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DIY UND SÜDOSTASIEN
Interview mit Rentokill in Bochum 2008
GETADDICTED: Ihr spielt heute zusammen mit Propagandhi – ich
hab in einem Interview gelesen, dass du es sehr interssant fändest,
die mal kennen zu lernen. Hast du jetzt schon mit ihnen gesprochen und
wie war dein erster Eindruck?
Jack: Wir waren schon vor ein paar Tagen auf dem Konzert in Belgien,
was sehr gut war, und haben etwas miteinander gesprochen, vor allem
mit Todd. Der erste Eindruck war nett.
GETADDICTED: War das denn eine Art Jugendtraum von dir, mal mit Propagandhi
zu spielen?
Jack: Nein, Interesse würde ich das eher nennen. Wenn es ein Jugendtraum
wär, würde ich jetzt darauf warten, dass die sich unsere Show
angucken. Ich find´s heute für uns eher eine gute Chance,
vor vielen Leuten zu spielen, die Propagandhi sehen wollen.
GETADDICTED: Ist das heute also das Highlight eurer Tour? Oder freut
ihr euch auf eins der folgenden Konzerte, u.a. mit Anti-Flag und A Wilhelm
Scream, noch mehr?
Jack: Schwer zu sagen. Es gab bis jetzt schon Highlights auf der Tour
bis jetzt. Klar, als wir vor vier Wochen losgefahren sind, waren wir
schon gespannt auf diese oder jene Show.
GETADDICTED: Ihr vertretet ja die DIY-Ethik, jetzt spielt ihr mit Anti-Flag,
die stark kritisiert wurden, weil sie zu einem Major gewechselt sind.
Siehst du da einen Widerspruch?
Jack: Das ist eine ähnliche Frage wie: Wie kann man als politische
Punkband mit einem benzinfressenden Bus auf Tour gehen? Oder Merchandise
verkaufen? Ich glaub, der Widerspruch liegt im Auge des Betrachters.
Es gibt in unseren Lyrics sicherlich einige Statements zu Majorlabels,
aber ich beziehe das mehr auf das Publikum als auf die Bands. Und ich
glaube speziell Anti-Flag haben sehr viel Energie da reingesteckt, sich
trotzdem noch im Spiegel anschauen zu können und Sellout-Gerüchten
entgegen zu wirken. Ich möchte nicht vor der Entscheidung stehen
müssen, zum Major wechseln zu können...
GETADDICTED: Was hat es eigentlich mit diesem Wiener Neustadtpunk-Network,
dem ihr angehört, auf sich?
Jack: Die ursprüngliche Idee stammt witzigerweise aus einer Schülerzeitung.
Dann haben zwei Kollegen aus der Wiener Neustadt gesagt: Hey, hier gibt
es einige junge Bands, da kann man sich gegenseitig unterstützen
und unter die Arme greifen. So entstand ein Internetportal zur Promotion
und ein Forum zum Austausch zwischen den Bands. Mittlerweile ist es
durch die Proberaumsituation in unserer Gegend auch so, dass fast alle
Bands in ein und demselben Gebäude proben. Unser Grundgedanke ist
einfach der, dass wir Bands, die sich auch selber engagieren, weiterhelfen,
wenn sie nicht mehr weiter wissen.
GETADDICTED: Wieso kommen denn so viele Bands aus so einem kleinen Vorort
von Wien mit grade mal 40.000 Einwohnern?
Jack: Offensichtlich hat sich dieses Neustadt-Network zu einem gewissen
Teil zum Selbstläufer entwickelt. Wobei man dazu sagen muss, dass
so vor 8-10 Jahren die Musikszene in Graz die herausragende in Österreich
war. Bands wie Redlightsflash und Antimaniacs schafften es aus der Stadt
heraus auf Touren durch Europa. Und das hat uns gezeigt, dass man durch
zu Hause sitzen und jammern nichts schafft, da haben sich einige bei
uns gedacht: Wenn die das durch eigenen Einsatz schaffen, können
wir das auch. So gibt es dann auch zwischen Bands aus verschiedenen
Musikrichtungen, wie sie Neustadt-Network vertreten sind, freundschaftliche
Beziehungen und Unterstützung.
GETADDICTED: Eigentlich wolltet ihr Anfang des Jahres ja was releasen,
was ist denn daraus geworden?
