Roger Miret, Foto: Kirsten Otto

Interview mit Roger Miret 2011

Roger Miret And The Disasters haben mit „Gotta Get Up Now“ ihr mittlerweile viertes Album veröffentlicht. Hier schlägt Miret punkrockigere Töne an als mit Agnostic Front – inhaltlich ähneln sich beide Bands.

Als Agnostic Front in den frühen Achtzigern begannen, waren Hardcore und Punkrock noch richtig gefährlich, Iros und Tätowierte waren gesellschaftliche Außenseiter. Das hat sich zwar geändert, Roger Miret hält die Fahne der Ideale aus der guten alten Zeit aber weiterhin hoch – eine im guten Sinne konservative Lebenseinstellung. Heute versucht er, die Jugend davon zu überzeugen.

GETADDICTED: Du hast dich musikalisch entwickelt im Laufe der Jahre. Dein Stil – sowohl der Punkrock mit den Disasters als auch der Hardcore mit Agnostic Front – ist immer noch ziemlich reine Old-School-Lehre. Hast du niemals den Wunsch gehabt, dich musikalisch völlig zu verändern?
Roger: Was soll ich sagen? Warum große Reden schwingen? Ich mag, was ich mache, weil es mir etwas bedeutet, weil es mir etwas sagt. Selbst heute höre ich nichts anderes als Old School Hardcore und Punkrock. It’s just classic and real!

GETADDICTED: Heute ist man nicht mehr zwangsläufig ein Außenseiter, wenn man tätowiert ist, einen Iro hat, Skinhead oder Hardcore ist, wie es in den Achtzigern war. Anti-Irgendwas scheint heute sogar eher Mainstream zu sein. Woher kommt dieses Außenseiter-Gefühl in deinen Texten heute?
Roger: Ich kümmer mich nicht um heutige Trends. Ich lebe mein eigenes Leben. Ich komme noch aus einer Zeit, als alles das noch gefährlich war – und nicht von der Gesellschaft akzeptiert. Ich passe mich entweder an die Zeit an oder ich lebe nach meinen eigenen Regeln – und das tu ich. Es ist nicht mein oder dein Fehler, dass Tattoos, Iros und ähnliches Mainstream geworden sind. Aber es gibt dabei nur wenige Aufrichtige, die „ausscheren“ aus dieser Gesellschaft. Ich werde mich jedenfalls nicht aus Modegründen ändern.

GETADDICTED: Was sind deine Haupteinflüsse bei deinen Texten?
Roger: Bei den Disasters ist es hauptsächlich mein persönliches Tagebuch – und das ist ziemlich cool, weil ich Geschichten erzähle, wie ich Punkrock und alte Freunde kennen lerne. Ich spreche über mein Leben vor Agnostic Front, oder in der Frühzeit von Agnostic Front. Es ist persönlich, aber inspirierend. Ich hoffe, dass ich der Jugend verständlich machen kann, dass diese Bewegung eine sehr leidenschaftliche ist.

GETADDICTED: Du machst seit fast 30 Jahren Musik, ohne dass du davon leben könntest. Was treibt dich immer noch an?
Roger: Nur die Leidenschaft. Ich liebe die Musik und habe ein großes Ventil, das mich fokussiert und glücklich macht.

GETADDICTED: Du hast im Laufe der Jahre viele Menschen kennen gelernt – Musiker, Labelmacher, Booker usw, von denen viele aus verschiedenen Gründen nicht mehr dabei seind. Wer war für dich persönlich der größte Verlust?
Roger: Rabbies (Warzone-Sänger Raybeez Barbieri, der 1997 an den Folgen einer Lungenentzündung im Alter von 35 Jahren starb, Anm. d. Red.). Er war ein persönlicher Freund und ich vermisse ihn bis heute. Ich habe immer noch meine „United Blood“-EP, die er mir signiert hat. Großartige Zeit.

GETADDICTED: Viele Hardcore/Punkrock-Sänger veröffentlichen irgendwann akustische Solo-Songs. Können wir ein Unplugged-Album von Roger Miret erwarten?
Roger: Man soll nie nie sagen. Aber ich mag das Gefühl einer Band, die meine Aggressionen unterstützt. Ich weiß nicht, ob ich diese Lebensangst unplugged auch rüberbringen könnte.

GETADDICTED: In einem Feature über Agnostic Front habe ich mal über den damals noch langhaarigen Sänger der Band gelesen. Was denkst du über den jungen Roger Miret, wenn du ihn heute auf Fotos siehst?
Roger: Das stimmt so absolut nicht! Ich habe meine Haare bis 1985 nicht wachsen lassen. Ich habe immer in das „No Labels“-Statement von Urban Waste geglaubt: Hardcore und Punkrock sollten nicht durch einen „Look“ identifizierbar sein. It’s about being real!

GETADDICTED: Viele Bands spielen „Album-Konzerte“. Wie sieht das bei euch aus?
Roger: Wir haben den Geburtstag von „Victim In Pain“ gefeiert, wo wir eigentlich das ganze Album von Anfang bis Ende gespielt haben. Aber in Europa hat das nicht richtig funktioniert. Da haben wir ein paar Songs geskippt.

Dein Fünf-Song-Mixtape über New York Hardcore:
Agnostic Front – Victim In Pain
Madball – Demonstrating My Style
Killing Time – Fools Die
Urban Waste – Public Oppinion
Sick Of It All – Injustice System

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