Das City-Light-Thief-Tourtagebuch

City-Light-Thief-Tourtagebuch Teil 2

City Light Thief sind mit Hey Ruin weiter unterwegs. Und nach dem ersten Teil, über den Sänger Benjamin Mirtschin hier berichtet, geht’s jetzt mit dem ausgiebigen City-Light-Thief-Tourtagebuch hier weiter.

Herzlich Willkommen zum zweiten Teil des City Light Thief Tourtagebuchs für GETADDICTED. Vom 14.04. bis 23.04. waren wir zusammen mit HEY RUIN auf großer Fahrt quer durchs Land und haben dabei 9 Konzerte gespielt. Das hier haben wir unterwegs erlebt. Die Texte sind von Benni, die Fotos von Sebastian Igel.

18.04. BONN, BLA

City Light Thief in Bonn, Foto: Sebastian Igel

City Light Thief in Bonn, Foto: Sebastian Igel

Am Ende des letzten Eintrags gingen gerade die Türen in Bonn auf, und genau wie ich es mir erhofft hatte war der Abend großartig.

Es ist immer gut, im BLA zu sein. Es ist ein Ort, an dem ich immer wohl fühle, ob ich nun als „Künstler“, Konzertgast oder zum Biertrinken dort bin (was, zugegeben, viel zu selten ist). Das BLA wird von Valeska mit Herz & Haltung geführt, und das hat sich auch weit über die Stadtgrenzen hinaus herumgesprochen. Es hat einfach seinen Grund warum viele viel zu große Bands immer wieder Bock haben im BLA zu spielen. Obwohl es keinen Backstageraum gibt, die Bühne klein ist, der Besucherraum eng und der Sound auch eher schwierig. Aber das alles ist sowas von egal, weil der Vibe in diesen vielleicht 60qm Bonn so richtig ist. Es ist so gut, dass das BLA sicht trotz aller Widrigkeiten hält. Manchmal gewinnen doch die Guten!

Es ist der Dienstag nach Ostern, wir sind gut ausgeruht und überpünktlich da. Johannes schließt uns auf und wir quetschen das ganze Equipment auf die kleine Bühne. Wie von Zauberhand passt aber alles drauf und ich finde der Bühnenaufbau sieht heute irgendwie besonders sexy aus. Wunderbar.

City Light Thief in Bonn, Foto: Sebastian Igel

City Light Thief in Bonn, Foto: Sebastian Igel

Ein weiterer Riesenpluspunkt am BLA ist das Catering, das es immer in der direkten angrenzenden „Frittebud“ gibt. Eine megatop DIY-Burgerbude, die auch Veggies happy macht. Ich hab mich eigentlich die ganze Tour gefreut, heute dort zu essen. Als wir aber mit Soundcheck und so weiter durch sind ist es bereits kurz vor Einlass: und wenn ich 60-90 Minuten später schon auf die Bühne muss, kann ich auf jeden Fall nichts mehr essen. Schweren Herzens entscheide ich mich also dazu, heute auf das tolle Essen zu verzichten & bestelle halt noch ein Bier.

Es sind wieder viele Freunde gekommen: Simon von LYGO ist da, später kommt auch sein Bandkollege Daniel noch dazu, Ju ist gekommen, Kaan, der uns schon viele Jahre begleitet, und und und. Als wir nach einem weiteren tollen Konzert von HEY RUIN auf die Bühne gehen sind etwa 50 Leute im Laden, was ziemlich die perfekte Füllung für das BLA ist. Ich finde es wirklich mega gut, dass Leute einfach an einem Dienstagabend auf Konzert gehen. Man kennt sich ja selbst an Diesntag Abenden, wenn man wie in die Ecke geworfen zu Hause hängt.

Ein bisschen befremdlich finde ich es allerdings, dass nochmal gut 30 Leute lieber draußen in der Schweinekälte sitzen um irgendwelchen Fußball zu gucken. Ich glaube Champions League. Aber egal: gegen Fußball hatte Musiksubkultur noch nie eine Chance, und sich da jetzt drüber zu ärgern bringt ja auch nichts.

City Light Thief in Bonn, Foto: Sebastian Igel

City Light Thief in Bonn, Foto: Sebastian Igel

Es macht sehr Spaß heute zu Spielen: durch unsere 2-Reihen-Aufstellung habe ich sogar verhältnismäßig viel Platz herumzuspringen auf der Bühne, durch den „Heimvorteil“ sind ein paar Leute da, die unsere Texte mitsingen können. Bock.

