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"ACH DU SCHEISSE, ICH DACHTE DAS WÄRE EIN COVERSONG"
Interview mit Venerea im Zwischenfall, Bochum am 5. Oktober 2005
Müde und erschöpft von der langen Fahrt von Schweden nach Bochum lungern Venerea im Backstage-Raum des Zwischenfalls, und während Martin sich noch kurz einen Snack organisiert, zeigt Mikael an der mit Postern vollgekleisterten Wand stolz das eigene Tourposter.
getaddicted: Welche Frage nervt euch in Interviews am meisten?
Martin: (zu Mikael) Wieso fragt er das wohl?
Mikael: Um noch schnell seinen Zettel zu kontrollieren? Mich nerven
Fragen zu unserem alten Namen, den ich hier nicht erwähnen werde!
Venerea ist eine Abkürzung für etwas längeres, aber das
werde ich nicht verraten. Martin: Der Name setzte sich aus zwei Wörtern
zusammen und mit dem zweiten Wort erhält er eine andere Bedeutung,
deshalb ...
Mikael: (unterbricht ihn) Das hier ist ein wichtiges Interview, also
lass uns weitermachen. Wir werden den Namen hier nicht verraten, fertig!
(Die Band hieß zu Beginn Venereal Disease, also Geschlechtskrankheit,
Anm. eines Google-Nutzers)
getaddicted: Ihr habt ja mehrere personelle Umbesetzungen über
die Jahre gehabt. Was war – neben den kontinuierlichen Bandmitgliedern
– der rote Faden, die Konstante?
Mikael: Das Songwriting, was allerdings auch wieder daran liegt, dass
immer die gleichen zwei Leute die Songs geschrieben haben und daher
ist dieser Spirit immer der gleiche geblieben. Wir hatten zwar Umbesetzungen,
aber uns ist nichts verloren gegangen im Laufe der Jahre.
Martin: Geändert hat sich ja zum Beispiel Andreas an der Gitarre,
aber der ist auch schon seit acht Jahren jetzt dabei. Die meisten Wechsel
waren ja bei den Schlagzeugern. Und mal ehrlich: Wenn der Sänger
und die Songwriter die gleichen bleiben und nur der Drummer wechselt,
das ist nicht gerade allzu wichtig für den Sound der Band.
Mikael: Dazu kommt, dass die neuen Drummer nie neu für die Band
waren. Unser letzter Drummer Fred war von Anfang an unser Merchandiser
und als Talle, unser erster Drummer, ausstieg, setzte sich Fred hin,
um Schlagzeug spielen zu lernen. Aber er gehörte da auch schon
zur Familie. Und Martin war auch schon oft mit dabei. Er arbeitet ja
auch für Bad Taste Records, war mit uns auf Tour als unser Tourmanager,
hat Shows für uns gebucht. Also ist eigentlich niemand so wirklich
richtig neu dazugekommen. Und Andreas ist halt auch seit acht Jahren
dabei.
getaddicted: Du hast gerade das Songwriting erwähnt. Das ist gerade
auf dem letzten Album doch um einiges rauer geworden, zumindest in einigen
Liedern.
Mikael: Ich schätze, als wir jünger waren, waren wir auch
dümmer, wie die meisten Teens. Wenn man dann älter wird, werden
die Prioritäten, die du setzt, klarer und dein Humor verändert
sich. Meiner ist zum Beispiel düsterer geworden. Daher kommt das
ganze dann auch aggressiver rüber. Auch Martins Drumming hat dazu
beigetragen und natürlich die Tatsache, dass wir Andreas viel häufiger
singen lassen. Wir haben uns nie überlegt, dass wir eine härtere
Band werden wollen, es hat sich einfach so entwickelt aus diesem Zusammenspiel.
Trotzdem finde ich, es ist immer noch unser Style. Wir hatten auch noch
poppigere Songs für das Album aufgenommen, aber auch noch härtere.
Wir haben dann aber einfach diejenigen rausgegriffen, die wir am besten
fanden und das war nun mal dieser Style.
getaddicted: Als ich die Platte zum ersten Mal gehört habe, war
ich schon überrascht über diesen halb-apokalyptischen Schrei
am Anfang.
Mikael: Und die ist auch noch aus einer britischen Comedy-Show geklaut!
