SCHEISS AUF SZENE, FERNSEHEN UND DAVID HASSELHOFF

 

Interview mit Streetlight Manifesto in Essen // 28.01.2008

 

Für die Verbesserung der transatlantischen Beziehungen brach ein sehr aufgeschlossener und freundlicher Tomas Kalnoky für uns sogar seine Interviewprinzipien..

 

GETADDICTED: Zum Anfang erst mal: Wie läuft die Tour?
Tomas: Läuft alles bestens.
GETADDICTED: Und wie gefällt´s dir in Deutschland?
Tomas: Wunderbar!
GETADDICTED: Ich weiß, das ist immer ein langweiliger Einstieg in ein Interview, aber dieses mal hat es einen Hintergrund.
Tomas: Aha. Welchen?
GETADDICTED: Wir haben hier ein Zitat von dir...
Tomas: Oh...
GETADDICTED: Ja, von einem anderen Interview. Da wurdest du gefragt, warum so viele Skapunk-Bands aus New Jersey kommen. Du hast sinngemäß geantwortet: „Hasselhoff hat Deutschland, wir haben New Jersey. Manche geographischen Gebiete scheinen mit manchen Musikrichtungen verbunden zu sein.“
Tomas: Ja. Und? (lacht) Man, das muss Jahre her sein, ich kann mich echt nicht dran erinnern, das gesagt zu haben.
GETADDICTED: Du hast aber mittlerweile schon gemerkt, dass die Deutschen nicht nur auf David Hasselhoff stehen.
Tomas: Ja klar, das war nur Spaß. Aber es ist Fakt, dass Deutschland das einzige Land ist, dass Hasselhoff toleriert.
GETADDICTED: Aber er ist bei euch doch schon einigermaßen bekannt, oder?
Tomas: Ja, klar, aber dass er auch singt, weiß bei uns kaum einer. Die Leute mögen ihn schon, aber mehr aus Mitleid.

GETADDICTED: Dann mal zu „richtigen“ Themen. Ihr habt eine Menge Wechsel in eurem Line-Up gehabt seit der Gründung. Kommt da überhaupt so was wie ein richtiges Bandfeeling auf?
Tomas: Das werden wir tatsächlich häufiger gefragt. Wir haben sieben Leute in der Band, vier davon sind von Anfang an dabei und besetzen feste Instrumentenpositionen: Schlagzeug, Saxophon, Posaune und ich an der Gitarre, das bleibt immer gleich. Viele Bands bestehen ja nur aus vier Leuten, und wir bilden den festen Kern der Band, nur der Rest wechselt häufiger.
Also gibt es auf jeden Fall ein Bandfeeling. Und es ist auch wirklich schwierig, sieben Leute zu finden, die ihr Leben wirklich der Band verschreiben.
GETADDICTED: Du hast ja auch noch eine andere Band, Bandits of the acoustic revolution. Ich war mal auf der Website vor dem Interview, da hab ich so eine Art „American Idol“-Aufruf gesehen...
Tomas: Was? Ach so, ja, ich glaub ich weiß, was du meinst.
GETADDICTED: Also ihr sucht Leute, damit ihr an der Westküste touren könnt?
Tomas: Nee, wir wollen da mit Leuten etwas aufnehmen. Quasi ein zweites BOTAR aufziehen und hinterher beide vermischen. Die Idee hinter BOTAR war auch weniger eine Band zu gründen, als mehr mit Freunden ein paar Songs aufzunehmen. Für die erste EP waren wir mit 18 Leuten im Studio, und die haben alle ein normales Leben mit Familie und Verpflichtungen. Wenn wir jetzt noch mehr Leute einspannen kriegen wir vielleicht mal 12 zusammen, mit denen man auch eine Tour machen kann.
GETADDICTED: Dieser Aufruf, sich bei euch zu bewerben, ist vom Herbst letzten Jahres – hat sich da schon was bewegt?
Tomas: Das werdet ihr ja sehen...
GETADDICTED: Oh, OK, hört sich ja schon gut an.
Tomas: Ja, das ist alles eingeleitet, aber BOTAR leidet halt darunter, dass wir so viel mit Streetlight unterwegs sind.
GETADDICTED: Soll diese Musiker-„Rekrutierung“ denn noch weiter ausgeweitet werden, so dass irgendwann Leute aus den ganzen USA dabei sind?
Tomas: Sogar aus der ganzen Welt! Die Welt wird ja immer kleiner... Ich hab z.B. auf dieser Tour einen sehr guten Akkordeonspieler in Frankreich kennen gelernt, den wollte ich irgendwann noch mal besuchen, was mit ihm aufnehmen und das dann zu Hause abmischen.
GETADDICTED: Ihr verweist in dem Aufruf auch explizit darauf, dass die Bewerber ihre Instrumente gut beherrschen sollen – das hört man der ersten EP ja auch schon an. Kriegt ihr eigentlich für BOTAR mehr Respekt von Leuten außerhalb der Skapunk-Szene, in der ihr euch mit Streetlight bewegt?
Tomas: Also generell interessieren uns bei beiden Bands Szenen überhaupt nicht. Wir wollten von Anfang an immer nur die beste Musik machen, die wir können. Und dabei benutzen wir die Einflüsse unserer Jugend. Aber unsere Bläsersektion zum Beispiel ist sehr Jazz-interessiert und lässt das auch einfliessen. Die kriegen dann von anderen Leuten Lob für ihre Melodieführung – den Punk-Kids fällt aber gar nicht auf, dass das jetzt schwierig zu spielen war. Das Beste ist aber eigentlich, dass auf unseren Konzerten auch Jazzliebhaber und Metalkids auftauchen und nicht nur Ska-Fans.

