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MIT ESSEN SPIELT MAN NICHT
Persistence Tour in Essen 2006 in Essen, Funbox Amalie // 2. Dezember 2006
Mit Rücksäcken hat die Persistance Tour mittlerweile genauso viel zu tun wie Angela Merkel mit Erotik, nichts desto trotz schaffen es Eastpak von Jahr zu Jahr wieder, ein großartiges Lineup zu präsentieren, also wollen wir mal Gnade walten lassen.
18 Uhr: Die Schlange vor dem Skatepark direkt neben dem Straßenstrich war noch gut 200 Meter lang, als die ersten beiden Bands Do Or Die und The Distance schon längst gespielt hatten. Mittlerweile wurde das Gewühl vor der Eisentreppe immer hektischer, weil der erste Höhepunkt nahte, Terror. Davon unbeeindruckt zogen die Damen des horizontalen Gewerbes ihre Polyesterstrümpfe hoch, mussten aber feststellen, dass zumindest von den Konzertbesuchern kein Euro zu verdienen war. Stoßweise ließen die Herren Ordner das ungeduldige Publikum zur Kasse treten, was bei den leichten Damen zumindest ansatzweise argwöhnisch beäugt worden sein muss, denn bei diesen Stößen sollte es zumindest vorerst bleiben. In der Funbox angekommen gab es linker Hand erst mal eine Stärkungsstation mit Flaschenbier, was sehr begrüßenswert war. Ein Blick durch das Gitter der Empore auf die Bühne zeigte DESTINY vor vollem Haus. Vor der Bühne, die die gefühlte Höhe der Zugspitze hatte, konnte man einen Ameisenhaufen bei der Futterbeschaffung beobachten. Viel Hektik, aber dennoch alles geordnet und friedlich. Der Sound ließ einigermaßen zu wünschen übrig, dennoch machten die Liedauswahl, Schwerpunkt auf der „The Tracy Chapter“ wirklich Spaß, so dass ich mich ins Erdgeschoss begab, um mich seelisch und moralisch auf die darauf folgenden Bands vorzubereiten. Und das war bitter nötig, wie sich im Endeffekt rausstellte. Unten angekommen fand ich mich in einem surrealen Traumzustand bestehend aus MySpace-Teenies, beklemmender Enge und Frikadellengestank wieder. So was muss erst mal verdaut werden. Vom Schock getrieben und benebelt durch den Fettgeruch zog es mich direkt zum Essensstand, der alles andere als einladend aussah. Familie Koschinski aus Essen-Katernberg boten alle möglichen Hackfleischvarianten feil und der Geruch der Ware war selbst 30 Meter entfernt vor der Bühne noch festzumachen, wahrscheinlich auch, weil sich der penetrante Geruch mit Widerhaken in der Kleidung der Konzertbesucher festsetzte. Also, when in Rome.... Frikadelle gegessen, Sodbrennen bekommen, Bier hinterher und zur Verdauung Terror gucken. Vorher noch kurz in die 25m lange Schlange vorm Klo, um aus gequälten Gesichtern abzulesen, dass der Konsum der Fleischware anscheinend seine Wirkung zeigte. Na Mahlzeit. Egal.
Als Terror die Bühne bestiegen, öffnete sich sofort vor der Halfpipe-Bühne ein Halbkreis für die erste TaeBo-Stunde des Abends. Die Jungs um Scott Vogel lieferten eine Adrenalinattacke, die vielen viel zu schnell vorüberging. Vogel schleuderte immer wieder sein Mikro am Kabel von der gut zweieinhalb Meter hohen Bühne in die Menge, ließ die Leute vorne Gang-Shouts mitbrüllen und zog sich sein Arbeitsgerät dann irgendwann wieder am Kabel wieder zurück. Angepisst vom fehlenden Publikumskontakt versuchte er sich verbal Luft zu machen, was zumindest bei mir für Schmunzeln sorgte. „Climb on somebody´s head, get on top of the crowd, do whatever you want!“. Ist doch mal eine knackige Ansage, die auch gerne wahrgenommen wurde. Nach eine guten halben Stunde war der Tanz dann auch vorbei, die Sturmmaskenträger waren glücklich und vereinzelt mussten erste blutige Nasen verarztet werden.
Umbaupause, schnell hoch auf die Galerie, weil das Fassbier in der unteren Etage eine Zumutung war, genau wie auch die Bedienung oben, aber die hatte zumindest Flaschenbier. Wenn auch nur streckenweise, aber bei gutem Timing und Hamsterkäufen waren erst mal die nächsten Runden gesichert. Lustigerweise fand sich unter den Merchständen u.a. auch ein Veganerstand, der CDs und Tshirts verkaufte. Gekauft wurde da so einiges, nur blöd, dass man Klamotten nicht essen kann, denn außer Schweinefleisch in allen Varianten und Käsebrötchen gab´s nix weiter zu essen. Kein Wunder, dass die meisten Veganer einen Schatten wie ein Strich werfen.
