Chuck Ragan

Chuck Ragan live in London 2015

London ist groß. Und wenn man wenig Zeit hat, guckt man sich nur ein paar Sachen an – oder: nur ein Konzert. Und wenn Chuck Ragan mit Tim Vantol und Skinny Lister in der Stadt ist, fällt die Entscheidung auch nicht schwer.

Chuck Ragan + Skinny Lister + Tim Vantol in London, Scala /// 26.03.2015

Doors open ist um 7pm. Die Schlange vor dem Laden ist sehr überschaubar. Aber scheinbar gehen die Menschen in London etwas anders auf Konzerte: Eine halbe Stunde später haben sich rund 100 Leute direkt vor der Bühne gesammelt. Das Loch, das da sonst in Deutschland ganz vorne klafft, entsteht erst dahinter. Und ein paar versprengte der Frühankömmlinge stellt sich auf die rund zwei Meter hohen „Emporen“, die die Fläche vor der Bühne einfassen. Was direkt bei den ersten Songs auffällt: Engländer können – genau wie viele deutsche Fans – auch nicht gescheit mitklatschen, wenn keine fette Bassdrum den Takt vorgibt. Und Tim Vantol steht hier alleine auf der Bühne. Aber: Er nimmt die Leute mit Songs wie „Apologies, I Have Some“ schnell mit. Bei „Nothing“ animiert er die Anwesenden zum Mitsingen: „Ich bin nur ein kleiner Holländer, und wenn ich heute auf dem Heimweg auf der Fähre einen Drink nehme, möchte ich sagen: ‚Die Leute in London haben cool mitgesungen.’“ Und weil die Zeile „Nothing is what it seems“ dann auch für Engländer zu simpel ist, bringt Tim Vantol ihnen den Satz auch gleich auf holländisch bei.

Tim Vantol bringt Leuten in London singend holländisch bei #timvantol #london #scala #latergram

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Zu den anschließenden Skinny Lister hat sich der Laden gut zur Hälfte gefüllt. Auffallend: Der Altersschnitt ist erwartbar Ende 20, Anfang 30 – aber neben ganz jungen Fans sind hier definitiv überdurchschnittlich viele Leute mindestens Ü50. Und die haben auch klassische Kompaktdigitalkameras in der Hand (und wahrscheinlich ein Nokia 3310 in der Tasche). Sängerin Lorna kommt mit einem Tonkrug auf die Bühne, der irgendein Getränk enthält und der während des Sets einfach durchs Publikum gereicht wird. Ansonsten kommt so ein Mix aus Pogues, Flogging Molly und East Cameron Folkcore natürlich gut, wenn viele Menschen singen und gleichzeitig mit Quetschkommode, Mandoline, Gitarre und Tonkrug über die Bühne wüten.

Bei Chuck Ragan ist der Laden dann mit rund 700 Leuten endgültig voll – die meisten Leute trudeln hier offenbar einfach über den Abend verteilt ein, statt früh da zu sein und draußen zu stehen. Bei den Getränkepreisen auch nachvollziehbar. Und Chuck ist – sagen wir mal – gut drauf. Er bedankt sich unendlich oft bei den Fans, dass sie ihm und Hot Water Music schon so lange treu bleiben. Er stellt in 20 Minuten zwei Mal seine komplette Camaraderie vor. Er spielt ein Cory-Branan-Cover, dann alleine auf der Bühne „Drag My Body“ und direkt auf Zuruf auch noch „Bleeder“ von Alkaline Trio. Dann kündigt er auch noch an, dass Hot Water Music an neuen Songs arbeiten. Nach und nach kommt die Camaraderie zurück auf die Bühne. Ein junges Punker-Pärchen grölt hinten laut mit, alte Männer mit grauen Haaren zücken verzückt ihre Kompaktkameras, die Treppe zwischen Konzertraum und einer Etage tiefer liegenden Bar wird zunehmend rutschig, die Getränkepreise zunehmend egaler. Und nach gut 80 Minuten stellt sich die Erkenntnis ein, dass sich so ein Konzert immer lohnt – egal in welcher Stadt auf der Welt.

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