Boysetsfire, Foto: Jens Becker

Boysetsfire – While A Nation Sleeps

Im Dortmunder Soundgarden drückte uns 1998 die Bekannte eines Freundes einen Schwarz-Weiß-Flyer in die Hand. Woraufhin wir am nächsten Abend im strömenden Regen über Landstraße von Dinslaken nach Dorsten fuhren.

An einen Spielort, den wir nicht kannten und an den wir danach auch nie wieder zurückkehren sollten. Um drei Bands zu sehen, von denen wir zuvor noch nie etwas gehört hatten. Reno Kid, My Hero Died Today und Boysetsfire.

Ganz ehrlich, 14 ½ Jahre später würde ich das „Review“ zu „While A Nation Sleeps“ an dieser Stelle am liebsten abbrechen. Nicht, weil das neue Boysetsfire-Album eine Vollkatastrophe wäre, ist es wirklich nicht. Sondern weil es mir nicht auch nur ansatzweise das bedeutet, was diese Band mir über Jahre musikalisch und vor allem inspirativ einmal bedeutet hat.

Was damals im Dorstener Rottmannshof seinen Anfang nahm, führte zu so vielen prägenden Erinnerungen. Wir tanzten zu „Holiday In Cambodia“ über Prager Hotelbetten, fuhren nach dem Konzert im Marler Schacht 8 noch weiter zum Secret-Gig im Soundgarden und überbrückten die Wartezeit auf den zweiten Auftritt des Doppelkonzerts im Kölner BüZe im Kino nebenan mit einem schlechten Clint Eastwood-Raumfahrer-Streifen. Ach ja, und für die Abiturzeugnisübergabe wählte ich als Einlaufsong „The Tyranny Of What Everybody Knows“.

Jetzt liegt neben dem Laptop ein Schmierzettel mit selbst mir kaum lesbar hingekritzelten Notizen zu „While A Nation Sleeps“. Von „dünn, hektisch, matschig“ (Heads Will Roll) über „ruhig, besonnen, authentisch“ (Phone Call), „belanglos“ (Save Yourself), „langsam, einfühlsam“ (Reason To Believe), „wütend, angepisst“ (Far From Over) bis „dankbar“ (Prey).

Boysetsfire

Boysetsfire

Der Knacks kam Ende 2002 und er kam schleichend. Angefangen mit der Anweisung des Stage Managers in der Bochumer Matrix, sofort die Videokamera auszumachen: „Hey man, it´s Sony Music!“, gefolgt vom enttäuschenden „Tomorrow Come Today“-Album und einem völlig verkorksten Auftritt beim Bonner Rheinkultur-Festival.

Dass ich zehn Jahre später nach Monaten mal wieder das Bedürfnis hatte, ein Album zu besprechen, hat – und das ist mir auch gerade erst während des Schreibens bewusst geworden – natürlich mit all den Songs und Erinnerungen von früher zu tun. Und ich würde gerade selbst sicherlich nicht darauf wetten, dass ein, geschweige denn mehrere Titel von „While A Nation Sleeps“ für mich irgendwann eine ähnliche Bedeutung wie „Vehicle“, „In Hope“ oder „My Life In The Knife Trade“ erreichen werden.

Aber wenn irgendein HC-Kid, der vielleicht sogar im März bei den Benefiz-Konzerten für das Jugendcafé Zwiesel in der Frauenauer Bürgerhalle gewesen ist, in 15 Jahren zurückblickt und ähnliche Erinnerung wie die im Text genannten zu aktuellen Songs wie „Closure“ oder „Never Said“ hätte, dann, ja dann wäre das doch mal ganz schön großartig.