"DIE RAFFEN'S NICHT!"

 

Interview mit Titan in Peckeloh

 

Alle Jahre wieder lotst React With Protest-Hirte Lars seine Label-Schäfchen in die ostwestfälische Provinz und stellt mit Freunden und Familie das Cry Me A River-Festival auf die Beine. Zum Programm 2008 zählen die kanadischen Hardcore-Götter von Titan. Wir schnappen uns Sänger James, der auf der idyllischen Wiese im Garten des Wöstenkrugs in Peckeloh eine Reihe interessanter Anekdoten zu erzählen hat. Von persönlichen Dämonen, Weltherrschaftsansprüchen, dem Pakt mit dem Teufel und Einreiseverbote in die USA.

Click here for an english version of the interview.

 

GETADDICTED: Was erwartest du vom heutigen Auftritt?
James: Ich erwarte, dass es sehr schwitzig wird und dass ich mich blamiere. Feuer wird es nicht geben - es war erst geplant, aber es wird keins geben. Natürlich hoffe ich, dass alle Spaß haben werden. Wir spielen genau zwischen Trainwreck und Zann. Ich befürchte ein wenig, dass die Leute bei Trainwreck völlig ausrasten und das auch bei Zann tun wollen und sich deshalb sagen: „Ich brauch ´ne Pause! Ich ruhe mich aus, während diese Titan-Typen auftreten…“.
(James` Befürchtung sollte sich nicht bestätigen, wie die folgenden Live-Fotos zeigen…)

GETADDICTED: Welche Eindrücke hast du auf eurer ersten Europatour gewonnen?
James: Die Struktur in Europa hat uns wirklich begeistert. In Nordamerika leben die Städte für sich, und die Leute haben nicht viel miteinander zu tun. Aber hier auf dem Cry Me A River-Fest kenne ich alle, weil sie schon vorher auf Shows von uns gewesen sind. So was passiert in Nordamerika nicht. Wir haben dort auch keine selbstverwalteten Jugendzentren. Das hat uns umgehauen! Man hat uns zwar gesagt, dass viele unserer Shows in solchen Einrichtungen stattfinden würden, aber wir wussten nicht genau, was das bedeutet. Es ist eine großartige Sache, die weit über das hinaus geht, was wir aus Nordamerika kennen. Beinahe jedes Mal, wenn wir in einem selbstverwalteten Zentrum spielten, sagte ich den Leuten, dass sie zu schätzen wissen sollten, was sie daran haben. Bei uns gibt es so etwas nicht. Zum Teil liegt es an den Grundstücksgesetzen, aber ich bin mir auch nicht sicher, wie gut es mit der nordamerikanischen Mentalität überhaupt funktionieren würde. Außerdem ist das selbstgekochte Essen wirklich, wirklich gut und vielseitig. In Nordamerika wirst du vom Veranstalter meistens auf eigene Kosten in ein teures Restaurant geschickt …
GETADDICTED: Woher rühren deiner Meinung nach diese Unterschiede?
James: Die Clubs hier sind um vieles besser, zum Beispiel aufgrund ihrer Selbstverwaltung. Die Infrastruktur in Europa ist fähig, sich selbst zu erhalten. Und die Punk-Attitüde ist wirklich gut.
GETADDICTED: Eine Frage der Mentalität?
James: Vermutlich. Nordamerika ist wirklich ein guter Ort, und ich bin froh dort zu leben und dorther zu stammen. Aber es gibt wirklich große Unterschiede - mehr als erwartet.

GETADDICTED: Was verbirgt sich genau hinter den von dir angesprochenen Unterschieden zwischen deiner Heimat und Europa?
James: Ich kann mich an Kanada nicht mehr erinnern und will nicht mehr zurück. Ich hab hier in Europa alles, was ich brauche. Ich bin völlig in euren Kontinent vernarrt. Gibt es gerade irgendetwas in Kanada, das ich vermisse…? Wasser ohne Kohlensäure fehlt mir sehr! Denn hier ist überall Kohlensäure im Wasser und das treibt jeden Nordamerikaner in den Wahnsinn. Nächstes Mal muss ich unbedingt Wasser ohne Kohlensäure bekommen. Kanada ist eigentlich ein schönes Land, glaubt mir! Ich kann nur gerade nicht sagen, warum. Ich kann’s nicht auf den Punkt bringen. Ich liebe Europa!

