Pascow

Interview mit Pascow 2014

Wir gehen mit Pascow ihr aktuelles Album „Diene der Party“ durch, landen bei Referenzen wie Meerschweinchen, bei „Wayne’s World“ auf der Couch, werfen ihnen Ideenklau vor – aber den falschen.

Die Realität ist schuld, dass ich so bin

„She will be my Ex until I get her back again“ (ALL)

Urgesteine wie ALL (und auch die Descendents) spielen demnächst mal wieder Konzerte hier. Welche Klassiker-Bands (dead or alive) stehen auf deiner „Muss ich sehen/Hätte ich gerne mal gesehen“-Liste?

Swen: Hätte gerne gesehen: Hellacopters. Muss ich sehen: Audrey Horne.

Alex: Ja, die Hellacopters hätte ich auch sehr gerne mal gesehen. Und Descendents habe ich bis jetzt auch noch nicht sehen dürfen. Von den toten Bands hätte unglaublich gerne mal The Clash live gesehen und die Gallows in einem Club zur Tour des „Orchestra Of Wolves“-Albums. Was ich in naher Zukunft mal sehen muss: Future Of The Left!

Ollo: Murder City Devils würde ich gerne mal sehen. Ansonsten vielleicht noch: Gang Green

Flo: Hätte gerne gesehen: Dead Kennedys, als sie Anfang der 80er in Deutschland unterwegs waren. Ansonsten versuche ich jedes Konzert, was mich aktuell interessiert, auch zu besuchen. Auch wenn das mal „ein paar“ Kilometer Anreise mehr bedeutet.

Im Raumanzug

„Ich werd verrückt, bitte hol mich raus“

Was war die absurdeste Situation, in der ihr euch als Band befunden habt?

Ollo: Ein Open Air in der Nähe von Bayern: Als wir ankamen, wurden wir mit den Worten empfangen: „Ach ihr kommt heute (Freitag) schon, dass Festival soll doch nun erst einen Tag später losgehen.“ – „Aha…Okay, darüber hat uns keiner informiert, dann aber ohne uns, denn wir spielen morgen woanders.“ Final haben wir dann abends doch in einem Zelt an einem Hang gespielt und die Leute sind beim Pogo-Tanzen auch gerne mal den Hang runtergepurzelt… Gepennt haben wir danach in einer Fahrschule…

Swen: Österreich/Graz: Ein Aufenthalt am Abgrund der Existenz und keinen hat’s interessiert. Aber jeder aus der Band erinnert sich.

Alex: Vor vielen Jahren habe ich nach einem Konzert von uns in Luxemburg in einer Bar recht viel Absinth getrunken, was ich normalerweise nie tue. Anschließend habe ich wildfremden Menschen in die Haare gefasst und mich nicht mehr getraut über eine Brücke zu gehen.

Flo: Hab ich zwar irgendwann irgendwo schon mal erzählt, die Situation bleibt trotzdem absurd:

Am Morgen nach eines Konzerts wurde ich meinem Hochbett von einem Plätschern geweckt. Wie sich nach Betätigen des Lichtschalters herausstellte, kam das Geräusch von einem im Bett unter mir liegenden Konzertbesucher, der im Delirium in meine Tasche gepinkelt hatte.

Diene der Party

„Der größte Trick des Teufels war es, sich so klar zu zeigen“

Der Song basiert auf dem gleichen Basslauf wie „British Mode“ von Goose. Inwiefern ist das Absicht, Zufall, gar nicht gewusst oder die Idee des Songs musikalisch bis zu Ende gedacht?

Ollo: Wer sind Goose??

