Slime im Interview

Interview mit Slime 2012

Im Juni erscheint „Sich fügen heißt lügen“, das erste neue Album von Slime nach 18 Jahren Sendepause. Dass mit Ex-Drummer Stephan Mahler der wichtigste Texter der Band nicht bei der Reunion dabei ist, stellte die Band vor ein Problem.

Die Lösung fanden sie in Erich Mühsam, einem Anarchisten, der von den Nazis umgebracht wurde. Im Interview erzählen die beiden Gitarristen Elf und Christian über die Entstehung des Albums, über ihren neuen Texter und wieso sie trotz radikaler Texte keine Sorge haben, dass die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien ihnen etwas anhaben könnte.

GETADDICTED: Ihr habt ja schon Erfahrungen mit dem Album nach der Reunion. Was ist für euch der wichtigste Unterschied zum letzten Mal?
Elf: Es ist ein bisschen spannender als damals. Die Mauer fiel und es kamen vielleicht zehntausende Menschen aus dem Osten dazu, die uns noch nie sehen konnten. Da war klar: Das funktioniert auf jeden Fall – da können wir überall spielen. Jetzt muss man sehen, ob sich das nach so langer Zeit fortsetzen lässt. Ob das neue Album so angenommen wird, wie wir das selber finden – nämlich: Hurra, was für ne geile Platte!
Christian: Auf der anderen Seite ist das aber auch total entspannend. Vor einem Jahr wussten wir selber nicht: Wird das gut, was wir vorhaben oder funktioniert das vielleicht gar nicht? Kriegen wir eine Platte hin, die nicht nur auf unseren alten Sachen aufbaut, sondern die noch besser wird. Dass es auf den Punkt kommt. Dass es mit der Wahl des Texters eine Slime-Platte wird. Unserer Meinung nach hat das ganz gut funktioniert. Wir können das jetzt guten Gewissens nach außen geben.
GETADDICTED: Wie waren die ersten Reaktionen von Leuten, denen ihr das schon vorgespielt habt?
Elf: Eigentlich nur positive.
Christian: Brett!
Elf: Da sind auch ein paar jüngere dabei gewesen – die Neffen und was weiß ich was von Dickens (Sänger Dirk, Anm. d. Red.) Freundin. Die sind Anfang 20 und waren geflasht. Die haben die Platte einmal gehört und wollten dann direkt den Song nochmal, und den nochmal und dann nochmal den. Und auch von anderen kam bisher nur gutes. Insofern sind wir recht positiv gestimmt, dass sich das auch im Allgemeinen gut ankommt.

Erich Mühsam ist keine Notlösung

GETADDICTED: Die Frage aller Fragen: Warum Erich Mühsam?
Christian: Weil der uns schon länger begleitet. Elf hat ja auch mit seiner und auch älteren Bands immer wieder einen Song mit Mühsam-Text im Programm. Das war dann auch der Grund, warum ich mich mal mit ihm beschäftigt und dann festgestellt hab: Der ist von dem, was er geschrieben und gemacht hat, aber auch was der für ein Mensch war, ist der eigentlich sehr nah an Slime. Dadurch kam irgendwann die Idee, eine Mühsam-Platte zu machen. Wir haben das dann erstmal wirken lassen, sind aber zu dem Schluss gekommen, dass wir einen neuen Texter gefunden haben.
Elf: Ich hatte schon zwei, drei Songs fertig. Da musste ich mir nur noch passende Mühsam-Texte suchen, die drauf singen und den Jungs per mp3 zuschicken – und da haben gleich alle gesagt: Das ist geil! Da lass uns mal weiter dranbleiben.
GETADDICTED: Welche waren das?
Elf: Das war „Der Revoluzzer“, „Bürgers‘ Albtraum“ und „Freiheit in Ketten“. Da haben wir gemerkt: Man kann einen eigenen Slime-Song schreiben – Strophe, Bridge, Refrain, Gitarren-Solo – und den mit diesen Texten verbinden, ohne dass das hölzern oder altbacken klingt. Man kann natürlich sagen, das ist musikalisch immer noch Neunziger oder Achtziger (lacht). Wir haben natürlich Musik gemacht, die zu dieser Band passt – und die Texte passen kurioserweise auch, obwohl sie teilweise 100 Jahre alt sind. Sowas zu entdecken, war schon geil. Ich hab in den Achtzigern auch schonmal Mühsam gelesen – der war aber aus dem Gedächtnis ein bisschen verschwunden, bis dann Rubberslime das „Soldatenlied“ vertont hat – und dann war die Idee irgendwann wieder da, den komplett auf einem Album zu vertonen.
GETADDICTED: Es ist also nicht nur eine Notlösung, weil mit Stephan Mahler ein wichtiger Texter nicht mehr mit dabei ist?
Christian: Nein.
Elf: Nein.
Christian: Natürlich ging es auch darum. Wir wollten eine neue Platte machen und dachten: Wie geht das mit dem Text? Also: Eigentlich geht es nicht. Und irgendwann rückte dann eben der Mühsam ins Visier. Und nach den ersten Songs wie „Freiheit in Ketten“ oder „Sich fügen heißt Lügen“ – das sind Texte, die ob ihrer Einfachheit und Klarheit zum einen, zum anderen aber auch wegen des Inhaltes jetzt aktuell in die Zeit passen. Das sind einfach ganz klar Statements, die ins Jahr 2012 gehören. Und als wir uns dann noch weiter in den Mühsam reingelesen haben, da haben wir festgestellt: Das ist ein Typ, den wir auch in unsere Mitte nehmen würden. Ich glaube, das Leben, das der geführt hat, das haben wir auch geführt.

