"WIR VERTICKEN JA AUCH KLINGELTÖNE UND SO"

 

Turbostaat im Interview im Musiktheater Piano, Dortmund (13. April 2006)

 

Schon der Soundcheck verrät es: Das Konzert wird vielversprechend und es sind ein paar neue Lieder mit im Gepäck. Etwas länger wars ja nun auch still um die Herren, die ihre bisherigen Alben nach Gefiederflüglern benannt haben. Vorfreude macht sich in meinem Gesicht breit, als Jan und Tobert mich mit nach oben in eine kleine Backstagekaschemme des Musiktheaters nehmen. Und wider Erwarten steht nicht nur Jan alleine Rede und Antwort, sondern in einem drei mal drei Meter großen Raum, der wahrscheinlich sogar drei Meter hoch war, stellen sich die Fünf gemeinsam meinen Fragen…Wie sechs Fische in einem 9 Kubikmeter großem Aquarium relaxen wir also zusammen und gehen mit einer angenehmen Lockerheit das Interview durch (welches sich besonders durch kurze präzise Antworten definierte), um danach noch weitere 20 Minuten einfach noch ein bisschen Backstage zu chillen.

 

getaddicted: Wie geht’s euch? Lang war es jetzt etwas ruhiger um Turbostaat?!
Jan: Ja, es war tatsächlich etwas ruhiger, aber das lag daran, dass wir absichtlich etwas weniger gemacht haben, um mehr Zeit für uns und unsere Musik zu haben. Wir haben für das Label Schiffen Records zwei Songs aufgenommen, weil das Label sich auflöst und einen Abschieds-Sampler macht. Aber du hast Recht, denn die letzte Tour ist tatsächlich etwas her…

getaddicted: Definiert euch mit ein paar Worten selbst!
Roli: Wir sind halt fünf normale Jungs und machen mit Turbostaat die Musik, die wir können und die uns Spaß macht.
getaddicted: Als was würdet ihr eure Musik beschreiben, auch wenns echt nervig ist, diese blöde Genre-Frage zu beantworten?! Außerdem- was bedeutet der Name Turbostaat?
Roli: Also wir machen ganz klar Deutschpunk, und Turbostaat steht für den Staat, der auf Turbo schaltet, da steckt eigentlich nichts Tiefsinniges dahinter.
getaddicted: Wie kam es zu der Formation Turbostaat?
Roli: Also wir kommen aus so einem kleinen Kaff namens Husum und kannten uns teilweise schon aus der Schule. Alle hatten schon vorher in irgendwelchen kleinen Bands gespielt und nachdem sich diese nach und nach aufgelöst haben, kam es dann irgendwann zu Turbostaat. Das musikalische Kennenlernen entstand beim Jammen. Seit 1999 gibt’s uns jetzt auch schon.
getaddicted: Gibt’s schon Familien bei den Turbostaatlern?
Roli: Das ist recht gemischt. Also Jan könnte machen, was er will, wenn man ihn lassen würde (alles lacht)
getaddicted: Wie soll es mit euch weitergehen bzw. wann kommt was Neues?
Marten: Also zunächst ist nur der Abschied für Schiffen geplant. Ein neues Album kommt frühestens nächstes Jahr. Eventuell im April.

getaddicted: Das eine Album heißt Schwan und das andere Flamingo. Wie wird das Dritte heißen? Auch benannt nach einem Vogel, oder gibt es aus Respekt vor der grassierenden Vogelgrippe einen davon entfernten Albumtitel?
Jan: Die Vogelnamen sind eher Zufall. Da gibt’s keinen richtigen Grund für. Keine Ahnung wie das dritte Album heißen wird. Da haben wir uns bis jetzt auch noch keinen Kopf drum gemacht.
Roli: Als Flamingo fertig war, haben wir das Album so genannt, weil auf dem Cover halt ein Flamingo drauf war, und bei Schwan war vorher auch erst ein Vogel drauf, aber dann haben wir uns am Ende halt für die Rose entschieden. Das Ganze ist aber weniger bedeutungsvoll. Man soll die Musik gut finden, nicht die Covergestaltung.

