Interview mit Vierkanttretlager

Interview mit Vierkanttretlager 2015

Vierkanttretlager erzählen im Interview über ihr aktuelles Album „Krieg & Krieg“, den düsteren Inhalt und über die Arbeit mit Produzent Olaf Opal.

Oft stehen Sänger im Mittelpunkt bei Interviews – erst recht, wenn die Texte von ihnen stammen und ein durchgehendes Konzept verfolgen. Aber: Sänger Max hat Hals, die Band musste schon Konzerte absagen und deswegen sitzt er stumm neben Gitarrist Christian und Schlagzeuger Leif, nickt von Zeit zu Zeit zustimmend – und kann dann doch nicht stillhalten.

GETADDICTED: 2012 habt ihr euer Album „Die Natur greift an“ rausgebracht, habt Konzerte gespielt, habt vor zwei Jahren schon angefangen, am neuen zu schreiben. Wie muss man sich konkret das Leben von Vierkanttretlager vorstellen, wenn man zwei Jahre an so einem Album arbeitet?

Leif: Morgens aufstehen, um zehn Uhr im Proberaum treffen und sehen, wie lange man machen kann. Wir haben schon ziemlich ambitioniert gearbeitet. Wir sind aber auch ein paar Mal zusammen weggefahren an einen Ort, wo man nichts anderes machen konnte. Es gibt ja immer wieder Punkte, an denen man nicht weiterkommt – jeder, der schonmal was Kreatives gemacht hat, kennt das. Und wenn man so aufeinander hängt, dann kommt man über solche Punkte gut hinweg. Das waren die produktivsten Phasen. Im Proberaum kann man immer nach Hause gehen, oder abends muss man noch was machen.

GETADDICTED: Wo seid ihr dann hingefahren?

Leif: Ein alter Freund von uns, der unsere erste EP aufgenommen hat, nennt mittlerweile eine Burg sein eigen. Er hat das Weingut seines Vaters in der Nähe von Stuttgart übernommen und hat da ein Studio eingerichtet.

Christian: Er hat sich da seinen Lebenstraum erfüllt. Wir haben angefangen, das Album da zu schreiben und auch die Fotos und ein Video gemacht. Das war dann auch ein schöner Abschluss. .

GETADDICTED: Wie muss man sich das konkret vorstellen? Ich gehe mal davon aus, dass ihr von der Musik nicht leben könnt.

Leif: Man muss seine Lebenssituation irgendwie daran anpassen.

Vierkanttretlager in Köln, Foto: Jens BeckerChristian: Wir studieren, Max schreibt viel.

GETADDICTED: Was genau? #

[Christian, Leif und Max wechseln Blicke]

GETADDICTED: Darf er nicht drüber reden?

[Max nickt zustimmend]

Christian: Wir versuchen einfach, den wichtigsten Teil der Zeit für die Band zu investieren. Oft ist aber auch mehr als fünf Stunden dann eh nicht produktiv, außer man hat eben solche Phasen, in denen wir aufeinander gehockt haben.

GETADDICTED: Dann seid ihr ins Studio mit Olaf Opal gegangen, der Produzent von den Boxhamsters, Notwist, aber auch von Juli ist.

Christian: Er kann einfach alles!

GETADDICTED: Was macht der mit euch und euren Songs im Studio?

Leif: Er hat ein gutes Gefühl dafür, Dinge zu ordnen. Das war auch wichtig bei uns, weil wir viel geschrieben haben – und da verliert man manchmal den Überblick. Er hat dann einen guten Blick von außen, und dem haben wir dann auch vertraut.

Christian: Und er ist sehr soundfixiert. Es gab ein Beispiel, da hab ich eine Gitarre im Proberaum eingespielt. Das klang total dreckig. Dann hat er sie über seine Geräte laufen lassen, hat kurz Olaf-Opal-Magic gemacht und dann klang es geil.

GETADDICTED: Wo wir bei Sound sind: „Krieg & Krieg“ klingt deutlich düsterer als euer erstes.

Leif: So düster finde ich es gar nicht. Es sollte auch eigentlich gar nicht düster sein, es sollte nicht egal sein. Wir haben gerade noch ein paar Platten gehört, und viele klingen einfach egal – das dudelt so durch. Da hatten wir keine Lust drauf.

Christian: Vielleicht wäre „Die Natur greift an“ auch düsterer geworden, wenn wir die Mittel gehabt hätten. Aber so ein Song wie „34 Narben“ klingt auch mehr nach Pop – und das wollen wir ja auch. Wir wollen nicht nur so kalt wie Joy Division klingen.

Leif: Am Ende kommt viel von der düsteren Stimmung aber vom Thema, weil das natürlich nicht heiter ist und dann passt sich der Sound ein bisschen an. Aber die Leute haben hoffentlich nicht nur die Assoziation „düster“ mit den Songs.

GETADDICTED: Der Inhalt ist ja schon schwere Kost.

„Es bringt nichts“ bringt nichts.

Leif: Ich glaube, dass es für viele ein Aufhänger ist: dass man angepisst ist von irgendetwas, das nicht gut läuft. Wenn man älter wird, geht das ja angeblich weg. Wir sind aber gar nicht so, dass wir alles scheiße finden. Aber natürlich ist das Album davon getrieben, was mit uns passiert, was mit der Welt passiert. Ein sinnlos optimistisches Album wäre uns nicht in den Sinn gekommen. Sich an positiven Dingen abzuarbeiten, hat eben nicht so viel Futter.