Ein bisschen emotional wird es dann am Ende des Abends: heute ist der letzte Tag mit Stefan, der uns die letzten 5 Tage als Mercher, joyful spirit und all around good guy begleitet hat. Danke für deine Zeit & Gesellschaft, du wunderbarer Mensch. Da Aline, die uns eigentlich immer auf Tour begleitet in letzter Zeit, aus gesundheitlichen Gründen nicht mitfahren kann, haben wir einen Platz frei.

Da wir gerne in einem vollen Bus unterwegs sind fragen wir also rum, wer denn Lust hat ab morgen mit uns auf Tour zu gehen: Nils, der schon eine Show als Mario-Ersatz mit uns spielte, ist beim Konzert und hat Zeit und Bock und entscheidet sich noch abends bei der Show, ab morgen mittag mit uns auf Tour zu kommen. Er soll uns noch unzählbare Stories auf dieser Tour liefern, und das Datenvolumen unserer Tour-WhatsApp-Gruppe im Alleingang verdoppeln.

Nach dem Einladen gibt es noch ein paar Getränke und fabelhafte Gespräche. Ich werde von Valeska in ihren Fußballverein 3. FC Bonn eingeladen: ein Verein, der strikt für Leute ist, die kein Fußball spielen können. Passe ich also gut rein, das überlege ich mir mal! Über die Anlage läuft Trip Fontaine & damit wurde wieder so ein perfekter BLA-Abend abgerundet.

Ganz beseelt geht’s nach Hause, ab ins Bett, morgens Kiddie in den Kindergarten bringen.

19.04. TRIER, LUCKY’S LUKE

Wir treffen uns am Mittag bei Marios Wohnung, wo uns Tobi und Nils mit dem Bus aufsammeln. Nils springt mit einem breiten Grinsen aus dem Bus, öffnet die Seitentür und zaubert einen etwa 1m großen Riesen-Teddybär hervor. Den Teddy haben die zwei auf der Straße gefunden, er ist total eklig und dreckig. Aber nicht zu eklig um nicht mit ihm harte Poser-Band-Fotos zu machen. Der Bär wird alleine in Ehrenfeld zurückgelassen und wir swingen gen Süden.

Kurz darauf kommen wir in Trier an: Lucky’s Luke ist eine Rockkneipe, gar nicht so unähnlich dem BLA, auch hier spürt man, dass die Leut die hier arbeiten eigentlich sehr gerne da sind. Der Backstageraum ist ein selbstgebauter Kinosaal mit großer Alien-Figur unter’m Dach. Die Bühne ist ein seitlich verlängertes Show-Podest, das Schlagzeug steht auf einem Riser in der linken Ecke und thront dort über allem.

Der heutige Abend soll den Besucher-Tiefpunkt der Tour markieren: obwohl HEY RUIN ursprünglich zu drei Fünfteln aus Trier kommen, erscheinen nur knapp 20 Leute zum Konzert, der Konzertraum fasst aber sicher locker das zehnfache davon. So ein Mittwoch Abend scheint in Trier hartes Pflaster zu sein, zumindest bis 23 Uhr. Dazu gleich.

City Light Thief in Trier, Foto: Sebastian Igel

City Light Thief in Trier, Foto: Sebastian Igel

Weiterhin erschwert wird die Bildung einer richtigen Bindung zum Publikum dadurch, dass mitten im Konzertraum eine Bar steht, um die man mit Barhockern gemütlich sitzen kann. Also spielen wir als erste Band für etwa 10 Leute, die sich vor die Bühne stellen. Der Rest sitzt biertrinkend an der Bar und nickt maximal wohlwollend, oder regt sich gar nicht. Mein nicht ganz ernst gemeinter Versuch einen Circle Pit um die Bar zu organisieren scheitert leider. Aber mich ärgert das alles gar nicht: es ist ein verdammter Mittwoch Abend, wir waren seit etlichen Jahren nicht mehr in Trier. Ich bin ehrlich froh über jeden Menschen, der zuhört. Ein bisschen lustig ist, dass vom heutigen Abend gleich zwei Livereviews im Internet erscheinen: von den anderen viel volleren Shows gibt es nicht einen Bericht.