GETADDICTED: Was hat abseits der Bühne den stärksten Eindruck hinterlassen?
James: Alles! Ich bin in meinem Leben nicht viel gereist, da ich nicht aus einer reichen Familie stamme. Jedes Mal, wenn ich mit der Band unterwegs bin, ist es eine neue und unvergleichliche Erfahrung, So etwas wie die autonomen Zentren und das Cry Me A River Festival habe ich vorher noch nie erlebt! Der Eiffelturm hat mich nicht so sehr berührt, wie die Konzerte, die wir gegeben haben und die Leute, denen wir begegnet sind.

GETADDICTED: Welches Bandmitglied hat denn in den letzten Wochen auf Tour die höchsten Telefonkosten angehäuft?
James: Auf jeden Fall Chris. Er schickt seiner Freundin dauernd Textnachrichten. Es ist unglaublich - wenn er nach Hause kommt, ist er geliefert. Ich habe mein Handy am Flughafen seiner Freundin gegeben, da ich es ohnehin nicht benutzt hätte, das könnte ich mir gar nicht leisten. Ich bin völlig von zu Hause abgeschnitten.

GETADDICTED: Kommen wir zu eurem ersten Album „The Chrysanthemum Pledge“.
Von wem ist das Konzept?
James: Das stammt von mir. Es basiert auf einer japanischen Spukgeschichte von Ueda Akinari, die mir zum ersten Mal in einem Buch von Haruki Murakami begegnet ist. Sie deckt sich mit meiner damaligen Lebenssituation, als ich erst von Toronto weg- und dann wieder zurückzog und wie sich meine Beziehung zu einem bestimmten Freund von mir veränderte.
Das Album ist quasi einem Freund von mir gewidmet – und er weiß nichts davon!
GETADDICTED: Also eine persönliche Sache?
James: Sehr persönlich!
GETADDICTED: Willst du uns den Namen des Freundes verraten?
James: Er heißt Kiam Fazel.

GETADDICTED: Die Platte ist hierzulande bei React With Protest veröffentlicht worden. Wie kam der Kontakt zu Lars zustande?
James: Chris, unser Gitarrist, spielte bei I Spoke, die auf dem Emo Apocalypse-Sampler waren. Als Titan entstand, haben wir Lars ein Demo geschickt, um es zu re-recorden. Aber Lars mochte es so, wie es war und sagte, er würde es auch genau so rausbringen.

GETADDICTED: Könntet ihr euch vorstellen, irgendwann bei einem Majorlabel zu signen?
James: Niemals. Es gibt größere Labels, die trotzdem unabhängig sind – die sind in Ordnung. Aber man muss bescheuert sein, um einen Vertrag mit einem Majorlabel zu schließen. Es ist wie ein Pakt mit dem Teufel, da kommst du nicht mehr raus.