Alex: Ich habe mir jetzt, wo du danach fragst, den Song von Goose auch zum ersten Mal angehört und da die Basslinie von mir stammt, kann ich sagen, dass wir ihn nicht von Goose haben. Trotzdem ist dieser Part geklaut. Und zwar von Roky Erickson´s Song „It´s a cold night for Alligators“. Auf der Studioversion des Songs hört man den Bass recht leise im Hintergrund, aber als Roky Erickson vor 2-3 Jahren in Köln gespielt hat, war der Bass bei diesem Song sehr deutlich zu hören und seit diesem Konzert wollte ich einen solchen Part unbedingt in einem unserer Songs unterbringen. Und wer weiß? Vielleicht hatten Goose ja die gleiche Inspiration. Roky Erickson ist in meinen Augen einer der besten Songwriter überhaupt, auch wenn die Biographie sehr tragisch ist.

Fliegen

„In Luftschlössern wohnt man nicht, man kann nur Miete zahlen“

Was war das „luftschlossigste“, das ihr euch mit Pascow vorgestellt habt bei der Gründung der Band?

Swen: Songs zu schreiben, die am anderen Ende der Republik, weit weg von zuhause, mitgesungen werden.
Ollo: …dass ich mal die Sticks vernünftig auf die beiden Hände verteilen kann…

Alex: Die Band ist wirklich aus einem Scherz heraus und ohne irgendwelche Erwartungen entstanden und ich habe oft das Gefühl, dass wir uns diese Haltung ein Stück weit bewahrt haben. Von daher ist viel von dem, was in den letzten Jahren mit der Band passiert ist, „luftschlossartig.

Fluchen und Fauchen

„Bloß keinen Rat, selbst wenn er gut scheint.“

Was haben deine/eure Eltern gesagt, als sie zum ersten Mal die Musik von Pascow gehört haben?

Swen: Sie haben die Musik bis jetzt noch nicht gehört.

Ollo: Unsere Mutter hatte eigentlich reagiert wie immer, wenn wir mit neuen Ideen gekommen sind. „Ja schön…dann macht mal“.

Alex: Unser Proberaum befindet sich auf dem Hof meiner Mutter und wenn wir sonntags nachmittags proben, hört meine Mutter zwangsläufig sehr früh die neusten Stück und manchmal, wenn ihr etwas gut gefällt, meint sie: „Das ist jetzt aber nicht von euch, oder?“.
Flo: Keine Ahnung, ich weiß nur, dass die einzige Original-CD im Auto meiner Mutter die „Alles muss kaputt sein“ ist. Update: Inzwischen liegt da auch noch „Diene der Party“.

Castle Rock

Ray Brower/Hello darkness, my old friend/der Möter

In euren Songs wimmelt es immer wieder vor Anspielungen/Referenzen. Bei Musikern sind das häufig andere Musiker, Schriftsteller oder Filme. Bei euch gab’s schon Kierkegaard oder auch Banksy. Was war die abwegigste Person/Figur, die euch zu einem Song inspiriert hat?

Alex: Im Rückblick fand ich es recht dreist, William Burroughs in einen Text einzubauen, ohne ihn je gelesen zu haben. Ansonsten ist es wohl auch nicht ganz üblich, Meerschweinchen oder den genannten Möter zum Gegenstand eines Textes zu machen.

Verratzt

Was hast du in deinem Leben total verratzt/verbaselt, was du unbedingt noch nachholen musst?

Swen: Endlich mal vernünftig Gitarre spielen lernen.

Alex: Sagt er und ist der einzige in der Band, der sein Instrument halbwegs traditionell gelernt hat 🙂 Ich selbst hätte gerne mehr Talent und Ausdauer beim Skaten gehabt. Allerdings glaube ich nicht so recht, dass ich da noch was nachholen werde. Beim Gitarre spielen muss ich ja sagen, dass ich es schon ziemlich cool finde wie weit man es mit einem einzigen Griff bringen kann.

Ollo: Vernünftig lernen, Schlagzeug zu spielen.

Flo: Verratzt ist verratzt. Da ist nichts mehr dran zu ändern.

Zeit des Erwachens

„All der Blödsinn, den ich wollte, ist egal jetzt“

In welchen Situationen/Momenten denkst du, dass es uns hier – bei aller gefühlten Scheiße – eigentlich immer noch sehr gut geht?