Als das Konzert zu Ende ist, wird es urplötzlich absurd: in dem Moment, als wir alle Backline verladen haben, ist der Laden auf einmal bumsvoll. Gut 300 Studenten quetschen sich in Lucky’s Luke und tun was sie am besten können. (Alkohol.)

Die Luke ist heute der letzte Halt eines „Ersti-Pubcrawls“, was so viel bedeutet dass die neuen Studenten in der Stadt eine Kneipentour durch ihre neue Heimat machen um sich gegenseitig sowie Trier kennenzulernen. Da die Luke der letzte Halt ist, sind die meisten Kids schon stark alkoholisch lädiert. Drei Typen pennen mit dem Kopf auf einem Tisch, nur Minuten nachdem ihnen Einlass gewährt wurde, manche brabbeln nur noch unverständlich an der Theke. Cocktails und Alkopops finden zahlreiche Abnehmer. Aber ich will mich gar nicht lustig machen, we’ve all been there.

City Light Thief in Trier, Foto: Sebastian Igel

City Light Thief in Trier, Foto: Sebastian Igel

Wir beobachten das Treiben ein wenig: ich bin irgendwie fasziniert, denn als Nie-selbst-Student-Gewesener habe ich das Zusammentreffen von so vielen Gerade-Abiturienten und Zivildienstlern noch nie richtig in echt gesehen. Unabstreitbar liegt eine sexuelle Spannung in der Luft, alle Jungs und Mädels hier sind ein bisschen aufgegeilt und haben Lust auf Körperkontakt (In unserer Tour-WhatsApp-Gruppe drücke ich mich weniger gepflogen aus: „Die sind doch alle nur zum Ficken hier!“) Ach, aber sollen sie doch, hihi.

Wir widerstehen der Party, denn die morgige Fahrt ist lang. Nach 2 Getränken lege ich mich in die Bandwohnung direkt über Lucky’s Luke und schlafe trotz der massiven Disco unter mir sofort ein. Trotz der wenigen Besucher, irgendwie ein guter Tag gewesen!

20.04. NÜRNBERG, DESI

Schon gegen 10 Uhr sind wir wieder auf der Straße: wir fahren heute nach Nürnberg, dort haben wir noch nie gespielt. Wir wollen früh in der Stadt sein, weil Bringos tolle Frau Julie seit etwa einem halben Jahr hier wohnt, der Arbeit wegen.

City Light Thief in Nürnberg, Foto: Sebastian Igel

City Light Thief in Nürnberg, Foto: Sebastian Igel

Ich selbst war erst einmal in meinem Leben in Nürnberg, vor etwa sechs Jahren: ich war wiederum der Arbeit wegen bei Rock Im Park am Nürnberger Zeppelinfeld. Dort musste ich einen Transporter von der Sixt Filiale etwa 800m eine gerade Straße hinunter in den Backstage-Eingang des Festivals fahren. Problem war nur, dass wir am Abend vorher noch bei Rock Am Ring waren, und da gab es eventuell das ein oder andere kostenlose Getränk zu viel. Mit zu viel Restalkohol holte ich also den Wagen ab, und nachdem ich die Hälfte der 800m absolviert hatte, wurde ich von der Polizei angehalten. Wir sind ja schließlich in Bayern. Dann: Röhrchen pusten, ab auf die Wache, 1 Monat Führerscheinentzug, 2 Punkte, 900€. Danke Bayern. Danach ein Höllentag bei Rock Im Park.

Meine bisher einzige Erfahrung mit Nürnberg war also eher „Kategorie geht-so“, es konnte heute also nur besser werden. Und das wurde es auch! Wir kommen bei Julie an, sie freut sich sehr in ihrem Exil so viele Gesichter aus der Heimat zu sehen – und nicht zuletzt ihren Ehemann, der glücklicherweise bei uns Bass spielt. Praktisch. Und wir freuen uns, heute in einer wunderschönen Altbau-WG zu schlafen. Ach, toll. Wir trinken ein lokales Bier und müssen dann auch schon wieder in die Desi.

