Car Seat Headrest im Luxor

Fast so geil wie Goo Goo Dolls: Car Seat Headrest live in Köln

Wer im Kölner Luxor auf Konzerte geht, der kann sich zwei Sachen sicher sein: Dass er*sie sich komplett wegschwitzt und dass vor der Bühne die gleichen Pappenheimer wie schon bei den letzten Konzerten stehen. Nicht so bei Car Seat Headrest.

Auf einem Car Seat Headrest-Konzert streitest du dich erstmal eine angemessene Weile mit deinen Freund*innen darüber, ob das nun eine Band oder ein Solo-Künstler ist. „Ja, aber bei Insta heißt Sänger Will Toledo doch @notcarseatheadrest!“ – muss also irgendwie ne Band sein. Und ist ja auch wahr, dass Will Toledo live um Gitarrist, Bassist und Schlagzeuger erweitert wird. Und um den für Entzückung sorgenden Boi, der abwechselnd mit Schellenkranz oder Cowbell am vordersten Bühnenrand erscheint. Wahr ist aber auch, dass Toledo seine ersten Songs mit 17 auf dem Rücksitz des Familienautos eingesungen hat. Dass er angefangen hat, alle Instrumente selbst einzuspielen. Und dass das aktuelle Album „Twin Fantasy“ als Band nur ein sehr sehr schönes Re-Recording des 2011er Werks Toledos ohne Band ist.

Everybody’s swinging their hips/everybody’s giving the waitress tips

Weil dieser Streit also nicht ganz beizulegen ist, kannst du dann dazu übergehen, erstaunt zu sein. In diesem Fall darüber, dass die Klima-Anlage im schlauchartigen Luxor so geil funktioniert und du eventuell dein gestreiftes Shirt zu abgeschnittener Jeans wieder trocken aus dem Laden heraustragen kannst. Aber auch darüber, dass das Car Seat Headrest-Publikum ein Gesellschafts-Querschnitt zu sein scheint. Da stehen in erster Reihe Obernerds mit Car Seat Headrest-Shirts von 2012 neben Teenies mit Car Seat Headrest-Shirts von 2018. Dahinter die Eltern der Kids. Und dann das übliche LoFi-interessierte Musikkritiker*innen-Volk. Und während die einen beim Twin Fantasy-Hit Bodys in Erinnerung an ihre eigene Zeit mit Gitarre auf dem Rücksitz der Eltern schwelgen, machen die anderen Luftsprünge, weil sie die Zeile „Everybody’s swinging their hips/everybody’s giving the waitress tips“ letztens erst auf der ersten Indie-Fete ihres Lebens abgefeiert haben. Ein Re-Release, das verbindet.

Geleierter Gesang zu noisy Background

Ich selbst bin Fan-Grrl der 2018er-Version und muss an dieser Stelle erwähnen, dass ich bei einer Full-Album-Show komplett ausflippen würde. Mehr nerdigen Zwischenansagen im Stile von „Is This The Chorus Yet?“, die Toledo auf dem Album als Gedankenfragmente einstreut und so das Ganze fast zu einem Konzeptalbum bastelt, würden mich auch live in Verzückung versetzen. Stattdessen feiere ich, wie das gesamte Publikum sich  in ein College-Rock-Feierndes Hüpf-Publikum verwandeln lässt, sobald Toledo die Zeile „Drugs are better with Friends“ (2016) ungefähr zum achten Mal wiederholt hat. Ekstase duch Wiederholung. Geleierter Gesang zu noisy Background. Und dann diese Momente zum Arme in die Luft reißen und sich endlich wieder den 90ern nah fühlen: America und Drunk Drivers/Killers haben live diese Goo Goo-Dolls Momente. Wenn alle Steigerung ihren Höhepunkt findet. Du irgendwie über die Schlechtigkeit der Welt hinaus bist und all das Grauen feiern willst. Apokalyptisch und herzergreifend zugleich. Vielleicht fängst du jetzt sogar ein bisschen an zu schwitzen.