Max [mischt sich kurz ein]: Es ging auch darum, einen Ausgangspunkt zu schaffen.

Leif: Wir spielen ja auf dem Album das Gedankenspiel durch: Was ist, wenn die Menschen wirklich schlecht sind? Wenn es nicht besser, sondern schlechter wird. Wenn Situationen eintreten, die die Menschen schlechter werden lässt. Und wenn sich dann die Menschen dazu entscheiden, dass es keinen Sinn mehr hat. Mir hilft dieses Gedankenspiel zum Beispiel: Ich bemühe mich, irgendwie gut zu sein, gucke aber rechts und links und sehe: Scheinbar bemühen sich nicht genug Menschen oder es reicht nicht. Und unterm Strich kommt Scheiße dabei raus. An der Stelle denke ich: Der Gedanke: „Es bringt nichts“ bringt nichts. Und das ist auf dem Album zu Ende gedacht – und das endet damit, dass alle Menschen tot sind. Das kann niemand wollen. Deswegen muss einen anderen Weg finden, eine andere Motivation.

GETADDICTED: Bei „Der letzte Satz der Welt“ hab ich an „Das Ende der Geschichte“ gedacht – einen gedanklichen Punkt in der Zukunft, den man überhaupt nicht will.

Leif: Wollen tun wir das natürlich nicht. Aber es kann so passieren.

Max [muss dann doch was sagen]: Es geht darum, eine Reaktion beim Hörer zu erzeugen. Und auch eine Ablehnung kann beim Hörer eine gewinnbringende Reaktion sein. Das Album ist ja keine Anleitung, sein Leben zu leben. Es denkt gewisse Sachen weiter und zu Ende und fängt bei uns an, bezieht das auf größere Zusammenhänge und wünscht sich eigentlich Widerspruch – eher als Zustimmung. Trotzdem ist jedes Wort ernst gemeint und es wird sich nicht hinter Ironie versteckt.

Der Mensch ist dem Menschen ein Mensch

GETADDICTED: Ein Satz wie „Töte deinen nächsten wie dich selbst“ ist dann eine Beobachtung, die …

Max: Es gibt auf dem Album viele religiöse Anspielungen. Und das ist eine, die aus der Realität gespeist ist.

GETADDICTED: Als ich den Albumtitel zum ersten Mal gelesen habe, hat mein Gehirn da irgendwie „Krieg & Frieden“ raus gemacht. Und ich persönlich mag auch gerne die Haltung in Songs: Irgendwie ist vieles scheiße – aber am Ende kommen wir da wieder raus. So eine positive Grundhaltung. „Krieg & Krieg“ ist demnach erstmal die Beschreibung: Alles ist scheiße. Und der Ausweg muss vom Endpunkt des Albums selber gedacht werden?

Christian: Wir bieten keine Lösung an. Wir beschreiben, was passiert, wenn alle diese Haltung einnehmen.

Vierkanttretlager in Köln, Foto: Jens Becker

Vierkanttretlager in Köln, Foto: Jens Becker

Leif: Wenn jemand ein Album konsumiert und es zeigt ihm den Weg raus, dann denkt er: „Yeah, wir kommen da wieder raus“ und hat gute Laune. Vielleicht ist das die falsche Motivation.

Max: Dieses Album will aber auch keinen Schlusspunkt setzen. Inhaltlich setzt es zwar einen, aber der soll ja das Gegenteil bewirken: einen Anfangspunkt für neue Überlegungen bieten.

Leif: Das Happy End muss dann jeder für sich selber suchen. Es ist nicht die typische Disney-Geschichte, wo am Anfang alles gut ist, dann was schlimmes passiert und am Ende dann wiederum alles irgendwie gut wird.

Max: Das bringt nicht so viel Erkenntnis. Die Moralstruktur ist ja auch viel komplexer. Wir sehen uns ja auch selber als Teil des Problems. Wir sind nicht die Propheten, die vom Berg runtersteigen und große Lösungen anbieten. Wir konfrontieren uns selbst mit der eigenen Schwäche. Das fällt vielleicht manchen Leuten schwer, weil manche Menschen eine Autorität haben wollen, die ihnen sagt, was gut ist.

GETADDICTED: So eine Autorität klingt sehr nach dem Leviathan bei Thomas Hobbes, weil der Mensch dem Menschen ein Wolf wäre.

Max: Das ist dem armen Wolf gegenüber übrigens gemein. Eigentlich ist der Mensch dem Menschen ein Mensch, weil es kein schlimmeres Tier als den Menschen gibt.

Leif: Wölfe sind Rudeltiere. Menschen haben die perfideren Sachen auf dem Kerbholz.

GETADDICTED: Ihr habt letztens bei Facebook gefragt, welches „fluffige“ Cover ihr mal irgendwo einbauen sollt. Wenn ihr jetzt dieses Albumkonzept nehmt – welcher Coversong wäre dann eurer Meinung nach der passendste?

Max: Mir fällt jetzt wieder nichts vernünftiges ein. Beim letzten Mal bei euch hab ich ja Carly Rae Jepsen vorgeschlagen.

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