(lacht) Eigentlich wollten wir auch immer schon aggressiv sein, aber
das Equipment oder der Produzent hat das dann irgendwie versaut (lacht).
getaddicted: Ihr seid nicht unbedingt für politische Statements
bekannt.
Mikael: Aber auch auf der neuen Platte und auf keiner anderen sind ernsthafte
politische Statements.
Martin: Als Band gesehen haben wir auch keine politische Meinung. Ich
hab zu vielen Themen nicht die gleichen Ansichten wie der da (zeigt
auf Mikael).
Mikael: Das liegt auch viel daran, dass ich die Texte aus erfundenen
Ich-Perspektiven schreibe. Meine Texte sind fast nie autobiographisch.
Wenn dann mal bestimmte Standpunkte vom Sänger gesungen werden,
müssen das nicht meine Standpunkte sein.
getaddicted: Wie kam dann die Idee, einen Song mit dem Namen „Guantanamo“
zu schreiben?
Mikael: Ich hab in der Zeitung eine Geschichte gelesen über einen
Schweden, der im Irak als menschliches Schutzschild war und der ist
mal einfach in Guantanamo gelandet. Mittlerweile ist er da aber entlassen
worden. Ich habe mir dann überlegt, was in ihm wohl vorgeht und
habe den Song dann aus seiner Perspektive geschrieben. Ich bin auch
kein Experte in dem Themengebiet genau so wenig wie er wahrscheinlich.
Ich weiß wahrscheinlich genau so viel oder wenig über Guantanamo,
seine Geschichte und seine Besonderheiten.
getaddicted: Ihr spielt ja heute mal wieder im Zwischenfall, ich glaube
zum vierten oder fünften Mal. Habt ihr nicht nach so vielen Jahren
die Nase voll davon, immer hier oder in vergleichbar großen Clubs
zu spielen?
Martin: Hey, wir sind eine kleine Band und keine Superstars. Wir begeistern
nun mal nicht so viele Leute und brauchen daher auch nur einen kleinen
Club. Wir haben immer mal wieder größere Bands supportet
und dann in größeren Läden gespielt.
Mikael: Und da ist auch wieder diese Sache von Qualität und Quantität!
Wenn du in einem Laden spielst, kommt es nicht darauf an, ob da zehn
oder 500 Leute sind. Wenn du eine Reaktion bekommst von den Leuten,
macht das nicht den großen Unterschied – für uns. Wir
haben Festivals mit 4000 Leuten vor uns gespielt. Das ist großartig,
wenn die Leute mitgehen, mitsingen, aber du kommst total runter, wenn
sie das nicht interessiert, was du da machst. Wir können besser
vor 200 Leuten spielen, die mitgehen. Deshalb denke ich, dass dieser
Laden hier perfekt für eine Band ist, die diesen Sound macht.
Martin: Wenn wir damit nicht zufrieden wären, hätten wir schon
lange aufgehört damit.
getaddicted: Wenn du sagst, perfekt für eine Band mit diesem Sound
...
Mikael: ... dann meine ich bestimmt nicht, dass der Sound hier optimal
ist (lacht), sondern für uns. Vorne können die Leute abgehen,
und die die Angst haben, sie könnten sich verletzen, können
locker am Rand stehen und sich die Performance anschauen. Allerdings
haben die einen schlechten Sound dann. (lacht)
getaddicted: Aber eine Band, die zumindest einen ähnlichen Sound
hat, spielt in Köln im Palladium vor 4000 Leuten. Ist also eine
Show für euch hier besser als eine für Millencolin im Palladium?
Martin: Eine Freundin von mir kommt aus Köln und sie liebt Millencolin
über alles. Aber zu dem Konzert ist sie nicht hingegangen, weil
sie die Atmosphäre bei solchen Konzerten nicht mag. Aber was sollen
Millencolin machen. Wenn sie die Zeit hätten, würden sie an
mehreren Abenden hintereinander in Köln im Underground spielen
oder in der Live Music Hall. Das wäre ihre einzige Option.
getaddicted: Als ihr zum ersten Mal hier in der Gegend gespielt habt,
war das auch in einer großen Location, nämlich der Halle
Münsterland beim Münster Monster Mastership. Wie habt ihr
dann diese Show in Erinnerung?