GETADDICTED: Ihr habt euch von „Slime I“ bis zu „Schweineherbst“ textlich sehr entwickelt. Es ist alles nicht mehr so plakativ, um einiges differenzierter geworden. Nach welchen Kriterien habt ihr jetzt die Texte ausgewählt, zumal mit „Zum Kampf“ zum Beispiel wieder ein sehr parolenhafter, plakativer dabei ist?
Christian: „Zum Kampf“ ist ein gutes Beispiel, weil ich finde, dass gerade jetzt klare Worte gesprochen werden müssen. Ansonsten hat jeder geguckt, was einem wichtig ist, was einem nah ist. Und dann gab es da Songs wie „Das Beil“, die sich mit dem Scheitern beschäftigen, dass die Dinge nicht mehr so sind, wie wenn man 16 ist. Und eben auch, weil da klare inhaltliche Überzeugungen dargeboten werden.
Elf: Ein Text wie „Bürgers Alptraum“ in Zeiten der Finanzkrise – das passt ja wie die Faust aufs Auge. Da war ganz schnell klar: Der wird genommen. Der wirkt, als wäre er heute geschrieben, nur eben mit ein paar altmodischen Reimen oder einzelnen Wörtern, die einem 16-Jährigen heute vielleicht etwas komisch vorkommen, aber trotzdem nicht so merkwürdig, dass man denkt, der Text ist 100 Jahre alt.
GETADDICTED: Habt ihr generell keine Sorgen gehabt, dass auch auf Ablehnung stoßen könnte, weil Mühsam ja schon manchmal ein bisschen verschwurbelt oder natürlich altbacken klingt?
Elf: Ich bin mal gespannt. Aber wie gesagt: Leute, die das jetzt schon gehört haben, fanden das ok – und die waren ja auch viel jünger. Ich kenn ja auch Leute, die 30 sind oder so. (Elf lacht. Ich fühle mich plötzlich relativ jung).
Christian: Irgendwann ist es auch egal, weil wir es gut finden und es auch ein schönes Stück Sprache ist. Es ist vielleicht ein bisschen ungelenk, aber irgendwie auch ein bisschen wie Bauhaus. Das ist auch eine Kunstform, die auch aus heutiger Sicht ein bisschen ungelenk ist, ich finde das hat aber auch Charme. Auch wenn Bauhaus jetzt mit Slime nichts zu tun hat.
Elf: Die Band Bauhaus oder der Baumarkt? (lacht)

„Zensur? Das wäre ein Super-Gimmick“

GETADDICTED: Wenn ich es nicht gewusst hätte, wäre mir bei manchen Texten vielleicht gar nicht aufgefallen, dass die 100 Jahre alt und nicht von euch sind.
Elf: Wir haben sie ja auch dazu ein bisschen auseinander genommen und neu zusammengesetzt. „Sich fügen heißt lügen“ heißt im Original „Der Gefangene“. Nur kommt diese Zeile da eben mehrmals drin vor, und dann wurde das eben unser Refrain. Genau so bei „Wir geben nicht nach“. Sowas hätte einem eigentlich auch selber einfallen müssen. Wir hätten auch einfach solche Zeilen da rausklauen und eigene Strophen da drum herumbauen müssen. Aber solche Zeilen sind bei Slime einfach wichtig, dass man Slogans und Parolen hat. Klare Aussagen, die mit vier fünf Worten alles ausdrücken, was in dem Text vorher gesagt wird – und das kulminiert in einem Satz. Und bei Mühsam konnte man dann eben solche Zeilen einfach rausgreifen. Da konnte man auch mal zwei Strophen weglassen. „Sich fügen heißt lügen“ ist eigentlich sechs Strophen lang. Aber da sind dann auch so viele alte Wörter dabei – da haben wir dann einfach welche weggelassen, ohne dass der Song den Sinn verliert.

