Frank Turner live

Frank Turner in Dortmund 2013

Der Herr hat derbe Rücken, hört aber nicht auf seinen Arzt. Frank Turner sollte seine Tour eigentlich absagen, macht er aber nicht. Tritt stattdessen mit Rückenkorsett + Ersatzgitarristen trotzdem im FZW auf. Obendrein gibt er den mitgrölenden Lichtmann beim Lieblings-Support Lucero.

LICHTGESTALT & HAMPELMANN

Frank Turner + Lucero in Dortmund, FZW // 05.09.2013

Eigentlich hat Frank Turner Rücken. Dass es sich bei seinen Rückenschmerzen nicht nur um kleine Verspannungen oder Verlegen handelt, wird klar, als der Tausendsassa mehrere Festivalsauftritte absagen muss, darunter auch sein Set beim Highfield-Festival. Von anschließenden Auftritten kursieren gar Fotos von Frank Turner im Rollstuhl auf der Bühne. Nach Dortmund kommt er aber.

Entsprechend gespannt sind die Fans im ausverkauften FZW in Dortmund. „Zum Glück ist es erst der dritte Abend der Tour“, sagt jemand. Die wenigsten Besucher entdecken den Briten am Mischpult, als er während des Auftritts der legendären Folker von Lucero den Lichtmann macht und begeistert zu einer seiner Lieblingsbands mittanzt. Also kein Rollstuhl, kein Stuhl – alles wieder gut?Beim Opener „Four Simple Words“ vom aktuellen Album „Love Tape Heart“ wirbelt der Hüne auf jeden Fall gleich über die Bühne. „Ich habe leider absolutes Gitarrenverbot“, verkündet Frank Turner gleich bei der ersten Ansage. „Also muss ich irgendetwas anderes auf der Bühne machen. Entschuldigt bitte, wenn ich hier so blöd rumhüpfe, aber ich kann ja schlecht still stehen – auch wenn ich mich eigentlich schonen muss.“ Bei „If I ever Stray“ und „Try this at Home“ geht das Gehüpfe gleich weiter.Dass der Singer/Songwriter gerne und viel erzählt, ist wahrscheinlich mittlerweile bekannt. Allerdings scheint der Entertainer an seinen Deutschkenntnissen gearbeitet zu haben, denn er versucht, ganze Ansagen auf Deutsch zu machen. Und das klappt erstaunlich gut, sogar an Wortspielen versucht er sich. Die Fans danken mit Jubel und Applaus, die Bandkollegen der Sleeping Souls haben ihren Spaß – und auch selbst einige Deutschbrocken drauf. Neu in der Turner-Familie ist Gitarrist Daniel, für den extra „Dan’s Song“ mit in die Setlist aufgenommen wurde. Diese besteht zur Hälfte aus Songs des aktuellen Longplayers „Love Tape Heart“ und zur anderen Hälfte aus Songs der vier Vorgängeralben. Textsicher sind die Fans durchweg.

Frank Turner singt über Freundschaften, Liebe, seine Heimat („Wessex Boy“), das Leben auf Tour. Auch wenn die Zeiten, als er solo mit seiner Gitarre als zweite Vorband von The Gaslight Anthem im Kölner Underground auftrat und im kalten Biergarten eine Zugabe spielte, lange vorbei sind und die aktuelle Tour innerhalb weniger Tage ausverkauft war – der Engländer schafft es, auch in größeren Hallen eine heimelige Atmosphäre zu schaffen. Abgehoben wirkt er deswegen ganz und gar nicht. Stattdessen könnte man dem früheren Sänger der Hardcore-Band „A Million Dead“ immer noch locker den Titel „Nettester Mensch der Welt“ verleihen und würde er einen auf ein Bier einladen – wer könnte da nein sagen? Wahrscheinlich niemand, auch nicht, als er die Menge auf Deutsch auffordert, bei der Radiosingle „Recovery“ den Hampelmann zu machen. „Damit Ihr mal seht, wie ich mich hier immer so auf der Bühne fühle“, fügt er hinzu.

Für die Zugabe kommt Frank Turner wieder auf die Bühne, alleine, aber mit einer Gitarre in der Hand. Moment, wie war das noch mit dem absoluten Verbot? „Ja ja, ich darf eigentlich nicht spielen, aber ich mache doch eine kleine Ausnahme“, kündigt der Musiker an und stimmt das selten gespielte „Rock & Roll Romance“ an – ein besonderer Wunsch einer Person, deren Name er dann aber doch vergessen hat. „Also fühlt euch einfach alle angesprochen“, fügt er schnell hinzu. Wie schon beim Konzert in der Kölner Kulturkirche im April, stimmt er „Eulogy“ unter großem Jubel auf Deutsch an. Ein Fan hatte ihm das Intro des „England Keep My Bones“-Albums übersetzt.

Für die letzten beiden Songs kehren The Sleeping Souls erneut auf die Bühne zurück. Erneut gibt Frank Turner den Animateur und lässt bei „I still believe“ den Refrain vom Publikum mitsingen. Auch beim letzten Song des Abends gibt es wieder jede Menge Unterstützung von den Fans, doch dieses Mal nicht nur stimmlich, sondern auch gymnastisch. Mit „Photosynthesis“ verabschieden sich Frank Turner und seine Band  – doch bevor der Sänger endgültig „Gute Nacht“ ruft, muss die ganze Halle in die Knie gehen und auf Kommando bei „And I won’t sit down and I won’t shut up and most of all, yeah, I won’t grow up“ wieder in die Luft springen. Ein letzter verschwitzter, gemeinsamer Tanz eines unglaublich intensiven Konzertes.