Ollo: Morgens beim Zeitung lesen oder abends beim Nachrichten schauen. Wir jammern hier ja schon auf sehr hohem Niveau. Ein Dach über dem Kopf, genug zu essen und eine vernünftige ärztliche Versorgung ist für viele auf unserem Planeten ja ein absoluter Traumzustand.

Swen: Schlimmer geht immer. Schau nur mal Richtung Ukraine.

Alex: Uns geht es grundsätzlich sehr gut, gar keine Frage. Die „gefühlte Scheiße“ wie du sagst, kommt auch mehr aus dem Blick auf die relative Situation. Stichwort: Relative Armut, Umverteilung, Festung Europa um nur mal ein paar wenige Beispiele zu nennen. Nur weil es irgendwo noch schlimmer ist, ist das kein Argument, die eigene Situation weniger kritisch zu beurteilen. Irgendwer wird immer einen Ort finden, an dem es noch schlimmer ist und dadurch versuchen, Kritik an der eigenen Situation auszuhebeln. Teufel oder Beelzebub…wir sollten keine Hierarchien des Unglücks aufbauen, um den Status Quo zu sichern.

Flo: Die Frage stellt sich mir überhaupt nicht. Selbst wenn ich das Gefühl habe, dass es uns hier gut geht, ändert das nichts an den Problemen. Weder auf lokaler noch globaler Ebene. Viel mehr geht es doch darum zu versuchen, aus den Möglichkeiten, die vorhanden sind, das Beste zu machen und Sachen zu verändern.

Pascow

Pascow

Briefe an Patti Smith

„Denn dein Herz wirst du behalten, eins das man nicht kaufen kann“

Wer hat mal sein Herz/seine Seele verkauft, von dem du es niemals erwartet hättest?

Swen: Geld ist nicht alles, aber man sieht immer wieder, dass Leute ab gewissen Summen schwach werden und dafür Andere in die Pfanne hauen. Hab ich gerade wieder erlebt.
Flo: Ich scheine meinen Freundeskreis wohl mit bedacht gewählt zu haben, denn im privaten Bereich sind mir solche Enttäuschungen bis jetzt erspart geblieben.

Alex: Viel interessanter ist es doch auch zu sehen, dass einige dies gerade nicht tun. Als die Thermals es abgelehnt haben, einen ihrer Songs für einen Werbespot für den Hummer-Geländewagen freizugeben, obwohl sie 50.000 Dollar bekommen hätten, fand ich das schon sehr beeindruckend. Corporate Rock Sucks in Reinform, nicht bloß als Floskel.

Merkel-Jugend

„Punk ist bei Licht auch nur das, was man macht“

Was ist Punk im Alltag – ein Beispiel? (Niemals Gitarrenunterricht nehmen, aus Scheibletten und Milch Käsesauce für Nachos machen, auch mal bei Rot über die Ampel und ohne Zähneputzen ins Bett gehen?)
Flo: Bei Rot über die Ampel gehen? Ich kenn nur Punker-Grün.

Swen: Punk bedeutet für mich authentisch zu sein. Auch dann wenn die Hipster das was man tut uncool finden. So ein Quatsch juckt mich null.

Ollo: „aus Scheibletten und Milch Käsesauce für Nachos machen“ ..fuck das ist nicht punk, das ist genial…

Alex: Hin und wieder weniger davon reden und etwas mehr tun. Am Beispiel von Bands habe ich oft die Erfahrung gemacht, dass die lauten Bands mit harten Slogans nicht selten ihren eigenen Ansprüchen nicht nachkommen. Wenn diese dann den „alternativen“ Lifestyle nur vermarkten wollen, ist das zynisch und schlimmer als eine offensichtliche und klar zu erkennende Mainstream Band. Im privaten ist es oft genauso.