GETADDICTED: Du hast gerade Textänderungen und -kürzungen angesprochen. Habt ihr das bei „Seenot“ auch gemacht? Weil der klingt so wahnsinnig aktuell und von der Sprache her fällt der auch aus dem Rahmen.
Elf: Den Text hat ein Freund von mir geschrieben, der baut auf dem Original auf.
Christian: Das ist keine Bearbeitung, sondern ein eigener Text, der von dem eigentlichen „Seenot“ inspiriert ist.
Elf: „Seenot“ ist im Original ja auch ewig lang.

GETADDICTED: „Freiheit in Ketten“ und „Zum Kampf“ sind auch solche Songs, wo alles in Sätzen kulminiert, bei denen ich mir vorstellen könnte, dass sich die Bundesprüfstelle für jugendgefährdenden Schriften dafür interessieren könnte.
Elf: Das wär auf jeden Fall ein Super-Gimmick, wenn die versuchen würden, das zu zensieren. Dann kommst du vor Gericht und sagst: „Guck mal hier, ich hab ein Reclam-Heft, da steht der drin!“
Christian: Das wäre interessant, kann aber auch eigentlich nicht sein. Das ist deutsches Kulturgut, das ist im Druck erhältlich. Aber es wäre schon interessant, ob das jetzt befeuert wird, weil wir bestimmte Sachen hervorheben – und diese Musik auch in unserem Namen präsentieren.
GETADDICTED: Sätze wie „Brecht das Gesetz, zersprengt den Staat“ sind ja eigentlich gefundenes Fressen.
Elf: Bitte, sollen sie gerne versuchen. Es war ja auch immer schon Inhalt der Texte von Slime, etwas zu provozieren. Aber ich denke mal, die würden sich dann schlau machen, dass das Texte von vor 100 Jahren sind. Aber dass die das zensieren können, das glaub ich nicht.

GETADDICTED: Vor kurzem hat die Zeitbild-Stiftung eine eine Broschüre über Linksextremismus herausgegeben. Kristina Schröder hat das Vorwort geschrieben. Ihr kommt auch darin vor. [Beim Namen Kristina Schröder schütteln beide schon den Kopf, Anm. d. Red.] Ist das eine Adelung für euch oder nehmt ihr das einfach kopfschüttelnd hin?
Christian: Eine Adelung ist das nicht, aber es ist interessant, dass wir bis dorthin durchgedrungen sind.
Elf: Was daran ein Hammer ist: Die bringen eine Broschüre heraus, wo sie den so genannten Linksradikalismus anprangern bis zum geht nicht mehr. Und über Nazis steht da fast überhaupt nichts drin – obwohl das die Leute sind, die Gewalt anwenden, die Menschen umbringen, die Terroristen sind. Aber wo sind denn die linksradikalen Terroristen? Die gibt’s gar nicht mehr. Die RAF hat sich aufgelöst vor zig Jahren. Da wird ein Hype drum gemacht und es ist klar, aus welcher Ecke das kommt: CDU, CSU – diese ganze Abteilung von Spießern und Arschlöchern. Ich mein, wenn die da einen Text von uns in der Broschüre abdrucken – wunderbar! Das ist „Demokratie“, den werden wir jetzt auch live spielen.
Christian: Der Text ist darin vollständig abgedruckt und damit geeignet, dass diejenigen, die es lesen sollen, sich ihren eigenen Reim machen können. Ansonsten ist das eine Broschüre, die sich explizit mit dem Linksradikalismus beschäftigt. Und das ist eine Stiftung, die das herausgebracht hat. Und diese Stiftung hat halt keine Broschüre, die sich mit der anderen Seite beschäftigt – und das ist natürlich schon interessant.
Elf: Das ist doch total tendenziös! In dem Moment oder kurz bevor sie diese NSU-Scheiße aufdecken, kommt diese Broschüre gegen Linksradikalismus raus, gegen den man ja unbedingt was machen muss.
Christian: Man wundert sich darüber nicht mehr.