GETADDICTED: Ihr habt zuletzt je eine Split mit June Paik und In First Person veröffentlicht. Bitte beschreibe euer Verhältnis zu den beiden Bands.
James: June Paik mögen wir sehr. Sie klingen wirklich düster und wuchtig. Wir hatten beide Musik zu veröffentlichen, also haben wir uns zusammen getan. Heute haben wir uns hier übrigens zum ersten Mal getroffen. Da wir vorher nie zusammen gespielt haben, waren wir alle sehr aufgeregt. Mit In First Person sind wir eng befreundet. Wir dürfen allerdings nicht mehr in die Vereinigten Staaten, beziehungsweise über die Grenze reisen. Vorher sind wir häufig zusammen aufgetreten. Wir hatten uns immer über die Grenze geschlichen.
GETADDICTED: Ihr dürft nicht mehr dorthin?
James: Nein. Wir sind an der Grenze aktenkundig geworden. Sie wollen nicht, dass man sich rüber schleicht und Konzerte gibt. Die Behörden nennen das „Geld von hart arbeitenden amerikanischen Musikern stehlen“. Das ist einfach lächerlich! Wie gesagt, früher sind wir ständig zusammen aufgetreten. In First Person sind die nettesten Leute der Welt und wir alle stehen total auf Comics. Sie sind einfach die Größten und jetzt, wo wir nicht mehr in die USA können, fehlen sie mir sehr!
GETADDICTED: Können In First Person denn nicht nach Kanada kommen?
James: Mittlerweile schon. Sie hatten einen englischen Bassisten, der auch bei Pyramids spielt. Er hatte keine Green Card und konnte deshalb nicht über die Grenze. Nun ist er aber nicht mehr in der Band und deshalb könnten sie nach Kanada einreisen. Trotzdem ist es echt schwierig an der Grenze. Darum liebe ich Europa so sehr. Gestern war ich noch in Dänemark und ich musste an der Grenze noch nicht mal mit jemandem reden. Wenn du über die Grenze in die Vereinigten Staaten willst, ist das echt verrückt. Sie durchsuchen dich von Kopf bis Fuß.
GETADDICTED: Aber ihr seid schon in den USA aufgetreten?
James: Ja, wir haben uns ein paar Mal rüber geschlichen. Es ist machbar, aber schwierig. Beim letzten Mal sind wir erwischt und verhaftet worden. Und dann nie zurückgekehrt. Die Regierung sieht das als Arbeiten an, denn du gehst ja hin und verdienst Geld. Beim letzten Mal haben wir in New York eine einzige Show mit Comadre, Graf Orlock und Off Minor gespielt. Es war Chris’ Geburtstag und es ging definitiv nicht darum, Geld zu verdienen. Wir haben mehr Geld für Sprit ausgegeben, als der Auftritt eingebracht hat. Trotzdem wird so etwas als Arbeit gewertet, als „Geld aus Amerika nach Kanada bringen“.
GETADDICTED: Es gibt da also Leute, die nach Typen wie euch suchen?!
James: Ja, die suchen nach uns. Weil sie den Unterschied nicht verstehen. Die Behörden gehen davon aus, dass es immer eine glamouröse Angelegenheit ist, in einer Band zu spielen und sehen den Unterschied zwischen uns und Nickelback nicht – als ob jede Band U2 wäre. Sie glauben nicht, wenn wir ihnen sagen, dass wir nichts dabei verdienen. Kommentar: „Warum spielt ihr dann?!“ - Die raffen’s nicht.

GETADDICTED: Kommen wir noch mal zu June Paik zurück. Ist es nicht komisch, eine Split mit Leuten zu veröffentlichen, die man noch nie getroffen hat? Wenn eure Musik direkt mit Leuten in Verbindung gebracht wird, die euch völlig fremd sind?
James: Es war schon komisch, aber auch ziemlich cool. Da sind diese Typen aus Deutschland, die so sind wie wir, warum also nicht? Außerdem haben wir dieselben ästhetischen Vorstellungen, warum nicht darauf vertrauen? Wie gesagt, wir haben uns erst hier persönlich kennengelernt und sofort angefreundet. Ist das nicht cool?

GETADDICTED: Eure Band heißt bekanntlich Titan und die anstehende EP trägt den Titel „Colossus“. Gibt es da dezente Hinweise auf Größenwahn?
James: Ja!!!
GETADDICTED: Strebt ihr etwa die Weltherrschaft an?
James: Titan vielleicht, ich auf jeden Fall! Tatsächlich befasst sich die „Colossus“-EP mit dem Problem des Egozentrismus. Während einer besonderen Phase meines Lebens, auf die ich nun zurückblicke, also die vergangenen Monate, diente alles, was ich gemacht habe ausschließlich mir selbst und ich habe die Menschen um mich herum ausgenutzt. Wie selbstbezogen ich geworden war! Die Texte zu schreiben war eine Erfahrung, die mir diese Dämonen wirklich ausgetrieben hat. Texte zu schreiben hat mir sehr geholfen.