getaddicted: Muff Potter sind momentan ein Begriff. Ist ein ähnlicher Aufstieg möglich?
Marten: Also wir haben ganz gute Chancen mit dem neuen Label, da Schiffen ja dicht macht. Wir sind aber relativ distanziert, was überschnelle Entwicklungen angeht, haben aber trotzdem keine Berührungsängste. Man muss sich ja nicht automatisch verkaufen, wenn man zu einer großen Firma geht. Allerdings beschäftigen wir uns nicht wirklich damit. Wir sind froh, Musik machen zu können, wobei Erfolg auf irgendeine Weise ja immer Ziel ist.

getaddicted: Jan, wie hast du es empfunden mit den Beatsteaks zusammen „Frieda und die Bomben“ zu machen? Und wie ist das Ganze zu Stande gekommen?
Jan: Das Ganze war super unproblematisch. Ich bekam einen Anruf, ob ich vielleicht einen Text für die machen könnte. Ich war natürlich völlig von den Socken. Wir kannten uns zwar schon vorher und haben auch schon seit Jahren Kontakt. Das Ding ist dann recht unspektakulär, aber dafür sehr spontan entstanden. Wir sind alle zusammen nach Berlin, und da haben wir dann auch aufgenommen. Die Beatsteaks sind sehr nette Jungs, und der Song ist ja eigentlich ein Cover und ist durchs Jammen in deren Proberaum erst zu dem geworden, was er jetzt ist.
getaddicted: Da Turbostaat nun ja nicht unbedingt den Bekanntheitsgrad wie z.B. die Beatsteaks haben…lässt es sich von der Musik leben, oder macht ihr nebenbei noch was anderes?

Jan: Also wir machen kein Verlustgeschäft, aber…( Martens Handy klingelt, und er geht raus)
Tobert: …Wir verticken ja auch Klingeltöne und so.
Roli: Wir sind eigentlich sehr zufrieden mit unserer Lebensqualität. Ich kellner nebenbei schon seit Jahren, und Jan hat einen sehr kulanten Chef, der ihm daher auch das eine oder andere Mal mehr freigibt, wenn wir touren. Er mag offensichtlich was wir machen.

getaddicted: Unser Magazin heißt getaddicted, nach welchen Dingen aus dem alltäglichen Leben seid ihr süchtig?
Roli: Meine Frau, also Familie.
Jan: Nach den Leuten aus meiner WG. Ich liebe das WG-Leben mit diesen Menschen, die ebenfalls wunderbare Musik machen. Ich mach daher mal Schleichwerbung für Hallo Quitten und Alias Caylon (grinst)
Tobert: Bei mir ist es auf jeden Fall auch die Familie und Musik natürlich!
getaddicted: Welche fünf Songs müssen auf ein Mixtape drauf?
Marten (ruft vom kulinarischen Buffet): The young alchemist – Van Pelt
Jan: Disconnected von den Beatsteaks, eigentlich alles von den Beatsteaks.
Roli: The Cure
Tobert: auf jeden Fall Van Pelt
Peter: Und für Martin noch seine Klingeltöne (Alle grinsen).
getaddicted: Letzte Frage: Am ersten Mai ist Weltrevolution, so lautet ein Titel auf Flamingo. Der erste Mai ist direkt vor der Tür, was ist also zu erwarten?
Marten: Auf Kabel Eins kommt Ferris macht blau.
Roli: Ich werde mit Peter chillen (Peter nickt).
Jan: Ich hab mir vorgenommen, endlich mal wieder Sport zu treiben (alle lachen).
Tobert: Morgen ist morgen und heute ist heute…

 

Interview: Mirko Hoffmann