Captain Planet SW

Captain Planet: „Was ist denn das eigene Ende?“

„Es steht noch einiges in NRW an“, lässt Gitarrist Benjamin Sturm wenige Tage vor Albumrelease durchscheinen. Und kaum ist das Album „Ein Ende“ eine Woche draußen, da schreit die Meute im AJZ Bielefeld aus vollen Kehlen: „Weiter, bis die Stimme aufgibt!“.

Captain Planet haben Startschwierigkeiten an diesem Abend. Jan Arne von Twistern hatte anscheinend mit einer Erkältung zu kämpfen, immer wieder sackt ihm tatsächlich die Stimme weg. „Entweder wir spielen jetzt instrumental weiter, oder jemand macht mal diese Lüftung aus“, fordert er. Irritiertes Publikum: „Warum singt denn der Typ nicht einfach bis die Stimme eben wech is?“. Als der ewig gut gelaunte unter den Kapitänen rettet Benni die Stimmung: „So ist das mit den Hamburger Bands, kommen runter und stellen komische Forderungen, nä?!“. Gelächter. Niemand hier würde ernsthaft Captain Planet ohne die überschäumende Stimme von Arne hören wollen. Die Leute sind von über 100km Entfernung gekommen, nachdem Captain Planet ihr Konzert gerade mal zwei Tage zuvor angekündigt hatten. Es lag halt auch ein Jahr Abstinenz zwischen dem letzten Bühnenauftritt in NRW und diesem Tag. Ganze vier Jahre sind vergangen seit der letzten Platte.

Engstirnige, biedere, deutsche Dorfromantik

Captain Planet SW 2„Ich glaube, das liegt daran, dass wir so große Perfektionisten sind oder zumindest versuchen, alles, was irgendwie Quatsch ist, raus zu holen, bevor wir so eine Platte fertig stellen“, überlegt Benni im Interview. Was sich seitdem verändert hat? „Ein paar Krisen sind ausgestanden, neue haben sich aufgetan und insgesamt schleift es sich so ein. Wir sind ja schon alles alte Säcke und da verändert sich nicht mehr so viel.“ Genau das ist das Thema vom neuen Album „Ein Ende“.

Für das Cover hat Basser Marco eine perfektionierte Reihenhaussiedlung in der Nähe seines Elternhauses aufgenommen. Mit dem bedrückenden Foto, „engstirniger, biederer, deutscher Dorfromantik“, wie Benni sagt, drücken uns Captain Planet noch vor dem ersten Ton die Frage auf: „Was ist denn das eigene Ende? Wo soll es hingehen?“ Statt der Sinnsuche nach dem Abitur oder der Selbstfindung während des langen Bildungsweges geht es auf dieser vierten Platte ans Eingemachte. „Wir alle sind gescheitert“ schreit Arne uns im Song „Tulpenfarm“ an. Für Benni eine Textzeile, die wir auch als positive Motivationshilfe auffassen dürfen. „Scheitern bedeutet: Ich hab irgendwas versucht und das hat nicht geklappt. Und jetzt? Bedeutet das, ich bin gescheitert oder bedeutet das auch immer die Möglichkeit, irgendwas Neues zu machen, mit dem man dann auch wieder scheitern kann oder auch nicht. Also das soll vielleicht auch einfach ein bisschen Mut machen.“

Der Konzertbesuch als Punkbarometer

Jeder, der an diesem Abend im AJZ Bielefeld mitschreit, hat laut Benni schon einmal etwas richtig gemacht. Die Antwort auf die Frage, ob man abends zu faul ist, noch einmal vor die Tür zu gehen, als Gradmesser für die eigene Spießigkeit. Denn auch bei Captain Planet steht das Punkbarometer nicht jeden Abend auf volle Fahrt voraus. Arne und Benni sind Lehrer, ein Spannungsfeld im Kopf. Sich im Berufsalltag nicht verbiegen, die gleichen Klamotten tragen, wie beim Konzert im AZ; die gleichen Themen setzen, die man auch in der Musik für wichtig hält. „Also das, was in der Schule in letzter Zeit viel auftaucht, sind so Geschlechterrollen, Gender-Mainstreaming-Fragen. Das sollst du nicht machen, das ist doch total schwul!“, da lassen sich mit Punk-Attitüde schon mal ganz neue Aspekte aufwerfen, neue Impulse setzen, hofft Benni.

„Wir können dann auch richtig auf die Kacke hauen“

Denn nur mit Musik machen, würde keiner der Captain Planets glücklich werden. Dem Druck, dass die neue Platte gut werden soll, wollen sie sich immer nur bis zu einem gewissen Grad aussetzen. Fünf Köpfe und Familien damit füttern zu müssen, scheint zum einen noch gar nicht in erreichbarer Nähe, zum anderen nicht wünschenswert. Ein Captain Planet Album soll entstehen, wenn die Songs bereit sind, gut klingen, auf ein Album wollen. Die Band hat keine Lust, sich trotz Sehnsucht nach der Couch auf die Bühne zu quälen. Sie leisten es sich, so selten zu spielen, dass sie dann wieder richtig Bock darauf haben „und können dann auch richtig auf die Kacke hauen.“

Ein Captain Planet-Konzert: Einen alten Freund wieder treffen

Schaffen Captain Planet auch im AJZ Bielefeld nach leichter Aufwärmphase. Dank Neu-Mitglied Basti (Matula) an der dritten Gitarre kann Arne irgendwann ohne Mikroständer umherturnen, freut sich über ein Mädchen in der ersten Reihe, das lauthals „mit 20 Zentimeter langen Nägeln“ ins Mirkofon brüllt und wirkt wieder druckvoll und leidenschaftlich. Damit beweist „Ein Ende“ live gespielt, dass es den drückenden, kompakten Sound, den es haben soll, voll entfaltet. Die Captain Planet-typischen „kleinen Fideleien“, wie Benni sie nennt, fügen sich in das restliche Set ein, als wäre nichts gewesen. Oder eben doch: Ein paar Jahre sind vergangen, aber für die Fans ist es mit Captain Planet wie für die Band selbst: „Also wir verstehen Captain Planet immer wie so einen alten Freund, den man dann nach vier Jahren wieder trifft und mit dem man sich dann sofort wieder gut versteht, weil man sich eigentlich gut kennt. So ein bisschen kann man das auch mit unserer Musik sehen. Viel verändert sich nicht, wir können auch nichts anderes. So lange uns das Spaß macht, was wir machen, werden wir das deshalb auch weiterhin tun.“

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