Als wir dort ankommen sind wir richtig sprachlos (und nicht nur, weil Tobi gleich zwei Mal am Eingang vorbeifährt, hahaha), denn das Gelände der Desi (man sagt „die Desi“, ich weiß auch gar nicht so genau warum.. Ich mach einfach mit!) ist wirklich wunderschön. Ein Biergarten mit bunten Gedöns in der Luft, ein Graffitipark, Bäume und eine Open Air Bühne begrüßen uns, dazu scheint die Sonne. Ach, Romantik. Auch Fabi, unser Veranstalter in der Desi ist ein sehr netter und engagierter Typ, und zum wiederholten Male auf dieser Tour denke ich: soviel Entgegenkommen haben wir doch nicht verdient!

Als Fabian dann die Snacks zum Get-In aufbaut, ist alles vorbei: gleich sieben (7 ! ! !) selbstgemachte vegane Aufstriche serviert er uns, einer leckerer als der andere. Es mag unnachvollziehbar klingen, aber nach so einer Woche auf Tour, wo das schrottige Autobahnessen an jeder Ecke lauert, sind sieben vegane Aufstriche das Paradies. Ab jetzt kann heute nichts mehr schief gehen, das weiß ich.

Der heutige Soundmann Ben ist ebenfalls sehr cool und fix, Aufbau und Soundcheck vergehen wie im Flug. Das ist auch gut so, denn bei der heutigen Show sind gleich zwei weitere Bands dabei. Um sich nicht gegenseitig zu schaden hat Fabian die Show mit der von der Konzertgruppe Armed With A Mind zusammengelegt: die wollten heute abend Gloom Sleeper und Villages in einem anderen Laden veranstalten. Und damit sich beide Shows keine Zuschauer klauen, wurden beide Bands zusammengelegt. Das heißt zwar für alle Bands kurze Sets, aber auch mehr Besucher. Ein Plan, der aufgehen sollte.

City Light Thief in Nürnberg, Foto: Sebastian Igel

City Light Thief in Nürnberg, Foto: Sebastian Igel

Nach einem kurzen Spaziergang alleine durch die Umgebung gibt es ein weiteres tolles Essen (Curry, viel Koriander – Koriander ist das Beste), und dann beginnen Gloom Sleeper. Die Band spielt recht düsteren Post-Punk mit tiefer Joy Division Stimme, aber irgendwie auch ein bisschen Rock’n’Roll und Zappelindie zwischendrin. Toll ist, dass hier irgendwie der Bassist der Band die Hauptrolle übernimmt, die Songs trägt, den Sound federführend leitet. Das gibts selten. Danach sind Villages aus Dresden dran, die eine Armada aus Synthesizern, Orgeln, Laptops, Glockenspielen und was weiß ich auf die Bühne räumen. Das Konzert beeindruckt mich wirklich sehr, aber dazu morgen mehr.

Die Konzertzusammenlegung hat zur Folge, dass wieder gut 50 Leute zum Konzert kommen, obwohl keine der Bands wirklich schonmal in Nürnberg gespielt hat. Ich freue mich wieder über die Maßen darüber. HEY RUIN spielen wieder sehr gut, und jeden Abend verliebe ich mich mehr. Dann sind wir als „Headliner“ dran. Ich wäre fest davon ausgegangen, dass die Leute an einem Donnerstag Abend um 23:00 dann langsam auch mal Bock hätten nach Hause zu gehen, Energie tanken fürs Wochenende und so. Aber soweit ich das überblicken konnte blieben alle von Anfang bis Ende da. Ein Kerl im Publikum hat auch ein altes Shirt von uns an. Wie kommt das nach Nürnberg? Wie schön.

Heute wurde zum ersten (und einzigen) Mal ein „Wunsch“ von unserem „Hospitality Rider“ erfüllt: es gibt eine Flasche Wein. Da das Wetter gut ist, gibt’s Weißen. Darüber freue ich mich, die Flasche Wein ist eine willkommene Abwechslung nach den Hektolitern Bier, die meine Kehle in den letzten Tagen abspülen musste. Auf der Bühne gibts heute also Weißwein, den ich aber großzügig mit Sprudelwasser mische. Weißweinschorle als Bühnendrink. Punk Adé, Hahahahahaha. Das Konzert bringt viel Spaß, ich glaube das Publikum hat auch relativ viel getrunken; was kurz vor Mitternacht auch nur richtig ist, wir können etwas Bewegung in die Menschen bringen.