GETADDICTED: Im Moment ist ja eher Metalcore und Emo angesagt, würdest du trotzdem sagen, dass Ska immer noch „am Leben“ ist?
Tomas: Das ist mir egal. Wie ich schon gesagt habe, wir fühlen uns keinem Genre irgendwie verpflichtet. Wir fühlen uns auch nicht mit anderen Bands verbunden, nur weil sie die gleiche Musik machen. Und wir rennen ja wie du siehst auch nicht mit Schachbrettmustern rum. Wir sind einfach nur Musiker, wollen kein Klischee erfüllen, und eigentlich ist es auch besser, wenn solche Klischees sterben, denn sonst wird alles nur eine billige Formel für einen Musikstil.
GETADDICTED: Jetzt wollte ich eigentlich was zu Reel Big Fish fragen, jetzt überlegen wir aber grade, mit welcher Band ihr gespielt habt, als wir euch das letzte Mal gesehen haben, das war in Köln...
Tomas: Im Underground? Ich glaub, auf der Tour haben wir immer mit lokalen Bands zusammen gespielt. Wir können es uns nämlich nicht leisten, andere Bands zu bezahlen, um mit uns auf Tour zu gehen. Wir müssen auf dieser Tour auch manchmal auf dem Konzerthallenboden schlafen, zweimal sogar in unserem Van...
GETADDICTED: Fahrt ihr nicht mit RBF zusammen?
Tomas: Nein, wir haben unseren eigenen Van.
GETADDICTED: Und die einen Nightliner?
Tomas: Ja. Trotzdem lohnt sich das, bei dieser Tour sehen uns viel mehr Leute als die letzten Male, also wird unsere nächste Headlinertour in Europa eventuell auch etwas größer, wenn wir jetzt neue Fans gewinnen können. Dann können wir hoffentlich auch jede Nacht in einem richtigen Bett schlafen.

