Arliss Nancy in Köln 2013, Foto: Jens Becker

Arliss Nancy in Köln 2013

Es gibt diese Konzerte, bei denen man nach Jahrzehnten noch sagen wird: „Weißt du noch, das war doch als [speziellen Moment hier einfügen]“. Solche „Opa-erzählt-vom-Krieg“-Geschichten wird es von diesem Abend mit Arliss Nancy nicht geben. Macht aber auch nichts.

Tsunami, Köln // 24.09.2013

Dieser Moment, als der Stagediver die Lichttraverse mitgerissen hat. Oder als der Sänger mit Gitarre und Mikro quer durchs Publikum gestratzt ist. Oder diese lustige Geschichte, die er erzählt hat. Gibt es nicht. Der Abend war ebenso überraschungsfrei wie begeisternd – was sehr viel mit der Band und ein bisschen mit dem Publikum zu tun hat.

Es ist keine dreistellige Zahl an Leuten in diesem kleinen Kellerclub. Addiert man die Länge der Bärte und vergleicht sie mit der Haarlänge der anwesenden Frauen, ist das Ergebnis ähnlich eindeutig pro Bart wie die Bundestagswahl pro Merkel. Die Menschen halten einen gebührenden Abstand zur kleinen Bühne, sind insgesamt zurückhaltend, aber eben auch weder unhöflich noch unbegeistert.

20130924_arliss_nancy_koeln_03Arliss Nancy quetschen sich ebenso unspektakulär auf der Bühne. Jason Larson rechts wirkt mit seinem Kurzhaarschnitt und schmalen Schnäuzer geradezu unscheinbar, lippenmerkelt mit seiner Schnute, wenn er nicht gerade ein paar Zeilen zum vielstimmigen Chor beiträgt. Cory Call ist der Okuvola (oben kurz, vorne lang) der Band, der den Großteil der Texte übernimmt und die Worte meist mit geschlossenen Augen durch seine schmal geöffneten Lippen presst – in einer Beinstellung, die manchmal vermuten lässt, dass er schon vor zwei Stunden aufs Klo hätte gehen sollen. Dazwischen drängt sich Bassist Kyle „GB“ Oppold – der Übla (überall lang) der Band, der im Grunde der Aktivposten der Band ist: Er macht zwischen seinen Gesangsparts durchaus mal zwei Schritte nach hinten, einen nach rechts und dann wieder zwei nach vorne – und wippt dabei noch mit dem Oberkörper. Keyboarder Chris Love und Drummer Diesel J verschwinden hinter dem Front-Trio förmlich. Klingt total langweilig, ist es aber gar nicht.

Die Band lässt einfach ihre Songs sprechen – im ersten Teil einige ältere, in der zweiten Hälfte der rund 100 Minuten zunehmend welche von ihrem aktuellen Album „Wild American Runners“. Der Sound ist zeitweise nicht brillant. Zwischendurch entstehen Pausen, um das Bassdrum-Mikro wenigstens einigermaßen auszurichten. Arliss Nancy entschuldigen sich dafür mehrmals. Die Unterbrechungen stören aber irgendwie auch nicht wirklich. Nach einer knappen Stunde kündigt Cory Call an: „Wir spielen noch ein paar Songs, und dann betrinken wir uns zusammen. Weil wir haben morgen frei.“ Das trifft wahrscheinlich nicht auf alle Anwesenden zu – aber auf die 100 Minuten: Wir spielen oder hören ein paar Songs, ein paar wirklich gute Songs. Und ob wir uns betrinken oder nicht – wir werden uns an diesen Abend erinnern, nicht an den einen Moment.

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