Mikael: War das bei diesem Skate-Event? Dazu gibt es eine Geschichte:
Wir sollten eigentlich um acht Uhr Abends oder so spielen, auf jeden
Fall zu einer großartigen Zeit. Aber daraus wurde dann nichts.
Bei unserem ersten Gig der Tour haben wir in München gespielt.
Der Laden war so ziemlich ausverkauft, auf jeden Fall waren erstaunlich
viele Leute da. Die Band Starmarket hat auch in München gespielt
und da war niemand. Da wurden Leute eingeladen, umsonst reingelassen,
denen wurden Getränke versprochen, nur damit überhaupt irgendwer
bei dem Konzert war. Und es war ihre Booking-Agentur, die auch bei der
Skateboard-WM das alles geregelt hat. Und als Rache dafür, dass
wir das fette Publikum in München hatten und Starmarket nicht,
haben sie Starmarket unseren Slot gegeben und wir mussten nach allen
anderen Bands spielen. Das war um vier Uhr morgens. Es wurde nichtmals
so eine Ausrede öffentlich gemacht, dass wir verspätet wären
und nachher noch spielen würden. Die Leute waren fast alle schon
gegangen und die Lichter wurden langsam ausgemacht als wir noch spielten.
(in dem Moment fangen die beiden an, sich auf schwedisch zu unterhalten)
Mikael: Sagen wir es so, ich bin nicht ganz sicher, ob es die Booking-Agentur
direkt war, aber bestimmt irgendwer im Umfeld von Starmarket. Ich wollte
jetzt niemanden beleidigen, vielleicht war es nicht die Booking-Agentur,
sorry! (lacht) Aber irgendwer hat das absichtlich gemacht, jemand ...
aus dem System (lacht). Die Show war auf jeden Fall eine Katastrophe.
Wir waren so müde, haben unsere Songs vergessen und haben Cover-Songs
gespielt. Nach einer Weile wurden die Monitorboxen auf der Bühne
abgebaut und da haben wir gedacht, okay, wir haben verloren. Das allerschlimmste
war: Das war das einzige Konzert der Tour, bei dem wir ein Hotel hatten
... und wir wären um 6 Uhr morgens da angekommen und hätten
zwei Stunden später schon abreisen müssen nach Schweden.
getaddicted: Mittlerweile hat Venerea ja einen absoluten Live-Klassiker,
nämlich „Wollen sie bumsen“. Wie kommt man als schwedische
Band auf so eine Idee?
Mikael stöhnt
Martin: Ist der Song eigentlich von dir?
Mikael: Ähm, ja.
Martin: Ach du scheiße, ich dachte das ist ein Coversong.
Mikael: (senkt beschämt den Kopf) Das war in den Demo-Tagen. Ein
kleines schwedisches Label wollte einen Song für eine Compilation
und wir dachten, den würden wir eh nie auf eine eigene Platte packen.
Wir waren Teenager, Deutschland war weit, weit weg für uns. Dazu
ist der Song auch noch ganz offensichtlich von den Sloppy Seconds geklaut,
die gleichen Akkorde und Singalongs. Zum Glück sind wir nicht bei
dem Style geblieben.
getaddicted: Aber ihr spielt ihn live immer mal wieder.
Mikael: Ja, schon. Wenn da immer in Deutschland so ein betrunkener Mob
vor der Bühne steht und jemand brüllt „Wollen sie bumsen“,
was sollen wir machen? Wenn auf der Bühne eine Panne passiert,
einem eine Saite reißt oder so, dann mach ich immer eine A Capella-Version
davon, um die Pause zu überbrücken. Aber in Deutschland machen
wir das auch oft nur, um sie endlich die Klappe halten (lacht).
getaddicted: Wir werden sehen, was heute abend passiert.
Mikael: Ich habe da so ne böse Vorahnung. Wenn einer ruft: „Wollen
sie bumsen“, sage ich auch oft „Vielleicht später“
und tu so, als wäre das gar kein Song. Manchmal funktioniert’s!
An diesem Abend scheiterte der Versuch, den Song abzuwenden, mal wieder. Als Mikael ihn dann aber anstimmte, wirkte er gar nicht so, als ob es ihn groß stören würde.
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