MIT DEM HEILIGEN GEIST AUF DER BÜHNE

 

Interview mit Aaron von Underoath in Köln // 8. November 2006

 

Über Underoath wurde viel geschrieben und gesprochen, auch darüber, dass sie bekennende Christen sind. Doch wie äußert sich das konkret? Sind sie Messdiener? Glauben sie wirklich an die Schöpfungsgeschichte, wie sie in der Bibel steht? Im kargen Backstage-Bereich des E-Werks sitzt Drummer Aaron mir gegenüber, ein Rotschopf mit jünglichem Gesicht, langen Haaren und einer Art Trainingsjacke – ein lockerer Typ mit einem „Christ Rock“-Button, der in vielerlei Hinsicht naiv und oft weltfremd wirkt.

GETADDICTED: Ich schätze, dass ungefähr 95 Prozent aller Fans in Deutschland nicht wirklich wissen, wovon ihr singt. Viele sagen: „Mir doch egal, was die singen. Mir gefällt die Musik.“ Stört euch das nicht, dass eure Message viele Leute gar nicht interessiert?
Aaron: Ich finde es okay! Ich selber sehe mich nicht als organisiert religiös, ich gehöre keiner besonderen Kirche an. Ich glaube, dass Jesus am Kreuz starb, dass er drei Tage später auferstand und dass er zum Himmel aufgestiegen ist. Ich glaube an ein Leben nach dem Tod. Und ich glaube auch, dass die Menschen merken, dass da was besonderes ist, wenn wir spielen, auch wenn sie uns nicht verstehen. Da ist etwas, das über die Musik hinausgeht. Und auch wenn man die Texte vielleicht nicht versteht, fühlt man, dass da doch etwas ist. Ich kann aber auch damit leben, wenn Leute sagen, dass sie mit Religion und Glaube nichts anfangen können, hey, das ist eine Entscheidung, die jeder für sich treffen muss.
GETADDICTED: Was sind für dich persönlich die höchsten christlichen Ideale?
Aaron: Die ich vorhin genannt habe: Dass Jesus am Kreuz starb für die Menschen, dass er die Welt erretten wird. Darauf baut alles auf!

GETADDICTED: Du hast gerade gesagt, dass du dich nicht als organisiert religiös siehst. Wie sieht dann für dich, für euch Religion in der Praxis aus?
Aaron: Das ist bei jedem von uns anders. Bei mir ist es so, dass ich ungefähr eine Stunde am Tag bete, dass ich sehr viel über Gott nachdenke und über Christus, und darüber, was er mir in irgendwelchen Lagen sagen würde.

GETADDICTED: Viele Punkrocker, Hardcore- und Emo-Bands sagen, dass Bad Religion einer ihrer wichtigsten Einflüsse war. Wie ist das bei dir?
Aaron: Ich habe Bad Religion nie gehört. Ich mag den Sound nicht. Es kann auch sein, dass sie ein wichtiger Einfluss bei irgendwem anders von Underoath sind. Bei mir nicht. Ich schätze, dass es nette Leute sind, aber in der Zeit, als ich aufgewachsen bin, hat mir das einfach nichts gegeben.
GETADDICTED: Mal nebenbei, was war dann dein größter Einfluss?
Aaron: U2.

VOM REST DER WELT WEISS ICH NICHTS


GETADDICTED: Heute ist viel die Rede vom „Clash Of Civilizations“, dem Kampf der Kulturen. Huntington sieht die meisten Kriege als religiös motiviert. Religiöser Terrorismus gilt als eine der größten Bedrohung. Wie siehst du die Rolle von Religion dabei?
Aaron: Ich glaube, dass die Menschen sich mehr als jemals zuvor gegenseitig akzeptieren. Wir haben in vielen Teilen der Welt gespielt, und die Leute akzeptieren uns. Ich glaube, dass der Kampf der Kulturen abflacht. Ausnahmen sind natürlich solche Sachen wie mit dem Irak und den USA und dieser ganze Müll. Aber das hat nichts mit mir zu tun. Ich kann und möchte das auch nicht beurteilen. In diesem Teil der Menschheit, mit dem ich zu tun habe, da wird die Akzeptanz höher. Von dem Rest weiß ich nichts. Wir reisen zwar, aber halt doch eher durch die großen Städte. Und in Ländern der Dritten Welt waren wir noch gar nicht.