GETADDICTED: Welche Anforderungen stellt ihr euch beim Schreiben neuer Songs?
James: Ich erwarte von allen eine Menge. Wenn man den anderen glaubt, bin ich Perfektionist. Lieder schreiben ist bei mir auch immer mit Geschrei verbunden.
GETADDICTED: Ist es da notwendig ein kleiner Diktator zu sein?
James: Absolut! Aber ich kann nichts Falsches daran erkennen. Ich liebe den Schreibprozess sehr und will das Bestmögliche erreichen. Gerade jetzt sind wir darum bemüht, etwas wirklich düsteres und kraftvolles zu erschaffen. Wenn das Ergebnis mich nicht berührt und nichts in mir verändert, ist es eine Verschwendung meiner Zeit. Wir wollen etwas erschaffen, das so ist, wie Sachen, die uns beeinflusst haben. Diese Stücke haben uns wirklich verändert. Das ist es, was wir auch erreichen wollen. Es gelingt uns nicht immer, aber unser höchstes Ziel ist es, etwas zu erschaffen, das eine bestimmte Saite bei den Leuten anschlägt, sie wirklich bewegt. Das ist es, worauf wir uns beim Schreiben neuer Songs konzentrieren.
GETADDICTED: Lässt sich sagen, dass Titan für dich eine Rettungsinsel darstellt, um in dieser Welt „zu überleben“?
James: Definitiv! „The Chrysanthemum Pledge“ habe ich zu einer Zeit geschrieben, als ich in keiner Band spielte. Während dieser Phase war ich echt depressiv, weil ich keine Musik machen konnte, also brauchte ich es wirklich, um zu überleben. Als ich in einer echt üblen Zeit meines Lebens mit Titan angefangen habe, verschwanden diese Probleme. Ich brauche einfach diese Möglichkeit mich auszudrücken.

GETADDICTED: Ist Titan deine erste seriöse Band?
James: Nein, ich habe vorher in einer Band namens Panserbjorne gespielt. Wir haben eine Split-Seven-Inch mit Chris’ alter Band I Spoke veröffentlicht, aber da war ich noch echt jung, also ist Titan schon eine ernsthaftere Band. Und es ist wird immer ernster – was großartig ist.

GETADDICTED: Wo liegen eure musikalischen Wurzeln?
James: Als wir angefangen haben, war noch alles anders. Wir haben auch alle unterschiedliche Einflüsse. Aber als Gruppe sind wir definitiv stark von der kalifornischen Band Neurosis geprägt worden, die auch eine meiner Lieblingsbands ist. Dann gibt es noch einige kanadische Bands, die sehr düster und heavy klingen, wie Uranus und Buried Inside. Auch Cursed haben uns sehr beeinflusst. Wir mögen düsteren, heftigen Hardcore.

GETADDICTED: Du hast vorhin von eurem Faible für Comics gesprochen. Wer ist dein Lieblingssuperheld?
James: Eine ausgezeichnete Frage! Die Split mit In First Person hat die X-Men zum Thema. An denen hängt mein Herz. Die Comics zählen zu den erfolgreichsten, aber es sind auch einfach die besten. Ich stehe total auf die X-Men!
GETADDICTED: Eine bestimmte Figur?
James: Wolverine. Auf jeden Fall! Er ist der beliebteste Typ, jeder mag ihn. Er ist einfach der beste. Er ist düster und echt gut konzipiert und kann auf viele verschiedene Weisen betrachtet werden. Außerdem ist er Kanadier. Und er ist witzig. Er raucht, er trinkt…

GETADDICTED: Was meinst du, wann euer nächster Europabesuch ansteht?
James: Hoffentlich schon bald! Das haben wir noch nicht besprochen, weil diese Tour ein finanzielles Desaster war. Die anderen regen sich zwar wegen des Geldes auf, aber es war das erste Mal und deshalb konnte man nicht erwarten, dass alles glatt läuft. Es hat uns allen gut gefallen, deshalb wollen wir wirklich bald wieder kommen. Hoffentlich nächsten Sommer, wenn es nicht schon früher klappt.

 

 

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Interview: Michael Blatt, Eva Louven
Fotos: Sebastian Gondek