Später sind wir dann wieder bei Julie und wollen eigentlich noch das letzte Bier des Abends trinken, doch es passiert etwas, dass mich fast aus der Bahn wirft: ich hab das zweite Mal in meinem Leben überhaupt wirklich aggresives Sodbrennen. Ganz nerviges Gefühl. Da war wohl einiges an Säure im Wein. So verschenke ich mein letztes Bier und gehe mit Schmerzen ins Bett. Doof.

Ich träume sehr schlecht: in meinem Traum sind wir Vorband für Heisskalt in einem riesig großen Laden, größer als alles was wir jemals vorher gespielt haben, so á la 2.000 Leute. Aber als wir dran sind, vergesse ich fast alle meine Texte. Ich stammel mir Song um Song einen zusammen, versuche meine Fehler mit „lustigen Sprüchen“ auszubügeln, aber es bringt nichts. Nach vier Song schmeißt Tobi seine Gitarre weg und verlässt die Bühne, der Rest der Band folgt bald, wütend auf mich, weil ich unsere große Show verrissen habe. Richtig schöner Albtraum. Als ich aufwache brauche ich locker 10 Minuten um zu realisieren, dass das gerade ein Traum war. Dream-Analyse this, Fucker.

Ich gehe, nachdem ich langsam realisiere, dass meine Band mich vielleicht doch nicht so sehr hasst wie angenommen (Fingers crossed) mit Bringo und Julie Frühstück einkaufen. Nach 1+ Frühstück meldet sich das Sodbrennen zurück. Ich bin genervt, gehe zur Apotheke und besorge mir ein Mittelchen. Es wirkt, bis zum Ende der Tour soll sich die Magensäure nicht mehr bemerkbar machen. Gut so!

Weil die Fahrt nach Regensburg heute sehr kurz ist, machen wir bei allerbestem Wetter noch einen 2-stündigen Spaziergang durch das arschschöne Nürnberg. Wir krabbeln bis oben auf die Nürnberger Burg, genießen den Ausblick und atmen den Kater weg. Supergut.

21.04. REGENSBURG, PRIVAT

City Light Thief in Regensburg, Foto: Sebastian Igel

City Light Thief in Regensburg, Foto: Sebastian Igel

Die zweite Show in Bayern steht an. Regensburg: weiß ich nichts von, war ich noch nie, haben City Light Thief noch nie gespielt. Nach einer nur knapp 90-minütigen Fahrt kommen wir am heutigen Venue an. Das wirkt dubios, denn nach der Abfahrt von der Schnellstraße fahren wir erst durch ein Industriegebiet, dann über einen Feldweg, dann auf Privatgelände der Deutschen Bahn, nur um dann am Rande eines Manövriergleises den heutigen Laden zu finden: eine offiziell dichtgemachte Halle zwischen zwei Gleisen, in der bis 2015 Konzerte und Partys stattfinden durften. Wie es immer mit schönen Dingen ist, wurde der Laden mit relativ fadenscheinigen Gründen geschlossen. Ein bisschen so wie unser schöner Privatclub in Köln vom Style, das Ganze.

Es ist unvorstellbar dass hier jemand auf ein Konzert kommen wird, aber wir finden schnell heraus, dass wir gar nicht so weit weg von der Stadt Regensburg sind, nur von der komplett falschen Seite kamen. Also besteht doch noch Hoffnung!

Der Laden zwischen den Gleisen ist riesig. Hier passen locker 300 Leute rein. Nachdem wir durch den mit LED-Leuchten behangenen Eingang kommen, erblicken wir über der großen Bühne eine riesige Glühbirnenkugel, die in hypnotischen Rhythmen und verschiedenen Farben leuchtet. Das erste Bier wird uns nach weniger als 60 Sekunden in die Hand gedrückt. Michi und Simon vom Moloch Kollektiv sind sehr herzliche Gastgeber, erzählen uns von der Geschichte dieses Ladens und der Regensburger Szene. Ich begreife, dass so ein „freier Raum“ in Bayern echt nochmal viel mehr wert ist als in Köln oder sonst wo, weil hier das Gesetz einfach härter durchgreift, weil Subkultur hier einfach noch massiver eingeschränkt wird. Alles ist super, nur unendlich kalt ist es. Und es wird und wird nicht wärmer, egal wieviel wir trinken.