Jack: Es war eine Split-EP mit einer Band namens Desaster Strikes aus
den USA geplant. Die Band ist dann aber irgendwie in der Versenkung
verschwunden. Die Idee ist somit leider gestorben, was sehr schade ist,
da wir die Split bei Alternative Tentacles hätten rausbringen können,
was ich sehr sehr Klasse gefunden hätte. Aber das Material haben
wir in Österreich aufgenommen, und jetzt sehen wir, wann wir genügend
Material für ein neues Album haben oder ob wir das schon vorher
als EP, evtl. als Split zusammen mit Chief aus Liverpool, rausbringen.
Damit beschäftigen wir uns jetzt über den Winter.
GETADDICTED: Man kann eure Texte ja mit dem Begriff „antikapitalistisch“
grob umreißen. In der deutschen linken Szene wird in dem Zusammenhang
immer wieder diskutiert, dass bei einigen nicht nur eine antikapitalistische,
sondern eine generell antiamerikanische Stimmung entsteht. Wie siehst
du das Problem und fördert der Flyer für dieses Konzert (Propagandhi-Motiv
mit umgedrehter USA-Flagge und „Fuck right off“ darunter)
so etwas?
Jack: Also ich kenne das Problem, wir haben neulich zusammen mit Against
Me im einzigen besetzten Haus Österreichs gespielt und da kamen
von einigen dort ansässigen Linken auch so Aussagen wie: Scheiß
Ami-Band, warum spielen die überhaupt hier, wir wollen die hier
nicht haben. Ich mein, das ist schon hart, oder? Für mich hat Antikapitaismus
mit Antiamerikanismus relativ wenig zu tun. Das ist genauso wie zu sagen:
Alle Deutschen und Österreicher sind noch immer Nazis. Und das
mit der umgedrehten Flagge... Es gibt natürlich immer Leute, die
ganz Amerika – alleine schon das Wort „Amerika“ ist
missverständlich - , Kapitalismus und Imperialismus in einen Topf
werfen. Es ist halt insgesamt schwierig und widersprüchlich, wir
zum Beispiel verkaufen T-Shirts, die aus „Fair Trade“-Anfertigung
stammen, haben aber gleichzeitig auch Gibson- und Epiphone-Gitarren,
die billig in Südostasien hergestellt wurden. Und wir fahren mit
unserem Bus, Propagandhi fliegen mit dem Flugzeug nach Europa...
GETADDICTED: Wie war das eigentlich bei euch während der Fussball-EM?
Bei uns schwärmt der Großteil der Bevölkerung ja seit
der WM vom tollen und friedlichen „Partyotismus“, trotzdem
gab es vor allem im Rahmen des Halbfinalspiels Deutschland-Türkei
nationalistische Ausfälle und Gewalt gegen Ausländer. Gab
es da in Österreich Ähnliches?
Jack: Ja, Katastrophe, furchtbar. „Scheiß Kroate, stirb“
und Artverwandtes. Der einzig kuriose Aspekt, der mir aufgefallen ist,
waren diese ganzen Autoflaggen, die ich vorher noch nie gesehen hatte.
Da keimte bei mir echt Antinationalsmus auf, und glücklicherweise
waren die nach der Niederlage gegen Deutschland in der Vorrunde alle
schnell wieder verschwunden. Ich hab jetzt auch jemanden in Berlin getroffen,
der beruflich während der EM in Österreich war und sehr sehr
unangenehme Erfahrungen mit Österreichern gemacht hat, die ihm
als Deutschen gegenüber feindlich eingestellt waren. Ich hab den
Eindruck, dass „die Österreicher“ da in einen Nationalismus
reinkippen können, der weniger mit „Party“ zu tun hat
als mit Zugehörigkeitsgefühl. Bei den Türken und Kroaten,
die ich während der EM erlebt habe, war da mehr „Party“
dabei, das war erträglicher.
GETADDICTED: Mit einem „L“ weniger als euer Bandname schreibt
sich ja eine deutsche Schädlingsbekämpfungsfirma – was
würdet ihr denn, im übertragenden Sinne, in dieser Welt bekämpfen
wollen?
Jack: Wir als Wohlstandskinder aus der „westlichen“ und
„zivilisierten“ Welt müssen wohl erst mal einiges in
und an uns selber bekämpfen. Sei es der besprochene Nationalismus,
Antiamerikanismus oder Irgendwas-ismus. Antrainierte Sexismen und Chauvinismen...
Wir sind halt Teil einer Gesellschaft, von der wir manchmal wünschen,
nicht Teil sein zu müssen. Dann stellt sich aber wieder die berechtigte
Frage nach Alternativen. Das ist so der Prozess, in dem wir uns derzeit
befinden, und der scheint mir in den letzten Jahren durchaus konstruktiv
und fortschreitend zu sein.
- Interview mit Rentokill 2008
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