Entspannt schlendert Walter Schreifels die Luxemburger Straße entlang. In wenigen Stunden wird er dem Kölner Publikum sein erstes Soloalbum „An Open Letter To Scene“ vorstellen. Doch ehe es zum Soundcheck ins Blue Shell geht, lotsen wir ihn zwei Straßenecken weiter, um bei drei Wasser in „Mannis Rästorang“ über HC-Wurzeln, Haruki Murakami und Fahrräder zu sprechen.
GETADDICTED: Viele Menschen verbinden mit dem Musiker Walter
Schreifels wegweisende Bands wie Gorilla Biscuits, Quicksand und Rival Schools.
Hast du deshalb während der Arbeiten zu deinem Album „An Open Letter To The
Scene“ Druck von Außen verspürt, einem gewissen Qualitätsstandard gerecht
werden zu müssen?
Walter: Alles, an dem ich mich versuche, versuche ich so gut zu machen, wie es in der gegebenen Zeit geht. Mit dieser Platte habe ich mir mehr Zeit genommen, da keine Bandidentität dahinter steht. Ich musste mir klar werden, was für eine Platte ich als Solokünstler herausbringen wollte. Ich habe mir etwas mehr Zeit dafür genommen und am Ende bin ich wirklich sehr zufrieden mit dem Ergebnis. Ich würde nicht sagen, dass sie besser ist, als meine anderen Platten, aber zum jetzigen Zeitpunkt ist sie mein Favorit.
GETADDICTED: …und sie ist persönlicher?
Walter: Ist sie! Bei Gorilla Biscuits ging es um Hardcore. Bei Quicksand um die Entwicklungen während dieser Zeit. Rival Schools knüpfte in gewisser Weise an Quicksand an. Ich hatte immer etwas, eine Art Szene, auf die ich mich bezogen habe. Aber hierbei gab es nur mich. Ich habe mich letztendlich auf diese Szenen zurück bezogen, um einen Zusammenhang herzustellen. Es ist etwas kompliziert...
GETADDICTED: In der Pressemitteilung zum Album heißt es, „An Open Letter To The Scene“ sei ein weiterer Schritt zur Überwindung deiner Hardcore-Wurzeln. Siehst du das so?
Walter: Ich weiß nicht, was in der deutschen Pressemitteilung steht. Aber meine Hardcore-Wurzeln überwinden? Nein! Ich denke, das trifft es nicht. Vielmehr umarme ich sie. Aber gleichzeitig mache ich keinen Hardcore mehr, das liegt lange zurück. Mir ist jedoch
klar, dass die Anfänge von allem, was ich tue, dort liegen. Ich versuche nicht, sie zu
überwinden, sondern etwas anderes daraus zu machen.
GETADDICTED: Einen Fortschritt?
Walter: Ja, einen Fortschritt erzielen. Versuchen, etwas Neues machen. Es wäre einfach nicht
meine Art, zu versuchen dieselbe Sache fortzusetzen.
GETADDICTED: Angelehnt an den Inhalt des Titeltracks und den Zeilen „Don´t Forget The Struggle, Don´t Forget The Streets. Don´t sell out“. Würdest du einen Song für einen Soli-Soundtrack beisteuern, der demjenigen zu Gute kommt, der sich vor Gericht für das Abfackeln der Victory Records-Zentrale verantworten muss?
Walter: Wer hat die Victory Records-Zentrale abgefackelt!?!
GETADDICTED: Niemand. Aber wenn rein hypothetisch jemand das täte, würdest du einen Solisong beisteuern?
Walter: Nein! Ich habe nichts gegen Victory Records. Ich will ihren Laden nicht niederbrennen.
GETADDICTED: Um den Hintergrund für die Frage näher zu erklären: Nach dem Tod von Raybeez fingen sie an, ihre Veröffentlichungen mit seinem Namen zu versehen, was mir einer Verherrlichung zu eigenen Gunsten gleichkommt.
Walter: Das stimmt. Aber in diesem Fall ist es nett. Oder schnulzig, ich weiß nicht. Aber ich
möchte nicht, das jemandes Betrieb abgebrannt wird.
GETADDICTED: Für manche Menschen gehört Victory Records zu denen, die Hardcore ausverkaufen.
Walter: Verstehe ich. Aber ich bin diesbezüglich emotional nicht besonders involviert.
Ausverkauf hat seine Vor- und Nachteile und ich denke nicht, dass irgendjemand deswegen
Prügel beziehen sollte. Ich habe die genannte Zeile von Raybeez. Es ist eine starke Aussage und
meiner Meinung nach ein guter Rat. Falls sich jemand anders ausverkauft, ist es nicht
mein Problem.
Als ich jünger war, hätte es mich vermutlich mehr aufgeregt. Aber ich habe erkannt, dass
Menschen ihre Entscheidungen treffen und diese sie selbst stärker berühren, als andere. Nun,
nicht unbedingt stärker, aber sie berühren sie. Wenn du dich ausverkaufen willst, mache das. Ich bin der Meinung, dass es cool ist, seinen Idealen, seiner Lebensphilosophie, treu zu bleiben. Und nicht irgendwelche Unternehmen abzufackeln!
GETADDICTED: Offiziell gilt das aktuelle Album als deine
erste Solo-Veröffentlichung.
Allerdings gab es vor dreieinhalb Jahren bereits eine kleine D.I.Y.-CD
von dir. Was ist aus den Songs geworden?
