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Interview: Punk-Philosophie mit Erica Freas (RVIVR)

Erica Freas ist verschlafen als wir uns „Hallo“ sagen. Sie hat die halbe Nacht Karaoke in Berlin gesungen – ihrer neuen Heimat. Ich erwische sie am Telefon, sie ist noch halb auf dem Kissen und so ergibt sich ein sehr intimes Gespräch. Ein Philosophieren über Fragen wie: schaffen wir es wirklich, die Punk-Szene bunt und divers zu machen? Was bedeuten uns Safe Spaces? Und natürlich: Wann kommt denn nun das neue RVIVR-Album?

Wenn ihr es 2018 tatsächlich nicht auf eine einzige Show von RVIVR oder Erica Freas geschafft habt, dann ist euch ja auch nicht mehr zu helfen! In winzigen Städtchen vor Sternenhimmel, dann immer mal wieder ein AZ-Event und auf fetten Bühnen mit Propaghandi – wir durften richtig viel emotionalen, queeren Punk atmen. „Das ist nicht unsere Welt“, sagt Erica Freas über die Propaghandi-Shows. „Es fühlt sich nicht an als wären wir nur Gäste, aber für uns von RVIVR ist es schon eher ein cooles, etwas schräges Abenteuer mit Propaghandhi auf so fetten Bühnen zu spielen. Du kannst da ja zwischen all den Leuten deiner Band hin und her rennen!“ Deshalb also der bunte Mix zwischen ordentlichen Läden wie der Live Music Hall in Köln, Squads in Mailand und dem kleinen Bielefelder Plan B. „Das fühlt sich dann so gemütlich an, wenn da 25 Menschen vor mir sitzen, die nicht auf was Spannendes, Neues warten, sondern einfach genau meine Musik hören wollen.“

„Ich dachte, Belly wäre ein schlechter Song“

So fühlt es sich auch für uns an, wenn Erica Freas Musik macht: Als dürften wir sie maximal mit 25 Menschen in einem Raum teilen. Eher nur mit uns und den Menschen, die für uns „Mermaid“ und „Unicorn“ sind. 2012 lädt sie auf ihrem YouTube-Kanal „freaspop“ ein Video mit dem Titel „Belly“ hoch. Sie sitzt mit Kopfhörern in ihrem Zimmer in Olympia, zögert kurz, dann greift sie in die Tasten. „If you are ever hungry or you’ve forgotton how to sing, just remember you’re in my belly“, singt sie. Es ist das erste Video, das ich jemals von Erica Freas als Solo-Künstlerin sehe und es macht mir noch heute Gänsehaut. Hat diese Person niemals Angst, der Welt zu viel von ihren Gefühlen zu zeigen? „Oh, doch! Davor habe ich auf jeden Fall Angst, aber ich möchte Verletzlichkeit und Intimität über meine Musik teilen. Es bedeutet nicht, dass jede Person, die das hört dadurch alle Details meines Lebens kennt. „Belly“ war einer der ersten Songs, die ich geschrieben habe. Und ich habe gedacht, er wäre schlecht. Ich dachte irgendwie er wäre dumm oder einfach nicht gut geschrieben“, gesteht sie über den Song, der heute gern bei Solo-Shows gefordert wird. Es erinnert sie heute daran, dass auch sie einen langen Weg gehabt hat, um sich in ihrem Epowerment wohl zu fühlen. „Ein ganz wichtiger Teil vom Musikmachen ist es, anderen Leuten einen Raum zu geben in dem sie schwach und verletzlich sein dürfen. Das ist okay.“

Diversität schafft Dialog

Erica Freas, Foto: Nele Posthausen
Erica Freas im AZ Köln

Diese Räume setzt sie mit ihren Bands auch ganz direkt um. „In AZs und DIY-Orten zu spielen, fühlt sich für uns ganz natürlich an. Es sind die Orte in denen wir nicht erst erklären müssen, was ein Safe Space bei unserem Konzert bedeutet. Wenn du vor hunderten von Leuten spielst, kannst du ja nicht darauf achten, ob alle sich gut behandeln oder gerade jemandem etwas Schlechtes angetan wird. Genau das gehört aber schon seit sehr langer Zeit zu RVIVR.“ So steht Erica Freas dann oft auf der Bühne und sagt den Leuten, dass sie sich bitte nicht verletzen sollen und aufeinander Acht geben. Nie sind das unangenehme Ansagen im Stil von „Holt die kleinen Girls nach vorne“. Denn Erica sagt, häufig kommen später sogar die großen, krassen Typen auf sie zu und bedanken sich dafür, dass sie jetzt nicht mehr als Stage-Dive-Landezone genutzt werden und dass stumpfes Violent Dancing auf RVIVR-Konzerten keinen Platz hat. „Wichtiger als dass wir Benimm-Regeln für ‚safe spaces‘ aufstellen, ist es für mich, dass möglichst viele verschiedene Menschen sich gemeinsam an einem Ort wohlfühlen. Ich glaube diese Diversität fördert den Dialog mehr, als einfach eine Liste mit Regeln an der Wand.“

RVIVR (Foto: RVIVR)
RVIVR (Foto: RVIVR)

Das nächste RVIVR-Album steht

Wer es in 2018 dann doch auf eins dieser sehr angenehmen, durchmischten Konzerte der Band RVIVR geschafft hat, wird gemerkt haben, dass es neue Songs gibt. Wie immer klingt das nach dominanten Gitarren-Riffs und einer Menge Geschwindigkeit, aber auch als wenn die Band enger zusammengerückt sei. Ältere RVIVR-Titel wirken manchmal ja eher wie Zwiegespräche. Eine kreischende Gitarre antwortet auf einen überschäumenden Schlagzeugpart. Jetzt wird einheitlicher auf ein Thema hin gespielt. „Das macht total Sinn, wenn du das so empfindest“, stimmt Erica zu. „Wir haben uns jetzt vier Tage die Woche zusammengesetzt, um diese Songs zu schreiben. Dazu kommt, dass wir mittlerweile 10 Jahre gemeinsam Musik machen. Da sind wir uns einfach nah.“ Wie sich das auf unseren Stereo-Anlagen anhört, können wir hoffentlich auch bald austesten. Aufgenommen sind die Songs bald schon ein Jahr: „Es wird ein neues Album geben, aber ich weiß wirklich nicht genau wann“, versucht Erica Freas uns zur Geduld zu rufen.

„Wir haben Hunger für Rock’n’Roll“

Derweil ist sie selbst gut beschäftigt. „Guten Abend Hamburg, wir haben Hunger für Rock’n’Roll“, hat Erica Freas zwischen den Tour-Tagen mal auf ihren Instagram-Account gegrüßt und es zeichnet sich ab: hier lernt wer Deutsch! „Ich toure hier schon seit etwa 8 Jahren durch Deutschland und nie habe ich wirklich viel Deutsch gelernt“, ärgert sich Erica Freas ein bisschen. „Aber es ist schön auch außerhalb meiner Social Scene kommunizieren zu können. Ich will mit der älteren Dame sprechen können, die zusammen mit mir auf den Bus wartet.“ Also arbeitet sie in Berlin erstmal an sich selbst. Nach unserem Gespräch wartet noch ein Termin in einem Proberaum auf Erica. Kurz danach wird sie posten, dass sie dort jetzt in Projekten mitmacht, die mit Musik-Anfänger*innen, Menschen mit Migrationsgeschichte und Fluchterfahrung arbeiten. „I am excited about that“, sagt sie und ist wach für ihren Tag in Berlin.

Anhören: Erica Freas-Interview in KLUB KRACH