VERSEHENTLICH GESCHECKTE KAVALIERE

 

Squeezy Listening mit PIEBALD

 

Riot Pop oder Squeezy Listening – zwei Stilformen, für die sich Travis Shettel spontan aus einer großen Auswahl von Möglichkeiten entscheiden würde. Oder eben Klimarock, wie die Band auf ihrer Website verkündet. Eine schicke Flashanimation erklärt da auch, wie der Bandbus – ganz ökologisch - mit dem flüssigen Gold aus der Pommesbude fährt. Das ist interessant, wirft aber die Frage auf, ob Piebald damit nicht vor allem hungrige Passanten hinterlassen. Sänger und Chefklimarocker Travis ist sich da nicht sicher, gibt aber zu, selbst als Mitfahrer manchmal ein unerklärliches Hungergefühl zu verspüren.

Von zukunftsträchtige Technologien wie der „Rocker 400 Laboratory Vakuumpumpe“ von New Star Environmental hat er noch nie etwas gehört, verspricht aber, sich damit auseinanderzusetzen. Bis dahin geht es um Musik, erst dann ums prima Klima oder die Rettung der Wale.

Piebald sind anders! Angefangen bei der prägnanten Stimme von Travis, die man entweder liebt oder hasst, über die analoge und ehrliche Aufnahmetechnik, die für den besonders scheckigen Sound sorgt, bis hin zum feinsinnigen Humor der Texte. Die legen gerne mal - präzise beobachtend - die Schwimmflosse in die Schaumkrone des Ölteppichs.

Mit „Accidential Gentlemen“ steht nun das fünfte Album im Regal und bittet um Aufmerksamkeit, die es auch verdient. Trotz oder gerade wegen der Rückbesinnung zum vorletzten Album „We Are The Only Friends We Have“, machen Piebald wieder viel Spaß. Ob den Menschen, die Piebald kennen und mögen. Ob nun allen passionierten Bikern die mit ‚Roll on’ endlich eine gar queeneske Hymne zum Mitgrölen bekommen („Hey, yeah, it's sunny outside! So let's go ride our bikes. Wind through the hair even wakes up the mind, so let's go ride our bikes.“). Ob Klimarockern und versehentlichen Kavalieren oder Menschen, die Bands wie die Get Up Kids oder Socratic gerade wegen ihrer Pianoparts mögen.

Diesbezüglich offenbart Travis eine heimliche Liebe. Denn wenn irgendein Promi diesen Part übernehmen sollte, dann Sir Elton John. Denn wer braucht schon Frickeleien wie die von Keith Jarrett oder das Klaviergeficke von Tori Amos!

Bezüglich der neuen Platte hat Travis einem Kollegen große, humane Gefühle anvertraut: „Wut, Frustration, Hässlichkeit und Nichtigkeit.“ Wirklich menschlich nimmt er dann den Fauxpas „devine“ (göttlich) und „define“ (definieren) als Steilvorlage auf: „Natürlich ist unser Humor göttlich!“ Und übermenschliches darf, kann und muss man nicht erklären. Auf einen bestimmten Witz oder eine bestimmte Form legt er es nicht an, der Humor kommt und geht einfach in verschiedenster Gestalt.
Und damit stürzen sich Piebald auch mal ins Bälleparadies der Möglichkeiten. Bei der der Eröffnung eines neuen Ponyhofs um die Ecke startet die Band natürlich mit einer Coverversion. America mit ‚A Horse With No Name’? ‚Iron Horse’ von Motörhead? Oder vielleicht Bob Dylans ‚New Pony’? „Ganz klar ‚Iron Horse’, schließlich passt der Song inhaltlich einfach überhaupt nicht“, mein Travis.

Vom Ponyhof geht es direkt weiter zum eigenen Wunschfestival – und wer wäre dabei? „Me Without You, Clouds, Serenna Maneesh, Stephen Malkmus, The Kinks, The Stooges, Tree People, Spiritualized, The Duke Spirit und Tribe Called Quest, allerdings wären wir wahrscheinlich nicht die Headliner“, antwortet Travis, bleibt dann aber bei der Frage nach der Traumlocation für ein Konzert weniger bodenständig. „In der Royal Albert Hall in London mit kompletten Orchestra oder im Central Park in New York mit Gospelchor und auf einem Schiff mit Brassband“, drei erstrebenswerte Ziele.

Zum Abschied bleibt dann nur der obligatorische Musikerwitz, hier zum Auswendiglernen und Weitererzählen: „Wie viele Rockstars braucht man, um eine Glühbirne auszutauschen? Fünf, einer wechselt die Birne, vier stylen sich die Haare. Die Alternative: 100, einer wechselt die Birne und 99 erzählen Blödsinn.“ Der wurde ja auch nicht ausgelassen, aber schließlich sind Piebald ja humorige Klimarocker.

 

Text: Ingo Karkhof