City Light Thief in Regensburg, Foto: Sebastian Igel

City Light Thief in Regensburg, Foto: Sebastian Igel

Leider bringt auch die Lavalampe im Backstageraum nichts. Aber moment mal: Lavalampe? Genial! Seit Jahren nicht mehr gesehen sowas. Draußen ist es tatsächlich wärmer als drinnen, also tigern wir durch das Umland, das genauso aussieht, wie Johnny Cash Songs klingen. Nils entdeckt die Unterkunft von Hartdrogen-Abhängigen im Umkreis, ich passe aber bei der Begehung.

Heute spielen die Villages wieder mit. Wie schon gestern fasziniert mich das Konzert: die Band aus Dresden ist zu dritt und spielt eine fantastisch-verquere Mischung aus Battles, den Instrumentalpassagen von Trip Fontaine und Civil Civic (eine Band, die ich erst seit einem guten Jahr kenne, hiermit aber sehr ans Herz legen will). Verschleppte Rhythmen, verspulte Signale, immer wieder verrückte Ausbrüche. Wirklich sehr zu empfehlen. Auch Axel von Pike Records, der die Band begleitet, ist ein ganz feiner Kerl. Ich hoffe wirklich sehr, dass sich unsere Wege bald wieder kreuzen!

City Light Thief in Regensburg, Foto: Sebastian Igel

City Light Thief in Regensburg, Foto: Sebastian Igel

Wir spielen heute in der Mitte, die Regensburger Punks haben ziemlich Bock. Es sind schon wieder über 50 Leute da. Das ist genial! Nach 2-3 Songs ist mir endlich so warm, dass ich den Pullover loswerden kann und mir zum ersten Mal am heutigen Tag nicht kalt ist. Wir sind alle leicht angeschlagen: Bringo hat seit ein paar Tagen nur noch manchmal Stimme, auch Tobi krächzt ziemlich. Auch bei mir zeigen sich natürlich Abnutzungserscheinungen in der Stimmqualität, aber insgesamt bin ich von der Performance meines Körpers eigentlich ganz begeistert: nicht bei einer Show habe ich das Gefühl, dass gar nichts mehr geht. Auch mal positiv von seinem Körper überrascht werden ist ja wirklich mal eine Seltenheit.

HEY RUIN haben anschließend einen richtig guten Sound: heute stehen die Vocals sehr im Vordergrund, so dass man die wenigen übrigen Lücken im Textverständnis sehr gut auffüllen kann. Es ist inzwischen ungefähr Mitternacht, doch für die Nacht ist noch kein Ende in Sicht.

Nach den Konzerten gibt es ungezählte Pfeffi/Berliner Luft-Runden, schöne Gespräche mit den Villages, Axel und Michi und Simon. Ans Einladen denkt noch keiner so wirklich. Vor der Tür zündet jemand eine Feuertonne (nennt man die so??) an, und irgendjemand anders schmeißt Farbdosen hinein, die kurz darauf explodieren, was ein Loch in die Seite der Feuertonne sprengt. Little Armageddon mitten in Regensburg. Alle paar Minuten knallt es, und wir fühlen uns richtig sicher. Zum Glück kann ich kaum noch klar denken, es ist echt schon spät.

Irgendwann um 3 oder 4 Uhr nachts liege ich auf einer zu kleinen Couch in einer WG in Regensburg-City, die anderen sind nochmal raus an die Tanke für Snacks. Normalerweise halte ich ja immer lange durch, aber heute geht nichts mehr. Roman und Nils halten es fast bis 6 Uhr aus and are talking the night away. Maximum Respect.

22.04. KASSEL, GOLDGRUBE

City Light Thief in Kassel, Foto: Sebastian Igel

City Light Thief in Kassel, Foto: Sebastian Igel

Oh fuck, der letzte Tag, die letzte Show ist angebrochen! Wegen der langen Nacht vorher dauert es bei allen, bis wir endlich startbereit sind. Ich bin stolz auf mein betrunkenes Ich, eine Wasserflasche wartet neben meinem Schlafplatz auf mich.

Als wir unsere Übernachtungsmöglichkeit verlassen haben, den Schlüssel natürlich in der Wohnung gelassen, fällt Nils auf, dass er seinen Haustürschlüssel nicht finden kann. Etwa zur gleichen Zeit erhält er die Nachricht dass er sein komplettes Datenvolumen aufgebraucht hat und vorerst nicht mehr aufladen kann. An seiner Stelle hätte ich die schlechteste Laune der Welt, doch Nils schafft es irgendwie gut drauf zu bleiben. Nicht schlecht. (Nils findet seinen Schlüssel später doch wieder… in seiner Jackentasche. Hihi.)