Walter: Die EP. Ich meine, einer der Songs ist auf dem Album. Ich bin mir nicht sicher, in Berlin habe ich ein ganzes Album aufgenommen und dann aus Unzufriedenheit wieder verworfen, um in New York mit neuen Aufnahmen zu beginnen. Es hat eine Weile gedauert und es ist immer noch Material im Umlauf. Ich habe in Kanada ein Album für das kommende Jahr aufgenommen. Es schwirren noch rund 30 Songs umher, aber es gibt nur ein Album, so dass ich noch viel Arbeit vor mir habe.
GETADDICTED: Wird es eines Tages eine „Compilation der verlorenen Lieder“ geben?
Walter: Ich gehe davon aus. Aber das macht auch Mühe. Man muss die Lieder zusammensuchen, das Artwork gestalten, usw.. Aber ich möchte das machen. Ich möchte auch die Berliner Aufnahmen veröffentlichen. Aber natürlich hatte das Album Vorrang. Damit war ich zufriedener.
GETADDICTED: Es bleibt also viel zu erwarten!
Walter: Oh ja.
GETADDICTED: Was genau meinst du, wenn du – an HC-Fans der 1980/90er gerichtet – sagst, „dass es eine Menge für uns nachzuholen gibt“?
Walter: Ich habe so ein Gefühl, die Zeit von Gorilla Biscuits über Quicksand zu Rival Schools und Walking Concert, vom Schreiben des CIV-Albums und der Produktion für Hot Water Music zusammennehmend, dass manch ein Gorilla Biscuits-Fan Quicksand überhaupt nicht kennt. Es wird dem Verlauf nicht gefolgt. Dadurch, dass ich Soloalbum unter meinem Namen veröffentliche, zeige ich vielleicht die Verbindung auf. Manche interessierten sich für Gorilla Biscuits aber kümmerten sich um keine meiner anderen Bands. Aber wenn sie mitbekommen: „Das ist der Typ von Gorilla Biscuits“, dann holen sie die Strecke auf. Das ist meine Geschichte. Das Album erzählt gewissermaßen eine musikalische Geschichte.
GETADDICTED: Worin unterscheiden sich Walter Schreifels-Auftritte
in den Staaten von Konzerten in Deutschland?
Walter: Zwischen den Liedern macht man unterschiedliche Bemerkungen. Manchmal macht man auch die gleichen, aber dadurch, dass ich in Deutschlang lebe, habe ich gewisse Vorstellungen, ich weiß Dinge über Deutschland und kann darüber sprechen.
Das Publikum ist an jedem Ort anders, es unterscheidet sich sogar von Stadt zu Stadt. In New
York hat man ein anderes Publikum als in Boston. Jeder einzelne Abend ist anders.
GETADDICTED: Es gibt also keine speziell nationalen Unterschiede?
Walter: Man macht andere Anspielungen und erzählt andere Witze. Wenn du in Japan spielst, ist ein wenig anders als in Australien. Ich mag es wirklich, zu reisen und interessiere mich für die Orte, die ich besuche. Hin und wieder erfahre ich etwas über die lokalen Gegebenheiten und versuche entsprechend mit dem Publikum zu interagieren, aber davon abgesehen versuche ich einfach immer so gut zu spielen, wie ich kann.
GETADDICTED: Du zählst den japanischen Autor Haruki Murakami
zu deinen Einflüssen. Inwiefern haben seine Bücher dein kreatives Schaffen
beeinflusst und welches Werk ist dein Favorit?
Walter: Das erste, das mir einfällt, ist „Kafka am Strand“. Das ist wahrscheinlich mein Favorit. Es hat etwas Surrealistisches an sich, aber auch eine Tiefe. Es ist emotional und die Charaktere berühren mich. Mir gefällt die Übersetzung seiner Werke, die Sprache ist
wirklich schön und seine Beschreibungen sind sehr, sehr intensiv. Er kann davon sprechen,
wie dieses Glas Wasser auf dem Tisch steht und wirklich in die Tiefe gehen, ein sehr
interessantes Bild von etwas einfachem zeichnen. Ich denke, auf diese Weise inspiriert er
mich, weil er das kann.
GETADDICTED: Erkennst du dich in seinen Charakteren wieder?
Walter: Ja, natürlich. Ich kann mich mit seinen verschiedenen Figuren auf verschiedene Weisen identifizieren. Ich denke, so funktioniert das mit Kunst, Musik, Büchern und dergleichen. Ich stelle mir vor, dass Murakami gewissermaßen über seine eigenen Gefühle, Sorgen, Gedanken und Erfahrungen schreibt und ich ähnliche habe, weshalb ich mich ihm verbunden fühle. Das ist ein Grund, warum man mag, was man mag.
GETADDICTED: Letzte Frage: Was für ein Fahrrad fährst du aktuell?
Walter: Oh Mann! Ich muss traurigerweise sagen, dass ich derzeit in New York überhaupt kein Rad habe. In Berlin habe ich noch eins. Ich untervermiete meine Wohnung und lasse den
Bewohner das Rad mitnutzen. Als ich das letzte Mal nach Hause kam, war ich sehr traurig,
als ich feststellen musste, dass mein Fahrrad total geschrottet war! Ich war echt angepisst und
hab ihm gesagt, er solle das in Ordnung bringen, was er auch getan hat, aber ich hab's noch
nicht gesehen.
Das Treppenhaus zu meiner Wohnung in New York ist so eng, dass ich mich nicht damit herumschlagen möchte, ein Fahrrad rauf und runter zu schleppen. In meiner Gegend brauchst du nicht unbedingt ein Rad, aber mir fehlt das Fahrradfahren auf jeden Fall!
Interview: Michael Blatt / Eva Louven; Übersetzung: Eva Louven