GETADDICTED: Gerade in den USA wird die Evolutionslehre oft in Frage gestellt. In vielen Schulen werden Evolutionslehre und Schöpfungsgeschichte gleichermaßen gelehrt, Intelligent Design gilt vielen als Mittelweg. Wie ist deine Meinung?
Aaron: Mein Wissensstand ist da nicht hoch genug, dass ich mir ein Urteil erlauben könnte, ob wir von Evolution und Urknall reden sollten. ICH glaube, dass Gott die Welt erschaffen hat in sieben Tagen ...
GETADDICTED: Sechs!
Aaron: Genau, in sechs. Es kann aber auch sein, dass die Urknall-Theorie stimmt. Aber geh mal raus, schau dir den Himmel an. Das soll schon immer da gewesen sein? Nein. Das kann nicht sein. Es kann nicht sein, dass das immer alles schon hier gewesen ist. Es kann auch sein, dass Gott nicht die Welt in sieben Tagen erschaffen hat ...
GETADDICTED: Sechs.
Aaron: Vielleicht hat er nicht mit dem Finger geschnippt und es ist alles so passiert. Aber eine zufällige Entwicklung ist das hier nicht. Da hat Gott seine Finger im Spiel.

"I'M A MAN WHO PLAYS MUSIC AND LOVES JESUS"


GETADDICTED: Eine der berühmtesten deutschen Figuren, die besonders religiös war, hat einen blutigen Krieg ausgelöst, nämlich Martin Luther.
Aaron: Sage ich sofort: Egal, was kommt, da kann ich nicht viel zu sagen. Da weiß ich zu wenig drüber.
GETADDICTED: Aber ihr seid doch eigentlich Protestanten, oder?
Aaron (zu mir): Bin ich das? (zu einem vorbeilaufenden Roadie) Bin ich Protestant?
Roadie: Ähm, ja. Ich denke schon. Wenn überhaupt, dann Protestant. Auf jeden Fall nicht Katholik.
Aaron: Also ich bin nicht organisiert religiös, aber wenn, dann eher Protestant und auf keinen Fall Katholik.
Roadie: Sind die Iren nicht katholisch? Da herrscht auch Separatismus. Die Katholiken und die Protestanten hauen sich da die Köpfe ein.
Aaron: Ist Dublin im protestantischen Teil? Und U2 auch?
Roadie: Ja, beides! An den Küsten ist Irland vor allem protestantisch, und im Hinterland sitzen die Katholiken.
(An dieser Stelle erspare ich mir und den beiden die Richtigstellung, dass Irland in einen protestantischen, pro-britischen Norden und eine katholisch geprägte Republik mit Dublin als Hauptstadt geteilt ist und denke innerlich schmunzelnd an einen Satz von Dieter Nuhr.)
Aaron: Das sind aber theologische Fragen, und ich bin kein Theologe. I’m a man who plays music and loves Jesus.

GETADDICTED: Bush besetzt die religiöse Rechte in den USA und hat ihr auch einen Teil seiner Wahlerfolge zu verdanken. Heute haben die Demokraten bei den Kongresswahlen beide Parlamentskammern zurückerobert. Was sagt das über Religion in den USA heute aus?
Aaron: Das ist eine sehr politische Frage, und ich bin kein Politiker.
GETADDICTED: Es ist doch aber auch eine Frage von Religion, Glauben und Ausformungen davon.
Aaron: Das ist eine politische Frage! Es ist höchstens eine religiöse Frage in einer politischen. Aber ich sehe mich nicht als politisch. Ich verbringe nur wenig Zeit damit, CNN zu gucken und mich zu informieren über solche Dinge. Was da passiert, finde ich einfach dumm.

KEIN ITALIENER IM FÜNF-MEILEN-RADIUS


GETADDICTED: James hat in eurem Blog gesagt, dass europäisches Essen scheiße ist, abgesehen von Gummibärchen und Schokolade. Was ist an amerikanischem Essen besser?
Aaron: In den USA kriegst du, was immer du willst. Amerika ist der Schmelztiegel der Welt. Da kriegst du mexikanisches, indisches, deutsches Essen, spanisches, italienisch – alles innerhalb eines Fünf-Meilen-Radius. Und es sind alles Leute aus den jeweiligen Ländern. In Deutschland kriegt man nur deutsches Essen.
GETADDICTED: Natürlich bekommt man hier auch anderes Essen.
Aaron: Aber doch nicht in einem Fünf-Meilen-Radius! Oder kriegt man hier irgendwo in der Nähe richtiges mexikanisches Essen? Indisches? Italienisches?
GETADDICTED: Ich hatte das auch eigentlich gefragt, weil viele US-Bands gerade das deutsche Essen immer loben.
Aaron: Keine Frage, in Europa ist das Essen in Deutschland immer noch am besten. Englisches Essen ist das schlechteste der Welt. Ich war drei Wochen in England und habe über 21 Pfund abgenommen.

(Bevor ich zum eigentlichen Grund der Frage kommen, muss Aaron los zum Soundcheck.)


 

Interview: Jens Becker