Ich pushe unseren Bus gute 4 Stunden in Richtung Kassel. Die letze Show unserer Tour. Unser Get In ist heute erst 18 Uhr, und da wir mit viel Stau gerechnet haben, der aber ausbleibt, sind wir fast 2 Stunden zu früh in Kassel. Na sowas. Wir latschen etwas durch die Umgebung, aber man muss wirklich mal sagen: viel geht da ja nicht los, in Kassel. Auf der Suche nach etwas zu Essen finden wir das „glückliche Bergschweinchen“ um die Ecke vom Venue. Ein von außen sehr unscheinbarer veganer Imbiss, in dem wir glücklicherweise noch die letzten Plätze ergattern. Top 1A veganes Essen.

Anschließend können wir endlich rein die in die Goldgrube, ein Club nur unweit vom „Haus“, wo wir 2010 auf unserer ersten Tour überhaupt (mit Andorra Atkins, Luzifer habe sie selig!) das erste und letzte Mal in Kassel spielten. Die Show bleibt uns in allen in Erinnerung, weil sie mit nur 2 Zahlenden Gästen zu den absoluten Minusrekorden unserer Laufbahn gehört. Heute abend kann also eigentlich wirklich auch nur wieder besser werden.

Die Goldgrube ist ein kleiner Kellerclub, ein bisschen verwinkelt, aber irgendwie sehr gemütlich. Die heutige Show sollte eigentlich von einer Dame veranstaltet werden, die, wenn ich es richtig erinnere, kurz vorher kurzfristig nach Leipzig gezogen war. Ihr soziales Umfeld war so cool, die Show nicht abzusagen, sondern wenige Tage vorher einfach zu übernehmen. So begrüßen uns Julian und Sven, die zwar erst seit wenigen Tagen wissen dass diese Show heute stattfindet, und dass sie sich darum kümmern müssen, aber sich trotzdem beste Mühe geben, alles rund ablaufen zu lassen. Ich glaube weder uns noch HEY RUIN kennen sie wirklich, aber sie meistern die Aufgabe wirklich sehr gut.

City Light Thief in Kassel, Foto: Sebastian Igel

City Light Thief in Kassel, Foto: Sebastian Igel

Ein letzter Soundcheck, ein ziemlich absurdes Mini-Spontan-Interview vor der Show (der geneigte Google-Freak findet es recht einfach), ein Gin Tonic zum Warmwerden, eine Runde Peffi zum Anheißen, und die letzte Show für diese Tour beginnt. Schon wieder sind etwa 40-50 Leute gekommen, was einfach riesig ist. Das Besondere heute aber: vor der Bühne stehen 4 oder 5 mir völlig Unbekannte, die fast jede Zeile mitsingen können. Dieser Umstand, diese Energie die uns entgegen geschleudert wird, hilft uns allen dabei nochmal die letzten Reserven zu aktivieren. Wir schreien heiser, wir singen vielleicht nicht ganz Gerade, aber wir sind inzwischen wirklich in unserem Element. Und so blöd das klingt, ich bin irgendwie stolz auf unsere Band, dass wir diese neun Shows am Stück ohne größere Supergaus hinter uns bringen konnten.

Danach: ein vorerst letztes Mal HEY RUIN jede Zeile entgegen schreien. Ich werde diese Band, aber vorallem diese Menschen in den nächsten Tagen sehr vermissen. Ich vermisse die unglaublich herzliche, unkomplizierte Art von Schlagzeuger Jan, ich vermisse den bei uns inzwischen jede-Zeile-mitsingenden Jens, der jeden Tag mit neuen Black Metal Fakten begeistert, ich vermisse einen täglich gutgelaunten Ernie, der jedes Mal ohne Schuhe aus dem Tourbus hüpft und auch sonst gerne kein Schuhwerk trägt, ich vermisse den staubtrockenen perfekten Humor von Sänger Seb, auf den ich jeden Tag mindestens einmal hereinfalle, ich vermisse das tägliche „MAMMA! PAPPA! OMMA! OPPA!“ Geschrei von André bei jedem Soundcheck, und die Gespräche mit ihm, wie man dieses ganze Band-Dasein mit Kindern hinbekommt.