Unten am Fluss

„Wir sollten abhauen und niemals wiederkommen, sagst du und weißt auch, wohin“

Wenn du abhauen könntest in die Handlung eines Films oder eines Buches – welcher/s wäre das?

Swen: Ace Ventura. Das wäre genau mein Ding.

Alex: Das glaube ich dir auf´s Wort und optisch bist du ja auch nicht weit weg von Mr. Ventura. Ich selbst würde mich zu Wayne´s World auf die Couch setzen.

Ollo: Gute Frage…vielleicht „Another State Of Mind“ – die Doku über die erste Tour von Social Distortion und Youth Brigade…
Flo: Bei allen guten Büchern und Filmen, die ich gelesen/gesehen habe, bin ich froh nicht Teil der Handlung sein zu müssen.

Smells Like Twen Spirit

„Ich hasse Nickelback“

Welchen Musiker/Künstler/Schriftsteller/Denker (o.ä.) findest du wirklich total überbewertet?

Swen: Die Bewertungen überlasse den Kritikern. Nicht mein Ding.

Ollo: Da gibt es einige, aber „nachtreten“ ist ja nicht die „feine englische“.

Alex: Ich finde Jan Josef Liefers als Hörbuchsprecher komplett daneben. T.C. Boyle sieht zwar lustig aus, aber den Hype um seine Schreibe konnte ich noch nicht nachvollziehen.

Lettre Noir/Zwickau sehen und sterben

„Über Ekel aus Tirol wollte ich niemals singen“, Deutsche-Eiche-Vollpfosten, Blut und Boden

In diesen beiden Songs bezieht ihr im Vergleich zu früheren Alben sehr deutlich Stellung. Manche Bands sagen auch: „Wenn ich etwas zu sagen habe, dann soll das auch jeder sofort verstehen.“ Hattet ihr zwischendurch das Bedürfnis, noch klarer zu werden oder euch mal richtig verbal auszukotzen? Oder ist für euch/in eurem Kontext das Bild/die Metapher dann doch schlagkräftiger als, sagen wir, die Parole?

Alex: Es kommt darauf an, was man erreichen möchte. Metaphern oder Bilder sind meist schöner und offener und lassen viel Spielraum für Interpretationen und eigenes Kopfkino, aber schlagkräftig sind sie meist nicht. Bei Parolen ist es genau umgekehrt. Hier geht es ja darum auf möglichst kleinem Raum eine ganz klare Aussage zu treffen. Ich finde auch nicht, dass Parolen zwangsläufig dumm oder einfallslos sein müssen. Ich glaube sogar, dass es weit schwieriger ist, eine neue und zündende Parole zu schaffen als eine bildhafte Metapher. Und bei den Texten war es uns bei dieser Platte in der Tat wichtiger als vorher, eine klare Sprache zu finden und konkreter zu werden anstatt uns in Bildern und Codes zu verlieren. Dabei habe ich festgestellt, dass es viel mehr Zeit braucht eine konkrete Aussage zu treffen, ohne dabei altbekanntes nachzuplappern und ohne ins Vage und Schwammige abzudriften. Sollten wir noch ein Platte machen, werden wir weiter in diese Richtung gehen.

Gespenster

„Punk ist 100 Jahre tot, in deinem Kopf, in deinem Bauch“

Was ist das beste daran, im Jahr 2014 in einer deutschsprachigen Punkrock-Band zu spielen?

Ollo: Für mich persönlich, dass es immer noch die gleiche Band ist wie schon seit über 15 Jahren: Man hat das Gefühl Teil eines Abenteuers zu sein, das niemals langweilig wird…

Alex: Das Beste ist nach wie vor Songs schreiben, live spielen, Leute treffen, Städte sehen und Szenen erleben. Das hat sich in all den Jahren nicht verändert.

Flo: Genau: Das Gleiche was es vermutlich schon immer war: Neue, interessante Orte und Menschen kennenlernen und der daraus resultierende Austausch von Geschichten, Ideen und Ansichten.