GETADDICTED: Apropos neue Fans gewinnen: Es gibt ja jetzt auch ein erstes Musikvideo von euch – zeigt das eigentlich irgendein Fernsehsender in den Staaten oder existiert das nur im Netz?
Tomas: Weiß ich gar nicht, ich hab nämlich gar keinen Fernseher (lacht). Aber ich nehme schon an, dass unser Label das an die verschiedenen Sender verschickt hat. Aber: Ist TV nicht eh tot, es ist doch alles nur noch Youtube heute!
GETADDICTED: Kommen wir mal zu euren Tourpartern von Reel Big Fish. Im Prinzip machen die genauso wie ihr eine Mischung aus Punk und Ska, aber trotzdem hören sich beide Bands vollkommen unterschiedlich an. Wie würdest du den Unterschied aus deiner Sicht beschreiben und erklären?
Tomas: Auf der einfachsten Ebene würde ich sagen, dass wir schneller und dunkler sind. Mehr Mollakkorde. RBF sind mehr eine traditionelle Rockband mit Ska gemixt, und wir sind... na ja, kann ich nich so genau sagen, was wir sind. Aber unsere Texte sind auch düsterer.
GETADDICTED: RBF hören sich auf jeden Fall fröhlicher an, aber deren Texte sind an manchen Stellen ziemlich zynisch. Also nicht unbedingt positiver als ihr...
Tomas: Ich würde es eher so beschreiben: Unsere Texte sind persönlicher und eher introvertiert. RBF sind nicht nur zynisch, sondern auch lustig. Das äußert sich auch auf der Bühne, die machen längere Ansagen, während wir nicht so viel reden. Ich persönlich finde auch, dass ich als Musiker auf der Bühne nicht unbedingt den großen Entertainer auf der Bühne geben muss. Wir stehen auf der Bühne und spielen, ich denke, deswegen sind die Leute auch vorrangig da.
GETADDICTED: Aber mal abgesehen von den Unterschieden kommt ihr doch gut mit RBF aus, oder?
Tomas: Ja klar, das ist jetzt ja auch schon die vierte oder fünfte Tour zusammen.
GETADDICTED: Was uns aufgefallen ist: Ihr spielt in letzter Zeit häufiger mal Benefiz-Konzerte. Wurdet ihr da durch die Überfälle im Jahr 2005, bei denen euch so viel gestohlen wurde?
Tomas: Ja und Nein. Ich wollte schon immer etwas Charity-mäßiges mit Streetlight machen. Die ganze Hilfe, die wir dann nach den Überfallen erhalten haben, hat die Umsetzung unserer Benefizpläne dann beschleunigt. Wir haben uns dann entschieden, etwas für Kinder zu machen, weil es im Moment schon viele politische Aktionen gibt und das auch immer polarisierend wirken kann. Wenn man jedoch jemandem hilft, der krank ist, kann da wohl niemand etwas Falsches drin sehen.
GETADDICTED: Das hört sich ein bisschen so an, als hättet ihr Angst, euch beim Publikum unbeliebt zu machen, wenn ihr politisch Stellung bezieht?
Tomas: Nein, überhaupt nicht. Ich hab schon meine politische Sichtweise, aber die diskutiere ich nicht mit Fans oder in Interviews. Wir sehen uns einfach als Musiker und nicht als Rockstars – bei denen ist es meiner Meinung nach so, dass sie teilweise mit ihren Aussagen zu unvorsichtig umgehen. Viele Fans übernehmen das dann ungefiltert, und ich persönlich möchte niemandem meine Ansichten aufdrücken.
GETADDICTED: Tja, schade, uns ist gerade vor dem Interview noch was Politisches eingefallen, aber das lassen wir dann weg.
Tomas: Nein, stell die Frage ruhig.
GETADDICTED: Wir haben uns grade noch über dieses Phänomen unterhalten, dass amerikanische Bands – auch wenn sie gegen Krieg eingestellt sind – auf ihren Myspace-Seiten häufiger irgendwas von „Support our troops“ stehen haben...
Tomas: Ja, da geht´s darum, trotzdem Anteilnahme am Schicksal der Soldaten zu zeigen.
GETADDICTED: Aber bei euch meldet man sich doch freiwillig zur Army, oder? Dann bestimmt ja jeder sein Schicksal selbst.
Tomas: Aber du weißt ja, wenn du zur Armee gehst, auch nicht vorher, welcher Präsident als nächstes gewählt wird und dass der dich dann in den Krieg schickt.
GETADDICTED: Trotzdem ist das doch eher ein amerikanisches Phänomen. Bei euch sind selbst die meisten Linken gleichzeitig auch Patrioten, bei uns eher nicht...
Tomas: Oder: Nicht mehr. Wegen eurer Vergangenheit. Es ist immer lustig, mit Deutschen über Politik zu reden. Bitte fühlt euch jetzt nicht angegriffen – oder vielleicht doch? (lacht) Aber es kommt mir immer so vor, als würdet ihr wegen eurer Geschichte immer nach dem nächsten großen bösen Volk auf der Welt suchen. Dabei werden vor allem Amerikaner immer schnell verurteilt. Genauso wie es stimmt, dass viele Amerikaner fast gar nichts über Europa wissen, tun einige Europäer so, als wüssten sie alles über die USA und vorverurteilen diese. Ich sehe mir das von einem neutralen Standpunkt an, ich wurde in der tschechischen Republik geboren und bin in Griechenland und Amerika aufgewachsen. Ich mag beide Seiten sehr gerne, aber beide haben halt auch ihre Fehler und Vorurteile.
GETADDICTED: So wie David Hasselhoff... (Tomas lacht) ...und wenn man nur die Comedyserien in Betracht zieht könnte man denken, dass alle Amerikaner uns für Oktoberfest-Bayern halten. Dabei ist Bayern wohl der unrepräsentativste Teil Deutschlands.
Tomas: Und so ist es bei uns mit George Bush: Der intellektuelle, kulturell repräsentative Teil der Bevölkerung aus den Großstädten hat ihn nicht gewählt. Und jetzt bitten wir euch, an Bush vorbeizusehen und das wahre Gesicht des amerikanischen Volkes zu entdecken.

 

 

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