Alle fünf einfach ganz feine Kerle, die alle aus genau den romantischen Gründen wie wir Musik machen. Die alle auch genau wissen, dass wir keine Rockstars mehr werden, aber auch gar nicht mehr werden müssen, wenn wir wissen dass so eine Tour auch so möglich ist. Und ich möchte mich einfach nochmal im Namen unserer Band bei HEY RUIN bedanken. André hat uns für eine gemeinsame Tour angefragt, die meisten Shows gebucht, sich um Poster und alles gekümmert. Dankbar, demütig, verknallt.

So, sorry, kurzer Kitschausflug, jetzt wieder knallharter Touralltag: Saufen, natürlich.

Um Mitternacht hat Seb von HEY RUIN Geburtstag, es gibt wieder Schnäpse und was weiß ich was ich noch alles trinke. Jemand kauft bei uns Merch und bezahlt es per PayPal (It’s the freaking future!!), der Abend ist eine tolle feuchtfröhliche Veranstaltung. So wie glaube ich jeder letzte Tag auf einer Tour, nachdem der letzte Ton verklungen ist.

Letzer offizieller Programmpunkt ist die Kneipe „Mutter“, gleich um die Ecke. Hier kehrten wir schon 2010 ein und vergaßen es nie. Dieses Mal ist es genauso: wir lernen die uns bis dato Unbekannten vier Fans unserer Band kennen, die auch zum Absacker hier gelandet sind. Franz & Co. erzählen mir, dass sie City Light Thief schon jahrelang verfolgen, und uns sogar als Einfluß für ihre eigene Band nennen. Bei soviel Honig ums Maul wird mir ganz wohl: egal wie kommerziell unerfolgreich wir unterm Strich sein mögen – wenn dir jemand erzählt, dass ihn deine Musik maßgeblich beeinflusst hat und im Leben begleitet, ist das das Allergrößste, was man sich vorstellen kann. Das so etwas genau am letzten Abend einer so schönen Tour passiert, ist fast schon filmreif. Geil.

Es gibt die letzten Getränke auf Sebs Geburtstag, lange Umarmungen zwischen den Bands, ich glaube es wird auch geküsst. (Nur zwischen Bandmitgliedern, keine Sorge!). Wir verabschieden uns in die Nacht, und die Tour ist vorbei.

Nach einer kurzen Nacht brechen wir auf gen Köln. Der im letzten Tagebuch-Teil bereits eingeführte Buchsencount steigt auf 3: meine Unterhose von gestern ist komplett zerfetzt. Hmm, vielleicht doch zuviel rumgehampelt.

Dann geht leider alles viel zu schnell: ausladen bei uns am Proberaum, anschließend HEY RUIN beim Ausladen in ihren Proberaum helfen, Mietwagen zurück bringen. The trip was over, we survived.

10 Tage Rock’n’Roll Traum, beste Menschen, großartige Abende, und MUSIK MUSIK MUSIK waren vorbei. Ich hätte niemals gedacht, dass wir fast jeden Abend vor so vielen Leuten spielen können. Wir alle waren am Ende einfach nur noch andächtig still auf den letzten Metern. Man kann dieses ganze Band-Ding auch machen, ohne dass es die meisten mitbekommen. Man kann sein eigenes kleines Ding bauen, auch wenn man keine Zigtausend Facebook-Likes hat, auch wenn es keinen Geldgeber dahinter gibt, auch wenn man es einfach nur wegen der Lieder, die man geschrieben hat, macht. Diese knapp zwei Wochen waren für mich der ultimative Beweis dafür, dass alles was wir tun nicht sinnlos ist.

Man kann es nicht schöner sagen, als mit den Worten mit denen jedes Konzert von HEY RUIN endete: „Alles wird gut.“

Ende.

Danke an GETADDICTED für die Veröffentlichung dieses endlos langen Textes, Danke an den großartigen Sebastian Igel für seine wunderbaren Fotografien & die noch bessere Gesellschaft unterwegs. Im Mai 2017 spielen wir noch weitere vier Konzerte, dann zusammen mit AN EARLY CASCADE, danach gehen wir den nächten großen Meilenstein an: unser drittes Album. Aufregend.

Das City-Light-Thief-Tourtagebuch

Das City-Light-Thief-Tourtagebuch