Ja klar, probieren kann man alles. Okay, bei dem ganzen alten Kram mit den vierhundert Akkordwechseln pro Strophe könnte das ganz schön in die Hose gehen. Aber prinzipiell machen wir vor nix Halt.

GETADDICTED: Die Lyrics sind immer parat?
Tony: Nein, die Lyrics sind nie parat. Ja, ich improvisiere..... andauernd! Aber auch bei neueren Sachen kann das durchaus passieren. Ich guck mich dann im Publikum um, und finde immer mindestens einen, der die komplette NUFAN-Diskographie Wort für Wort mitsingen könnte. So eine Art Publikumsjoker, an dem ich mich im Falle des Falles immer wieder hochziehen kann.

GETADDICTED: Als obligatorische Frage erkundigen wir von GETADDICTED uns immer nach den Süchten der Bands....
Matt: Abgesehen vom Alk? Videospiele! Wir haben im Bus jede Menge dabei, sind bislang aber noch gar nicht so sehr dazu gekommen, zu zocken. Ich bin ein absoluter Dork, ich spiel alles: First Person Shooters, Adventures, Sportspiele, egal...her damit! Und an meinem Auto herum zu schrauben!
GETADDICTED: Was fährst du?
Matt: Einen 1970er Karmann.
GETADDICTED: Ist er in guter Verfassung?
Matt (wie aus der Pistole geschossen): Ja! Ich hab ihn mit meinem Vater restauriert, bin auch deshalb sehr stolz darauf. Das ist das Einzige, was ich mache, wenn ich zuhause bin. Mit meinem Dad in der Garage.

GETADDICTED: Tony?
Tony: Neben Alkohol....ääääähhhhh!...Ich scherze nur. Ohne Ausflüge in den Park mit meiner Tochter wär ich arg unglücklich.
GETADDICTED: Wie alt ist sie? Wie habt ihr auf Tour Kontakt?
Tony: Vier! Und ich vermisse sie mehr als alles andere. Wegen der Zeitverschiebung ist das mit Gesprächen schwer. Am großartigsten ist es per Videochat, da geht mein Herz auf. Ich nerve sie dann nach zehn Minuten immer, so dass sie keinen Bock mehr auf mich hat, und mich dann auch nicht so doll vermisst. Das klingt vielleicht grausam, aber das macht es uns beiden leichter, wenn ich weiß, dass sie zuhause nicht nach Daddy schreit, sondern lieber draußen spielt. Es macht mich glücklich, wenn sie dann nicht gelangweilt ist, während ich auf Tour bin.

GETADDICTED: War sie schon mal mit auf Tour?
Tony: Ja, sie hat mit ihrer Band auf der Warped Tour zwischen A Wilhelm Scream und Anti-Flag gespielt.....Nein, sie war wirklich ein paar Wochen auf der Warped Tour mit, wir haben sie ein-, zweimal zwischen unseren Songs Crowdsurfen lassen, das war spaßig.

GETADDICTED: Habt Ihr noch andere Jobs neben dem Musikerdasein?
Tony: Mein Konto könnte ein richtiges Gehalt gut vertragen, aber wenn man so viel unterwegs ist, ist es schwer, etwas Festes zu finden. Dave gibt Gitarrenunterricht und Rory ist so eine Art Landschaftsgestalter.
Matt: Ich hab seit 1993 keinen richtigen Job mehr gemacht. Das ist ziemlich cool, oder?

GETADDICTED: Könnt Ihr Euch ein normales 9-to-5 Berufsleben vorstellen?
Tony: Vorstellen schon. Es leben? Nein! Ich würde wahrscheinlich Obdachloser werden. Vielleicht könnte ich mir vorstellen, mit anderen Bands zu arbeiten. Aber nicht wirklich!
Matt: Ich könnte mir nix anderes vorstellen. Außer vielleicht die Autos anderer Leute zu restaurieren.

GETADDICTED: Abschließend ein Mixtape für deine Tochter, Tony!
Tony: Nun, sie ist vier, wie gesagt. Da nehm ich dann glaub ich „Twinkle, Twinkle, Little Star“, den „Christmas Song“ von den Chipmunks. Wenn sie 15 wäre, würde ich ihr gute Punkrockbands draufpacken. Eigentlich nur Sachen von Bad Religion: Generator, Skyscraper, Kerosine, I Wanna Conquer The World und Billy!

 

 

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Interview und Fotos: Henning Haake, Vera Schmidt