We all fuckin' die
Leatherface + Dead Koys in Siegen
Vortex // 05.02.2012
Mit 50 Jahren noch mehrere 1000km im Tour-Van über Buckelpisten fahren, sich im eisigen Backstage-Bereich an Wicküler den Atem aufheizen und schließlich am Mini-Öfchen die Nacht im Club verbringen. Wer das alles mit einem gebrochenen Schlüsselbein übersteht, heißt entweder Chuck Norris oder Frankie Stubbs.
„And this is supposed to be our warmest venue on the tour“, brummt der Leatherface-Tourmanager vor dem Konzert. Danach soll's weitergehen nach Regensburg, dann nach Tschechien, Polen und schließlich über Estland nach Finnland und Norwegen. Was nach einer frostigen Vision klingt, ist für die die Dead Koys aus Hagen, Witten und Mönchengladbach wahrscheinlich die totale Lonely-Men-Romantik. Die Vorband darf an diesem Abend gegen Leatherface im Kickern gewinnen und liefert anschließend mit Zeilen wie „We believe in being honest“ und „This city is still mine“ der Altherren-Mannschaft von Leatherface die Steilvorlage. Die Jungs trauen sich was und spielen mit „Dinea“ sogar einen Song der erst am Mittag im Proberaum entstanden ist. Klappt aber und entlockt den etwas unterkühlten Siegenern tatsächlich schon ein Schmunzeln.
So richtig zum mitgehen lassen sich nur einige wenige Besucher des Vortex bewegen. Aber abgesehen davon, dass Sänger Bens Stimme klingt, als hätte er schon öfter mal mit Frankie Stubbs den Whisky um die Wette gegurgelt, haben sich die vier auch mit einer soliden Setlist aus kurzen Punkrock-Stücken und melodischen Südstaaten-Smashern den Platz als Aufwärmer verdient.
Als Leatherface dann so gegen zehn die Bühne übernehmen, sind sie in ungewohnter Besetzung: Ein fünfter Mann ist dabei. Frankie Stubbs hat sich in einem trunkenen Anflug das Schlüsselbein gebrochen und kann auf der Tour leider keine Gitarre halten. Dafür überzeugt er stilsicher mit seinem rechten Arm in einer rot-weißen Seemanns-Schlinge - die Farben ihres Heimat-Clubs, dem FC Sunderland.
„Never Say Goodbye“ macht den Opener und während Mr. Stubbs selbst am Anfang noch über den „fucking cold place“ frotzelt, ist er nach weiteren drei Hits schon in Robo-Dance-Stimmung. „Springtime“, „My Worlds End“ und „I Want The Moon“ nacheinander weg. Energie wie mit 25.
Aus dem Publikum bemerkt jemand „Jetzt haben sie ja schon die geilsten Tracks gezockt. Was soll da noch kommen?“ Und dann kommt „God Is Dead“. Die Siegener singen mit und so langsam reißen sich die ersten auch die Pullis vom Leib.
Der Aushilfs-Gitarrist erzwingt nach ner dreiviertel Stunde schließlich eine Halbzeit und Bierpause. Das Gitarrenkabel tut's nicht mehr. Und während er noch von der Bühne springt, um die Vorband für ein frisches Kabel anzuhauen, packt Bassist Graeme Philliskirk bereits den professionellen Kabel-Koffer aus. Zeit für Dickie Hammond sich mal die Mütze zu richten. Man sieht wie üblich nichts vom Gesicht des beleibten Gitarristen.
Als die Briten schließlich nach „Disgrace“ von der Bühne gehen wollen, ist das Publikum voll drin. Und eins ist klar: Zugabe! Mit „USSR“, „Not A Day“ und dem Cover eines britischen Fußballhits erweichen sie auch den letzten Eiszapfen an der Sauerlandgrenze. Mann und Frau liegt sich in den Armen, hüpft und singt. Mit dem 2010er Album Stormy Petrel konnten Leatherface an diesem Abend nur die wenigsten überzeugen. Dafür trifft „mit dem Alter kommt die Reife“ heute in diverser Hinsicht zu. Dementsprechend segnet Dickie das After-Beer mit Dead Koys-Drummer Phillip auch mit einem besonders guten Rat: „Boy, I tell you... 2012 is the year we all fuckin' die, so let's drink our fuckin' asses off.“
(Text + Foto: Nele Posthausen)
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