Keine Partei, keine Piraten, kein Occupy

GETADDICTED: Wo wir gerade bei Parteien sind: Ist der Song „Revoluzzer“ (der deutschen Sozialdemokratie gewidmet) eigentlich lustig oder bitter?
Elf: Ich würde sagen: beides! Das hat Mühsam ja der Sozialdemokratie vor 100 Jahren gewidmet. An Mühsams Stelle gab es ja noch mehr Anlass, sich dagegen zu wenden, weil die ja letztendlich zugestimmt haben zum Ersten Weltkrieg, zur Bewaffnung der deutschen Armee – also die, die damals in diesem Pseudo-Parlament saßen. Jemand, der sagt: „Anarchie ist mein Ideal, da und da führt der Sozialismus hin und die SPD gehört ja auch irgendwie dazu, irgendwie sind wir halbwegs auf einer Welle“ – und dann stimmen die auf einmal dafür, dass Deutschland in den Ersten Weltkrieg zieht mit diesem bescheuerten Kaiser. Wie viele Tote gab es im Ersten Weltkrieg? Dafür ist der mitverantwortlich. Mühsam war natürlich dagegen und hat mittels solcher Texte dagegen agitiert.
Christian: Auf die heutige Zeit bezogen ist das natürlich bitter, aber auch wie immer. Es passt auch sehr in die heutige Zeit. Weil es den meisten Menschen doch nur noch darum geht: „Hauptsache, ich hab alles, was ich so für mich brauche – und wenn dann noch was übrig bleibt, dann mach ich auch noch was für andere.“ Immer dann, wenn es für das eigene Auto, den eigenen Fernseher oder die eigene Urlaubsreise gefährlich wird, ist auch Feierabend mit dem Engagement – und genau darum geht es ja im „Revoluzzer“.

GETADDICTED: Wer sind heute die größten Revoluzzer?
Elf: Die gibt es überall. Ich will auch gar nicht eine Gruppe anprangern. Vielleicht gehören wir auch manchmal selber dazu, wenn man ganz ehrlich ist. Man ist ja auch nicht mehr auf jeder Demo präsent und steht in der ersten Reihe. Es gibt aber auch Leute, die dann vielleicht einmal mitlaufen, wenn es gegen Atomkraft geht – aber letztendlich wählen sie dann doch wieder die CDU. Revoluzzer ist einfach das Gegenteil von Revolutionär.
GETADDICTED: Anders herum: Was sind für euch heute Protestformen, wo ihr aktiv seid?
Elf: In Bremen gibt es eine gute Antifa-Szene, die im Gegensatz zu Hamburg auch sehr gut zusammenhält und immer wieder etwas organisiert. Bei NPD-Veranstaltungen waren wir beispielsweise mit 5-6000 Leuten dagegen. Und da war ich auch immer mit dabei. Ich fahr aber heute nicht mehr ein paar hundert Kilometer zu einer Demo. Unsere Form, gegen Ungerechtigkeit und Scheiße auf der Welt zu protestieren, ist eben auch, so eine Platte zu machen.
Christian: Ich bin aber auch mittlerweile auch der Meinung, man muss ganz dicke Bretter bohren, wenn man solche Ziele hat. Oder man fängt einfach bei den Nachbarn an – im kleinen. Das ist etwas, was mir wichtig ist: die eigene Haltung zu transportieren, bei jedem, den man trifft und in dem, was man tut. Und dazu gehört die Band natürlich auch. Ansonsten gibt es keine Partei wie die Piraten, noch die Occupy-Bewegung, bei der ich sagen würde: Genau das isses! Da steck ich alles rein.
Elf: Es ist natürlich gut, dass es sowas gibt! Gerade in den USA! Da dachte man ja seit den Siebzigern, die kriegen gar nichts mehr auf die Reihe in Sachen Gegenbewegung. Das finde ich ja gut, dass die irgendwann merken: „Wir werden hier nur noch verarscht – egal ob von Obama oder irgendwem anders. Es ist das kapitalistische System, das sich selbst die Kohle reinpfeift und uns hier verhungern lässt.“ Die merken eben auch, dass man nur mit fünf Jobs überleben kann – aber dann können sie sich nicht mehr um ihre Familie kümmern. Bill Collins, mit dem ich auch eine Platte gemacht hab, ist zum Beispiel in New Haven ganz aktiv mit seiner Frau. Die gehen da los, klopfen an die Türen, fragen: Seid ihr als Wähler registriert? Wenn du nicht weißt, wie das geht, erklären wir dir das. Damit die Leute sich gerade machen gegen die Verhältnisse. Da – und hier auch!

GETADDICTED: Welche fünf Punksongs müssen auf ein Mixtape für die nachwachsende Generation?

The Clash – Complete Control
Dead Kennedys – Holiday in Cambodia
Bad Brains – Sailin‘ On
Bad Religion – Suffer
Black Flag – Police Story.

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