Als nächstes Comeback Kid, für mich zum ersten Mal mit Andrew am Mic. Im Vorfeld konnte ich auf der Empore Gespräche von Pubertierenden mit „RBS Supporter“ auf der Brust belauschen, die CBK als die schwulste Bands ever bezeichneten. Als ich mit „Wenn Six ft. Ditch hetero ist, dann bin ich gerne schwul!“ erwiderte, bekam ich nur verwirrtes Achselzucken. Pott-TuffGuys sind auch nicht mehr das, was sie mal waren... Großartiges Set von Comeback Kid. Andrew Neufeld merkt man immer noch an, dass er die neue Bewegungsfreiheit liebt und genießt: Seit dem Ausstieg von Sänger Scott hat er die Gitarre abgegeben. Linksrechtslinkrechts, Fuß auf die Monitorbox, Vollgas – das waren Comeback Kid. Man merkt schon deutlich, dass Andrew mit Figure Four Gesangsroutine gesammelt hat. Zwischendurch kündigte Andrew an, dass die Band nach der Persistence Tour ins Studio geht, um den Nachfolger zu „Wake The Dead“ einzuspielen. Der Überhit und Titelsong des aktuellen Albums beendete dann auch das Set.
Keine bemerkenswerten Zwischenfälle in der Umbaupause, also gleich weiter zu Walls of Jericho.
Candace machte wieder den Hardcore-Flummi: Auf der Bühne ging die Walls Of Jericho-Shouterin ab wie Freddy von Madball, nur eben in Zeitraffer. Man kann über Candace sagen, was man will, definitiv ist sie eine charismatische Sängerin und passt zur Band wie der Arsch auf den vielbeschriebenen Eimer. Zum Besten gab´s hauptsächlich vom neuen Output „With Devils Amongst Us All“. Candace keifte, windmillte, kickte, dass es ein inneres Frühlingsfest war! Zum Abschluss kletterte sie erst auf eine der seitlichen Boxen, brüllte und sprang schließlich aus immerhin anderthalb Metern Höhe in die Menge, brüllte noch vom Absperrgitter den Gänsehaut-Smashhit „Revivals Never Get Out Of Style“ in die Menge – und damit übertrafen Walls Of Jericho locker alles an diesem Abend Dagewesene.
Eine hohe Messlatte für die folgenden Headliner. Aber diesem Druck sollten Madball locker stand halten! Der Gig von Madball war der erste, den ich mir aus gebührender Distanz angesehen habe. Direkt neben der Cocktailbar, die auch das Schalkebier im Angebot hatten, fanden wir uns ein und genossen einen Auftritt der Business-Class!
Im Vergleich zum Pressure Festival hatten Madball deutlich mehr Uralt-Songs im Gepäck. Los ging´s mit „Get out“, „Smell The Bacon“ und „Friend Or Foe“! Damit war die Ansage klar, alte Schule! Gefolgt von „Demonstrating My Style“, „It’s My Life”, “New York City”, “Down by law” und allen alten Gassenhauern musste ich hart an mir arbeiten, meinen Platz nicht aufzugeben und mich in die Menge zu stürzen. Aber auch von hinten, mit Freunden, Bier und Singalongs war der Auftritt der New Yorker der beste des Abends, SOIA können hier nicht als Vergleich dienen, das wäre Blasphemie. Zum Abschluss kam noch „Pride“, ich hatte Gänsehaut und ne Halblatte, dann war´s auch schon um Madball geschehen.
Das Hopfenglück zeigte Wirkung, unsere/meine Stimmung wurde euphorischer, je näher Sick Of It All rückten, also ab nach vorne. SOIA aus Distanz geht gar nicht, vor allem nach zweijähriger Abstinenz. Leider konnte ich den „Pink Pressure Plüscher“ nicht zum Tanz bewegen, also musste ich alleine in erster Reihe der obligatorischen „Wall of Death“ stehen. Obwohl ich langsam zu alt für diesen Kappes bin, bei SOIA gelten andere Gesetzmäßigkeiten, das Raum-Zeit-Kontinuum setzt kurzfristig aus und ich verwandele mich in ein kleines Kind zurück. Nur ohne Blessuren, die jahrelange Konzerterfahrung bleibt erhalten, Gott sei Dank! Endlich wieder SOIA, endlich wieder „Step down“, „Scratch The Surface“, „Busted“ und alles, was mich durch meine Jugend begleitet hat! Praktischerweise war ja Freddy Madball anwesend, so dass der Kracher „Forked Tounge“ vom neuen Album in Originalbesetzung gesungen werden konnte. Das Publikum war mittlerweile fix und fertig, der Schweinepogo vor der Bühne überschaubar, an den Seiten genug Platz, um den Gig durch zu 2stepen. Selbst wenn ich auch leicht angeschlagen war zur Hälfte, den Ansagen von Frontmann Lou kann keiner widerstehen und so werden die letzten Energiereserven aktiviert. SOIA sind die beste Band der Welt! Ich fand es ohnehin schon immer anmaßend dass „Die Ärzte“ diesen Titel für sich beanspruchen, Unfug!
Die Persistance Tour hat sich gelohnt, mehr als ich im Vorfeld zu hoffen vermocht habe. Gut, zu viele Menschen, zu viel Fashion, es geht nichts über familiäre Clubshows, aber bei dem Lineup kann man ohne weiteres über einiges hinweg sehen. Beste Großveranstaltung dieses Jahr!
Auch wenn ich mich erst wieder ganz langsam an Schweinefleisch gewöhnen musste. Mit Essener Essen ist eben nicht zu scherzen!
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